Wasser, das trennt und verbindet: „Your Rain, My Rain“ von Port in Air

Beitragsbild: photos by portinair
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

Im vergangenen Jahr, der eine oder andere Leser wird sich erinnern, besuchten wir die englischsprachige Theatergruppe des Englischen Seminars der Universität Köln, Port in Air mit ihrer unangefochtenen und stets ausverkauften Produktion Fish in Styx. Auch wir konnten nur loben und besuchten die Vorstellungen des Stückes gleich mehrere Male, weil wir uns einfach nicht satt sehen konnten, an der eigenen Interpretation des Orpheus-Mythos, in welchem der gleichnamige Protagonist in die Unterwelt hinabsteigt um dort seine Frau Eurydike, die zuvor durch einen Schlangenbiss starb, unter der Bedingung, sich bei der Rückkehr an die Oberwelt nicht um zu drehen, zurück zu holen. Niemand, der dieses Stück gesehen hat, wird widersprechen, wenn wir hier noch einmal nachlegend behaupten: Das war ganz großes Theater made by Port in Air.

Umso gespannter waren wir nun auf den nächsten Streich, den uns die Theatergruppe um den Regisseur und Englischdozenten Richard Aczel am gestrigen Abend zur Premiere präsentierte. Auch wenn wir es als wichtig empfinden, der neuen Produktion eine eigene Bühne auf unserem Blog zu geben, werden wir zur besseren Greifbarkeit des Gesehenen nicht umhin kommen, Vergleiche zu Fish in Styx zu ziehen.

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photos by portinair

Das Szenario von Your Rain, My Rain ist sehr simpel: Wegen eines Regenschauers finden sich fremde Menschen unter einem Unterstand zusammen und kommen gemeinsam ins Gespräch: „And where are you from?“ ist da der Eisbrecher. Das durchgehende Thema, zumindest, Wortwitz, an der Oberfläche, ist Wasser. Die Gruppe beschreibt dies selber so: „Schon bald geht es um die Bedeutung von Wasser an sich: Geschichten, Mythen und Sagen aus der Heimat – Wasser als Quelle des Lebens, Grenze zwischen Völkern, Ursache von Kriegen, Mittel zur Folter oder einfach als Selbstverständlichkeit. Die Geschichten fließen ineinander und deuten immer wieder auf eine fremde Figur hin. Durch das Benennen des Anderen scheinen die Erzähler sich selbst und uns weniger fremd. Wann wird das Fremde heimisch? Und wann wird Heimkehr zur Flucht?“

Ein Thema also, das auf den ersten Blick sehr nüchtern klingt aber sehr schnell seine Vielseitigkeit preisgibt. Die Frage ist nur, ob Port in Air es geschafft haben, diese Vielseitigkeit auch wirkungsvoll in ihr 70-minütiges Stück zu packen.

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Das Bühnenbild ist da bereits vielversprechend. Mit von der Decke an dünnen Schnüren hängenden Drahtgittern, Rohren und Röhrenglocken bekommt die Bühne die Visualität eines stilisierten Fotos eines stillstehenden Regentages. Die Gitter, in verschiedenen Höhen angebracht und wellenförmig verbogen, muten an wie Regenwolken, die über den Köpfen der Darsteller schweben, die Rohre, Röhren und Glöckchen wie das daraus als Regen tropfendes Wasser. Es fällt uns schwer, uns an diesem durch eigentlich sehr simple Mittel entstandenen Bühnenbild satt zu sehen.

Auf den Inhalt des Gesehenen wollen wir, wie auch beim letzten Mal, nur ganz marginal eingehen. Dies ist der Konstruktion des Stückes geschuldet. Die Geschichten werden nicht durchgehend stringent erzählt, sie sind alle komplexe Puzzleteile, die sich mit dem Verlauf der Handlung zusammenführen, in einer Wechselwirkung von Abstrakt und Konkret und wir wollen jedem Zuschauer die Möglichkeit geben, selber zu einer Deutung zu kommen. Die Texte wirken teilweise autobiografisch, wir wollen uns aber gar nicht die Frage stellen, ob sie es wirklich sind, denn sie gehen bei weitem über die Grenzen des Wassers hinaus, nicht selten steht Wasser auch für Blut. Von ihrem Stil her tragen sie die klassische Handschrift von Port in Air, sie wirken poetisch und sind allesamt sehr rhythmisch und spielen der Spielweise der Gruppe damit in die Hände.

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Bezeichnend für Port in Air ist nämlich ihre Fähigkeit, sich Impulse zu geben und diese präzise anzunehmen, wie ein Uhrwerk greift hier jedes Sprach-Zahnrad in das nächste, was besonders bei den abwechselnd von mehreren Darstellern gesprochenen Texten oder den chorischen Elementen seine Wirkung nicht verfehlt.

Wermutstropfen dieser Art des Spiels, die fast wirkt wie ein Querschnitt durch die verschiedenen theatralen Sprechmöglichkeiten, ist der geschärfte Sinn, der dem Zuschauer da abverlangt wird. Er (oder sie) muss stets aufmerksam zuhören, um den teilweise versponnenen Geschichten, die sich die Spieler sprachlich wie einen Ball zuwerfen, folgen zu können. Erschwert wird dies manchmal durch die für die Inszenierung geschaffene Soundkulisse.

Denn auch akustisch zeigen Port in Air wieder theatrale Innovation. Oft sind es die simpelsten Methoden, die uns am meisten verzaubern. Viel länger noch als dargestellt hätten wir der Regeninstallation der Schauspieler lauschen können, die durch das simple, unkoordinierte und immer stärker ansteigende Erzeugen des „P“-Lauts durch jeden Spieler ihre Tropfgeräusche erhält. Neben dem eingangs erwähnten mehr als sehenswerten Bühnenbild, bieten die Gitter, Glocken und Röhren den Schauspielern auch die Möglichkeit, diese mit Stöcken und Hämmern anzuspielen und damit, wie Port in Air werben, „ eine polyphone Wasserwelt zwischen Ton, Bild und Bewegung“ zu schaffen. Mit den Röhren lassen sich verschiedene Stimmungen erzeugen, je nach dem, wie sie gespielt werden, ob sie schnell oder langsam angeschlagen werden und dabei ausklingen dürfen oder nicht. Diese hierdurch entstehende besagte Polyphonie ist zweifelsohne gegeben und sie stimmt auch größtenteils mit dem Gespielten und dem Gesprochenen überein, kollidiert aber auch hin und wieder unschön, sodass man durch manchmal gar kakophonisch klingendes Glockengeläut aus dem Träumen der Geschichten über Regen, Wasser und Blut, herausgerissen wird.

Schauspielerisch bietet das Ensemble eine solide Basis, die sich auf das ganze Ensemble ausdehnt. Eine große Palette an einzelnen Emotionen wird durch die Schauspieler nicht bedient, häufig wirkt das Spiel melancholisch bis aggressiv und passt sich den Texten des Autors an. Einzeln durch ihr Spiel herausbrechende Charaktere, wie wir dies beispielsweise in Fish in Styx bei Hades und Persephone oder beim Fährmann Charon erlebt haben, bietet Your Rain, My Rain nicht, was sicherlich auch der textlichen Grundlage geschuldet ist. Bei manchen der erzählten Geschichten hätten wir uns etwas mehr schauspielerische Tiefe gewünscht, manchmal wirkten sie sehr heruntergespult, ohne dabei die mögliche Empathie des Publikums zu bedienen. Auch die starke physische Dynamik, die uns letztes Jahr sehr begeistert hat, bleibt bei dieser Produktion aus, was nicht unbedingt klingen soll, als sei dies ein Manko. Mehr noch vermuten wir, ist das Kalkül, denn die Grundsituation der sich wegen des Regens unterstellenden Fremden blitzt immer wieder durch und da ist es einfach nur konsequent, das Spiel etwas statischer wirken zu lassen.

Schließlich kann man nicht abstreiten, dass sich Port in Air viele Gedanken gemacht und sich ein durchaus spannendes Thema ausgesucht haben. Wasser ist nicht nur das Element, das bei uns aus dem Hahn kommt. Wasser ist ganz eng verbunden mit dem Menschen, seiner Geschichte und seinen Geschichten. Es trennt Leute und bringt sie zusammen, wie es auch im Stück richtig geschlussfolgert wird. Es bietet Grund sowohl für persönliche Geschichten als auch politische Polarisierung. Und es steht, das ist uns gestern auch erst so wirklich bewusst geworden, für Heimat und Herkunft.

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photos by portinair

Die Umsetzung des Stückes ist, wie von der Gruppe gewohnt, visuell wie akustisch experimentierfreudig gelungen. Hin und wieder muss sich das Stück allerdings die Frage stellen, was es denn nun sein will: Eine Klanginstallation? Eine Performance? Sprechtheater? Alles zusammen? Die Grenzen hierzwischen sind noch holprig zu erkennen und sollten unserer Meinung nach noch etwas mehr und flüssiger verwischen, sodass sich die einzelnen Elemente nicht gegenseitig im Weg stehen und den Theatergenuss, der ansonsten, wie wir es von Port in Air gewohnt sind, hürdelos fließen kann, behindern.

Wer sich selber ein Bild über das neuste Werk von Port in Air machen will, findet weitere Infos zum Stück, Daten zu weiteren Aufführungen sowie die Möglichkeit zur Kartenreservierung auf der Website der Gruppe oder der Studiobühne Köln. Zwar sind die Aufführungen, die bis einschließlich zum 28. Oktober gehen, alle bereits ausverkauft, ein Gang an die Abendkasse lohnt sich aber allemal.

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