Sein Name ist Glück, Häns Glück.

Unendliche Weiten. Viele Möglichkeiten. Distanz und Nähe zugleich. Dark and bright. Der Weltraum? Mitnichten. Das Internet! Noch ein Stück über das Internet und seine Gefahren, besonders im Vordergrund: Jugendliche im virtuellen Freundeskreis, Facebook. Echt jetzt? Noch so eins? Hat’s doch alles schon tausendmal gegeben. Ja, hat’s! Aber definitiv noch nicht so cool wie „HaeppiHaens_Wie es euch gefällt“.
Facebook ist allgegenwärtig, das muss nicht diskutiert werden. Diejenigen, die es nicht haben, sind Evolutionsverweigerer. Ist aber auch praktisch, denn, man hat all seine Freunde im Blick, manche halt im realen Leben noch nie gesehen, man verpasst keine Nachrichten mehr, auch seriöse Seiten gibt’s, Geburtstagspartys werden, wenn nicht über eine WhatsApp-Gruppe über die Facebook-Veranstaltungen organisiert und irgendwo gibt’s sicherlich noch jemanden, der Farmville spielt. Auch die negativen Seiten sind schnell erzählt – Kontrollverlust, keine Individualität, die Nähe fehlt, ausspioniert werden wir sowieso, Cybermobbing und Shitstorm.


Der – den Namen schreiben wir jetzt nur einmal – Projektkurs Q1 und Theater-AG Stufe Sechs des Goethe Gymnasium ist riesig. Fast 50 Schülerinnen und Schüler kommen als Notlösung wegen Personalmangels in diesem Projektkurs zusammen. Sechstklässler und Oberstufenschüler. Und das klappt traumhaft. Obwohl die beiden Gruppen meistens separat voneinander auftreten, sind sie gleichberechtigt Teil der Inszenierung. Es gibt kein älter-jünger, größer-kleiner. Und das macht Spaß!

Doch genug Vorgeplänkel. Was haben wir gesehen und wer ist dieser Häns Glück?

Das Ensemble präsentiert eine Collage zum Thema Social Media. Genauer: die Selbstdarstellung der Nutzer darin. Es geht schlicht im Likes und Likes und Likes. Ob das Foto nun real ist, oder Fake, oder doch die gefakte Realität, interessiert am Ende des Tages doch niemanden. Und je extravaganter die Darstellung, desto mehr Likes. Ist doch klar…


Die Bühne im Jungen Schauspielhaus in Düsseldorf ist schlicht dekoriert. Sie ist nahezu leer. Wir blicken auf eine große Projektionsleinwand.

Los geht’s: Wer nicht on ist, ist nicht in. Das Tor zur Welt ist 4x7cm groß. Der Häns und seine Friends. Eine Jugendliche beschwert sich über die eigene Oberweite, erntet schnell einen Shitstorm, schnell ist sie für das Netz eine Bitch. Den Shitstorm bekommt das Publikum mit. Drei Spieler gehen durch die Reihen, sie blasen uns die Beleidigungen wortwörtlich ins Gesicht. Mit Laubbläsern. Ohne Rücksicht auf die Frisuren des Publikums. In your face, quasi. Obwohl dies die Leute belustige, wurde die Wirkung schnell und direkt klar. Auch wenn (dankenswerterweise) das Shit im Storm fehlte. Die Laubbläsern erwischten schnell jeden einmal kurz. Eine neue Deutung: der Wind kann sich schnell drehen!


„An Apple a day keeps the doctor away“, die Schreibart lässt es vermuten, es geht hier nicht um Obst, hier geht es um das Milliardenunternehmen von Steve Jobs, der in einer anderen Szene neben Internet- und Technikgiganten wie Mark Zuckerberg, Steve Wozniak oder Bill Gates nahezu sektenhaft verehrt wird. Um die Wichtigkeit des Apples zu verdeutlichen, wurden welche gekaut. Von vielen Spielern. Vor Mikrophonen. Dazu gab’s Text. Diesen haben wir aber nicht gehört. Beide unter Misophonie leidend, erlitten wir folternde Kaugeräusche, die für uns nicht schnell genug hätten aufhören können. Und genau das war – so sahen wir das – die Intention der Szene. Manchmal nervt Apple. Bohrt. Ist provokant und allgegenwärtig.

Neben Häns, der, angelehnt an Hans im Glück nicht nur gerne Likes sammelt, sondern auch Dinge tauscht und im übertragenen Sinne so auch teilt und dem Stück mit seinem real existierenden und während des Stückes live auf die Leinwand geworfenen Facebook-Profils seinen Rahmen gibt, sticht eine Szene hervor, die als Verkaufsshow bitter ironisch Tracking-Apps mit GPS-Überwachung der Kinder besorgter Eltern anpreist. So bedient sich ein Exemplar eines vorher programmierten „Geozauns“, ein Gebiet, in dem sich das Kind bewegen darf, wird vorher definiert und eingestellt. Überschreitet das Kind diesen Zaun, schlägt die App bei den Eltern Alarm. Hier bewegen wir uns nicht direkt im Bereich der sozialen Netzwerke, betrachten diese Entwicklung aber auf einer Metaebene und stellen fest: irgendwie alles dasselbe: Müssen wir Angst haben vor unseren (sozialen) Medien? Altes Lied? Wenn Mama und Papa ihre Kinder überwachen und ihnen somit die Möglichkeit nehmen, erwachsen zu werden, ist das das eine. Macht Barack Obama und seine allgegenwärtige NSA das mit jedem einzelnen von uns – schön dargestellt durch eine Armee von Spielern mit Stethoskopen – ist das grenzwertig in unserer freiheitsliebenden, liberalen Gesellschaft. Umso ironischer ist es, dass einer der GPS-Tracker „Freedom“ heißt. Und dann ist die Überwachung – so das Statement der Gruppe – auch noch vollkommen nutzlos zur Prävention. Nur zur Aufklärung der Anschläge von Boston, Paris oder Brüssel, zu welchem sich die Attentäter schon lange zuvor im Land aufhielten und die Anschläge entspannt planen konnten, sei die Überwachung hilfreich. Das rettet aber keine Menschenleben. Ein klares Statement. So wurde die alte Wippe von Sicherheit und Freiheit doch klar in eine Richtung gekippt.


Erotisch wurde es, als ein Pärchen plötzlich einen Porno drehen wollte. Aber irgendwie lag Hemmung in der Luft. Die Spannung zwischen Freund und Freundin war zu spüren, besonders der Kerl war nicht bei der Sache. Da ist darüber hinwegzusehen, dass man zur Andeutung des Filmes als Requisit eine echte Spiegelreflexkamera auf einem Stativ aufbaute, hier aber nicht den Objektivdeckel entfernte. Tschechov soll gesagt haben, man solle kein Gewehr auf die Bühne bringen, wenn man nicht die Absicht habe, es abzufeuern. Bei der Kamera ist das aber zu verzeihen. Die Szene verlor ja nicht an Authentizität. Wahrhaftig ist das Sexting, Pornographie unter Minderjährigen, Fünftklässler, die sich gegenseitig beim Masturbieren Filmen oder in Schwimmbadkabinen Fotos schießen und viral verbreiten, die im WhatsApp Verteiler nichts verloren haben, ein ernstzunehmendes Problem. Denn, ob ein Jugendlicher nun intime Momente im Netz verbreitet oder aber filmt, wie er sich in den Kopf einen kahlen Streifen rasiert, Frauenkleider trägt oder sich gar die Unterarme aufschlitzt, all das sind Symptome mit Krankheit, die das Netz liefert: eine Sucht nach Likes und Aufmerksamkeit. Mein Körper gehört also schon lange nicht mehr mir. Aber der Daumen zeigt nach oben.

So zeigt die Theatergruppe des Goethe eine Menge negative Aspekte des Internets, der sozialen Medien, des Fortschritts. Da wirkt es fast ein wenig aufgesetzt, wenn die Spieler in der letzten Szene im sonst dunklen Bühnenraum, lediglich beleuchtet von den Displays ihrer unter Gesicht gehaltenen Smartphones, aufzählen, was das mobile Telefon mit seinem ganzen Apps und Einrichtungen so unverzichtbar macht. Es gibt also auch positive Worte zu verlieren. Das überraschte aufgrund der hochfrequentierten Kritik, passte aber doch noch ganz gut hinein, das Bild war nämlich stark: drumherum das Dunkle, die Bedrohung, das Böse. Das Smartphone als einzige Lichtquelle. Fast so, als sei Prometheus vorbeigekommen und hätte den Menschen das Handy gebracht. Aber das steht hier auf einem anderen Blatt!

Shakespeare gab’s übrigens auch. Irgendwo. „As You Like It“ hat der mal geschrieben. Da ging’s vielleicht auch um’s Tauschen und die Umdrehung, eine subtile Überwachungsgeschichte. Vielleicht aber auch nicht. Dieses Fass machen wir hier jetzt nicht mehr auf.

Vielen Dank an das starke Ensemble des Goethe für diese ebenso starke Inszenierung mit intensiven Bildern, die lange im Kopf bleiben werden.

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