Deutschland viele kalt? Fassbinders Katzelmacher als Open Air Theater in Nippes

Beitragsbild: MEYER ORIGINALS
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

Schaut man das Wort „Katzelmacher“ im Fremdwörterbuch nach, wird schnell klar, dass es sich hierbei um einen veralteten Begriff handelt, der besonders im südlichen deutschen Sprachraum gebräuchlich war, manchmal auch ist, und pejorativ für einen italienischen Gastarbeiter steht. Und gleich dem Wörterbucheintrag ist auch die Handlung des 1968 uraufgeführten gleichnamigen Dramas von Rainer Werner Fassbinder. Aber lassen wir den Autoren das noch etwas detaillierter selber darstellen:

Marie gehört zu Erich. Paul schläft mit Helga. Peter lässt sich von Elisabeth aushalten. Rosy treibt es für Geld mit Franz. Im Hinterhof, in der Wirtschaft, auf dem Kinderspielplatz, in ihren Wohnungen, treffen sie sich, einzeln, paarweise, die ganze Gruppe, und tauschen ihre Meinungen aus, werden aggressiv, öden sich an, trinken, langweilen sich… Dass Helga, die zu Paul gehört, sich mit dessen Freund Erich einlässt, dass Peter es satt hat, sich von Elisabeth kommandieren zu lassen, und seine Wut an der käuflichen Rosy abreagiert, dass Paul auch mal zum schönen Hannes geht, dass Gundula gehänselt wird, weil sie keinen kriegt, ändert nichts an der Abgeschlossenheit ihres kleinbürgerlichen Vorstadtreviers. Es gehört dazu, das ist normal, das hat alles seine ‚Richtigkeit‘. Erst als Jorgos, ein ‚Griech aus Griechenland‘ in die Welt einbricht und mit seinem ‚Nix verstehen‘ Xenophobie, Potenzneid, Aggression dem Fremden gegenüber, kurz: das faschistoide Syndrom auslöst, werden die Männer munter, raffen sich auf und schlagen ihn zusammen: ‚Eine Ordnung muss wieder her!‘“

Katzelmacher – JETZT!
©MEYER ORIGINALS

Das Theaterkollektiv Die Fette Vivienne hat sich da also ein Stück ausgesucht, dessen Handlung ja doch sehr übersichtlich und auch nach knapp 45 Minuten abgespielt ist. Doch, und das wissen wir aus Erfahrung, ist das noch lange kein Zeichen für schlechtes Theater.

Die Schauspieler rund um Regisseur Klaus Prangenberg haben sich nämlich für ihr Stück Katzelmacher – JETZT etwas ganz Besonderes ausgedacht. Nicht in einem Theatergebäude spielen sie, sondern mitten im Herzen der Stadt. Spielort ist der Wilhelmplatz in Köln-Nippes, der ein wundersames Werk urbaner Architektur beherbergt, einen Trafo-Überbau mit einer großen freien Treppe und einem weiten Flugdach, man nennt das Gebäude scherzhaft „Taj Mahal“.

Als wir zur Aufführung die Einladung bekommen haben, waren wir zugegebenermaßen sehr skeptisch, ist urbanes Theater doch auch immer so experimentell, da beschleicht einen dann doch die Angst, am Ende nichts zu verstehen. Vom Sinn her und der Akustik wegen.

Und es ist wahr, der „Taj Mahal“ ist, obwohl er mit seiner großen Treppe eine wirklich tolle Bühne bietet, nicht für Theater gemacht und unterstützt die Akustik der ohne Mikrophon sprechenden Schauspieler kaum. Dennoch sind wir überrascht: Wir stehen in einem der belebtesten Viertel Kölns, hören Autos, Sirenen, spielende Kinder, Helikopter, einen vorbeiziehenden Junggesellinnenabschied, einen wild umher laufenden Mann mit Flip-Flops, die Geräusche der Großstadt eben. Und doch schaffen es die Schauspieler sehr schnell uns diese Geräusche vergessen und uns auf das Stück konzentrieren zu lassen. Das Publikum, das sich mit Sitzdecken, Campingstühlen, Snacks und Getränken für diesen Theaterabend vorbildlich eingedeckt hat, ist nach kurzem anfänglichen Getöse still und aufmerksam. Die Schauspieler schaffen es tatsächlich, den gesamten Platz mit ihren Stimmen zu erreichen, sodass wir getrost attestieren können: keine professionelle Theaterausstattung nötig, das funktioniert auch so, und zwar perfekt, denn nach kurzer Zeit wird uns etwas klar: Das Stück und seine Message passen wie zwei fehlende Teile in das große, bunte und multikulturelle Nippes-Puzzle. Die Gruppe selbst nennt Nippes „ein Veedel mit Charakter“, in dem so viele unterschiedliche Menschen verschiedener Nationen leben und arbeiten, dass es für sie zum idealen Spielort wird. Ziel des Projekts ist es zuerst, „viele Menschen zu erreichen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Besonders Menschen, die vielleicht sonst eher Berührungsängste haben, wenn es um Theater geht.“ Das ist auch der Grund, weshalb der Wilhelmplatz nicht abgesperrt ist, es gibt keine Einlasskontrollen, denn alles ist umsonst, jeder ist herzlich willkommen. Und diese Einladung nehmen viele Leute an, auch, wenn nicht alle direkt verstehen, was passiert. So werden wir beispielsweise vor Beginn des Stückes von einer netten Gruppe Studenten gefragt, ob man denn hier Fußball übertragen würde.

Katzelmacher – JETZT!
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Und so wird dieser Ort, der Wilhelmplatz mit seinem „Taj Mahal“, auf dem, hoch über allem, das Graffito „Nippes Nazifrei“ thront, zum perfekten Spielort für Fassbinders Katzelmacher. Doch wie ist es denn nun, das Stück?

Tatsächlich erklären Fassbinders eingangs zitierte Worte die Handlung sehr klar. Eine Gruppe von alteingesessenen Süddeutschen in ihrem tristen Alltag trifft auf einen Gastarbeiter aus Griechenland, der in der hiesigen Fabrik für Wundertüten als Arbeitskraft angestellt wird. Die Frauen finden ihn irgendwie alle sexy, die Männer entwickeln Neider, sodass bei dieser Konfliktsituation natürlich nur eine Lösung möglich ist: Der Ausländer muss weg, ohne vorher wirklich mit ihm zu reden.

Auf der Bühne sehen wir Julia Beerhold als Marie, Doris Plenert als Elisabeth, Klaus Wildermuth in der Rolle des Bruno, Petra Kalkutschke spielt Gunda, Christian Ingomar ist Paul, Thomas Fehlen gibt den Erich, Antje Mairich die Helga und Adrian Ils verkörpert Franz. Auf den Charakter der Ingrid, die in Fassbinders Vorlage irgendwie immer nur Schlagerstar werden will und sowieso nicht wirklich in die Handlung passt (zumindest haben wir das bei der Lektüre nicht wirklich durchblickt) verzichtet das Ensemble dankenswerterweise. Unterstützt wird das Schauspiel auf der Bühne durch einen neben der Bühne stehenden Chor, der das Stück durch Schlager und hin und wieder uns von rechten Demos bekannte Hetzsprüche untermalt und kommentiert. Hierzu später mehr.

Überraschend ist die Besetzung des südländischen Griechen Jorgos mit dem Schauspieler Volker Büdts, tatsächlich blond und blauäugig. Ohne hier zu viel Bezug auf (hoffentlich!) längst vergangene Schönheitsideale für den Mann zu nehmen, deuten wir diese Besetzung nicht als schlampig gecastet, sondern sehen bereits darin eine Aussage, die uns Zuschauern den Spiegel vorhalten soll. Spätestens wenn der Chor einige Zeilen aus Udo Jürgens‘ All-Time-Klassiker „Griechischer Wein“ anstimmt, in denen es heißt, dass da Männer saßen „mit braunen Augen und schwarzem Haar“, fällt der Groschen. Wie selbstverständlich gehen wir davon aus, dass Südländer doch alle schwarze Haare haben und braune Augen, ein blonder Grieche? Das kommt uns vorerst nicht in den Sinn. Man fühlt sich ertappt, gibt es doch sicherlich auch blonde Menschen in Griechenland, rothaarige in Italien oder welche mit braunem Haar in der Türkei. Wir denken in Schemata, die es zu durchbrechen gilt, anhand von Aussehen macht man noch lange keine Nationalität oder gar Mentalität fest, ein Problem, das sich – der Blick in die Tageszeitungen macht es deutlich – quer durch die Gesellschaft, auch über deutsche Grenzen hinauszieht.

Katzelmacher – JETZT!
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Klug spielt Fassbinder mit allen Klischees, die seine süddeutsche Hillbilly-Szene zu bieten hat: Die Gruppe, die Jorgos als „Fremdarbeiter“ und nicht als „Gastarbeiter“ bezeichnet, geht bei ihm, der sich nur mit gebrochenem Deutsch und ständig wiederholtem „Nix verstehen“ über Wasser halten kann, zuerst davon aus, er sei ein Italiener. „Ein Ithaker“, sagt Erich irgendwann, was etymologisch so, wie es Fassbinder schreibt, ein falsches Wort ist. Erich meint sicherlich Itaker, eine zur Zeit des Zweiten Weltkriegs gebräuchliche Form, von italienischen Kameraden zu sprechen, was dann im Laufe der Nachkriegszeit zu einer eher abwertenden Bezeichnung für die italienischen Gastarbeiter wurde. Das stumme -h- im Wort erinnert uns an die Insel Ithaka, in, natürlich, Griechenland.

Es erwarten uns absehbare Dynamiken. Gunda, die bei ihm abblitzt entwickelt eine Wut auf ihn und setzt das Gerücht in die Welt, Jorgos habe sie vergewaltigt, was natürlich miese Stimmung gegen ihn macht und die Männer des Dorfes dazu veranlasst, Pläne zu schmieden, die fernab jeder Menschlichkeit sind, die Rede hier ist von Kastration, Verstümmelung und Mord. Für den Aktualitätsbezug in dieser Szene sorgt der Chor, der uns durch wiederholtes Rufen der rhetorischen Frage „Wo, wo, wo wart ihr Silvester?“ an die Demonstrationen der Rechten in Köln erinnern, die bei ihrer Argumentation für eine pauschale Verdächtigung aller Ausländer für jedwede Straftaten immer an die Vorkommnisse der sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht von 2015 / 2016 erinnern. Dass das vollkommender Humbug ist, das wissen wir als aufgeklärte Bürger. Dass solche Demonstrationen aber immer noch stattfinden und von dieser Seite noch immer so oberflächlich argumentiert wird, zeigt, dass noch viel Arbeit vor uns liegt.

Sätze von ähnlicher Qualität liefert Fassbinder selber auch in seiner Vorlage. „Dass eine Ordnung wiederkehrt!“ oder „Eine Ordnung muss wieder her!“ wird von den Dorfbewohnern gefordert, was nun mal sehr deutlich macht, wie labil ihr System ist, wenn nur ein einziger Gastarbeiter kommt, der ja nur Geld verdienen will für seine Frau und Kinder in Griechenland und für die Deutschen direkt eine ganze Ordnung zusammenbricht. Diese Parolen werden von den Schauspielern, eben auch wie auf einer Demo, mehrfach im Chor gerufen und abschließend durch ein lautes, quietschiges „Genau!“ durch ein Megaphon abgerundet, laut und bedrohlich.

Katzelmacher – JETZT!
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Spielerisch ist die Inszenierung sehr simpel gehalten, sicherlich ganz im Sinne Fassbinders. Die Charaktere stehen auf den Stufen verteilt, einige höher, andere tiefer. Jorgos steht sehr häufig unten, hier wird visuell mit dem Status gespielt, soviel sei verraten, Jorgos schafft es im Laufe des Stückes kaum, seinen Status zu erhöhen, gegen die Xenophobie in diesem Dorf kommt er nicht an. Nur in einer Szene, in der alle in der Kirche beten, sind die Charaktere nur auf zwei Ebenen verteilt. Vor Gott sind dann wohl alle gleich. Und auch hier spielt Fassbinder wieder mit Klischees, die die Truppe klug aufgreift. Helga und Gunda vermuten nämlich, dass Jorgos gar kein Christ ist, das sagen sie so und machen damit deutlich, dass ihnen der Blick über den Tellerrand nicht gelungen ist. Griechen sind natürlich in erster Linie ebenfalls Christen, was das Stück dadurch deutlich macht, dass Jorgos sich vor dem Gebet ebenfalls bekreuzigt und danach noch seine Hand küsst, was besonders in südlichen Regionen ein Zeichen dafür ist, das Kreuz des Rosenkranzes nach dem Gebet zu küssen.

Auch Szenenwechsel werden simplifiziert, es gibt keine Auf- und Abgänge, das Stück kann quasi mit dem stetig auf der Bühne bleibenden Ensemble in einem Rutsch weggespielt werden. Auch das ist nur konsequent, liest man Fassbinders Grundlage, hier folgt nämlich eine Szene auf die nächste, Wechsel hinter die Bühne wären unangebracht und störend.

Auch die Kostüme sprechen deutlich von Kontrasten. Die Frauen tragen Bluse, Blazer und Rock, die Männer Latzhosen. Es bedarf keiner ausführlichen Darstellungen, welche Rollen hier verteilt werden. Auch farblich sehen wir deutliche Differenzen: Während das deutsche Hinterwäldlerkollektiv die Farben rot, grün und blau in ihren Kostümen findet, ist Jorgos der einzige Charakter auf der Bühne, der eine gelbe Latzhose trägt. Die Farbmetaphorik selber durchblicken wir allerdings nicht.

Was also hat uns Die Fette Vivienne da serviert? Auf jeden Fall einen tollen und kurzweiligen Theaterabend im urbanen Kleid, viel Stoff zum Nachdenken und die Message, dass noch viel zu tun ist in einer Welt, in der es noch zu viel Konfrontation gibt. Denn darum geht’s beim Katzelmacher. Um Konfrontation. Und das wird deutlich durch ganz wenig. Es braucht kein fettes Bühnenbild, keine dicke Soundanlage oder ein breites Spektrum an Bühne oder Kostümen. Es braucht sorgfältig gespielte Dialoge und glaubwürdige Charaktere um die Spannungen deutlich zu machen, die Fassbinder in den 60ern sah und die heute noch so aktuell sind wie bei der Uraufführung. Das Dorf in Fassbinders Stück ist nur ein Experimentierraum, ein Laboratorium, ein Feldversuch für eine Situation, wie sie in der Welt millionenfach passiert, jetzt gerade im Moment.

Und auch Jorgos hat seine Ressentiments. Als Elisabeth ihm sagt, sie stelle einen neuen Gastarbeiter aus der Türkei ein, reagiert Jorgos echauffiert: „Turkisch nix. Jorgos und Turkisch nix zusammenarbeit. Jorgos gehen andere Stadt.“ Soviel Geschichte muss sein: Griechen und Türken sind seit langer Zeit Erzfeinde, das geht über fünfhundert Jahre zurück, damals, als das Osmanische Reich das damals griechische Konstantinopel, heute Istanbul, eroberte und hält lange an. Eine griechische Invasion nach dem Ersten Weltkrieg, die die Türkei erfolgreich abwehrte, wurde sogar Teil des Gründungsmythos des 1922 von Mustafa Kemal Atatürk gegründeten Staats.

Katzelmacher – JETZT!
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Mit einem über einen türkischen Kollegen erbsosten und darauf das Weite suchenden Jorgos endet das Stück. Jorgos, der seine Zeit in Deutschland über starke Ausgrenzung erfahren musste, hat selber etwas gegen ein anderes Land. Und das zeigt, wie kompliziert das alles ist, mit dem Sich-Vertragen. Manche Konfrontationen sind tief in der Geschichte verankert, manche sind sehr aktuell und entstehen nur durch Scheuklappendenken, viele aus Angst oder Wohlstandsneid. Die Gründe sind zahlreich und komplizierte Konflikte löst man nicht im Handumdrehen. Aber man kann klein anfangen: Theater machen vielleicht, alle Kulturen miteinander versammeln und das Gespräch beginnen. Und vielleicht merken wir es ja dann irgendwann mal, dass wir alle gar nicht so verschieden sind. Vielen Dank, Fette Vivienne für diesen ersten Versuch!

Aktuell sind die Vorstellungen abgespielt, aber das soll es nicht gewesen sein: Der Katzelmacher soll touren! Es bedarf nicht viel, um dieses Stück aufzuführen, eine große freie Treppe reicht schon. Wenn Ihr eine Möglichkeit seht, das Stück an einem passenden Ort aufzuführen oder Open Air Theaterfestivals kennt, bei denen Ihr denkt, das Stück passt, kontaktiert die Gruppe und helft dabei, dass diese Produktion mit ihrem simplen Aufbau und doch so komplexen Thema die Runde macht. Wir drücken die Daumen!

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