Ein Stück, das auf den Nägeln brennt: Biedermann und die Brandstifter am RLT

Beitragsbild: Björn Hickmann / Stage Picture
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

„Wie blöd kann der eigentlich sein?“ – Dieser Gedanke geistert durch den Kopf, wenn man die Geschichte von Gottlieb Biedermann, dem Protagonisten aus Max Frischs Schauspielklassiker Biedermann und die Brandstifter aus dem Jahr 1958 hört.

Stellen Sie sich vor, Sie sind wohlhabender Geschäftsmann und sitzen eines Abends gemütlich in Ihrem Sessel. Sie lesen in der Zeitung, dass es wieder einmal in der unmittelbaren Nachbarschaft zu Brandstiftungen gekommen ist und die Polizei noch immer ohne Erfolg nach den Verantwortlichen fahndet. Sie selber halten deshalb Ihrer Frau Babette und Ihrem Dienstmädchen Anna ständig Vorträge darüber, wie unsicher diese Welt geworden ist und dass man aufpassen muss, wem man noch über den Weg traut. Plötzlich klingelt es an der Tür und ein Obdachloser, der sich als ein ehemaliger Ringer namens Schmitz ausgibt, bittet um ein Dach über dem Kopf. Sie bitten ihn herein, servieren ihm Speisen und Ihren besten Wein, geben ihm einen Platz zum schlafen auf Ihrem Dachboden, sagen sich aber, dass Sie ihn sogleich am nächsten Tag wieder bitten, zu gehen. Doch das tun Sie nicht. Während weiterhin die Gefahr freilaufender Brandstifter Sie beunruhigt, hören Sie auf dem Dachboden lautes Gepolter. Und mehr noch: mittlerweile hat sich ein zweiter Obdachloser, Eisenring, bei Ihnen eingefunden. Gerade dieser macht keinen Hehl daraus, dass das Gepolter von unzähligen Fässern kommt, die Benzin beinhalten. Auch erklärt Eisenring Ihnen, dass er seine Zündkapsel verlegt hat, dass Holzwolle wunderbares Brennmaterial ist und bittet Sie kurz darauf, ihm bei der Ausmessung Ihrer Stube mit der Knallzündschnur zur Hand zu gehen. Spätestens, wenn Schmitz und Eisenring Ihnen erzählen, dass sie leider nicht mehr in ihren alten Berufen arbeiten konnten, weil entsprechende Etablissements abgebrannt sind, ja spätestens dann würden Sie doch zum Hörer greifen und die 110 wählen? Was aber macht Biedermann? Er trinkt mit Schmitz und Eisenring auf Freundschaft.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Picture; Stefan Schleue (Gottlieb Biedermann)

Biedermann und die Brandstifter ist seit je her fest verankert im Lektürekanon an deutschen Schulen, fast jeder kennt das „Lehrstück ohne Lehre“, wie es der schweizer Autor selber untertitelt und doch brauchen wir alle sicherlich einen kleinen Tritt, um zu bemerken, wie aktuell und zeitlos der Stoff um Biedermann, Babette und Brandstifter ist.

Diesen Tritt wagt das Rheinische Landestheater Neuss (RLT) in seiner neuen Spielzeit unter der Intendanz von Reinar Ortmann, der sich zugleich als Regisseur dieser Inszenierung verantwortlich zeigt. Wir waren gestern zu Besuch auf der Premiere des Stückes und können verraten, ob die Neusser alles richtig gemacht haben.

Biedermann und die Brandstifter jagt jedem Bühnenbildner bei der Erstlektüre sicherlich einen kalten Schauer über den Rücken. Frisch verlangt doch glatt mehrere Ebenen. Während Biedermann in seiner Stube wohnt, müssen Schmitz, Eisenring und mehrere Benzinfässer auf einen Dachboden untergebracht werden, der optisch und im Idealfall auch räumlich von Biedermanns Wohnzimmer abgetrennt sein soll. Da die Neusser es bisher immer geschafft haben, jede Bühnenherausforderung auf ihrer vergleichsweise kleinen Spielfläche zu meistern, waren wir auch bei Frischs Anforderungen nicht beunruhigt und sollten bei Betrachtung des Bühnenbildes recht behalten. Ganz dem Regiestile Ortmanns in die Hände spielend, handelt es sich um ein sehr stilisiertes und reduziertes Bühnenbild. David Kreuzberg, eigentlich Technischer Leiter und Beleuchtungsmeister am RLT ist bei Biedermann und Brandstifter für das Bühnenbild verantwortlich und debütiert mit einem auf metallenen Stelzen stehenden begehbaren Holzquader, dessen vordere Front offen ist. Die linke Seite ist ebenfalls nicht abgedeckt, die rechte schon. Auch die hintere Fläche ist geschlossen, beinhaltet aber auf der rechten Seite eine Tür. Zudem findet sich auf dem Boden eine klappbare Falltür, die die Schauspieler nutzen können, um in den Bereich zu kommen, in dem das Quader von den Stelzen getragen wird. Dieser stellt den Keller dar. Wo der Frisch-Fan sich nun fragt, was der Keller sein soll, antwortet das RLT mit seinem Erfindergeist, denn die Neusser verzichten auf den Dachboden und nisten die Brandstifter lieber in den Keller. Das ist nicht nur einfacher und sicherlich auch kostengünstiger als der Ausbau eines Dachbodens, es liefert auch eine hübsche Interpretation, unterwandern die Brandstifter Biedermann doch auf diese Art sogar wortwörtlich. Auch die Ausstattung ist sehr reduziert. Es finden sich zwei Stühle, dazwischen ein Aschenbecher und auf dem Boden stehend eine Flasche Wein. An der vorderen rechten Ecke findet sich noch eine Pflanze, deren Notwendigkeit wir nicht erkannt haben.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Picture; Johanna Freyja Iacono-Sembritzki (Anna), Stefan Schleue (Gottlieb Biedermann), Richard Lingscheidt (Schmitz)

Neben dem Lob für diese wirklich stylische Schlichtheit und die geniale Idee des Kellers, müssen wir bei diesem Gebilde aber auch ein bisschen meckern: Wir wissen nicht, ob die beiden senkrecht an der Vorderseite angebrachten Säulen der Stabilität dienen, hätten sie uns aber bei einigen Sequenzen im Stück weggewünscht, denn je nach Perspektive, Sitz im Auditorium und Standort des Schauspielers, sehen wir ihn schlicht nicht agieren. Dies ist gerade bei der Reduktion Ortmanns sehr schade, fokussiert dieser sich doch stark auf den Text und gibt den Schauspielern so die Möglichkeit, sich diesem voll hinzugeben, mit Mimik und Gestik zu arbeiten, was diese auch sehr frei ausnutzen. Da ist es schade, dass wir einen Teil dessen wegen zwei Holzbalken davor nicht miterleben konnten.

Der Minimalismus Ortmanns zieht sich bis in die Textauswahl. Der Regisseur beschließt, diesen auf das Relevanteste zu kürzen. Ob nun aus schlichtem Personalmangel oder als bewusste Stilfrage, wir wissen es nicht. Es ist uns aber auch egal, denn die Reduktion kann sich sehen lassen. So streichen die Neusser den von Max Frisch aus Feuerwehrmännern bestehend beschriebenen Chor und übertragen die Chorpassagen auf die Charaktere. So bekommt das Hausmädchen Anna, das in Frischs Original eigentlich nur eine marginale Rolle spielt, bei Ortmann kassandrische Fähigkeiten, weil sie durch die Chorpassagen bereits früher als alle anderen vorausahnt, was geschehen wird. Auch die Brandstifter selber übernehmen Chorpassagen, was Dramaturgin Marie Johannsen als „self-fulfilling prophecy“ beschreibt. Allerdings wissen wir nicht, ob es sich hierbei wirklich um einen gelungen Glücksgriff handelt, Feuerwehrleute auf die gleiche Ebene wie Brandstifter zu stellen. Zwar ist Presseberichten immer wieder zu entnehmen, dass ausgetickte Feuerwehrleute hin und wieder Brände legen, doch halten wir einen Großteil der Brandbekämpfer für Helden, die sich bei solchen Vergleichen vielleicht etwas zu sehr auf den Schlips getreten fühlen.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Picture; Richard Lingscheidt (Schmitz), Johanna Freyja Iacono-Sembritzki (Anna), Hergard Engert (Babette Biedermann), Stefan Schleue (Gottlieb Biedermann), Peter Waros (Eisenring)

Neben weiteren Streichungen von auch für uns während der Lektüre eher störenden Rollen wie einem Polizisten, einem Akademiker oder der Witwe eines ehemaligen Mitarbeiters Biedermanns, reduziert Ortmann auch beim Licht und beim Sound. Die Bühne ist, bis auf das Ende, durchgehend weiß beleuchtet, es wird mehr mit Licht und Schatten gespielt, als mit Farbe. Auch akustisch nehmen wir nicht viel wahr, auf Musik aus den Boxen wird vollkommen verzichtet. Wo in Frischs Original die erste Handlung darin besteht, dass sich Biedermann eine Zigarre anzündet und dabei vom Chor der Feuerwehrleute umringt verschämt feststellt, dass man nicht einmal rauchen kann, ohne an Feuersbrunst zu denken, übernimmt diese Aufgabe im RLT ein beim Brennen der Zigarre ertönender Rauchmelderalarm. Bis auf weitere Soundeffekte von Sirenen und den später explodierenden Gasometern, bleiben die Boxen an diesem Abend still.

Den Raum mit Klang zu füllen bleibt in der 70-minütigen Aufführung daher Aufgabe der Schauspieler. Ganz im Vordergrund steht da Stefan Schleue als Gottlieb Biedermann, der, dem Namen seiner Rolle in allen Ehren, sehr bieder im weißen, bis obenhin zugeknöpften Hemd samt ebenfalls weißem Anzug spielt. Schleue schafft es, dem Publikum den Zwiespalt der Rolle zwischen dem knallharten Geschäftsmann, der wahrhaftig über Leichen geht und dem später von der Angst vor den Brandstiftern zerfressenen Privatmann aufzuzeigen und lässt den Humor, den die Vorlage aller Widrigkeiten zum Trotz mitbringt, sehr warm aufblühen. Richard Lingscheidt fällt nicht nur wegen seines genialen Kostüms und seinen Armtattoos als mutmaßlich gefährlicher Brandstifter Schmitz auf, auch seine Art zu sprechen, diese Kombination aus rotzig-kriminell und straßenschlau-höflich zeigt, dass Lingscheidt sich über seinen Schmitz viele Gedanken gemacht hat. Peter Waros, seit dem Lebkuchenmann aus vergangener Spielzeit Neuzugang am RLT, zeigt uns einen düsteren Eisenring, der in seinem schwarzen Anzug, mehr als sein Brandstifterkollege, die Etikette wahren kann, die er zu seiner Kellnerzeit wohl gelernt hat, was Waros gekonnt in seine Sprache und sein Tun auf der Bühne legt und umsetzt. Bezeichnend ist, wie sehr die beiden es schaffen, die Hochstatus der Brandstifter durch die ganze Inszenierung zu ziehen, auch wenn sie, diese scherzhafte Bemerkung erlauben wir uns, im Keller untergebracht sind. Zudem müssen wir, die wir schon viele Profischauspieler gehört haben, die in ihrer Ausbildung das Fach Gesang geschwänzt zu haben scheinen, lobend auf die Gesangsstimmen Schleues, Lingscheidts und Waros‘ zu sprechen kommen, die uns einen wundervollen Fuchs Du hast die Gans Gestohlen-Moment beschert haben, wie Frisch ihn sich schöner nicht hätte ausdenken können. Die weiblichen Rollen um die bereits erwähnte Anna, gespielt von Johanna Freyja Iacono-Sembritzki und Biedermanns Frau Babette, gespielt von Hergard Engert, sind, das ist bereits der Vorlage Frischs geschuldet, etwas mager besetzt, Biedermann und die Brandstifter scheint ein von Biedermann, Schmitz und Eisenring getragenes Stück zu sein. Dennoch schaffen es Engert und besonders Iacono-Sembritzki, die durch die Übertragung der Chorpassagen auf Anna etwas mehr ins Zentrum gerückt wird, als von Frisch beabsichtigt, ihre Rollen voll auszuspielen und sich in das Gesamtbild der immer stärker werdenden Angst vor den Brandstiftern einzufügen.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Picture; Hergard Engert (Babette Biedermann), Peter Waros (Eisenring), Stefan Schleue (Gottlieb Biedermann), Richard Lingscheidt (Schmitz)

Wenn man sich also dafür entscheidet, eine Inszenierung nur auf den Text zu beschränken und hierbei auf sämtlichen technischen Schnickschnack zu verzichten, müssen Schauspiel und Bühne das Alleinstellungsmerkmal sein, das die Inszenierung ausmacht. Dies können wir der RLT-Version ohne zu zögern attestieren. Zu keiner Zeit entstehen Längen, auch, wenn man auf Effekthascherei aus den Boxen verzichtet. Die Schauspieler machen einen tollen Job und lassen das Lehrstück ohne Lehre sehr lebendig und mitreißend wirken, sodass Ortmann und sein Team einen schönen Einstand für uns in dieser Spielzeit gegeben haben, ist dies doch leider, Asche über unser Haupt, unsere erste Premiere, die wir besuchen können.

Am Ende bleibt aber noch eine Frage unbeantwortet, die wir am Anfang gestellt haben. Wie blöd kann der Biedermann sein? Sehr blöd, das hat der Leser sicherlich spätestens nach der Lektüre der Inhaltsangabe verstanden. Was würde der Leser aber nun denken, wenn wir ihm vorwerfen, dass er vielleicht genauso blöd ist? Man muss keinen Abschluss in deutscher Literatur haben, um zu verstehen, dass es sich bei Biedermann und die Brandstifter um ein Gleichnis, eine Parabel hält. Das Stück wurde ursprünglich als Warnung vor dem Kommunismus in der Tschechoslowakei, später als Warnung vor dem (wiederkehrenden) Nationalsozialismus interpretiert. Hellmuth Karasek stellt fest, Adolf Hitler habe in Mein Kampf nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er die Macht ergreifen wollte. Und trotzdem schien man damals alle Warnungen zu ignorieren und ihm und der NSDAP nahezu alle Wege zu ebnen.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Picture; Peter Waros (Eisenring)

Umso deutlicher ist es, dass sich das RLT hier richtig entschieden und das Stück auf den Spielplan geholt hat. Ohne es zu merken oder vielleicht wahrhaben zu wollen, holen wir uns jeden Tag mehr Brandstifter ins Haus, ignorieren den Benzingeruch und helfen beim Ausmessen der Knallzündschnur. Umfragewerte aus Brandenburg zeigen, dass die AfD mit 23% mit der regierenden SPD gleichzieht und die CDU, die bei 21% liegt, überholt. Wählertrends in der Bundespolitik will man sich bei diesen üblen Vorzeichen eigentlich gar nicht ansehen. Die Schriftstellerin Sibylle Berg ruft in ihrer Kolumne auf, dass wir mehr tun müssen, als auf die Straßen zu gehen und bei Twitter Bernd Höcke-Memes zu posten. Wir müssen in Parteien eintreten, diese entstauben und dem Rechtsruck Einhalt gebieten. Wir müssen die Brandstifter am Kragen packen und aus dem Haus werfen. Dieser Appell wurde gestern deutlich und dafür bedanken wir uns ganz herzlich beim RLT.

Wer sich die Inszenierung ebenfalls ansehen, dabei am besten all seine Freunde mitbringen und die politische Aktion starten will, kann sich glücklich schätzen, Biedermann und Brandstifter wird noch acht Mal gespielt. Weitere Infos findet Ihr auf der Website des Theaters.

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