„Alles ist wie Kino“ – Das kunstseidene Mädchen als One-Woman-Show

Als unsere Lehrerin damals im Deutsch-LK das Thema Neue Sachlichkeit einführte waren wir – gerade zerstreut von Themen wie Spracherwerb und Sprachtheorien und der Lektüre Herders sowie Sprachkritik und –skepsis – nicht sonderlich erpicht auf ein neues Thema, das schon so langweilig klang. Doch wurden wir schnell eines Besseren belehrt.

Die Neue Sachlichkeit ist – oberflächlich gesagt – die Literatur der Weimarer Republik, also der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Und oho, da war einiges los!

Foto: Björn Hickmann/Stage Picture

Bei der Lektüre von Irmgard Keuns Roman Das kunstseidene Mädchen entwickelt sich schnell eine Liebe zur Protagonistin Doris, einer 18-jährigen Sekretären aus der Provinz, die vom großen Glück träumt. Für sie bedeutet dies: Sie möchte ein Glanz werden. Ein Glanz, also. Was genau das ist, das weiß wohl nur Doris, doch wird schnell klar, wohin die Reise geht. In ihrem Beruf hält es das junge Mädchen nicht lange aus. Ihr Chef, ein hässlicher, pickeliger Rechtsanwalt ist mehr an ihrem Körper interessiert als an ihrer – zugegebenermaßen – nicht sonderlich professionellen Arbeit. Bei der Kommasetzung handhabt sie es pragmatisch: sie lässt sie lieber weg, dann macht sie damit auch keine Fehler. Plötzlich kommt sie ans Theater, macht jetzt „Statisterie“, sieht sich als „Künstlerin“. Schnell wird deutlich, wie naiv Doris ist. Man möchte sie am liebsten in den Arm nehmen, ihr über den Kopf streichen und sagen „Oh Honey…“. Als es am Theater nichts wird, die Schauspielschule auch nur ein Traum bleibt, reißt sie aus nach Berlin. Hier wird sie ganz sicher ein Glanz…

Wie immer wollen wir uns nicht lange mit dem Inhalt beschäftigen. Dem Leser sei die Lektüre von Keuns Roman durchweg empfohlen oder aber – viel besser – der Gang ins Theater!

Am vergangenen Freitag feierte die Bühnenversion, inszeniert von Regisseur Sebastian Zarzutzki auf der Studiobühne des Rheinischen Landestheaters in Neuss ihre Premiere. Schauspielerin Anna Lisa Grebe nimmt den Zuschauer 75 Minuten lang mit Tanz, Gesang, Humor und Melancholie an die Hand bei ihrem Versuch, uns eine Doris zu zeigen, die doch eigentlich die ganze Zeit schon ein Glanz ist. Doch von vorn:

Die Bühne ist schlicht. Diagonal verläuft ein Laufsteg. Restlicher Teil der Dekoration und Requisite: Ein Kleiderständer, ein Keyboard, von der Decke eine Discokugel, ein Stuhl, ein Mikrophon und eine Seifenblasenmaschine. Herunter brechen kann man die Beschreibung des Bühnenbildes so: schlicht! Und da soll gleich der Glanz stehen?

Foto: Björn Hickmann/Stage Picture

Los geht die Show. Doris kommt auf die Bühne. Sie schreitet durch die Kostüme, die sie mit ihrem Kleiderständer selber auf die Bühne bringt. Sie spricht nicht und guckt nur. Schreitet irgendwie elegant zum Keyboard, hebt den Finger zum Tastendruck, drückt nicht gleich, spielt mit dem Publikum. Sie spielt gerne. So lernen wir Doris kennen. Ein junges Mädchen, das die Welt noch nicht kennt und träumt. Als dann die ersten Klaviertöne erklingen, folgt gleich Gesang. Doris singt Chansons, das haben wir erwartet. Die Stimme begeistert von der ersten Minute an. Mithilfe eines Loopers, eines Fußpedals, das die Aufnahme live bedienter Musikinstrumente ermöglicht, schafft Grebe bereits zu Beginn verwundernde und packende Momente mit den simpelsten Mitteln. Mit Blick auf den Verlauf des Stückes hätten wir uns hiervon gerne noch etwas mehr gewünscht.

Das Programmheft kündigt neben Gesang auch „Voguing“ an. Uns erschließt sich, wofür der Laufsteg ist. Voguing ist – abgeleitet von der Modezeitschrift – ein an eine Modenschau angelehnter Tanz mit präzisen Betonungen jedes einzelnen Schrittes zum Takt der Musik und eleganten als Endposen gehaltene Momente. So sollte jede Bewegung so aussehen, als sei sie eine Fotografie aus einer Modezeitschrift. Erotische Momente stehen hier häufig im Vordergrund. Schwerpunktmäßig hören wir zu den Tanzeinlagen Electroswing, – wie der Name vermuten lässt – eine Symbiose aus elektronischer Tanzmusik und dem Swing und Jazz der 1920er und 1930er Jahre, eine sehr passende und mitreißende Musikauswahl.

Foto: Björn Hickmann/Stage Picture

Sobald die Musik einsetzt und Doris ins Singen oder Tanzen verfällt, sehen wir eine ganz andere Person auf der Bühne.  Sie strotzt nur so vor Selbstbewusstsein, jeder Schritt passt, jede Bewegung unglaublich verführerisch, jeder Ton sitzt, Grebe hat Musical studiert, das merkt man. Das Publikum klatscht im Takt mit, irgendwie ein deutsches Phänomen, das Klatschen. Doch wie passt das nun zu Doris? Spätestens, wenn die Tänze abrupt abgebrochen werden und Doris verharrt und träumend nach oben schaut, wird es still im Studio. Keiner klatscht mehr. So sehen Doris‘ Träume aus. Das war der Glanz. Das Publikum hat ihn gespürt. Und es war toll.

Doch die Realität um Doris sieht anders aus. Sobald sie in Berlin ist, nehmen die Tanz- und Gesangseinlagen im Vergleich zum Anfang ab. Doris erzählt viel, es wird ruhiger. Doch Längen entstehen mitnichten. Mittlerweile hat das Publikum sie ins Herz geschlossen und fiebert mit. Ihre Geschichte wird tragischer. Immer wieder fällt die Protagonistin aus ihren Träumen, nichts funktioniert so, wie sie es will in der Großstadt mit ihren vielen Bars und Tanzpalästen, in der die Wirtschaftskrise noch zu greifen ist.

In ihrer Biographie spricht Irmgard Keun selbst davon, Mädchen auf den Berliner Prachtstraßen gesehen zu haben, die so gern Kleider aus echter Seide tragen wollten. Wahrscheinlich war dies die Inspiration für Doris. Und man will gar nicht daran denken, wie viele dieser jungen Mädchen ihre Träume am Ende zertreten mussten. Überhaupt flattert immer wieder etwas Gesellschaftskritik mit, egal, ob das 1930 war oder heute ist. Wenn Doris sagt, dass „die feinsten Leute verhaftet werden, heute“, gibt es Schmunzeln und Kopfnicken vom Publikum.

Auf den Punkt bringt Zarzutzki es, wenn er Doris Madonnas Hit Material Girl singen lässt, eines der vielen Highlights des Stückes. Nicht zuletzt wegen der zum Träumen verleitenden Installation von Licht und Seifenblasen. ´Cause we are living in a material world and I am a material girl. Und wie das passt: Ist Doris nun eine karriereorientierte Frau, wie Madonna das war und immer noch ist? Oder will sie sich an Männer hängen, die im Wohlstand der Hauptstadt baden?

Diese und sicherlich weitere noch offen bleibende Fragen wollen wir hier nicht beantworten. Hierfür wollen wir dem Leser gerne den Besuch der Vorstellung ans Herz legen. Vom monodramatischen Charakter des Stückes soll sich niemand abschrecken lassen. Anna Lisa Grebe hat das Publikum 75 Minuten lang im Griff, es wird nicht langweilig, durchgehend fiebert man mit Doris mit, wünscht sich so sehr, dass sie ein Glanz wird.

Und so können wir abschließend sagen, dass wir froh waren, dass unsere Deutschlehrerin damals mit der Neuen Sachlichkeit ankam. Auch, wenn wir uns vom Theaterstück mehr haben verzaubern lassen als vom Deutsch-Abitur.

Will der Leser auch ein bisschen Luft der 1930er Jahre schnuppern? Das kunstseidene Mädchen wird noch vier Mal auf der Studiobühne des RLT aufgeführt werden, nämlich am 27.04., 11.05., 31.05. und am 12.06.2016. Weitere Infos gibt es auf der Seite des Theaters.

2 Gedanken zu “„Alles ist wie Kino“ – Das kunstseidene Mädchen als One-Woman-Show

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