Traum von Avalon…

Im Jahr 2006 veröffentlichte die Autorin Steffi von Wolff ihr Buch Die Knebel von Mavelon. In diesem satirischen Text, der Verballhornung von Mittelalterromanen, entdeckt die Protagonistin Lilian Knebel aus versehen die Antibabypille, wird daraufhin als Hexe verfolgt und beginnt mit ihrem Freund Bertram, einem Scharfrichter, der ungünstigerweise kein Blut sehen kann, einen Roadtrip durch das mittelalterliche Europa und trifft hier auf die interessantesten historischen Gestalten.Anhang 1

Die Antibabypille hätte die Geschichte um Morgaine, Artus, Igraine, Gorlois und co. sicherlich deutlich verkürzt. Umso glücklicher sind wir, dass es hier keine Satire zu sehen gab, sondern eine wirklich tolle Inszenierung der Nebel von Avalon.

Bereits vorher ist uns zugetragen worden, es soll ihn geben: Sex auf der Bühne. Bei dieser Nachricht verdrehten wir beide synchron die Augen, erwarteten wir doch das Schlimmste. Für gewöhnlich ist der Liebesakt im Jugendtheater der Zerstörer eines jeden Stücks. Jugendliche, die schauspielerisch der Lust frönen sollen, wissen selten, was genau sie da tun. Daher heißt es im ungeschriebenen Jugendtheaterspielleitergesetz: Finger weg vom Liebemachen auf der Bühne. Ausnahme: Die Stilisierung stimmt. Und – das geben wir immer noch staunend zu – die Stilisierung stimmte! Aber beginnen wir am Anfang:Anhang 2

Der Vokal-Instrumentalpraktische Kurs (VIP) des Pascal-Gymnasiums in Grevenbroich lud an diesem Wochenende ein zur Vorstellung seines Musicals, beruhend auf Marion Zimmer Bradleys Roman-Klassiker Die Nebel von Avalon. Erzählt wird die Geschichte der Insel Avalon, einem Ort zwischen der Welt der Menschen und der Götter, regiert von keltischen Priesterinnen in der Zeit des Umbruchs von heidnischer Religion zum Christentum. Im Zentrum stehen die Halbgeschwister Artus und Morgaine. Ersterer – man kennt die Geschichte – schafft es, das Schwert Excalibur aus dem Stein zu ziehen und sich somit als künftiger König Britanniens zu prädestinieren und seine Halbschwester soll bald Hohepriesterin Avalons werden. So werden sie also nach der Geburt getrennt, treffen einige Jahre später zu einem rauschhaften Orgien-Fest wieder aufeinander, zeugen hier – den Geschlechtspartner wegen einer Maske nicht erkennend – Gwydyon, einen umstrittenen Charakter, der im Laufe der Geschichte noch für weiteren Trubel sorgen wird.

Da die Handlung weit bekannt, aber auch in Zimmer Bradelys Roman nachzulesen ist, wollen wir uns hier nicht lange mit ihr aufhalten. Uns brennt es nämlich unter den Nägeln, von unseren Eindrücken zu erzählen. Also – Los geht’s!

Denkt man an die mystische Welt von Avalon, kann man sich viele bunte Bühnenbilder ausmalen. Tiefe Wälder, große moosige Bäume, Gestein, Nebel, alles etwas diffus, in der Mitte ein großer Stein, ein Schwert darin. Der VIP-Kurs entschied sich bewusst dagegen. Ein paar weiße, leicht transparente Stoffbahnen, die an quer über der Bühne laufenden Drahtschienen befestigt und somit von rechts nach links verschiebbar waren, ein kleiner Laufsteg, der die Bühne in den Zuschauerraum expandieren ließ und ganz unbetont, fast schon unscheinbar, ein einfach nur in den Bühnenboden gestecktes und mit einem Tuch verdecktes Schwert Excalibur. Dazu der Einsatz von leichtem Nebel, der die perfekt pointierten Lichteinsätze durch das Erwecken sichtbarer Lichtkegel unterstützte. Die Stoffbahnen selber ließen sich zu einer Art rundem Zelt verbinden und stellten somit die Nebel von Avalon dar, welche nur kundige Priesterinnen durchdringen können. Ein minimalistisches Bühnenbild ist ein von uns immer gern gesehenes Fundament für ein Theaterstück, bindet es dem Zuschauer doch keine Deutung auf sondern lässt Freiheiten. So blieb es ganz uns überlassen, uns die Welt Avalons vorzustellen und dies funktionierte hervorragend!

Anhang 4

Unsere Imagination wurde weiterhin natürlich angeregt durch das Spiel selber. Die Schauspieler trugen allesamt selbst kreierte Kostüme. Man kann durchaus sprechen von einer Symbiose aus der Kleidung, wie wir sie uns zur Zeit der Kelten und Sachsen vorstellen mit einem durchgehenden Hauch von Mystik, welche besonders durch bis ins Gesicht über die gesamten Körper der Darsteller verteilte Runen und uns unbekannte Symbole unterstützt wurde. Das reduzierte Bühnenbild legte also gänzlich den Fokus des Zuschauers auf die 40 Spieler. Und diese lieferten durchgehend eine tolle Darstellung. Im Rahmen der Gender-Diskussion weisen wir darauf hin, dass wir aufgrund des Leseflusses auf die Nennung der femininen Substantive verzichten, diese aber natürlich ebenfalls ansprechen 😉

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Wenn man sich mit Theater und Film beschäftigt, lernt man schnell, dass man, um das Publikum zu packen, ruhige, sowie dynamische Momente schaffen muss, welche nebeneinander im Einklang stehen müssen, damit der Zuschauer sowohl die Möglichkeit bekommt, mitzufiebern, als auch, sich kurz zurückzulehnen und das Gesehene zu verdauen. An Dynamik sollte es beim VIP-Kurs nicht mangeln. Wie sollte es auch anders sein, bei so vielen aktiven Schülern. Die durchgehend mitreißende Musik, die übrigens live vom vor der Bühne sitzenden, aus Lehrern, Schülern und Ehemaligen bestehenden Orchester gespielt wurde, und die vielen darauf passend abgestimmten Tanz-Choreografien rissen einfach mit und ließen nicht eine Minute Langeweile aufkommen. Ebenfalls choreografiert: Der Sex auf der Bühne. Dies ist einer der wenigen richtigen Wege, ein immer noch oft als Tabu-Thema angesehenes Moment der Darstellung, dennoch auf die Bühne zu bringen. Oft scheitern Jugendtheatergruppen daran, es wirkt ungewollt komisch, führt zum Fremdschämen im Publikum. Dennoch sind wir im 21. Jahrhundert angekommen. Die sexuelle Revolution hat schon lange begonnen, die Enttabuisierung schreitet voran und wir sind alle aufgeklärt genug, als dass wir auch durchaus Sex auf der Bühne darstellen können. Auf der sicheren Seite ist man dann, wenn man ihn stilisiert. In einer gewaltigen Massen-Choreografie, die alle Spieler auf die Bühne brachte, wurde das Beltaine-Fest mit rauschhaftem Tanz und intimer Begegnung der beiden Maskierten Artus und Morgaine inszeniert. Tanz, Gesang, musikalische Begleitung, lichttechnische Realisierung – alles harmonierte hier. Fremdschämen? Nicht im Geringsten! Anhang 3

Aller Professionalität zum Trotz: In erster Linie stehen hier Schüler auf der Bühne. Da stellt man sich natürlich auch die Frage, wie ernst sie die mehr als 1.000-seitige Roman-Vorlage nehmen. Die Antwort zeigt das Stück: Nicht immer so sehr! In manchen Szenen, beispielsweise solchen testosterongeladenen Momenten, in denen nur Ritter auf der Bühne stehen und den „Traum von Avalon“, eigentlich bekannt als „Traum von Amsterdam“ besingen oder dieser, in der der junge Artus, der seine überdurchschnittliche Stärke bereits in jungen Jahren bei einer Rauferei durch das comichafte Festhalten des Gegners am Kopf, welcher dabei verzweifelt versucht, ihn zu schlagen aufzeigt, wird dies besonders deutlich. Häufig konnte das Publikum also auch – trotz der bedrückenden und unglücklichen Handlung – ein herzhaftes Lachen nicht verbergen. Da ist es auch zu verzeihen, dass man hier und dort auf schauspielerische Ungereimtheiten traf: so tritt ein betrunkener Charakter auf, der nach einigen beschwipst-gelallten Passagen plötzlich klar und deutlich, wie durch Zauberhand ernüchtert ein Lied singt, durch manchmal übertriebenes Geschrei oder zu mystisch-finster-leise gesprochenen Text nichts verstanden wird oder eine ein geborenes Kind darstellende Puppe von den Akteuren mehr wie ein Sack Reis als eher ein schutzloses, menschliches Wesen weitergereicht wurde. Dies allerdings, so sind wir uns einig, ist Kritik auf höchstem Niveau.

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Mit der Inszenierung von Die Nebel von Avalon hat Spielleiter Folker Banik, selbst Filmschauspieler und Hörfunksprecher und momentan Lehrer am Pascal-Gymnasium, mit seinen Schülern ein tolles Début hingelegt, alle Zuschauer begeistert und Lust gemacht auf mehr! Auch Stefan Krüger, das Genie hinter der Musik, den Texten und zugleich selbst am Piano sitzend Dirigent des Orchesters kann sich mal wieder zu frieden auf die Schulter klopfen.

Wir freuen uns schon auf das nächste Jahr und bedauern, dass wir dem Leser des Artikels das Stück nicht weiterempfehlen können, da es lediglich an diesem Wochenende gespielt wurde. Jammerschade! Aber vielleicht haben wir Sie jetzt aufmerksam gemacht auf den VIP-Kurs des Pascal-Gymnasiums in Grevenbroich und vielleicht sieht man sich nächstes Jahr!

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