Jenny Jannowitz – Entschleunigung des Lebens im Schleudergang

Titelbild: Björn Hickmann/ Stage Picture

Als wir die Einladung zur neusten Premiere des RLT, Jenny Jannowitz erhielten und uns die darin enthaltene Stückbeschreibung der Tragikomödie von Michel Decar durchlasen, lasen wir sie noch mal. Und dann lasen wir sie noch mal. Und nachdem wir sie dann noch ein drittes Mal lasen, dachten wir: wir haben die Zeitreise-Geschichten um den Doktor aus DoctorWho, Marty McFly und Phil, den täglich das Murmeltier grüßt zu Hauf gesehen und erzählt bekommen, da passt dann ein weiteres Werk zum Thema Zeit ganz gut. Wer unseren Blog in den letzten Wochen verfolgt hat, dem mag der Name Michel Decar bekannt vorkommen, denn erst vor Kurzem sahen wir ein anderes Stück, welches Decar zusammen mit Jakob Nolte geschrieben hat: Das Tierreich. Und schon sitzen wir im nächsten Stück des jungen Autors.

„Schon als ich durch das Foyer gegangen bin, habe ich zehn verschiedene Meinungen gehört. Von ‚Das war das letzte, was ich in meinem Leben gesehen habe.‘ bis ‚Genial!‘ war alles dabei.“ So begann Bettina Jahnke, die Intendantin des Rheinischen Landestheaters Neuss die kurze Vorstellungsrunde der Schauspieler nach dem Stück. Zugegeben: es ist nicht leicht sich mit einer Meinung einzuordnen. Wir versuchen es trotzdem.

„Wer schläft oder stehen bleibt, fällt raus. Es hilft nur eins: weiterschlafen, wochenlang, monatelange, vielleicht für immer… Eine bösartige, skurrile Antwort auf ein globales Leben, das in Schallgeschwindigkeit vorangeht“, so beschreibt Regisseurin Nicole Erbe das Stück. Das klingt toll, mit dem Fehler selbst gegen das System zu rebellieren. Die englische Sprache kennt das Wort weird, das sich ins Deutsche übersetzt mit merkwürdig, seltsam oder komisch. Das gesehene Stück war aber nicht merkwürdig, seltsam oder komisch. Es war eben weird. Eine Eigenschaft, die irgendwie keine der möglichen Übersetzungen liefern kann. Schlecht war es keinesfalls. Doch wir wissen noch nicht so recht, ob es gut war…

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Bild: Björn Hickmann/ Stage Picture

Das Stück öffnet mit einer selbst gesungenen Version von Cuckoo, einem Kinderlied von Benjamin Britten, basierend auf einem alten Kinderreim, in dem es heißt: “Cuckoo, what do you do? In April, I open my bill (hier Schnabel), In May, I sing night and day, In June, I change my tune, In July, how far I fly, In August, away, Cuckoo…“ Ohne hier eine ausführliche Lyrikanalyse zu betreiben, wie sie nur Deutsch-LK-Lehrern am hiesigen Gymnasium gefiele, gibt das Lied, das auch am Ende des Stückes gespielt wird und ihm somit einen festen Rahmen gibt bereits einen Ausblick auf die Kurzweil des Stückes, die trotz des immer wieder aufflackernden Wortfeuerwerks, dem zu folgen wir uns manchmal schwer taten, nicht zu kurz kam.

Jenny Jannowitz, Anfangsbuchstaben bewusst mit [j] ausgesprochen, wie Joghurt oder Jagdgewehr, gespielt von Linda Riebau, ist, obwohl ihr Name den Titel ziert, irgendwie gar nicht im Fokus. Sie ist auch irgendwie gar nicht da. Und doch immer präsent. Es wird die Geschichte von Karlo Kollmar erzählt. Karlo (Pablo Guaneme Pinilla) wacht eines Morgens auf und stellt fest: ihm fehlen Erinnerungen, Erinnerungen an den Winter. Er scheint ihn verschlafen zu haben. Doch niemand hat ihn vermisst, das Leben ging weiter seinen Lauf. Sein bester Freund Oliver Eulenberg (Josia Krug) entwickelt sich zum schmierigen Konkurrenten, seine Freundin Sibylle (Anna Lisa Grebe) bekommt immer wieder neue Namen und distanziert sich immer mehr, seine Mutter (Hergard Engert) möchte nur noch beim Vornamen genannt werden und scheint ihren zweiten Frühling zu erleben und sein Chef Dr. Pappeldorn (Rainer Scharenberg) ist hellauf von Karlo begeistert. Schnell fragt sich Karlo was vor sich geht, dann verschläft er auch die Frühlings- und Sommermonate. Er scheint durch die Zeit zu springen und dann begegnet er eben jener Jenny. Sie scheint eine zeitlose Gestalt zu sein. In einem dunklen Kleid, mit weißen Engelsflügeln, die aus einem kleinen Tornister herauswachsen und einem Plüschhasen schreitet sie über die Bühne, ist immer irgendwie da, auch wenn sie gerade nicht auffällt. Hat sie etwas mit diesen Ereignissen zu tun? Bei den Begegnungen mit ihr scheint in jedem Fall das zu passieren, was vorher in der Dynamik der Geschichte, der rasanten Entwicklung fehlt: die Zeit bleibt stehen.

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Bild: Björn Hickmann/ Stage Picture

Verwirrend. Und so ging es auch uns. Die Zusammenhänge waren nicht ganz klar und deshalb ließen wir das Stück einfach auf uns zukommen. Erneut war das Bühnenbild sehr einfach gehalten: Eine Wand mit einem kleinen Spiegel mit Goldrahmen in der Mitte. Genau dieser Spiegel wird für einen kurzen Effekt genutzt: stehen die Schauspieler mit einer Lampe dahinter, kann der Zuschauer hindurchschauen. So sind die Charaktere, auch wenn sie gerade nicht auf der Bühne sind doch immer anwesend. An der Wand hängen einige Vorhänge. Fertig. Obwohl, nicht ganz: oben an der Decke hing ein Ventilator, der sich mal schneller mal langsamer bewegte. Was sollte dieser Ventilator? Sollte er für die sich immer schneller drehende Welt stehen (gefühlt)? Sollte er abstrakt für einen Strudel stehen, in dem wir uns befinden? Oder war den Schauspielern einfach nur warm?

Schon aus vergangenen Inszenierungen wissen wir, dass am Rheinischen Landestheater gerne einfache Requisiten für schnelle Umbauten genutzt werden und so war es auch dieses Mal: alle Requisiten waren auf Rollen, ein Sessel, ein Servierwagen oder ein rollender Schminkspiegel erlaubten es das Bühnenbild binnen Sekunden zu verändern. Schön anzusehen: das Bühnenbild rotiert, man fühlt sich zwischendrin selbst wie in einem Zeitstrudel.

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Bild: Björn Hickmann/ Stage Picture

Elegant gelöst war auch der Wechsel zwischen dem Schauspiel in der Rolle und erzählenden Elementen. Hier bedienten sich Nicole Erbe und ihr Team Elementen des chorischen Theaters. Alles was als Erzählung dienen sollte, wurde von den vier Schauspielern, die immer wieder zwischen ihren Rollen und der Erzählerperspektive wechselten, im Chor gesprochen. Generell legte das Stück in den Sprachteilen ein hohes Tempo vor. Die Dialoge griffen anfangs ineinander über, immer war Karlo derjenige, der sich mit einem anderen Charakter unterhielt, doch wenn ein neues Thema angeschnitten wurde, das einen anderen Charakter betraf, geriet dieser plötzlich in den Vordergrund. Später dann lebten die Gespräche, die zum Teil mehr Mono- als Dialog waren, von der Geschwindigkeit.

Ein großes Kompliment geht an Michel Decar, der es mit seiner Sprache schafft, trotz ihrer Pointiertheit die Stirnen der Zuschauer häufig in Wellen zu legen, denn leider ging alles so furchtbar schnell. Da konnte man über solch stichige Sätze wie: „Global denken, aber das Weltall nicht vergessen“ oder „Ich trage den Namen meiner Frau und sie trägt meine Einkaufstüten – das ist Gleichberechtigung“ gar nicht nachdenken. Ohne Notizbuch war ein Wahrnehmen des gesamten Textumfangs bei diesem sprachlichen Maschinengewehrfeuer nicht möglich. Und so war es doch irgendwie problematisch, dass das Stück, das Schnelllebigkeit und das Verfliegen von Zeit thematisiert, so schnelllebig war.

Besonders ungewöhnlich wird es als Dr. Pappeldorn (oder wie auch immer er zu diesem Zeitpunkt heißt, denn auch er wechselt permanent den Namen) seinen Anzug auszieht und sich bis auf seine Krawatte komplett entblößt. Gut, komplett entblößt er sich nicht, die Schauspieler tragen hautenge Anzüge, Bodysuits, die wir besonders als Figurprobleme (ganz im diätästhetischen Kontext gemeint) erzeugende Fatsuits aus Filmen kennen, die aber je nach Lichteinstellung den Eindruck entstehen lassen, die Spieler stünden vollkommen nackt auf der Bühne. Und dann geht es richtig los: plötzlich ist die Wand verschwunden, ein riesiger Vorhang, der die Weiten des Weltalls zeigt wird mit Schwarzlicht beleuchtet und plötzlich scheint auch für den Zuschauer die Welt stillzustehen. Jenny Jannowitz kommt ein letztes Mal mit Karlo Kollmar ins Gespräch, während sich die anderen in ihren Rollen immer seltsamer verhalten. Abschließend wird der Zuschauer mit einigen Fragen zurückgelassen: „Wer hat bestimmt, dass der Morgen vor dem Abend kommt, der Anfang vor dem Ende, das Leben vor dem Tod?“ Und zum Schluss befindet man: „Die Welt ist auch nur eine Kugel“. Black, das war es, das Stück ist zu Ende. Etwas verdutzt schauen wir auf die Uhr: 70 Minuten hat die Inszenierung gedauert.

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Bild: Björn Hickmann/ Stage Picture

Wir fühlten uns während des Stückes etwas an die Lektüre Jostein Gaarders‘ Philosophie-Knüllers Sophies Welt erinnert. Dort wurden die Protagonistin und zugleich der Leser vom Erzähler hin und wieder ermahnt und gefragt „Sophie, bist du noch da?“. Auf einen solchen oder ähnlichen Satz haben wir in der Inszenierung gewartet, weil man – ähnlich wie beim Lesen von Sophies Welt – immer wieder mit seinen Gedanken abdriftet. Dieser Satz kam nicht. Deshalb können wir nicht versprechen, wirklich alles gesehen, alles gehört, alles verstanden zu haben. Auch eine wirklich essenzielle Frage: Wer ist Jenny Jannowitz? Eine Frau? Ein Kind? Eine Instanz? Ein Engel? Ein Todesengel? Eine Erlöserin von der schnellen Welt? „Werner? Marius? Seid ihr noch da?“

Und so wird Intendantin Jahnke recht haben, wenn sie nach der Premiere sagt, dass wir uns über dieses Stück gerne streiten dürfen. Denn nur so funktioniert Theater. So funktioniert Kunst. Kunst ist das Schwarzpulver, der Streit der Funke. Und daher sind auch wir gespannt darauf, mit anderen Zuschauern, die das Stück sehen werden oder gesehen haben, ins Gespräch zu kommen und vielleicht auch ein bisschen zu streiten. Auf nette Art natürlich, bei einem Glas Rotwein. Gespielt wird Jenny Jannowitz noch mehrere Male am RLT und außerhalb.

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Bild: Björn Hickmann/ Stage Picture

Und unser Fazit? Wir versuchen zu umschreiben. Die Inszenierung und auch die Vorlage bieten viel Stoff für Diskussion. Der Zuschauer wird mit einigen Fragen zurückgelassen, doch auch mit einigen Erkenntnissen haben wir das Stück verlassen: zum Beispiel, dass man sehr die langsamen Momente genossen hat, die Momente in denen Zeit still zu stehen schien. Zwischendrin entwickelte sich der Eindruck das Stück könne langatmig werden, doch am Ende hatte man irgendwie das Gefühl noch nicht alles gesehen zu haben, ein bisschen mehr wäre vielleicht noch gegangen. Vielleicht wäre mehr aber auch zu viel gewesen. Aber Schlaf, das ist Luxus! In jedem Fall ist Jenny Jannowitz ein ansehnliches Stück, das eben nicht so einfach verdaut wird und daher mehrere Wochen im Kopfe herumschwirrt und stark zum Nachdenken anregt. Dafür haben auch die Schauspieler gesorgt, die mit ihrer Spielart den Zuschauer wieder in ihren Bann ziehen konnten. Wer sich auf einen locker-leichten Theaterabend einstellt, ist hier sicherlich verkehrt, doch wenn man sich auf die Inszenierung einlässt, dann kann man selbst abtauchen: abtauchen in die Welt von Karlo Kollmar, in der es manchmal auch nur darum geht das Tempo im Leben ein wenig zu reduzieren.

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Bild: Björn Hickmann/ Stage Picture

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