Only ask Valery – Jugendliche und Gewalt. Das alte Lied?

Auf einmal landete eine E-Mail in unserem Postfach. Eine Einladung zu einem Theaterstück. Morning stand da. Und Only Ask Valery. Zu kurz Denkende würden sich fragen: Was ist hier das Stück? Was die Gruppe? Wir haben die Einladung angenommen, wir waren da, wir erklären alles.

Michael Stieleke, ein Mann, dem man in diesem Blog gut und gerne einen lobenden Absatz schenken darf, ist der Kopf des neu gegründeten Ensembles Only Ask Valery, welches er in Zusammenarbeit mit dem Forum Freies Theater, Düsseldorf (FFT) auf die Beine gestellt hat. Michael, ein klarer Hero in der Düsseldorfer Jugendtheaterszene und weit darüber hinaus, verdanken wir unter anderem tolle Theaterprojekte des Goethe-Gymnasiums, Düsseldorf und damit zusammenhängend solch herrlichen Veranstaltungen wie die Maskerade, ein Schultheater-Festival, das alle zwei Jahre am Goethe-Gymnasium stattfindet und Jugendtheatergruppen aus ganz NRW zu Gast hat und immer wieder (auch für uns) ein toller Ort für Inspiration, Austausch und schlichten Genuss des Jugendtheaters ist. Michael, der als Lehrer im vergangenen Jahr in Pension ging, schien allerdings noch lange nicht genug gehabt zu haben vom Jugendtheater. Wir erzählen häufig von diesem Fieber, das, ist man einmal gepackt, ein Leben lang hält. Michael ist der beste Beweis dafür. Sein unstillbarer Tatendrang führte wohl dazu, dass er sich mit dem FFT zusammen tat um dort weiter zu wirken. Heraus kam Only Ask Valery, mit den neun jugendlichen Spielerinnen und Spielern, welche sich in ihrer ersten Produktion zusammen mit Michael an Simon Stephens „Morning“ versuchten. Hat das geklappt?

Stephanie ist 17. Ihre beste Freundin Cat wird in einer Woche die Stadt verlassen um woanders zu studieren. Ihre krebskranke Mutter liegt im Sterben und ihr liebenswerter, aber selbstbezogener Freund Stephen langweilt sie. Am letzten gemeinsamen Abend begehen die beiden Mädchen eine ungeheuerliche Tat, die folgenlos bleibt. Aber die Begegnung mit der Gewalt und der dunklen Seite des Lebens bekommt für die Mädchen die Anziehungskraft eines spannenden Albtraums.

So beschreibt das Ensemble sein Stück auf der Homepage des FFT. Ziemlich harter Tobak für Jugendliche, so könnte sich das manch einer denken.  Wir haben’s gesehen und uns eine Meinung gebildet:

Eine schlichte Bühne fängt den Blick des Zuschauers gleich zu Beginn. Das Bühnenbild besteht aus Holzkisten, Getränkekästen, einem Boxsack, Mikrophonständern. Vor allem aber besticht es durch seine Tiefe. Ganz weit hinten, quasi unerreichbar, da hat sich die Band platziert, die neben der wenigen Musik- oder Soundeffekteinspielungen den Hauptteil der musikalischen Untermalung des Stückes ausmacht. Im Gesamtpaket macht die Bühne den Eindruck einer Garage. Kein Ort, um den PKW abzustellen, eher dieser, an dem man sich trifft, wenn man jung ist. Um abzuhängen, um zu jammen, eben um jung zu sein.

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In diesem Setting treffen wir auf Stephanie und Cat, welche sich bemerkenswert oft küssen.  Wir müssen an dieser Stelle (Schande über unser Haupt) feststellen, dass wir zuvor noch nie etwas von Morning oder Simon Stephens gehört haben, uns das Stück also eine ganz neue Perspektive gibt. Die beiden Protagonistinnen begehen eine schreckliche Tat, sie töten Stephanies Freund Stephen. Dem Mord steht Sex bevor. Ein Dreier. Zwischen Stephanie, Cat und Stephen. Angetäuscht. Sex. Auf der Bühne. Da wären wir wieder. Das Unspielbare im Jugendtheater. Nicht bei Only Ask Valery. Die Lösung ist schlicht. Die Beteiligten stehen alle an ihren eigenen Mikrophonen und bringen den (offensichtlich anstehenden) Liebesakt zu Dritt prosaisch erzählend zur Schau. Plötzlich aber: Stephen liegt dort, Stephanie schmettert einen großen Stein zu Boden, das Saallicht brennt bei jedem der drei Schläge auf, geht sofort wieder aus. Brutale Schläge zum mitfühlen. Ein Mord ist geschehen. Kein Totschlag, der Jurist spricht von Mord. Heimtücke, Grausamkeit, Mordlust. Anders können wir uns das Handeln der beiden Protagonisten nicht erklären. Die eine mag die andere vielleicht bald verlassen, sie studiert andernorts. Aber als Abschiedsfeier ein Mord?

Morning ist ein Stück über Gewalt, über Einsamkeit, Verzweiflung und Rücksichtslosigkeit. Eine zunehmende Rücksichtslosigkeit, Kälte und Brutalität beobachten auch die Darsteller von ONLY ASK VALERY, obwohl sie selbst wenig mit den Protagonisten des Stücks gemeinsam haben“, heißt es im Programmheft zum Stück. Spätestens nach der Silvesternacht 2015/2016 am Kölner Hauptbahnhof könnten wir dies so bestätigen. Gewalt ist omnipräsent, wir haben alle mehr Angst, Waffenhändler beziffern eine erschreckend hohe Anzahl an Käufern für Pfefferspray und Schreckschusswaffen. Gewalt jedoch, war schon immer da. Unter Erwachsenen sowie Jugendlichen. Gewalt hat kein Alter. Gewalt hat Gründe. Im Stück Morning : Verzweiflung.

Was hat Stephanie zu verlieren? Die Mutter ist tot, die beste Freundin bald weg, der Freund ein egozentrischer Langweiler irgendwie nicht für sie da. Sie selbst scheint nirgends wirklich Fuß fassen zu wollen. Da können einer Jugendlichen mal die Sicherungen durchbrennen.

Nun wurde viel über den Inhalt und die Darstellung gesprochen, doch konnte das Stück überzeugen? In vielen Teilen ja, in anderen Teilen haben wir noch Fragen. Besonders beeindruckend gespielt waren die Hauptcharaktere. Stephanie, Cat und Stephen gingen in ihren Rollen auf. Einer irgendwie ätzender (positiv gemeint!) als der andere. Als Zuschauer hätte man wohl alle drei gerne mit dem Stein erschlagen, doch zugegebenermaßen: Stephen hätte es wohl am wenigsten verdient, wollte er doch nur mit Stephanie vögeln.

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Die weiteren Charaktere überzeugten ebenso. Schade war jedoch bei Stephanies Schwester, dass sie ihre Wut nur bedingt auslebte. Ein Boxsack, mit dem sie sich beim ersten Mal selbst fast K.O. schlug und später Boxhandschuhe dazu. Das hätte Potenzial für mehr Frust und Dynamik gegeben. Dieser Frust kam erst später raus als Stephanie auch Holzkisten zertrümmerte. Leider wurde nicht an allen Stellen ganz deutlich auf welches Geschehen man sich gerade bezieht, beziehungsweise welcher Charakter gerade wie zur Situation steht.

Auch das Ende war für uns zu offen. Man wollte wissen wie es weitergeht. Irgendwie war die Polizei da, die Mutter tot. Cat macht deutlich, dass sie mit der Tat nichts zu tun gehabt hat, immerhin hat sie Stephen nicht mit dem Stein erschlagen, die war nur Teil des inszenierten Dreiers. Doch sollte dieser Mittel zum Zweck gewesen sein? Wie oben erwähnt haben wir uns mit der Materie nicht ganz auseinandergesetzt, doch das Ende hat zu viele Fragen hinterlassen. Ein eigenes Ende von den Jugendlichen selbst geschrieben, mit ihren Eindrücken zum Thema wäre vielleicht ein spannender Abschluss gewesen. Das Geschehen hätte nicht kommentiert werden müssen, nur irgendwie – zu Ende gespielt. Und: Wofür die Schaufensterpuppe hinten bei der Band?

Unser Fazit: insgesamt eine tolle Darbietung. Manchmal wirkten die Dialoge etwas flach, doch die Jugendlichen haben sich mit ihren Rollen befasst und überzeugt. Die ganze Story wird klar, doch es braucht seine Zeit bis man die Zusammenhänge versteht. Ein gelungener Einstand von Michael am FFT war es in jedem Falle, wir sind sehr auf weitere Arbeiten (die es sicher geben wird!) gespannt. Man muss auch zugeben, dass man Michaels Handschrift am Stück erkannt hat. Morning hatte am vergangen Wochenende seine letzte Aufführung. Schade, wir hätten uns das Stück gerne noch einmal zu einem späteren Zeitpunkt angesehen, aber so warten wir einfach auf eine neue Inszenierung von Only ask Valerie, einem Ensemble, das wir Euch nur allzu gerne ans Herz legen wollen!

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