Maulhelden Tag 4: Es ist nicht der Süß-Bonus. Kindertheater auf ganz hohem Niveau!

Tag vier ist angebrochen. Zugegeben: von der Müdigkeit sind wir langsam etwas erschöpft, wir sind ja auch viel unterwegs, sind aktiv, diskutieren und sprechen mit vielen Menschen, das macht das Festival so bunt. Und deshalb ist die Devise schon beim Frühstück: Kaffee rein und weiter, denn schlafen können wir auch nächstes Wochenende noch!
Auch, wenn der Titel des Textes schon eine gewisse Einstellung vorweg nimmt, wollen wir das hier noch mal etwas erläutern: „Oh sind die süüüüß“. Das ist ein Satz, den Spielleiterin Heike Geldmacher sicher nicht mehr hören kann. Aber es stimmt: Süß sind sie, die Sonnenschein-Kids von der Carl-Sonnenschein-Schule, Düsseldorf. Aber nicht nur das. Die Kinder und einzigen Vertreter einer Grundschule sind auch schon ernstzunehmende Profis im Schultheaterbereich. Die Stücke der Sonnenschein-Kids zählen seit mehr als 20 Jahren zu den festen Höhepunkten an Schultheater-Festivals wie der Maskerade oder den Maulhelden in Düsseldorf. Und so bescherten die Kinder uns auch dieses Jahr wieder imposante Eindrücke, wie viel Potenzial bereits in Kinderschuhen stecken kann.
Sonnenscheinkids_Ups da war doch was_Credit Daniel Bauer_58
In ihrem Stück „Ups, da war doch was?!“ beschäftigen sich die fünfzehn Kinder mit dem Thema Mut. Erinnern wir uns an unsere Kindheit zurück, so kann jeder bestätigen, dass wir alle Orte kannten, an denen wir uns gruselten. Das kann der Kleiderschrank gewesen sein, aus welchem uns nachts Monster beim Schlafen beobachteten, wenn sie nicht unter dem Bett lungerten. Oder aber der Keller oder der Dachboden, Orte eben, wo es dunkel ist und unübersichtlich. Und eben einen solchen Ort suchen die neugierigen Kinder auch jetzt auf. Auf dem Dachboden der Schule, den das Bühnenbild suggerieren soll. Die Bühne sieht auf den ersten Blick sehr zugerümpelt aus. Überall stehen Dinge. Hier steht ein altes Fahrrad oder ein alter Kinderwagen, dort hängt eine Marionette. Alles passt in den Charme eins alten Dachbodens, es sieht etwas gebrauchter aus, vintage nennt man das ja heute.  Aber so sieht es nun mal aus auf einem Dachboden. Die Bühne wirkt fast wie ein Gemälde.  Dazu passend übrigens auch selbstgemalte Monster and der Rückwand der Bühne. Schnell wird deutlich: das ist ein Ort, an dem Kinder wirkliche Abenteuer erleben, ihrer Neugierde freien Lauf lassen, spielen und entdecken können, aber auch immer mal wieder Angst bekommen und mutig sein müssen.
Mit einfachsten Mitteln des chorischen Sprechens oder der Verwendung von Taschenlampen auf einer sonst leeren Bühne werden Bilder erzeugt, die mitreißen. Der Zuschauer fragt sich zuerst selber, was nun alles auf diesem Dachboden lauert. „Zugemüllt“ ist er nicht, denn jedes Requisit wird auch angespielt und ist nicht nur der Ästhetik wegen aufgefahren worden.
Sonnenscheinkids_Ups da war doch was_Credit Daniel Bauer_42
Heimlicher Star des Ensembles ist Enno, der einzige Junge im Ensemble. Das wird humoristisch aufgegriffen. Der Titel des Stückes hätte auch lauten können: „Alle Mädchen und Enno sind auf dem Dachboden und haben Schiss.“  Der blonde, leicht tollpatschige Junge, dessen Missgeschicke mit einem choralischen „Och Enno“ immer wieder kommentiert werden, führt von Anfang an zu Erheiterung. Doch stellt das keines der anderen Mädchen in irgendeiner Weise in den Schatten. Wir können versichern, dass wir in diesem Stück überall und zu jeder Zeit 100% authentische Kinder gesehen haben, die nicht irgendwas auswendig gelernt haben, sondern einfach sie selber waren und das konnten wir nur genießen, da haben wir sogar mal für ein paar Minuten das Notizbuch zugeklappt. Neben den Geschichten, die die Kinder von sich aus über Mut erzählten, brachten sie auch Interviews mit, die sie mit ihren Eltern oder Großeltern geführt hatten. So rettete eine Oma mal eine Bank vor einem Überfall, indem sie den Räuber mit einem „Putz die Platte“ schnell in die Flucht schlug.
Sonnenscheinkids_Ups da war doch was_Credit Daniel Bauer_5
Hin und wieder wurde die Darstellung auf dem Dachboden unterbrochen. Die Schüler traten an das Mikrophon und erzählten, was sie toll finden am Theater und berichteten von den verschiedenen Methoden, mit deren Hilfe sie an das Textmaterial für das Stück gelangt sind. So erzählten sie uns, dass sie das Theater total toll finden, weil es eben nicht nur darum geht, ein dickes Buch auswendig zu lernen, sondern, dass sie ihre eigenen Geschichten auf die Bühne bringen durften. Und genau diese Ehrlichkeit bemerkt man das gesamte Stück über. So wird es fast nicht notwendig, dass die Spieler von ihren Übungen berichten, das Publikum nahm den starken autobiografischen Background auch so sehr gut auf.
Auch gesanglich können sich die Sonnenscheinkids präsentieren: „Ich habe Angst, ich fürchte mich, nicht nur im Dunkeln, sondern auch bei Tageslicht“ wird da unter anderem gesungen, fast schon ironisch, weil doch alle so mutig waren auf dem Dachboden.  Und so sehen wir ein ausgewogenes Theaterstück bestehend aus autobiografischen Elementen sowie gut eingebrachten literarischen Textelementen wie beispielsweise eine Inszenierung des Gedichts „mutig, mutig!“ von Britta Berwing, in welcher Maus, Frosch, Schnecke und Spatz sich zu einem Wettbewerb zusammenfinden und sich fragen, wer von allen der Mutigste sei. Mithilfe wirklich passender Kostüme und der performativen Unterstützung des ganzen Ensembles wird das Gedicht hier prima in den Gesamtkontext eingebaut. Die Maus schwimmt durch einen Fluss von Ufer zu Ufer, der Frosch frisst eine Seerose, die Schnecke begibt sich aus dem Haus und läuft einmal um selbiges und der Spatz, der macht, nach reichlicher Überlegung nicht mit. „Auch Frosch und Schnecke verstehen gut, versichern dem Spatz: „Ja, das ist Mut.“ Heißt es dann. Also einfach mal gegen die Konventionen schwimmen. So wie der Philosophiestudent, der in sein Essay über die Frage „Was ist Mut?“ einfach schreibt „Das hier“ und das sonst leere Blatt abgibt.
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So ist es schade, dass das Abenteuer auf dem Dachboden vorbei ist, als Heike Geldmacher zum Schluss selbst auf die Bühne tritt und als Lehrerin die Klasse vom Dachboden holt und einen Anpfiff verteilt, was die Kinder denn dort oben so alleine machten. Ganz klar: Mut beweisen!
Kinder waren schon immer mutig. Soziologen sagen, dass sie es waren, die mit ihrer Neugierde und ihrer noch nicht ganz ausgereiften Einstellung zu einem sicheren Leben es waren, die uns Menschen damals in der Steinzeit fortbewegt haben. Sie erkundeten (sicherlich heimlich) fremde Welten und entdeckten neue Lebensräume, die Erwachsenen zogen nach. Und so sind auch die Sonnenschein-Kids die Speerspitze derjenigen, die eine Menge Mut beweisen. Ihr Stück nahm es, auch wenn wir keine Stücke wertend in Beziehung setzen wollen, locker mit den Aufführungen der Älteren auf und war eine wundervolle, fast lyrische Darstellung der Frage, was denn eigentlich Mut bedeutet!

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