Augustportrait: „Macbeth kann ich auch in 20 Jahren noch spielen.“, Schauspieler Kilian Ponert

Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)
Beitragsbild: Alexander Hörber

Schauspieler, das sind diese Menschen, die berühmt sind, viel Geld verdienen, die roten Teppiche dieser Welt erobern und in der Traumfabrik Hollywood arbeiten. Und: Schauspieler, das sind diese Menschen, die sich von Job zu Job hangeln, am Hungertuch nagen und versuchen, ihre Existenz zu sichern. Vom einen zum anderen Extrem gibt es eine Menge Klischees über den (Traum)Beruf Schauspieler. Das Spannende an diesem Berufsfeld ist, dass auch diese Menschen einfach nur einem Job nachgehen, so wie Bauarbeiter, Friseure oder Kaufleute. Doch wie ist es, wenn man das Hobby zum Beruf macht? Wenn man den Traumberuf ausübt, dafür aber auch mal weiter weg von der Familie leben muss? Und warum können Schauspieler gerade von Kindern viel dazu lernen? Kilian Ponert, zuletzt Schauspieler am Schauspielhaus Düsseldorf, zukünftig als freier Schauspieler unterwegs, stand uns für einen lockeren Plausch bei einem Bier zur Verfügung und berichtet uns aus dem Schauspielalltag.

Kilian, Baujahr 1990, ist ein entspannter Typ. Er hat Visionen, er hat Spaß am Theater und er ist ein Familienmensch. Kilian kommt aus Ostdeutschland, genauer aus Sachsen. Wichtig ist das nicht, denn wenn man ihn auf der Bühne sieht spricht er astreines Hochdeutsch, doch gerade beim Plaudern sächselt es immer wieder. Das ist sympathisch, denn so merkt man schnell, dass Kilian sich nicht verstellt, er ist er, oftmals auch auf der Bühne.

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„Es war mit vier Jahren […], ich habe irgendeinen dummen Witz gemacht und alle haben angefangen zu lachen.“ (Foto: Thomas Rabsch)

Angefangen hat für Kilian alles in seinem Heimatort, im Kindergarten. „Es war mit vier Jahren, da ist Ralf im Kindergarten hingefallen und hat sich am Knie wehgetan. Alle Kinder haben geheult, weil Ralf sich wehgetan hat, und ich habe irgendeinen dummen Witz gemacht und dann haben alle angefangen zu lachen. Sicherlich habe ich damals noch nicht mit dem Weitblick daran gedacht, aber mich hat diese Situation nicht losgelassen, dass ich es cool fände mit so etwas durchs Leben zu kommen.“ Mit zwölf hat Kilian dann an einem Jugendclub teilgenommen. Schmunzelnd berichtet Kilian, dass seine Mutter Zweifel hatte, ob es klappt mit dem Schauspieler werden. Dennoch muss es Schicksal gewesen sein, dass ausgerechnet eine Kollegin von Kilians Mutter in einer Theatergruppe gespielt hat und ihn ebenfalls eingeladen hat. Und noch heute unterstützt Kilians Mutter ihn sehr und weiß zum Teil mehr über seine Aufführungen als er selbst. Sie ist auch schon einige hundert Kilometer gefahren, um ihn beispielsweise in Berlin oder eben in Düsseldorf zu besuchen und Stücke mit ihm anzusehen.

Rückblickend gibt Kilian zu, dass er sich sehr blauäugig in die Sache gestürzt hat, das findet er aber gar nicht schlimm, denn er findet, dass viel zu viele Gruselgeschichten über den Schauspielberuf kursieren. Dass es solche Szenarien gibt, wo man an Schulen nach Zwischenprüfungen aussortiert wird oder sich mehrere hundert Bewerber auf acht bis zehn Studienplätze bewerben, will er nicht abstreiten, doch man soll sich nicht entmutigen lassen und es einfach versuchen. Sein Weg nach Düsseldorf führte über Berlin, wo er insgesamt sieben Jahre verbracht hat. Vier Jahre studierte er in Berlin an der „Ernst Busch Schauspielschule“ und drei Jahre spielte er am Grips-Theater. Stefan Fischer-Fels, damals ebenfalls am Grips-Theater und heute Leiter des Jungen Schauspielhauses in Düsseldorf, hat Kilian damals angeboten mitzukommen, als sein Wechsel feststand und so hat es ihn ins Rheinland verschlagen. Doch seine Wurzeln vergisst er trotzdem nicht. Noch heute ist er oft in Berlin, da dort viele seiner Freunde leben. Auch nach Steinbach, seinem Heimatort, versucht er so oft wie möglich zu kommen. Trotz seines Berufs möchte Kilian immer die Waage zwischen Beruf, Freunden und Familie halten, was bedeutet, dass er viel unterwegs ist. Im Gespräch spürt man, dass ihm gerade seine Familie am Herzen liegt und deshalb endete kürzlich auch seine Zeit am Jungen Schauspielhaus. „Deshalb gehe ich aus Düsseldorf weg, weil ich so weit von der Familie weg bin und das mag ich nicht.“ Dennoch muss Kilian schmunzeln, als ich ihn auf sein erstes Projekt anspreche, denn das ist in Oberhausen, also doch wieder in NRW. Trotzdem soll seine „Zentrale“ künftig in Halle liegen und die Vorfreude ist spürbar: „Das wird ganz spannend.“, sagt er und lacht dabei.

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„Und es gibt noch die Seite, wo man selbst sein Ding machen kann und genau das will ich ausprobieren.“ (Foto: Thomas Rabsch)

Angst, dass etwas schiefgehen könne, hat Kilian nicht. Er hängt sehr an der Schauspielerei, die er auch weiterhin betreiben möchte, doch er möchte sein Wissen auch weitergeben, Projekte machen und vor allem mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten. „Es gibt vom Theaterberuf noch eine ganz andere Seite. Es gibt die Seite des Festengagements, wo du viel spielst, gut spielst, geile Leute um dich herum hast, geile Bühnenbilder, wo du dich um nichts kümmern musst und einfach spielen kannst. Und es gibt noch die Seite, wo man selbst sein Ding machen kann und genau das will ich ausprobieren.“

Dass Kilian sich ausprobieren will und dass ihm die Arbeit mit jungen Menschen Spaß bereitet, hat er kürzlich beim Projekt Future (t)here erlebt, ein internationaler Austausch mit Schülerinnen und Schülern aus Düsseldorf, Mumbai und Kolkata (ehemals Kalkutta). Insgesamt vier Tage hat Kilian mit den Kindern zusammengearbeitet und ihnen die Theaterwelt gezeigt. Als ein Junge plötzlich in Tränen ausbrach und Kilian offenlegte, wie sehr er sich freue, akzeptiert zu werden und auch Fehler machen zu dürfen, und eben nicht unter dem heimischen Zwang und der ständigen Beobachtung der Familie zu leben, bricht es ihm fast das Herz. Es zeigt, dass Theater etwas bewegen kann und Theater den Raum bietet, sich frei zu fühlen. Und das ist der Antrieb, den Kilian braucht, zu sehen, dass er etwas bewegen kann.

Doch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsenen können auch kritisch und schwierig sein, aber das stört ihn nicht, im Gegenteil: „Im Theaterrahmen hat man einen ganz anderen Zugang zu den Kids. Manchmal muss man auf der Bühne erst 15 Minuten ackern, um die Kids von sich zu überzeugen, aber wenn das funktioniert und du sie packst, ist es einfach nur geil!“ Kinder sind das ehrlichste Publikum, sie testen Grenzen aus. „Anfangs ist es manchmal störend, aber immer wieder spannend. Ich möchte es nicht missen, für Kinder und Jugendliche zu spielen.“ Eine besondere Erfahrung hat Kilian während einer seiner letzten Auftritte bei Paradies (sehr zu empfehlen!), von Lutz Hübner und Sarah Nemitz (Regie: Mina Salehpour) am Jungen Schauspiel gemacht: schon vor der Aufführung randalierten die Jugendlichen draußen, sie haben rumgebrüllt und dafür gesorgt, dass die Alarmanlagen an den Autos angehen. „Das konnten wir bis in die Maske hören.“ Für viele Schauspieler wahrscheinlich der blanke Horror, doch nicht für Kilian, er wolle lieber verstehen warum die Jugendlichen so sind, wie sie sind. Am Ende dauerte das Nachgespräch sogar so lange wie das eigentliche Stück, doch es sei wertvoll und hilfreich gewesen. Paradies ist ein Stück, das im Kopf eines jungen Mannes spielt, der kurz vor seinem Mordanschlag steht. Sein Weg in diese Situation, der von extremen Menschen beeinflusst wird, wird inszeniert, dabei befasst er sich mit Erinnerungen an die Familie und den eigenen Glauben. Themen, die genauso eindeutig, wie extrem dargestellt werden und somit polarisieren. Umso wichtiger findet Kilian den Austausch.

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„Ich könnte jetzt nicht sagen, dass ich mal Macbeth spielen will […], das kann ich in 20 Jahren mal machen.“ (Foto: Martina Lebert)

Auf die Frage ob er eine Traumrolle habe, kennt Kilian schnell die Antwort: „Ich könnte jetzt nicht sagen, dass ich mal Macbeth spielen will […], das kann ich in 20 Jahren mal machen.“ Viel wichtiger ist ihm, mit wem er zusammenarbeitet. Wenn die Chemie und das Zwischenmenschliche stimmen, dann könne er sich auch besser in verschiedene Rollen reinversetzen. Außerdem wolle er sich ausprobieren, den Rollen seine Interpretation verleihen, das ist das einzige, was ihm am Schauspiel wichtig ist, dass man ihm den Raum gibt sich selbst zu entfalten. Dass das nicht immer geht, ist Kilian auch bewusst, doch gerade deshalb schätzt er das Kinder- und Jugendtheater so, denn da ist man in der Arbeit oftmals freier.

Leider, so Kilian, gebe es aber immer noch Leute, die sich vom Kinder- und Jugendtheaterbereich distanzieren, dieses als Theater zweiter Klasse oder das Ende der Nahrungskette ansehen. „Absurd“, so sein eindeutiges Urteil. „Nirgendwo kannst du das Publikum besser erreichen als bei Kindern und Jugendlichen, da sie auch auf dich reagieren.“ Trotzdem gibt es ein großes Problem heutzutage: die modernen Medien. Gegen Amazon Prime, Netflix und Co. kommt das Theater nur schwer an und hier sieht Kilian es als notwendig an, dass sich etwas tun müsse, doch dem Ganzen blickt er optimistisch entgegen, Strukturen müssen sich eben ab und zu ändern und er wird versuchen seinen Teil dazu beizutragen, damit auch das Junge Publikum wieder den Weg in die Theater findet. Dies ist auch ein Grund, warum er gerne frei arbeiten möchte, so kann er nicht nur dem Schauspiel nachgehen, sondern auch viel mehr in Schulen gehen, um dort sein Wissen zu vermitteln und den jungen Menschen so das Theater nah bringen. Theater zum Anfassen, wenn man so will.

Schmunzeln muss ich bei unserem Gespräch, als es heißt, dass in den Nachgesprächen auch oft gefragt würde, welchen Beruf die Darsteller ausüben, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das Klischee der brotlosen Kunst hält sich also hartnäckig, doch Kilian ist froh, Schauspieler zu sein. Auch zu dem Kommentar, dass die Branche nicht einfach sei, hat Kilian eine klare Meinung: „Arschlöcher gibt es auch viele, aber das ist doch in jedem Job so und im Theater probst und spielst du zum Teil nur sechs bis acht Wochen mit den Leuten und wenn du dann keinen Bock hast in Kontakt zu bleiben, dann musst du das auch nicht.“ Während des Gesprächs merke ich immer wieder, dass die Vorurteile über die Schauspielbranche nach wie vor existieren, doch man sollte sich von diesen nicht abschrecken lassen.

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Kilian privat, auch dort ist er gerne aktiv (Foto: Janina Reinsbach)

Abschreckend hingegen empfindet Kilian die Politik, die einige Theater bei ihren Preisen fahren. „Theater ist kein Luxus, sondern ein Grundrecht.“, so seine Meinung. „Das Theater kostet teilweise schon so viel wie ein Kinobesuch für eine Familie mit Popcorn, Getränken und Eis, es kann nicht sein, dass eine vierköpfige Familie 60, 70 Euro für einen Theaterbesuch bezahlen muss oder Theater anfangen, die Schüler- und Studentenpreise zu erhöhen.“ Wie früher in diesem Portrait erwähnt, sind die Theater mit den modernen Medien konfrontiert und müssen dagegen ankommen, das Theater muss für Schulen und junge Leute wieder attraktiver werden, doch so gehe es nicht. „Dann hat das Theater eben keinen Samtvorhang aus Italien, sondern einen billigen, das interessiert doch eh keinen.“ Eine klare Meinung zum Thema und aus Düsseldorf weiß er, dass es auch Subventionierungen durch die Stadt gibt, so gewinnt am Ende des Tages jeder: die jungen Zuschauer durch günstigere Ticketpreise und das Theater hat keine Einbußen durch wegfallende Einnahmen.

Nach dem einstündigen Treffen bin ich fasziniert. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann, nur wenig älter als ich selbst, der seinen Traum des Schauspielberufs lebt. Ganz ohne roten Teppich, dafür mit klaren Vorstellungen und Meinungen zu vielen Themen. Und dennoch reizt ihn auch das Fernsehgeschäft, Rollen in Serien oder Filmen, doch dem Theater möchte er treu bleiben. Nur Werbung möchte er nach Möglichkeit nicht machen, denn er könne schließlich nicht auf der Bühne stehen und Kindern und Jugendlichen wichtige Werte vermitteln, um dann die Konsumgesellschaft anzuheizen, auch weil er seinen jüngeren Geschwistern lieber auf der Bühne sein Können zeigt als in der Werbung.

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„Theater ist kein Luxus, sondern ein Grundrecht!“ (Foto: Thomas Rabsch)

Ob Kilian mit seiner Einstellung weit kommt oder nicht, das weiß er nicht und das weiß ich nicht, doch Kilian ist offen für Herausforderungen und Projekte und er ist offen der Welt gegenüber und das macht ihn sympathisch. Er ist gleichzeitig ein Familienmensch, mit Bodenhaftung und wenn er dann in einem Projekt mitarbeitet, dann entwickelt er auch klare Vorstellungen. Das ist spannend und das möchten auch wir versuchen weiter zu verfolgen. Die Möglichkeit dazu haben wir alle, wenn sein nächstes Projekt am 05. Oktober in Oberhausen Premiere feiert, eine Inszenierung von Federico García Lorcas Bernada Albas Haus. Wir versuchen da zu sein und werden anschließend natürlich auch darüber berichten.

Wenn ihr auch einen coolen Theatermenschen kennt, der hier porträtiert werden sollte, zögert nicht, uns anzuschreiben: kontakt@theaterwg.de

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