Sein oder nicht sein? – Hamlet zwischen Wahnsinn und Genialität

Titelbild: David Baltzer / bildbuehne.de, als Hamlet: Peter Miklusz, hinten Ensemble

Shakespeare, wer diesen Namen hört, der kommt entweder ins Schwärmen oder dem Rollen sich die Zehennägel hoch. Wie lange mussten wir seine Stücke lesen, Sonette auseinandernehmen und analysieren, und dann noch dieses elisabethanische Englisch. Allerdings werden wir in den kommenden Zeilen für den guten William die Flagge hochhalten, denn aus Theatersicht sind seine Dramen eine tolle Herausforderung, und wenn sie gut inszeniert sind, immer ein Besuch wert. So wie im Schauspiel Köln.

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Bild: David Baltzer / bildbuehne.de, auf dem Bild: Marie-Lou Sellem und Simon Kirsch

Bevor wir auf die Inszenierung eingehen, Hamlet in der Kurzversion:

Hamlet wurde um 1600/01 geschrieben und um 1602 uraufgeführt (wir sagen um, denn verschiedene Quellen machen verschiedene Angaben, wir waren leider selbst nicht dabei). Das Drama handelt – Überraschung – von Prinz Hamlet von Dänemark, der dem Geist seines Vaters begegnet, der wiederum von ihm verlangt seinen Tod zu rächen, den er seinem Onkel Claudius in die Schuhe schiebt. Hamlet verschleiert seinen Plan, indem er einen auf wahnsinnig macht, was die Menschen um ihn herum stutzig macht. Nach einem wilden Durcheinander dreht seine Geliebte Ophelia durch, bringt sich um, ihr Bruder Laertes will sie (und auch seinen Vater Polonius, der durch ein Versehen umgekommen ist) rächen, es kommt zum Duell und was sollen wir sagen: zum Schluss gibt’s viele Tote. Ende. Shakespare eben.

Nun, wie soll man eine solch komplexe Handlung auf die Bühne bringen? Das Schauspiel Köln um Regisseur Stefan Bachmann dachte sich indem man es auf das Wesentlichste reduziert. Schon als sich der Vorhang öffnet sieht der Zuschauer wenig: Hamlets Vater liegt auf der Bühne, die Bühne ist mit großen Vorhängen behangen und wirkt dadurch halbrund, in der Mitte eine Drehscheibe. Das war es. Schon jetzt können wir verraten: mehr wird der Zuschauer auch nicht sehen, denn Bachmann hat sich auf die Wirkung der Schauspieler verlassen. Auch bei der Musik, ausgesucht und komponiert von Sven Kaiser, ist klar: weniger ist mehr. Viele Orgelklänge bekommt das Publikum im Laufe der Aufführung zu hören, sonst wird auf anderweitige Musik verzichtet. Im Rahmen einer sehr minimalistischen Darstellung ging das Team um Stefan Bachmann sogar soweit Horatio, Hamlets Studienfreund, zu streichen. Vermisst haben wir ihn ehrlich gesagt nicht, vielleicht weil uns das Ende Hamlets bekannt ist und ein weiterer Textpart dieses auch gestört hätte. Doch wir starten immer noch von vorne, zum Ende später mehr.

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Bild: David Baltzer / bildbuehne.de, auf dem Bild: Ensemble

Zugegeben: am Anfang zieht sich das Stück etwas, doch wer Hamlet nicht kennt, für den ist es eine ideale Gelegenheit die einzelnen Charaktere kennenzulernen, da viele von ihnen am Anfang Monologe halten. Trotzdem gewinnen auch die Monologe schnell an Fahrt. Es ist nicht einfach den Zuschauer mit langen Textpassagen zu unterhalten, doch den Schauspielern ist dies in Perfektion gelungen. Über Lautstärke, Geschwindigkeit, aber auch ihre Mimik und Gestik hatte der Zuschauer jede Sekunde ein neues Detail zu entdecken. Aus allem hervor stach natürlich die Hauptcharakter: Hamlet, gespielt von Peter Miklusz. Er spielte den Wahnsinn des Hamlet so überzeugend, dass man selbst den Eindruck bekam diese Rolle kann nur ein Wahnsinniger selbst spielen. Kleine Gesten wie ständiges Fingerreiben, aber auch zackige Bewegungen oder eine überzogene Sprache zogen den Zuschauer in den Bann. Und spätestens als Hamlet Tränen in den Augen stehen hat, ist jedem Zuschauer bewusst: diese Rolle wird gelebt!

Doch der Anfang brachte direkt eine Erkenntnis mit sich: die angesprochene Drehscheibe auf der Bühne eignet sich prima um einen Spaziergang zu imitieren oder einfach nur um lästige Aufgänge zu überspielen. So kamen die Schauspieler, meist im Freeze, auf die Bühne (gedreht) und begannen erst zu spielen, sobald sie vorne auf der Bühne standen. Diese Drehscheibe wurde später auch in einer Szene genutzt, in der Hamlet Schauspieler engagiert um Claudius seinen Mord vor Augen führen zu lassen. Eine Szene, die Gänsehaut entstehen ließ. Zu Orgelmusik kamen plötzlich Doppelgänger (die Schauspieler) jedes Charakters auf die Bühne. Mit kleinen Bewegungen imitierte man den anderen, wie als blickten die Schauspieler in einen Spiegel. Und dann begann ein wildes Durcheinander, auch hier wieder Orgelmusik, dazu teilweise bissige Kommentare von Hamlet. Eine sehr wichige Schlüsselszene, denn hier werden die Charaktere des Stückes allesamt geschält und entlarvt: Jeder spielt irgendwie ein Doppelleben, Hamlet sowieso, aber auch Ophelia, die einmal die Liebe des Prinzen ist, sich dann aber für die Spionageaktionen des Vaters einspannen lässt, Claudius, der seine mörderische Tat verheimlicht, Gertrude, die zwischen zwei Stühlen sitzt, dem neuen Ehemann und dem Sohn. Diese Liste ließe sich für jeden einzelnen Charakter, eigentlich noch viel ausführlicher und detaillierter fortsetzen. Wir verzichten aber, die Message wird klar: Es brauchte so wenig und zeigte doch so viel, eine tolle Performance des gesamten Ensembles.

Nach einiger Zeit fiel ein weiteres Detail ins Auge: die Schauspieler waren in entsprechende Farben gekleidet. Einerseits um die Zusammengehörigkeit der Charaktere darzustellen (was selbst uns erleichtert hat auseinanderzuhalten wer zu wem gehört), doch in den Farben steckte noch mehr: so waren Claudius (Bruno Cathomas) und Gertrud (Marie-Lou Sellem) in blau und gold gekleidet, was ihren adligen Status hervorhob. Guildenstern (Yuri Englert) und Rosencrantz (Niklas Kohrt) waren jeweils in grellem grün (Guildenstern) und rot (Rosencrantz) gekleidet. So konnte der Zuschauer über die Farben beide Charaktere auseinanderhalten und sie standen zwischen dem Königshaus und Hamlet. Grün steht dabei für die Mitte, Neutralität, aber auch Hoffnung, rot hingegen kann den Energiepegel anheben, für Hass, aber auch Liebe stehen. Polonius (Wolfgang Pregler), Laertes (Simon Kirsch) und Ophelia (Lou Zöllkau) trugen jeweils dunkelgrüne bis olivfarbene Kleidung, dies steht für Klarheit, Weisheit, Friede, den Tod, aber auch die Wiedergeburt. Und Hamlet in Schwarz / Weiß, zwei gegensätzlichen Farben, die für Leben und Tod stehen, Eleganz, Unschuld, aber auch Bedrohung.

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Bild: David Baltzer / bildbuehne.de, auf dem Bild: Niklas Bohrt, Peter Miklusz und Yuri Englert

Doch neben den Farben wurden weitere Elemente genutzt, um das Schauspiel zu untermalen. So durchbrachen die Schauspieler hin und wieder die vierte Wand, ließen das Publikum zum Mitwisser werden, Mitwisser über ihre Pläne, aber auch Gefühle. Über die Ebenen wurden Hoch- und Tiefstatus verdeutlicht und mit diesen wurde im Laufe des Stückes immer mehr gespielt. Die Aufführung gewann somit eine ganz eigene Dynamik, in der es gar nicht auf prachtvolle Requisiten, ausgetüftelte Choreographien oder spektakuläre Lichteinstellungen, sondern vielmehr auf das kleine Einmaleins des Theaters ankam.

Eine Szene, die es ebenfalls hervorzuheben gilt ist die vierte Szene im dritten Aufzug, die Szene also, in der Polonius stirbt. Zugegeben: als Zuschauer haben wir geglaubt nun das Zwiegespräch zwischen Hamlet und seiner Mutter Gertrud zu sehen, doch als Wolfgang Pregler als Polonius durch den Vorhang huscht und sich am mittleren Vorhang platziert, wird klar: der Zuschauer sieht einmal die andere Seite. Schnell möchte man rufen „Hau ab!“ oder „Sei still!“, doch das Drama nimmt seinen Lauf. Polonius vermutet auf die Hilfeschreie der Königin einen Racheakt Hamlets, und versucht diesen durch Hilferufe abzulenken, woraufhin Hamlet durch den Teppich (hier ein Vorhang) Polonius ersticht. Eine einfache Szene, die dennoch ihre Wirkung erzielt.

Nun trumpft auch Lou Zöllkau in der Rolle der Ophelia auf. Sie verfällt – nachdem sie vom Tod ihres Vaters erfährt – tatsächlich dem Wahnsinn. Mit sexuellen Anspielungen vor den anderen Charakteren, schrillem Gesang und vielen (scheinbar) wirren Worten scheint das Schicksal Ophelias besiegelt. Laertes, der als züchtiger Hund dargestellt wird, mit dem Ophelia spielt und der auf das Pfeifen von Gertrud hört, lässt das Gesamtbild noch wahnsinniger wirken. Und plötzlich fragt man sich „sind die eigentlich alle verrückt?“.

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Bild: David Baltzer / bildbuehne.de, auf dem Bild: Lou Zöllkau und Peter Miklusz

Nachdem Ophelia sich selbst getötet hat, bekommt der Zuschauer eine Beerdigungsszene zu sehen. Spätestens hier wurden Requisiten vermutet, denn das Grab schien aus schwarzen Tüchern gelegt wurden zu sein: weit gefehlt! Auch hier steckten Schauspieler in selbst kreierten Kostümen und verharrten minutenlang in einer sicherlich nicht ganz gemütlichen Position. Respekt! Als sich die Schauspieler dann nach der Beerdigung erheben und man ihre Gesichter sieht, macht dies die Szene in keinster Weise kaputt, denn jeder ist als Totenkopf geschminkt. Der Tod ist plötzlich präsenter im Stück denn je.

Und dann kommt es zum Showdown: Laertes kämpft gegen Hamlet. Uns war klar, dass keine Requisiten verwendet würden (zumindest hofften wir es), dennoch gab es schon in der Pause Diskussionen wie eine solche Szene authentisch ohne ein Requisit gespielt werden sollte. Doch Peter Miklusz als Hamlet und Simon Kirsch als Laertes schafften es jede Requisite überflüssig zu machen. Pantomimisch imitierten sie einen Schwertkampf. Selbst das Herausziehen des Schwertes aus der Scheide wurde nur durch Gesten nachgespielt. Feingefühl musste auch seitens der Technik bewiesen werden, denn neben der Orgelmusik wurden immer wieder Schwertkampfgeräusche an den passenden Stellen eingespielt. Und all dies zusammen, die Dynamik und Spannung der Schauspieler, das orangene Licht auf der Bühne, die Charaktere drumherum, die Musik und Soundeffekte, und natürlich die Kampfchoreo (von Annette Bauer) ließen die Szene perfekt inszeniert wirken. Man fieberte mit. Als kleines Highlight gab es durch die Vorhänge noch die als Totenkopf geschminkten Schauspieler zu sehen, auch hier war der Tod wieder präsent.

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Bild: David Baltzer / bildbuehne.de, auf dem Bild vorne: Peter Miklusz und Robin Meisner, auf dem Bild hinten: Jörg Ratjen und Wolfgang Pregler

Und dann ging es zu Ende. Hamlet tötet Laertes, die Königin trinkt vom vergifteten Liebestrunk, dann tötet Hamlet Claudius und schlussendlich sich selbst. Was bleibt ist eine Bühne voller Toter, fein am Rande des Drehelements abgelegt, damit dem Zuschauer noch einmal jeder einzelne präsentiert werden kann. Es wirkt wie eine perfide Leichenschau. Dazu ein Orgel-Requiem. Der Vorhang fällt, Ende. Und Horatio? Der Kenner weiß, er erzählt die Geschichte zu Ende, doch wie schon anfangs erwähnt vermissen wir diesen Part in keiner Weise, denn das Schlussbild an sich schließt die Geschichte und das Drama für den Zuschauer bereits ab.

180 Minuten sind nun vergangen, doch keine einzige davon war langweilig. Shakespeare wurde schon oft gespielt, mal klassisch, mal modern, mal mit Zitaten und neuen Elementen und mal völlig unbearbeitet. Doch diese Darstellung von Hamlet hat uns sehr beeindruckt. Getragen wurde die Inszenierung von den Schauspielern. Bewusst setzt man auf wenige Effekte, die so aber einen umso größeren Eindruck hinterließen. Für uns ein mehr als gelungener Abend. Die Frage nach dem sein oder nicht sein in diesem Stück stellt sich uns gar nicht erst, wir finden in diesem Stück sollte jeder mal gewesen sein.

Bis zum 09. Juni wird Hamlet noch drei Mal aufgeführt, da heißt es schnell sein. Alle Infos gibt es auf der Seite des Schauspiel Köln.

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