Für eine 15-jährige bist du aber schon ganz schön erwachsen: Das Maskerade-Festival

Bilder: Lara Alles/ Paul Milde

Lange haben wir überlegt, wie wir diesen Beitrag gestalten. Diese Überlegenszeit ist im Kalender abzulesen. Denn das Schülertheaterfestival Maskerade am Goethe-Gymnasium in Düsseldorf fand vom 29.03. bis zum 05.04.2017 statt. Höchste Zeit also, dass wir unseren Beitrag hierzu leisten und dieses Festival hier besprechen.

Wir haben uns dazu entschlossen, nicht auf die gesehenen Stücke einzugehen, das würde der Arbeit der vielen Mitwirkenden nicht gerecht, denn leider konnten wir es terminlich nicht einrichten, jeden Programmpunkt des Festivals zu besuchen. Lieber wollen wir diesen Beitrag so gestalten, dass das Festival selber in den Mittelpunkt gestellt wird.

Die Maskerade ist auch kein alter Hut mehr. Nicht für uns, nicht für Düsseldorf, nicht einmal für unsere Leser, denn vor zwei Jahren berichteten wir bereits über das Festival, finden aber, es ist noch lange nicht alles gesagt! Und deshalb holen wir weit aus, denn wir haben viel zu sagen, wollen aber auch andere sprechen lassen. Los geht’s!

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Annika von Busekist, Sinje Sybert und André Valente, drei Lehrer des Goethe-Gymnasiums in Düsseldorf treten in große Fußstapfen. In die des Maskerade-Gründers Michael Stieleke, der sich nach dem Eintritt in seinen Ruhestand mit seiner Gruppe Only Ask Valery äußerst erfolgreich in der Düsseldorfer Jugendtheaterszene austobt (wir berichteten) und sein Baby, die Maskerade, an die jüngere Generation abgegeben hat. Wir wollen es gar nicht so spannend machen und große Fragen stellen, ob die drei es geschafft haben, dieses große Erbe anzutreten. Natürlich haben sie das.

Die fünfzehnte Maskerade bot ordentlich Programm. So zählen wir beim Blick in das Programmheft 17 Theaterstücke, die weiterhin durch Konzerte und Ausstellungen der bildenden Kunst ergänzt wurden. Dies bedeutete: viel zu gucken! Kein Tag verging, an dem es nicht mindestens zwei Programmpunkte gab. Und immer umgeben von einer Wohlfühlatmosphäre bestehend aus leckerem Catering und einem immer sympathischen und aufschlussreichen Nachgefragt am Ende der verschiedenen Performances und Darstellungen, sodass es durchweg die Möglichkeit zu regem Austausch gab. Ob das auch gelungen ist und was wir mitgenommen haben, dazu später mehr. Ein bisschen spannend müssen wir es doch noch machen.

Die Maskerade 2017 bot dem Zuschauer, so sehr wie noch nie zuvor, einen bunten und vielfältigen Querschnitt durch die Jugendtheaterszene Nordrhein-Westfalens und sogar darüber hinaus. So traten Gruppen auf, natürlich aus Düsseldorf, aber auch aus Essen, Kaarst, Aachen und Grevenbroich. Internationale Beteiligung kam aus Savigny-sur-Orge, Frankreich.

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Nun ist es so, dass wir seit je her eine Message vertreten, die wir auch in diesem Text nicht zu kurz kommen lassen wollen: Jugendtheater ist definitiv kein pubertierender Schüler im Adelsgewand, ein Schädel in der Hand und schief Hamlet zitierend. Naja, vielleicht ist es das manchmal. Aber, und das hat die Maskerade deutlich gezeigt, das geht auch anders. Jugendtheater ist bei Weitem keine Unterkategorie zum professionellen Theater. Beide Formen stehen – zumindest aus unserer Sicht – auf einer Stufe, Unterschiede sehen wir nur im Alter und Berufsstand der Künstler. Eindrucksvoll, unterhaltsam, lehrreich, imposant, mitreißend, kontrovers, inspirierend, bedrückend können beide Formen sein. Gleichwertig. Und so ist es auch nicht verwunderlich, wenn André Valente feststellt, dass die „gesellschaftliche und politische Entwicklung seit der letzten Maskerade im Jahr 2015 sich deutlich im Programm wiedergespiegelt [hat] und dies zeigt, wie wichtig die Theaterarbeit ist, um diese Themen auch für die Schülerinnen und Schüler greifbar zu machen und zu verarbeiten.“ Die gezeigten Stücke hatten allesamt ihre eigene Message. Die eine war schärfer gewürzt, die andere milder, die eine dann wiederum direkt In-Your-Face, die andere dann eher augenzwinkernd. So ging es um die Todesstrafe, um Europa, um Religion, um Geschichte, aber auch um Klassiker wie Liebe, Ausgrenzung und Humor.

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Die Beschäftigung mit all solchen Themen ist alleine schon aus pädagogischer Sicht unheimlich wertvoll. Wertvoller vielleicht sogar – und dieser Kommentar kommt von uns – als manche Kurvendiskussion oder Gedichtanalyse im Unterricht. Auch Sinje Sybert stellt fest „dass Jugendliche und Kinder […] einen anderen Blick auf die Welt [haben], auf ihre Probleme und Facetten. Und diesen Blick dürfen sie durch das Theaterspielen mit anderen teilen ohne sich dafür schämen oder rechtfertigen zu müssen. Es gibt kein Falsch oder Richtig – wie sonst so oft in der Schule.“ Sehr starke und richtige Worte, die wir nur unterstützen können. André Valente ergänzt hierzu, dass er es wichtig findet, dass sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Stück identifizieren müssen, damit es wirklich zu ihrem Stück wird, sie finden ihre eigene Sprache. Zudem „setzen [sie] sich sehr intensiv mit den Themen auseinander, die sie beschäftigen und gleichzeitig lernen sie viel über sich selbst, ihren Körper und ihre Wahrnehmung.“ Und genau das macht gutes Jugendtheater auch aus unserer Sicht aus: Schülerinnen und Schüler, die lediglich einen durch den Kopierer gejodelten Text, den irgendein Barde vor 300 Jahren geschrieben hat, auswendig lernen und auf der Bühne herunterleiern (das passiert noch zu häufig), können keinen Spaß an der Materie entwickeln. Sich aber mit ihnen hinzusetzen, ihnen ein Thema zu geben, sie zu diesem Thema um Äußerungen und persönliche Ansichten zu bitten und daraus dann gemeinsam ein Stück zu machen, das ist tolles Theater, das wir immer so sehr genießen, denn das ist ehrlich.

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Und so sahen wir viele Stücke, die ehrlich und mit Herzblut der Spielerinnen und Spieler zusammen mit ihren Spielleiterinnen und Spielleitern entwickelt wurden. Bei einigen Stücken staunten wir nicht schlecht, als diese dynamisch und mitreißend begannen, dann aber lediglich in der Rezitation eines potentiellen weiteren Theatertextes endeten. Wir saßen in einer Art „Werkschau“, durften einen Einblick in die aktuelle Progression eines noch nicht fertiggestellten Stückes sehen. Das war mutig, und wir haben vollstes Verständnis für noch nicht fertig gestellte Stücke, den Stress kennen wir selber. Aber doch waren wir etwas perplex, als nach kurzer Zeit irgendwie schon alles vorbei war, wir aber gerne die weitere Entwicklung gesehen hätten.

Neben den vielen Theaterstücken konnten wir besonders den Austausch genießen. Unmittelbar nach jedem Stück gab es das berühmte Nachgefragt, das auch wir immer an die Inszenierungen unserer Theatergruppe anschließen. Denn die Möglichkeit, über das Gesehene zu reden, bieten viele Theater, besonders im professionellen Bereich, einfach zu selten an. Doch uns zeigt die Institution Nachgefragt ganz deutlich: der Bedarf des Drüber-Redens ist da und er ist groß. So können wir Sinje Sybert sehr passend zitieren, wenn sie sagt, dass „[d]as Sehen, Reflektieren und der Austausch über das Gesehene […] Inspiration für neue Projekte“ sind.  Uns geht es nicht anders und wir sind Dankbar für die Möglichkeit, mit Spielern, Spielleitern, Technikern in Gespräche zu verfallen, die teilweise jenen rotweingetränkten im Foyer des Stadttheaters nach der jüngsten Faust-Interpretation würdig sind.

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Schade nur, dass der Austausch meist nicht über das Nachgefragt hinausging. Sobald dieses beendet war, packten alle Anwesenden ihre sieben Sachen und verschwanden. Dem Festival machen wir da keinen Vorwurf. Ganz im Gegenteil, immer wieder luden die Festivalleiter nach dem Nachgefragt noch an die Bar, organisierten an einem Tag sogar eine große Party im Foyer des Goethe-Gymnasiums, zu der es nicht nur leckeres Essen gab, auch ein DJ legte auf. Aber irgendwie wollte das alles nicht so sehr zünden. Bedauerlich fanden wir, dass Gruppen teilweise für ihr eigenes Stück anreisten und sich dann nie wieder, oder zumindest nur in sehr ausgedünnten Konstellationen wieder blicken ließen. Es ist verständlich, dass es Gründe gibt, die an der weiteren Teilnahme an Festival hinderlich sind. Eine zu weite Distanz zur Heimat und damit eine längere Anfahrtszeit oder Terminkollisionen, parallel stattfindende Auftritte zum Beispiel, führten zu entschuldigtem Fehlen, wie dies in der Schule heißt. Dennoch glauben wir, dass mit ein bisschen mehr Festival-Herzblut sicherlich noch mehr möglich wäre und appellieren an alle künftig teilnehmenden Gruppen: Kommt rum so oft es geht, quatscht mit Leuten, so oft es geht, findet Freunde, so viele wie möglich, lasst euch inspirieren, so häufig wie möglich! Denn ein Festival, gerade die Maskerade, die so viele junge Künstlerinnen und Künstler einlädt und ihnen eine Bühne gibt, bringt so viel Potenzial, das Festival am Ende reicher zu verlassen, als zu Beginn. Ein Theaterfestival ist nämlich immer zweierlei: Ein Geben und ein Nehmen. Und das macht es toll!

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André Valente und Sinje Sybert wünschen sich, neben der Treue der „alten Hasen“, also der schon seit langem immer wieder teilnehmenden Theatergruppen, dass das Festival auch mehr junges Publikum anzieht, vielleicht sogar unabhängig von der Teilnahme. Denn herumkommen darf jeder, man schließt sich nicht ein unter Theaterschaffenden und hält sich, einen langen Schal über die Schulter schwingend und Baskenmütze tragend für etwas Besseres. Nein, man ist offen für die Außenwelt, man begrüßt jeden Besucher und freut sich vor allem über seine Ansichten und Interpretationen.

Und so ist dieser Text in erster Linie ein Appell. Ein Appell an alle, die einmal tolle Arbeit von tollen Jugendlichen sehen wollen, die freiwillig viel Zeit und Liebe in diese Projekte investieren, was belohnt werden muss. Ein Appell daran, dass die Welt da draußen merken muss, dass Theater schon lange nicht mehr Zeitvertreib der Schnösel, der Schönen und Reichen, der akademischen Schickeria ist, sondern Volkssport, man für Theater nicht alt sein muss, sondern eben jung, oder zumindest junggeblieben.

Und da ist es doch ein schönes Statement, wenn Sinje Sybert, wenn sie der Maskerade als Person begegnen würde, sagte: „Für eine 15-jährige bist du schon ganz schön erwachsen. Aber bitte behalte dir ebenfalls deine Jugendlichkeit.“

Wir sind auf jeden Fall sehr dankbar, dass wir auch im Jahr 2017 wieder dabei sein durften, diese vielen Eindrücke mitnehmen und auch selber mit unserer Theatergruppe unseren Beitrag zum Festival leisten durften und freuen uns bereits auf 2019!

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