„Karl, was willst du mir sagen?“ – subbotnik lädt ein zu Karl Marx‘ 200. Geburtstag

Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)

Beitragsbild: Ana Lukenda (Ines Marie Westernströer, Oleg Zhukov)

Ein fast leerer Bühnenraum, nur ein Overhead-Projektor, einige Pendel, die sich im Kreis drehen, ein Notenständer und ein Schauspieler mit einem kleinen Tambourin, auf das er immer wieder klopft und dabei die Bühne nach etwas abzusuchen scheint. Ein Bild, das bereits beim Einlass viel Raum für Interpretationen lässt. Das Licht geht aus und dann beginnt sie, die Premiere von Wir sind Affen eines kalten Gottes, eine Produktion der Berliner Gruppe subbotnik, in Kooperation mit dem Schauspiel Köln.

Zugegeben, wir haben uns vorher nicht viel mit Karl Marx beschäftigt, jeder weiß wer er war, was seine berühmtesten Werke sind und welche Philosophie er vertreten hat. Doch was genau in seinem Werk „Das Kapital“ drinsteht, das wissen wir nicht, das scheinen auch die Schauspieler nicht genau zu wissen, doch versuchen sie uns mitzunehmen auf eine kleine Reise durch Karl Marx‘ bekanntestes Werk. Ein Stück über Kapitalismus. Ehrlich gesagt waren wir mehr als gespannt, denn wie will man ein so trockenes Thema abendfüllend auf die Bühne transportieren? Dass es geht und die inszenierte Unperfektheit für das Publikum genau richtig ist, das haben das Schauspiel Köln und subbotnik bewiesen.

Wir sind Affen eines kalten Gottes.
Foto: Ana Lukenda, auf dem Bild: Ensemble

subbotnik war uns bisher kein Begriff. Julia Fischer, Jungdramaturgin am Schauspiel Köln, die wir kürzlich portraitiert haben, und die als Dramaturgin an dieser Produktion mitgewirkt hat, beschrieb mir die Gruppe als ein Kollektiv von Künstlern, mit denen es Spaß macht zusammenzuarbeiten, die aber manchmal einfach in ihrer eigenen Welt leben, doch am Ende immer etwas sehr ästhetisch Ansehnliches auf die Bühne bringen. Dabei machen sie alles selbst, Regie, suchen die Kostüme aus, bearbeiten die Texte, bringen Live-Musik auf die Bühne oder arbeiten mit A Cappella Elementen. Das Künstlerkollektiv legt sich nicht auf eine Art der Inszenierung fest. Im Programmheft des Schauspiel Köln wird ihre Inszenierungsart so beschrieben: „Narration trifft auf Musiktheater, Performance auf Installation und Hörspiel.“ Und genau das bekamen wir zu sehen.

Wie vorher erwähnt, wird schnell deutlich, auch die Schauspieler scheinen sich mit Karl Marx schwer zu tun. Immer wieder werden lange Passagen aus seinem Werk zitiert, dabei lange Mono- oder Dialoge gehalten. Ein Schauspieler legt gleich zu Beginn einen künstlichen strubbeligen Bart an und zieht sich eine Perücke auf und schon ist Karl Marx permanent anwesend, kommentiert dabei immer wieder was die Schauspieler machen oder zitiert selbst Passagen aus seinem Werk. Doch das Publikum wird nicht allein gelassen. Immer wieder verhaspeln sich die Darsteller, zitieren Passagen mehrmals machen selber Fehler, korrigieren sich dabei. Man fühlt sich irgendwie abgeholt, weil man selbst gedanklich auch immer wieder ins Stocken kommt. Doch wer einen langweiligen Abend mit viel Text erwartet liegt falsch. Statt Marx‘ Werk nur herunterzuleiern bedient man sich schnell eines lebendigen Beispiels: dem Holztisch. Ein gedeckter Tisch steht auf der Bühne und Dank eines Schauspielers darunter wird dieser zum Leben erweckt, er beginnt zu wackeln und irgendwann auch zu schweben, während gerade erläutert wird, dass ein Holztisch nur eine andere Form des Holzes ist, eine übersinnlichere Form. Untermalt wird das Ganze von sanften Marimbaphonklängen, ein herrliches Schauspiel, das das Kapitel „Die Ware“ schön veranschaulicht.

Wir sind Affen eines kalten Gottes.
Foto: Ana Lukenda, auf dem Bild: Johannes Benecke, Ines Marie Westernströer, Oleg Zhukov

Solche ästhetischen, leicht verdaulichen und durchaus lustigen Momente gibt es immer wieder. Auch als sich Ines Marie Westernstöer als Kühlschrank und Kornelius Heidebrecht als Toaster ausgeben und eine Diskussion darüber beginnen welchen Wert beide haben oder wie sie miteinander harmonieren könnten und daraus eine kleine Liebesgeschichte entsteht, gibt es im Publikum einige Lacher und sogar Mitleid. Der Toaster macht sich nämlich Hoffnung einen ähnlichen Wert wie der Kühlschrank und genau so gut mit ihm harmonieren zu können, doch dieser macht klar, dass die beiden nicht zueinander passen. Ein tragikomisches Spiel, dem man gerne zusieht.

Das Stück entwickelt schnell eine eigene Dynamik, so werden immer wieder neue Instrumente auf die Bühne gebracht, vom kleinen Klangrohr  über eine Posaune bis hin zu einer elektrischen Orgel fehlt es den Darstellern an nichts. Die Musik harmoniert immer perfekt mit dem Schauspiel. Besonders deutlich wird dies als Johannes Benecke einen langen und ausladenden Monolog über die Produktion einer Uhr, und die damit verbundene Produktion vieler Einzelteile hält.  Mit der Zeit setzen immer mehr Instrumente ein und ein gleichmäßiger Takt lässt es wirken als würde man ein beständiges Ticken hören. Dabei greifen die Klänge der Musik, passend zum gesprochenen Wort so harmonisch ineinander über, dass die Musik selbst zu einem Uhrwerk wird, in dem ein Zahnrad in das andere überzugreifen scheint.

Besonders packend ist es auch, wenn Martin Kloepfer als Kapitalist und Johannes Benecke als Arbeiter einen Diskurs über die Wertsteigerung eines Produktes und die Ausbeutung der Arbeiter führen. Nicht nur, dass die beiden die Zuschauer schauspielerisch in ihren Bann reißen, auch hier spielt das Ensemble wieder passende Klänge, die zunehmend unruhiger werden und später werden sogar drei Bodenplatten entfernt und die beiden sitzen gemeinsam in einer Badewanne. In dieser Wanne tauchen die beiden auch immer wieder unter, um ihren Protest am jeweils anderen zu verdeutlichen, besonders der Kapitalist ist immer beunruhigt und auch die Zuschauer werden etwas nervös als der Arbeiter nicht mehr aufzutauchen scheint. Doch plötzlich, gerade als der Kapitalist die ganze Wanne durchsucht, taucht der Arbeiter wieder hinter ihm auf. Ein toller Effekt.

Wir sind Affen eines kalten Gottes.
Foto: Ana Lukenda, auf dem Bild: Johannes Benecke, Oleg Zhukov

Ein Höhepunkt des Abends ist sicherlich die Geschichte der Orla, einer elektrischen Orgel. Weit ausholend berichtet Kornelius Heidebrecht von seiner Zivi-Zeit, als er in einem Altenheim die Orla gespielt hat, um den alten Leuten eine Freude zu machen. Mit der Zeit macht er dem herumsitzenden Ensemble, jeder mit einem Instrument bestückt, deutlich, dass die Orla sie alle ersetzen kann, denn die Orla kann den immer gleichen Takt halten, man kann verschiedene Instrumente mit ihr imitieren und auch wenn ihre Klänge wirklich eher an einen Tanzabend im Altenheim der 80er Jahre erinnern, kann man doch vielseitig mit ihr musizieren und so verschwinden nach und nach alle anderen mit ihren Instrumenten. Leidglich Johannes Benecke und Martin Kloepfer spielen die Orla weiter, bis sie qualmt, denn die Orla steht nicht nur für den Einsatz von Maschinen, die die menschliche Arbeitskraft ersetzen, sondern auch für den Kollaps am Markt, der mit Bitcoins oder dem Bankenwesen hervorgerufen wird, das nicht mehr kontrolliert werden kann. Ein musikalischer, sprachlicher und bildlicher Kollaps, der aufzeigt, wie schnell wir wieder in die wirtschaftliche Krise stürzen können.

Zum Abschluss dann sehen wir einen Affen und nun wird deutlich, wofür die Pendel vom Anfang da sind, denn an ihnen sind Haken befestigt, die kleine Bäume aus dem Boden ziehen. Durch einen kleinen Wald streift ein Affe, der einige Maschinen der Menschen entdeckt und diese abstellt. Als die Bäume herabgelassen werden und nicht mehr in die Löcher zurückkönnen, weil sie wieder zugemacht wurden, sieht es so aus wie in einer Ruine im Wald, in der Überbleibsel des Menschen herumliegen, aber eben auch der Wald kollabiert ist. Dann heben die Bäume noch einmal ab und sie schweben über dem Affen. Black. Ein etwas verwirrendes Schlussbild, über deren Bedeutung wir immer noch rätseln.

Wir sind Affen eines kalten Gottes.
Foto: Ana Lukenda, auf dem Bild: Oleg Zhukov, Ines Marie Westernströer, Henning Nierstenhöfer

Ein langer Applaus zeugt von der tollen Leistung, die das Ensemble erbracht hat, denn auch wenn Marx‘ Werk und Ansichten nicht immer leicht verständlich sind, fühlt man sich nie allein gelassen. subbotnik spielt bewusst mit dem verwirrenden Momentum und stellt sich damit auf eine Ebene mit dem Zuschauer. Es wird kommentiert und sogar Karl Marx kritisiert an einigen Stellen sein eigenes Werk, denn immerhin ist es sein 200. Geburtstag, in den wir an diesem Abend hineingefeiert haben und seit seinem Tod hat sich einiges getan. Schade war es leider, dass man einige Textpassagen, selbst vorne sitzend, nicht so gut verstehen konnte und man bei manchem Monolog mit den Gedanken abdriftet, weil sie schwer zu greifen sind. Doch dies schmälert in keiner Weise die Leistung des Ensembles und gerade der Wechsel zwischen schnellen und langsamen, lauten und leisen, langatmigen und kurzweiligen Momenten macht diese Produktion aus. Eine Inszenierung, für die es sich lohnt, sie zu besuchen und auch subbotnik werden wir weiter im Auge behalten, denn dieses Kollektiv macht Lust auf mehr.

Wer sich Wir sind Affen eines kalten Gottes noch ansehen möchte, hat dazu noch bis Ende Juni Gelegenheit. Alle Termine kann man auf der Seite des Schauspiel Köln finden.

Wir sind Affen eines kalten Gottes.
Foto: Ana Lukenda, auf dem Bild: Martin Kloepfer, Henning Nierstenhöfer

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