Juniporträt: Am Ende hat er „was Vernünftiges“ gelernt: Musicaldarsteller Victor Petersen

Beitragsbild: Christian Hartmann
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

Wenn Victor Petersen nach einer Vorstellung von Tanz der Vampire das Theater durch die Stage Door verlässt, kommt es häufig vor, dass dort noch emsig Zuschauer der gerade gespielten Show stehen und die Darsteller nach einem Foto oder einem Autogramm fragen. Hin und wieder erlebt Victor dann, dass die Fans ihn fragen, ob er denn auch Teil der Show sei und wenn er diese Frage bejaht und dann auch noch erklärt, dass er die Rolle des Professor Abronsius verkörpert, staunen die Leute nicht schlecht, denn, wenn man das nicht weiß, sieht man dem 29-Jährigen nicht an, dass er aktuell für acht Shows in der Woche einen über 80 Jahre alten Akademiker auf der Bühne gibt. Das ist eben Theater!

Victor, aus Niedersachsen, aufgewachsen in Damme und Lohne, verfällt schon schnell der Musik und dem Theater: „Ich war schon mein ganzes Leben interessiert an Musik und Darstellung, habe lange Klavier gespielt, aus Spaß gesungen und in der Familie waren wir immer kulturinteressiert. Wir haben viel Theater gesehen und dadurch wurde mir diese Neigung quasi in die Wiege gelegt. So kam ich auch früh mit Opern- und Musicalmusik in Berührung.“ Und was einem in die Wiege gelegt wird, das soll man nicht verlieren. So war es zumindest bei Victor. Zu seinem Glück führt das Gymnasium Lohne, das er später besucht, eine sehr renommierte Musical AG, der er sich anschließt und dort mitwirkt an Musicalklassikern wie Honk, Anything Goes, The Scarlet Pimpernel oder Mozart!, das nicht einfach abgekupfert, sondern offiziell mit den Rechten der Vereinten Bühnen Wien durchgehend erfolgreich aufgeführt wurde.

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„Wir haben viel Theater gesehen und dadurch wurde mir diese Neigung quasi in die Wiege gelegt. So kam ich auch früh mit Opern- und Musicalmusik in Berührung.“ (Foto: Christian Hartmann)

So stand Victors Berufswunsch auch sehr schnell fest. Für ihn war das aber mehr als die Schnapsidee getreu dem Motto „Ich will das mal machen“ oder „Ich will so werden wie…“, für Victor stand viel mehr dahinter: „Ich interessierte mich dafür, was es alles für ein Stück bedarf, um es auf die Bühne zu bringen, auch die ganzen anderen Sparten, von Regie über Choreografie und Darsteller im Ensemble, Haupt- und Nebenrolle, welche Leute im Bühnenbau und in der Bühnenmalerei dabei sind, das war schon sehr spannend, weil man eben nicht nur Darsteller war, sondern es einer großen Gruppe bedurfte.“ Daher ist Victor den Erfahrungen, die er in der Musical AG gemacht hat, mehr als dankbar.

Und so war der nächste Schritt nach dem Abitur jener an die Schauspiel- und Musicalschulen des Landes. Seine Ausbildung absolviert Victor schließlich an der Bayerischen Theaterakademie August Everding im Prinzregententheater in München. Warum es ausgerechnet diese Schule ist, beantwortet Victor sehr schlüssig mit zwei Gründen: „Zuerst einmal hat man meist gar nicht wirklich den Luxus, dass man sich das aussuchen kann, häufig melden sich mehr als dreihundert Bewerber für nur sieben bis zehn Studienplätze. Dann aber muss ich auch eine persönliche Entscheidung fällen: Wo fühle ich mich wohl? Ich habe an den Unis viele Workshops absolviert und habe mir einen Eindruck gemacht darüber, wie die Dozenten sind, wie das Studium aufgebaut ist, was ich für die Aufnahmeprüfung machen muss, wie die Dozenten mit den Studenten umgehen. Da habe ich mich in München einfach sehr früh sehr wohl gefühlt und gemerkt, dass es mir dort gefällt. Auch, dass die Ausbildung im Prinzregententheater selber stattfindet, ist natürlich phantastisch.“ Diese Entscheidung bereut Victor bis heute nicht, kann auch nichts Negatives über seine Ausbildung berichten. Gerade die Tatsache, dass sie in seinem Jahrgang nur zu siebt waren, genießt er während seiner Ausbildung sehr: „Jeder Lehrer ist ganz individuell auf seine Studenten eingegangen, jeder hat versucht, herauszufinden, wie er oder sie den Schüler am besten greifen, wie er ihn zu einer möglichst wertvollen künstlerischen Persönlichkeit formen kann. Das war schon schön.“

Trotzdem, so spricht er auch ein bisschen mahnend, ist eine Musicalausbildung kein Zuckerschlecken: „Natürlich war es stressig. Es ist ein hartes Studium. Darum gehen immer mal wieder Leute, weil sie bemerken, dass es doch eher mehr Hobby ist als dass sie diesem Druck wirklich immer standhalten möchten, auch im Berufsleben ist es so. Jedes Mal, ob nun monats- oder jahresweise, je nachdem, wie die Verträge dann ausfallen, musst du dich dann vor fremden Kreativteams immer wieder neu beweisen und herausstellen, dass du der Beste bist, den sie nehmen können. Das ist auch nicht ganz ohne und auch mit Stress und Lernen und Frühaufstehen verbunden und fordert, auch, nachdem man nur wenig geschlafen hat, immer einhundert Prozent zu präsentieren.“ Und als wäre die Ausbildung nicht schon Stress genug, bürdet sich Victor im zweiten Studienjahr noch mehr auf, er spielt bereits in zwei Produktionen am Staatstheater am Gärtnerplatz mit und verpasst so durch die Probenzeit viel Unterricht, den er dann am Wochenende nachholen muss, das war wichtig, denn die Vordiplomsprüfung stand an. Victor betrachtet diese Zeit als sehr intensiv, sieht sie aber auch als tolle Zeit an, da er hier bereits sehr viel für sich mitnehmen kann, sodass es für ihn, im Nachhinein betrachtet, ja doch keine Bürde war.

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„Es ist ein hartes Studium. Darum gehen immer mal wieder Leute, weil sie bemerken, dass es doch eher mehr Hobby ist als dass sie diesem Druck wirklich immer standhalten möchten, auch im Berufsleben ist es so.“ (Foto: Christian Hartmann)

Nun ist es so, dass viele Kinder und Jugendliche den Traum träumen, den Victor lebt. Das Rampenlicht, der Applaus, das knisternde Lampenfieber, das in sich zerfällt, wenn man sich nach der erfolgreichen Show vor dem Publikum verbeugt, Gesang, Tanz und Schauspiel, die tollsten Rollen in den bekanntesten Musicals spielen und dafür dann sogar noch bezahlt werden. Die erste Hürde, die diese Jugendlichen hier meistern müssen, sind die Eltern, die dann, wenn sie von ebenjenen Plänen ihrer Sprösslinge hören, Musicaldarsteller zu werden, erst einmal die Nase rümpfen und die Augen zu skeptischen Schlitzen verschließen. „Mach doch lieber was Vernünftiges“, heißt es dann und dann machen sie eben etwas Vernünftiges und werden Versicherungskaufmann oder Lehrer oder Arzt und gehen dann abends ins Musical und sehen mit jedem Ton, den die Darsteller auf der Bühne singen ihren eigenen Traum ein bisschen mehr zerbröseln. Auch Victors Eltern waren da nicht anders: „Meine Eltern haben mich immer gefördert und gefordert, aber ihr Wunsch war schon da, dass ich was ‚Vernünftiges‘ lerne, aber nicht, weil sie meinem Berufswunsch nichts abgewinnen konnten, sondern einfach aus Nichtwissen und aus Angst davor, dass es mir in Zukunft schlecht gehen könnte oder dass es mir im Studium nicht gut geht oder dass ich diese Zeit verschwende und dann nach dem Scheitern wieder was Neues lernen muss.“ Seine Eltern haben immer an ihn geglaubt und wären anfangs sicher froh gewesen, wenn er sich für ein Medizin- oder Architekturstudium entschieden hätte. Zugleich waren sie aber auch keine Hürde für ihn, wie andere Eltern dies vielleicht sind, und ließen ihm die freie Wahl, sich in diesem Beruf auszuprobieren. Victors Fans danken es seinen Eltern. Dennoch hat Victor großes Verständnis für diese Sorge: „Ich sah auch selber die negativen Aspekte erst dann, als ich in diesem Beruf arbeitete, das habe ich vorher so nicht wahrgenommen oder vielleicht auch nicht wahrnehmen wollen. Es ist besonders dieser Druck, sich immer neu zu beweisen, es zählt auch viel Mühe dazu, sich immer weiter zu bilden, um auch reflektieren zu können, wer man ist und was die eigenen Rollenprofile sind und das verändert sich ja auch im Laufe der Zeit. Viel Planung gehört dazu, viel Wissen über das Genre generell, viel künstlerische Arbeiten, die Vorbereitung auf die Auditions, die Begleitung auf dem Klavier, diese ganzen Sachen, eine große Eigenverantwortung, das ist nicht zu unterschätzen.“ Trotzdem würde Victor Eltern eines Kindes, das diesen Traum träumt eines mit auf den Weg geben: „Lasst euer Kind probieren, das haben meine Eltern auch getan. Gebt dem Kind die bestmögliche Förderung, fordert das Kind auch gerne heraus, aber dieser Beruf ist auch einfach nicht für jeden das Richtige. Und wenn es dann nicht sein soll, dann bestärkt euer Kind in etwas anderem, was vielleicht auch mit Theater oder einer Präsentation nach außen zu tun hat. Das ist dann für viele dann auch ausreichend. Aber per se zu sagen: ‚Nein, du darfst das nicht‘, das finde ich sehr schwierig. Die Eltern sollen ja helfen und unterstützen und es ist ja letztendlich das Leben und der Berufswunsch des Kindes und nicht die Wahl der Eltern. Das Kind muss letztendlich Geld damit verdienen und glücklich sein.“

Und wenn es dann bei Victor irgendwann einmal nicht klappen sollte? Was ist sein Fallschirm? Sein doppelter Boden? „Da scheiden sich bei meinen Kollegen und mir auch die Geister. Es gibt diese, die haben einen Plan B und die, die haben keinen und bei mir gibt es den auch nicht. Es gibt natürlich andere Dinge, die mich interessieren, aber das Musical ist das, was ich hoffentlich gut mache und das, was mich erfüllt und so lange das geht, möchte ich das weiterführen und wenn es irgendwann zu dem Punkt kommen sollte, dass es nicht mehr geht, was im Moment nicht abzusehen ist, dann schaue ich noch mal weiter.“

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„Lasst euer Kind probieren, das haben meine Eltern auch getan. Gebt dem Kind die bestmögliche Förderung, fordert das Kind auch gerne heraus, aber dieser Beruf ist auch einfach nicht für jeden das Richtige.“ (Foto: Christian Hartmann)

Ein Grund, weshalb Victor sich in der Welt der Sänger so sicher fühlt, ist bestimmt seine Zusatzausbildung als Countertenor. Das sind, plump gesagt, männliche Sänger, die mit ihrer Stimme so hoch singen können, dass es für das ungeübte Ohr klingt, wie eine Frauenstimme. Victor erklärt das natürlich mit viel mehr Expertise: „Bei Männern gibt es die Stimmlage Bass, Bariton und Tenor, bei Frauen Alt, Mezzosopran und Sopran und ein Countertenor singt über der Tenorlage und bewegt sich somit eigentlich in Bereichen der Altistinnen, Mezzosopranistinnen und ganz selten sogar Sopranistinnen. Er nutzt eine verstärkte Kopfresonanz und nicht die volle Masse der Stimmlippen und klingt somit höher und somit assoziieren das viele Zuhörer mit Frauenstimmen.“ Wer auch so singen will, könnte Glück haben, dass sein Körper richtig geformt ist, denn nicht jeder kann das einfach erlernen: „Ich glaube nicht, dass jede Männerstimme dazu befähigt ist, in Countertenorlage zu singen. Das liegt daran, dass jeder Mensch anders gebaut ist: Jeder hat andere Stimmlippen, einen anderen Resonanzkörper, eine andere Knochenstruktur, einen anderen Muskeltonus, eine andere Form der Kehle und des Kopfes und so weiter. Man kann das natürlich ausbilden, aber da muss schon eine gute physische Grundlage vorliegen, die man weiter ausbilden kann, ohne dass dies dem Künstler wehtut. Das sind dann rein technische Weiterbildungen der Stimme. Ich glaube, die meisten haben diese Grundlage nicht, sodass es nicht weiter trainiert werden kann, deshalb gibt es so wenige Countertenöre.“ Victor sang als Kind bereits in Frauenlage und behielt dieses Können auch nach dem Stimmbruch bei. In der Ausbildung dann fiel dies den Lehrern auf und so wurde seine Stimme für den Bereich des Countertenors weiter gefördert, sodass Victor nebenbei auch noch klassischen Gesang studierte.

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„Mary Sunshine (hier im Bild ganz links) ist eine der wenige Rollen im Musical, die für einen Countertenor geschrieben ist und meines Erachtens nach auch die schwierigste Countertenorrolle, die es im Musical gibt, weil sie von wahnsinnig hoch zu wahnsinnig tief geht.“ (Szenenfoto aus Chicago, Brinkhoff/Mögenburg, Hamburg)

Keine Frage, dass das wahnsinnig interessant klingt und Victor auch die Türen zu verschiedenen anderen Rollen im Musical eröffnet. So spielt er beispielsweise nach seiner Zeit bei Tanz der Vampire die Rolle der Mary Sunshine im Musical Chicago, das im wundervollen Théâtre Mogador in Paris am 26. September dieses Jahres Premiere feiern wird. All das auf Französisch, versteht sich. Für Victor kein Problem: „Dass das auf Französisch gespielt werden wird, ist kein Problem, ich hatte Französisch in der Schule, ich mag die Sprache. Das wird spannend, das wird auch ein Projekt für mich, in einem anderen Land, also ein bisschen international Fuß zu fassen. Ich bin überhaupt nicht panisch.“ Mary Sunshine, die Rolle der spitzfindigen Boulevardjournalistin, die der Protagonistin des Stückes hilft, ihren Mordfall den Medien spektakulär zu verkaufen, ist für Victor als Countertenor wie geschaffen: „Mary Sunshine ist eine der wenige Rollen im Musical, die für einen Countertenor geschrieben ist und meines Erachtens nach auch die schwierigste Countertenorrolle, die es im Musical gibt, weil sie von wahnsinnig hoch zu wahnsinnig tief geht.“ Und Victor spielt Mary Sunshine in Paris auch nicht zum ersten Mal. Bereits in Berlin und in Stuttgart durfte er diese Rolle in der deutschen Version verkörpern.

Doch nicht nur die große Bühne mit mächtigem Orchester, einem riesigen Ensemble und überdimensionalen Bühnenbildern reizen Victor. Er kann auch klein. In seinem eigenen Stück. Eine Frau Schau heißt es und ist entstanden auf Grundlage des Romans Der Kuss der Spinnenfrau von Manuel Puig, in dem der transsexuelle Molina sich eine Gefängniszelle mit dem marxistischen Revolutionär Valentín teilt, den tristen Gefängnisalltag färbend durch das Erzählen von Geschichten, die für sie eine Tür werden, durch die sie aus dieser Realität fliehen können. Es entwickelt sich eine Freundschaft und von Molinas Seite auch Liebe. Victor macht hieraus eine One Man Show, konzentriert sich ganz auf die Darstellung Molinas: „Das war für mich ein schönes Thema und gerade, weil ich Countertenor bin, ist Molina so geschlechtslos, weil es ist eine Transfrau, er ist körperlich ein Mann, ist aber innerlich eine Frau. Somit fand ich das toll, weil es so unwichtig war, ob jetzt ich als Schauspieler eine Frau oder einen Mann spiele, weil es für Molina auch so unwichtig war.“ Die Texte basieren zu neunzig Prozent auf dem Roman, einige weitere hat Regisseur Timo Radünz geschrieben und zudem gibt es ebenfalls Textfragmente des Berliner Vereins Schreibende Schüler e.V., „die so passend waren, und die wir auch nutzen durften, dass sie das Stück sehr gut ergänzen“, freut sich Victor.

One Man Show "Eine Frau Schau" | Victor Petersen | 21.04.2015
„Somit fand ich das toll, weil es so unwichtig war, ob jetzt ich als Schauspieler eine Frau oder einen Mann spiele, weil es für Molina auch so unwichtig war.“ (Szenenfoto aus Eine Frau Schau, Lioba Schöneck)

Das Stück Eine Frau Schau gab es bereits in München zu sehen und wurde nach einer Tournee durch Niedersachsen sogar am Stuttgarter Renitenztheater aufgeführt. Aktuell allerdings fehlt einfach die Zeit: „Ich möchte es auch wahnsinnig gerne noch einmal spielen. Das Ding ist einfach, dass ich aktuell bei Tanz der Vampire in einer Acht Show Woche engagiert bin. Dazu kommt, dass ich das Stück natürlich nicht alleine Spiele, da ist der Regisseur Timo Radünz, der aber auch Maske, Kostüm und Abendspielleitung macht und meine phantastische Pianistin Oresta Cybriwsky aus München. Das ist natürlich auch nicht immer so einfach, uns drei mit einem fremden Theater zusammen zu bringen. Dementsprechend habe ich es einfach nicht geschafft, das Stück noch einmal auf die Bühne zu bringen, aber es ist von meiner Seite aus nicht verloren. Wenn es jemand aufführen möchte, ich freue mich sehr.“

One Man Show "Eine Frau Schau" | Victor Petersen | 21.04.2015
„Ich möchte es wahnsinnig gerne noch einmal spielen. […] Wenn es jemand aufführen möchte, ich freue mich sehr.“ (Szenenfoto aus Eine Frau Schau, Lioba Schöneck)

Dass der Alltag des Musicaldarstellers stressig ist, mag manch ein Naivling vielleicht gar nicht glauben. „Die stehen doch abends nur drei Stunden auf der Bühne!“, mag er da denken. Genau. Und Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei. Es sieht natürlich ganz anders aus. Anhand seines aktuellen Engagements als Professor Abronsius in Tanz der Vampire stellt er uns seinen Alltag vor: „Unser Tagesrhythmus ist ein bisschen verschoben. Wenn die Show um 22:30 Uhr endet, bin ich ja noch nicht abgeschminkt. Die ganzen Haarteile und Augenbrauen im Gesicht und auf dem Kopf gehen immer schneller drauf als runter und dann noch die ganze Schminke. Vor 23:30 Uhr bin ich dann auch nicht zu Hause. Dann esse ich eine Kleinigkeit oder muss noch ein paar Sachen machen, wie Mails beantworten. Vor 2:00 Uhr komme ich da auch nicht ins Bett und dementsprechend schlafe ich morgens länger, wenn ich kann, denn, wenn ich auf Dauer nur weniger als sieben Stunden schlafe, schadet das auch der Stimme. Da muss ich dann selber ein bisschen aufpassen, zu bemerken, was der Körper braucht und will. Dann stehe ich so um 11 Uhr auf und frühstücke. Wir haben nur montags frei, da gestalte ich den Tag so, wie ich möchte, und in der Woche, bin ich dann, wenn wir keine Probe haben, um 17 oder 18 Uhr im Theater, je nach dem wann die Show beginnt, manchmal haben wir noch Putzproben, die sich aber im etablierten Spielbetrieb in Grenzen halten. Am Wochenende bin ich dann von 12 bis 12 im Theater.“ Und da, das gesteht sich Victor auch ein, muss man das Theater auch wirklich lieben: „Wenn dann die Sonne scheint und man die Leute mit einem Eis in der Hand Richtung Rhein gehen sieht, stehe ich da mit einer langen Unterhose, Wollhose, Wollsocken, drei Hemden, mit Mikro verklebt und mir läuft die Suppe das Gesicht herunter, dann gibt es schon ein paar Wehmutstränchen.“

Auch Heimat definiert sich für einen tourenden Darsteller unterschiedlich, für Victor ist es Berlin, da ist er wohnhaft, wenn er mal wirklich zu Hause ist, da hat er seine Freunde, seine Wohnung, seinen Kleiderschrank. „Außerdem ist Heimat für mich auch ein bisschen in Dänemark, da meine Eltern da ursprünglich herkommen, ich bin auch zweisprachig großgeworden mit Deutsch und Dänisch“, ergänzt Victor. Dass man der Heimat, den Freunden und Verwandten teilweise monatelang den Rücken kehren muss, gehört auch zum Wehrmutstropfen des Musicaldarstellers. Aber Victor sieht das positiv: „Man muss, wenn man schon so viel unterwegs ist, versuchen, die netten Ecken der Städte mitzunehmen und ihnen eine Chance zu geben“, was bei Köln, so muss er zugeben, zu Beginn der Probenzeit, kein so guter Start war: „Wir sind gerade zur Karnevalssaison gekommen, wo es sehr kalt war. Nach der Probe stolperten wir am Hauptbahnhof, der direkt neben dem Theater liegt, über die eine oder andere Schnapsleiche eines Festes, bei dem wir nicht einmal mitfeiern konnten. Alles war ein bisschen ‚anders‘ im Musicaldome. Im Gegensatz zum neuen Theater an der Elbe in Hamburg oder dem Theater des Westens in Berlin. Man merkt, dass es eine Interimsspielstätte ist, aber es ist nicht meine Aufgabe das zu bewerten. Alles in allem fühle ich mich auch im Musicaldome sehr wohl und die Stadt Köln hat auch ihre charmanten Ecken.“

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„Man wagt einfach nicht zu hoffen, dass man mit Mitte zwanzig eine der zentralsten Rollen in Tanz der Vampire spielt. Ich dachte auch, dass ich als – mehr oder weniger – Anfänger mit einer kleineren Rolle bessere Chancen habe.“ (Szenenfoto aus Tanz der Vampire, eventpress/Stage)

Als Victor die Ausschreibung für Tanz der Vampire bekam, hat er zuerst einmal gar nicht mit dem Gedanken gespielt, dass er für die Rolle des Professors, die er heute so sehr mit Bravour auf die Bühne bringt, in Frage kommt: „Immerhin war ich Mitte zwanzig und musste mit Kollegen konkurrieren, die deutlich älter waren. Darum dachte ich, vom Alter her könnte ich mir den Herbert sehr gut vorstellen, habe aber relativ schnell mitbekommen, dass ich zu klein war. Im Zweifel hätte ich mich auch als Alfred beworben, aber da kam für mich jedoch relativ schnell raus, dass ich eigentlich an den beiden anderen Rollen mehr Interesse hatte, weil ich dachte, dass es besser zu besetzende, jugenhaftere Darsteller für die Rolle des Alfred gibt.“ In seiner Erzählung merkt man, mit wie viel Ehrfurcht Victor an die Rolle des Professors denkt: „Man wagt einfach nicht zu hoffen, dass man mit Mitte zwanzig eine der zentralsten Rollen in Tanz der Vampire spielt. Ich dachte auch, dass ich als – mehr oder weniger – Anfänger mit einer kleineren Rolle bessere Chancen habe.“ Begeistert stellte Victor dann, als der Anruf kam, fest, was viele Fans des Musicals unterschreiben: Er ist der Richtige für diese Rolle.

Was man bei den immer gleichen Abläufen des Musicals vielleicht nicht erahnt: Die Künstler bekommen viel Freiheit darin, ihre Rollen persönlich zu prägen: „Es gibt bei der Ausgestaltung der Rollen die Möglichkeit, seinen eigenen Charakter selber auszufüllen. Das Stück selber wirkt sehr fest in seinen Strukturen, aber zu keiner Zeit gab es in meinen Proben oder auch danach den Moment, dass, von welcher Seite auch immer, gesagt wurde, ich solle mir doch mal die Darstellung eines anderen Kollegen ansehen. Bei den Proben ging es eher darum, herauszufinden, was meine Stärken und Schwächen sind, und wie das am besten transportiert wird und das war vom ersten Tag an Textarbeit und die Erarbeitung der Beziehungen zwischen dem Professor und den Menschen, auf die er trifft, in erster Linie Alfred, Chagal und natürlich Graf von Krolock. Es war aber besonders eine wirklich fundierte Körperarbeit. Da musste ich mir viele detaillierte Fragen stellen: Wie funktioniert ein Körper, wenn er nicht mehr so funktioniert wie die Person Professor Abronsius es gewöhnt ist? Wie hat sein Körper eigentlich mal funktioniert und warum geht es nicht mehr? Die Gelenke sind nicht mehr so geschmeidig, der Schritt nicht mehr so flott oder der Kopf geht nicht mehr so schnell wie die Augen, das Gehirn, aber der Geist macht trotzdem weiter und der Körper stolpert deswegen ein bisschen hinterher.“

Trotz seines noch jungen Alters kann Victor bereits behaupten, mit deutschen Musicalgrößen wie Thomas Borchert, Mark Seibert oder Jan Ammann auf der Bühne gestanden zu haben, die allesamt vom Publikum geliebte Erstbesetzungen für den Grafen von Krolock sind. Dennoch kann Victor nicht sagen, dass es sich bei diesen Darstellern um Diven handelt, für ihn waren dies alles Begegnungen auf Augenhöhe von denen er selber auch noch lernen konnte: „Es ist natürlich aber auch abseits der Bühne toll, diese Kollegen kennen zu lernen und ihre Einschätzungen über die Produktion aber auch über meine Arbeit.“

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„Es ist natürlich aber auch abseits der Bühne toll, diese Kollegen kennen zu lernen und ihre Einschätzungen über die Produktion aber auch über meine Arbeit.“ (Szenenfoto aus Tanz der Vampire, eventpress/Stage)

Und ja, auch die größten Musicalproduktionen sind Livetheater und da ist niemand vor Fehlern gefeit. Und so erinnert sich auch Victor an eine Situation, die sogar zu einem kleinen Showstop geführt hat, aber die Zuschauer dennoch tosend aus den Sitzen riss: „Was aber eigentlich auch eine lustige Situation war, als Tom (van der Ven, der Darsteller des Alfred, MP) mich nicht los machen konnte, als ich in der Gruft hing und er mich hochheben wollte und wir abgehen wollten, da bekam er den Karabiner nicht auf, weil dieser sich im Sprung verdreht hatte und während Tom versuchte, ihn zu öffnen, improvisierte ich schon. Das ist nicht tragisch, da ziehe ich mir irgendwas aus der Nase, bis Tom dann in seiner Rolle mit der Sprache rausrückte: ‚Professor, wir haben ein Problem‘ und ich darauf: (in Professor-Sprech) ‚Wir haben ein Problem?‘, da hat das Publikum schon gemerkt, dass da was nicht stimmte und ich habe ein bisschen gesungen zum Orchester und das Publikum lachte und applaudierte, sogar das Orchester spielte ein bisschen mit. Tom hat versucht, mich hochzuheben und ich dazu: ‚Au, au, du tust mir weh!‘, es war alles lustig. Dann kamen irgendwann die Techniker und machten mich los und das Publikum stand und grölte und es gab minutenlangen Applaus. Das ist halt Livetheater und ich selber finde es cool, weil man merkt, dass hinter dem Professor oder dem Alfred wirklich ein Mensch steckt und da passieren auch Fehler und die Situation wird plötzlich so greifbar und sympathisch.“

Sympathie, das ist eine Zauberformel im Musical. Wo der Schauspieler am Schauspielhaus nach der Vorstellung meistens entspannt das Theater durch den Bühneneingang verlassen und in den Feierabend starten kann, warten auf die Musicaldarsteller meistens noch die begeisterten Fans an der Stage Door. Für eingefleischte Fans werden die Darsteller zu Stars, die sie – und das beobachtet Victor auch – fast bis aufs Blut zu verteidigen bereit sind. So liest sich dies zumindest in Sozialen Netzwerken. Besonders, wenn es um die Neubesetzung der Rolle des Grafen geht, brechen auf Facebook-Seiten Diskussionen aus, wer denn der beste Graf sei, Diskussionen, die manchmal sogar unter die Gürtellinie gehen: „Ich bin erleichtert, dass dieser Fan Hype sich größtenteils auf den Grafen beschränkt, richtig verstehen, kann ich das aber nicht. Ich war bei dieser Entscheidung nicht beteiligt, aber das, was wir da machen, ist ja für jeden etwas dabei zu haben, wenn nicht eine Person den Grafen für drei Jahre spielt.“ Und natürlich kann nicht jeder Darsteller den Geschmack jedes Zuschauers treffen, aber, liebe Fans, gebt allen eine Chance und haltet nicht verkrampft an „eurem“ Grafen fest. „Leute schießen sich ein auf jemanden, den sie vor 20 Jahren oder vor zwei Jahren oder eben auf Youtube gesehen haben und dann wird sich das Maul zerrissen über einen anderen Darsteller und dann finden sie den aber plötzlich doch ganz toll. Was ich ein bisschen merkwürdig finde: das ist wie so ein Fähnchen in Wind.“ Als es beispielsweise hieß, dass Mark Seibert den Grafen spielt, ging ein Raunen durch die Tanz der Vampire – Welt, viele sagten „das gehe gar nicht, ganz viele echauffierten sich darüber, es würde ja sowieso nur (der bereits verstorbene) Steve Barton gehen und dann kommen die Leute zu einer Vorstellung und dann ist Mark plötzlich ganz toll.“ Eine solche vorurteilshafte Fokussiertheit auf die Darsteller nimmt nicht nur den anderen Künstlern die Chance, sich zu beweisen, es verbreitet auch schlechte Stimmung. Victor hat da eine ganz einfache Lösung: „Ich denke, dass natürlich jeder seine Meinung haben darf, die kann man respektvoll nach außen tragen. Ich persönlich finde aber auch, dass ich mir doch keine Meinung zusammenreimen kann von Dingen, die ich noch nie gesehen habe.“ Ganz klar: Über eine Darstellung kann man meckern, wenn man sie gesehen hat. Vorher sollte jeder, egal wer er ist oder wo er herkommt, mit Respekt angesehen werden. Und da ist Victor eigentlich ganz froh, nicht im Kreuzfeuer zu stehen: „Mit mir sind sie alle größtenteils immer sehr freundlich und froh, wenn wir nachher noch Zeit haben für eine Unterschrift oder ein Foto, das ist überhaupt kein Problem, das ist ja vollkommen in Ordnung, wenn die Leute schon den Mut zusammennehmen auf eine fremde Person zuzugehen, das ist doch klar.“ Victor kann sich ebenfalls über eine stetig steigende Fangemeinde freuen, zählt sein Instagram-Account doch aktuell knapp über 4.000 Abonnenten, die stetig wachsen.

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„Das ist halt Livetheater und ich selber finde es cool, weil man merkt, dass hinter dem Professor oder dem Alfred wirklich ein Mensch steckt und da passieren auch Fehler und die Situation wird plötzlich so greifbar und sympathisch.“ (Szenfoto aus Tanz der Vampire, eventpress/Stage)

Tanz der Vampire ein mittlerweile über 20 Jahre altes Musical, das immer noch die Theater dieser Nation und teilweise dieser Welt füllt. Da fragt man sich doch, woran das liegt. Für Victor spielen da verschiedene Dinge eine Rolle: „Ich glaube, dass die Thematik große Reize auslöst mit Vampiren, eben mystische Kreaturen, oder der Bezug auf Graf Dracula und sein historisches Vorbild Vlad III. Drăculea. Und dann ist da dieses Übermenschliche in einer menschlichen Gestalt. Und diese Fleischeslust, die die Menschen bewegt, ob nun privat oder beruflich, Stichwort Karrieregeilheit, diese Ellenbogengesellschaft, in der man sich bewähren muss. Oder aber auch die junge Liebe, oder Sarahs Verlangen nach Freiheit, die sich für einen anderen Weg entscheidet, als den, den ihre Eltern ihr vorschlagen, die Angst der Eltern, das Kind zu verlieren oder Magda, die eigentlich eine ganz tragische Geschichte erlebt, weil sie vom Wirt Chagal bedrängt und durch ihn letztendlich zum Vampir wird oder Rebecca, die ihren Mann verliert oder der Professor, der so nah am Ziel ist und es aber nie ganz erreicht und der einfach die ganze Zeit kurz vorm Herzinfarkt steht.“ All diese Themen, die sehr leicht in unser aller Leben übertragbar sind, verpackt in ein buntes Gesamtpaket aus „Musik, die nicht nur Rock ist, die nicht nur Musical ist, die nicht nur Pop ist, die irgendwie aktuell ist und bombastisch“, das macht Tanz der Vampire aus. „Und es geht durch Mark und Bein mit diesem riesigen Bühnenbild und dieser raffinierten Technik dahinter, wie das Haus fährt oder die Grabwand senkrecht steht, mit den Kostümen und Masken. Eine Geschichte, die eben alles hat, von Slapstick zu ganz ernsten und mitreißenden Momenten. Es geht gar nicht mehr um einen Lerneffekt oder eine Message, sondern darum, womit sich die Menschen währenddessen identifizieren können mit den einzelnen Rollen und Situationen oder Texten.“

Wenn dies mal keine überzeugende Erklärung ist, warum Tanz der Vampire sich sicher noch halten wird bis in die Ewigkeit. Diese ist, was das Musical angeht, sicherlich keine Langeweile auf Dauer. Allerdings heißt es für Victor bald „Lebewohl“ oder eher „Au revoir“, die Tage seines Professors sind vorerst gezählt. Ende des Monats wird ein neuer Cast die Kölner Gruft entern. Wir danken Victor für die vielen schönen und lustigen Momente, die er uns als Professor Abronsius beschert hat, wünschen ihm für seine Zukunft alles Gute und würden uns freuen, ihn bald noch einmal auf einer Bühne zu sehen. Vielen Dank auch für dieses tolle, sympathische und sehr aufschlussreiche Interview!

Wenn ihr auch einen coolen Theatermenschen kennt, der hier porträtiert werden sollte, zögert nicht, uns anzuschreiben: kontakt@theaterwg.de

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