„The Effect“ – Von künstlicher Liebe und unserem eigenen Hirn

Fotos: Marion Bührle

Nürnberg. Im Rahmen eines kleinen Kurzurlaubs hat es uns in den Freistaat Bayern verschlagen, es duftet nach Weihnachten. Doch Nürnberg ist nicht nur als Stadt und für seinen Christkindlesmarkt, die historische Altstadt, die Kaiserburg oder das leckere Essen eine Reise wert, sondern auch für sein kulturelles Angebot. Ein Kammerspiel sollte es an diesem Abend sein. Und nun sitzen wir hier, in einem sehr schönen kleinen Saal mit einer halbrunden Bühne, das Bühnenbild ist spärlich. Es wird dunkel, ab geht die Post!

The Effect ist ein Theaterstück aus dem Jahre 2012 von Lucy Prebble. Das Stück handelt von zwei Probanden, die ein neues Antidepressivum der Firma Rauschen Pharmaceuticals testen wollen: Connie Hall und Tristan Frey. Tristan macht dies nicht zum ersten Mal, das sei eine nette Einnahmequelle. Connie hingegen wirkt noch verunsichert, für sie scheint das Ganze eine Ablenkung zu sein, denn ihr Mann ist auf Reisen und beim Zuschauer entsteht der Verdacht, dass dieser sich auch sonst nicht viel um sie kümmert. Dr. Lorna James, die Versuchsleiterin verabreicht den beiden Probanden das neue Mittel in regelmäßigen Abständen. Nach einiger Zeit wird deutlich, dass sie nicht allein das Sagen hat, sondern Dr. Toby Sealey der eigentliche Chef der Versuchsreihe ist, der aber erst nach einiger Zeit auftritt. Was anfangs noch nach einer Liebesstory und einem harmlosen Experiment aussieht, gerät mit der Zeit immer mehr außer Kontrolle bis es eskaliert.

Wir waren sicherlich alle schon einmal verliebt. Was allerdings genau in unserem Körper passiert, können wir nicht beschreiben. Man drückt sich metaphorisch aus: Herzrasen, Schmetterlinge im Bauch, auf Wolke Sieben schweben. Einem Wissenschaftler aber genügt blumige Sprache mitnichten. Es sind Hormone, die ausgeschüttet werden. Östrogen, Testosteron, Dopamin, Serotonin. Unser Geist scheint unterwandert zu werden. Aber wir lassen das zu. Liebe ist ja etwas Schönes. Was aber, wenn nicht der Körper dies Steuert, sondern die Pharmaindustrie? Eines wird schnell klar: Philosophieren erwünscht!

THE EFFECT
Staatstheater Nürnberg Lucy Prebble THE EFFECT Premiere am 17.4.2014 Kammerspiele Inszenierung: Klaus Kusenberg, Bühne+Kostüme: Günter Hellweg, im Bild: Grit Paulussen, Martin Bruchmann

Mit der Zeit entwickelt man als Zuschauer ein ungutes Gefühl beim Thema Liebe, denn alles scheint irgendwie beeinflussbar zu sein: eine Frau, die viel über das Gesagte des Mannes lacht ist unterwürfig, jemand der geradeaus spricht, Augenkontakt hält und sich öffnet bekundet Interesse am Gegenüber. Alles scheint berechenbar und beeinflussbar zu sein. Ist die wahre Liebe deshalb einfach nur Bullshit?

Vorweg gesagt: das Stück ist von vorne bis hinten stimmig. Die Story ist gut und für jeden nachvollziehbar, die Darstellung war in Teilen so einfach und doch so wirkungsvoll. Trotz der knapp zweistündigen Vorführung hat man sich als Zuschauer keine Minute gelangweilt.

Uns als Theatermenschen ging ganz besonders das Herz bei der sehr deutlichen Statuswippe (= eine Rolle steht höher als eine andere und durch ein Ereignis/ eine Aussage/ eine Handlung kippt diese Wippe) auf. Anfangs entstand der Eindruck Lorna hat alles unter Kontrolle, sie hat das Sagen und sie bestimmt wo es langgeht. Als zum ersten Mal Toby ins Spiel kommt, kippt die Situation. Toby scheint Lorna in der Hand zu haben, da er auch weiß, dass Lorna psychische Probleme hat, außerdem hatten die beiden vor vielen Jahren ein Verhältnis. Zum Ende hin kippt die Situation komplett, das Experiment scheitert, Lorna dreht durch und Connie und Tristan werden aus der Situation herausgerissen. Wo die beiden in ein halbwegs normales Leben zurückgefunden haben ist es nun Lorna, die ganz unten steht.

Eklig wurde es auch ein wenig. Als Toby das Gehirn seines Vaters präsentiert und dem Zuschauer anhand dessen vieles erzählt, was in unserem Kopf stattfindet und warum es nicht nur wichtig ist einen gesunden Körper, sondern auch einen gesunden Kopf zu haben. Getoppt wurde das Ganze noch von einer Darstellung in der das Hirn völlig zermatscht wurde. Lorna, die uns zunächst aus ihrer Vergangenheit berichtet, hat nun Selbstmordgedanken und stochert immer wilder in (ihrem) Hirn herum, bis es letzten Endes nur noch ein Klumpen ist. Genüsslich leckt sie dieses dann noch ab. Toll dargestellt, auch wenn man kurz Angst hatte gleich sein Frühstück wiederzusehen.

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Besonders auffällig war auch, dass sich die Farben blau und weiß durch das Stück zogen. Unserer Deutung nach haben die beiden Farben an sich keine Bedeutung, sie sollen lediglich den Verlust der Individualität der beiden Probanden darstellen. Anfangs tragen Connie und Tristan noch überwiegend blaue Kleidung (Weste, T-Shirt, Rock, Jeans etc.), doch als das Experiment beginnt bekommen sie ein weißes Shirt und eine weiße Hose. Die Kleidung, die auch Lorna und Toby tragen. Dass bunt für das Individuum steht wird später noch einmal deutlich, wenn Toby in Trainingsklamotten ins Labor kommt.

Nun haben wir viel geschrieben über die Art und Weise der Darstellung. Als Fazit bleibt zu unterstreichen, dass es sich hier um eine tolle Aufführungen handelt. In Nürnberg wird das Stück nicht mehr aufgeführt, doch wir können jedem nur raten nach Lucy Prebbles The Effect Ausschau zu halten, denn die Story an sich ist zeitlos und für jeden gut nachvollziehbar. Ein tolles Drama aus der heutigen Zeit!

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