Meinungsrevolution bei UTOPIA – Wenn die Wolken so sind wie heute

Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)
Beitragsbild: Klaus Hoffmann

Revolution. Stagnation. Aktionismus. Wut. Haltung. Erfahrung. Position. Blindheit. Protest. Das sind die ersten Worte, die uns in den Sinn kommen, wenn wir an Wenn die Wolken so sind wie heute denken. Ein Stück der jungen Autorin Judith Martin, selbst geschrieben und gefüllt mit den Geschichten der jungen Darstellerinnen und Darsteller. Inszeniert wurde das Stück vom jungen Ensemble „Only ask Valery!“, unter der Leitung von Michael Stieleke, welches wir in den vergangenen Jahren immer wieder besucht haben. Nun führten sie ihr neuestes Stück in den FFT Kammerspielen in Düsseldorf vor.

Es ist eine fast leere Bühne, die uns zu Beginn erwartet. Live-Musik wird es wieder geben, das steht schon im Programmheft. Auch Input von den Spielern soll auf die Bühne gebracht werden, genauso wie die Vorlage erneut von einer jungen Autorin kommt. „Only ask Valery!“ verspricht auch in dieser Produktion wieder vielen Prinzipien treu zu bleiben. Das Licht geht aus und das Stück beginnt. Auf die Bühne kommt ein in Rot gekleideter und auffällig geschminkter Junge. Er begrüßt das Publikum auf Englisch, das Publikum soll mit „Oh Yeah“ antworten. Ein Wir-Gefühl soll entstehen, denn wir alle zusammen gehen nun auf ein Festival namens Utopia. Die Band im Hintergrund beginnt zu spielen und noch bevor wir die ersten richtigen Sätze auf der Bühne zu hören bekommen, stellen wir fest, dass die Band, im Gegensatz zu den letzten Produktionen, eine eigene Bühne im hinteren Teil der Bühne hat. Sie steht nicht im Mittelpunkt, verschwindet aber auch nicht ganz und kann so das ganze Stück über mit Live-Musik begleiten.

Die Kostüme der Spieler sind allesamt bunt und schrill. Auch ihre Gesichter sind deutlich sichtbar geschminkt, viele sogar zusätzlich mit Glitzer versehen. Wir werden Zeugen einer Art modernem Woodstock, aber darum geht es auch: eine tolle Zeit haben und dabei über die Missstände der Gesellschaft debattieren, das ist Utopia. Doch schon nach kurzer Zeit zeigt sich, dass diese schöne neue Welt, in der wir alle eine Meinung haben, wir alle auf die Barrikaden gehen, wir alles besser machen, immer noch aus verschiedenen Ansichten besteht. Spätestens als man an einem Holzkiosk, der für gesundes, nachhaltiges, Veggieessen steht, bereits über die Fleischproduktion sinniert und die Verkäuferin äußert, dass sie das Zeug nur verkauft, aber auch lieber Selbstgeschlachtetes mag, wird deutlich, dass Utopia auf den Diskurs abzielt, Widersprüche, die es nicht nur auf dem fiktiven Festival, sondern überall in unser aller Leben gibt.

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Bild: Klaus Hoffmann

Inhaltlich nimmt die Inszenierung schnell Fahrt auf, die kleinen und großen Probleme dieser Welt werden thematisiert. Dabei geht es immer um eines: Revolution. Die Revolution kann eine persönliche sein, in der man es sich als Mädchen rausnimmt mit so vielen Typen was zu haben, wie es einem beliebt, aber doch keinem sein Herz schenkt, weil man einfach das Leben genießen will. Oder sei es die Revolution, die man anstiften will, um den Kampf gegen rechte Hetze anzugehen. Oder soll es eben doch die Revolution gegen die Flüchtlinge sein, gegen unseren Staat und die Politik? Am Ende scheint es fast egal, was es ist, Hauptsache man geht auf die Straße und sitzt nicht nur rum.

Textlich werden dem Zuschauer viele verschiedene Geschichten präsentiert. Da ist Emma, die sich nach ihrem Idol Emma González sehnt, sie treffen will, aber irgendwie auch auf der Suche nach ihrer eigenen Story ist. Jörg, der direkt als Nazi abgestempelt wird, weil er sich mal kritischer zur Flüchtlingsthematik äußert. Oder Stanley, genannt Stan, der immer für gute Laune zu haben ist, den Tanzbären spielt und Dachdecker ist, doch den nie mal jemanden fragt, wie es ihm geht oder was er zu diesen Themen denkt. Im Laufe des Stücks lernen wir rund ein Dutzend Charaktere kennen, die alle ihre Story und ihre Ansicht haben. Positiv hervorzuheben ist, dass die Charaktere auf uns Zuschauer authentisch wirken. Keiner macht den Anschein als hätte er sich keine Gedanken zu seinem Charakter gemacht, das überzeugt. Doch am Ende ist die Inszenierung leider zu textlastig als dass man allen Geschichten folgen kann. Allerdings wissen wir nicht ob gerade dies der Effekt sein soll, denn als Zuschauer wird man geradezu mit Meinungen überschüttet, die zum Teil sehr unterschiedlich sind und so ist es auch in unserer medialen Welt, wo Informationen nur einen Fingerklick entfernt sind. Zeitungen, Internetseiten, das Fernsehen, Freunde und Familie, alle schütten uns mit ihren Meinungen zu und aus diesem ganzen Meinungsbrei soll man sich dann eine eigene Meinung bilden oder sich gar gegen die Meinung anderer auflehnen. Ein schwieriges Unterfangen.

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Bild: Klaus Hoffmann

Rund 80 Minuten dauerte die Inszenierung und trotz des vielen Textes können wir nicht sagen, dass wir sie als langweilig empfunden haben. Dazu beigetragen haben die verschiedenen inszenatorischen Ansätze, die dem Stück mehr Dynamik verliehen haben: Tänzerische Elemente, die beeindruckend anzusehen waren, wurden genutzt. Mit kleinen Bewegungen wurden Sitzstreiks und die Auflösung von Barrikaden oder auch das Suchen nach Etwas (einem Sinn, einer Botschaft einem Grund für eine Revolution, nach sich selbst?) sehr deutlich dargestellt. Besonders durch das Spiel der Darsteller, die in den Choreographien eine tolle Körperspannung und Mimik bewiesen, waren die tänzerischen Elemente eine willkommene Pause bei den verschiedenen Mono- und Dialogen. Auch das Spiel mit verschiedenen Ebenen, sowohl visuell, durch die Abtrennung der Bühne mit Hilfe von Vorhängen, als auch inszenatorisch, durch Wechsel zwischen Spiel- und Erzählebene, verliehen dem Stück Abwechslung. Schade fanden wir es, dass der Wechsel der Ebenen so häufig vollzogen wurde. Gerade bei Monologen kamen immer wieder Spieler nach vorne, stellten sich an die Bühnenrampe und die hinteren Vorhänge wurden zugezogen. Zwar wurden die Skriptpassagen auf die Vorhänge projiziert, was anfangs noch einen schönen Effekt hatte, da einige Passagen besonders hervorgehoben wurden, auch durch Zoomen in das Skript oder bestimmte Markierungen und Smileys, allerdings war dieser Effekt schnell verbraucht, auch weil das geschriebene und das gesprochene Wort nicht immer übereinstimmten und man als Zuschauer nicht wusste ob man etwas verpasst hat. So lenkte das Mitlesen eher vom Spiel ab. Ebenfalls etwas unschön: In die projizierten Textpassagen schlichen sich so manche Tippfehler ein, die mit der sonst sehr hübschen Ästhetik sehr brachen. Und dennoch kamen immer wieder die Gegensätze vor, als Emma einen Monolog zu Emma González und ihren Beweggründen hielt und diese Rede jäh von Musik unterbrochen wird, als zwei Spieler sich lauthals über ihre Meinungen streiten, als die Liebe eines Paares auf dem Festival zu zerbrechen droht, da der eine die Probleme sieht, der andere aber nicht. Genau diese Gegensätze lassen die schöne Welt von Utopia verblassen, denn der eigentlich angedachte Gedanke auf dem Festival zu feiern, aber auch Diskurse zu führen gerät außer Kontrolle. Der Frust darüber, doch nichts zu erreichen steigt. Utopia ist nur eine Scheinwelt mit ganz viel Glitzer.

Diese Scheinwelt wird gegen Ende vermüllt und chaotisch hinterlassen, als das Festival schließt. Es schließt so, wie es begonnen hat, mit dem gleichen Ansager und den gleichen Aufforderungen an das Publikum. Das Schöne: man lässt das Publikum nicht mit den angefangenen Geschichten der Charaktere zurück, sondern berichtet, wer im nächsten Jahr wiederkommt oder sich anderweitig engagiert. So ist zumindest, auch wenn man inhaltlich nicht immer alles auseinanderhalten konnte, der Rahmen der Charaktere geschlossen.

Im Titel des Stücks geht es um Wolken und deren Art an einem bestimmten Tag, was Dank des so genannten Title Drops (Sequenz, an dem der Titel in einem Gespräch oder Monolog ausgesprochen wird) deutlich wird. Es können Schönwetterwolken sein, die Tage bringen, an denen alles gut ist, es können aber auch Regen- und Gewitterwolken sein, die Unheil mit sich bringen. Uns so kommentieren die Spieler unterschiedliche Situationen mit Hilfe dieses Wolkenbildes, beispielsweise indem sie einfach in den Tag hineinleben oder endlich aus dem System ausbrechen wollen.

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Bild: Klaus Hoffmann

Doch was möchten uns die Darsteller und die Autorin nun sagen? Besonders im Kopf geblieben ist eine Szene, in der darüber diskutiert wird, dass man von unserer und der nachfolgenden Generation fast schon erwartet, dass wir auf die Barrikaden gehen, denn unsere Eltern und Großeltern haben das auch getan, sie haben sich gegen Nazis eingesetzt, waren Hippies, demonstrierten gegen Faschismus und Kapitalismus oder die Mauer in Deutschland. Und heute leben wir in einer Welt, in der es uns gut geht. Zu gut? Könnten wir den Syrienkonflikt lösen? Ist es schaffbar, dass wir das Atomwaffenprogramm in Nordkorea beenden? Wohl eher nicht. Doch können wir trotzdem unsere Meinung sagen, wir dürfen sagen, dass wir uns dafür einsetzen, dass weniger Plastik gebraucht wird, dafür einsetzen, dass Flüchtlinge bleiben dürfen, solange sie sich gut integrieren und keine Straftaten begehen, wir dürfen auf die Straße gehen und auch gegen G20 demonstrieren. Doch sollten wir dabei nicht irgendwelche Autos anzünden, Polizisten verletzten oder uns radikalisieren, egal ob von rechts oder links. Für uns ist es genau diese Message, denn wir haben vieles gesehen, was wir so nicht unterstützen würden, weil es uns zu radikal ist. Dennoch haben wir auch gesehen, dass es nichts bringt nur Stammtischgespräche zu führen und nichts zu tun, wir müssen vor die Tür gehen und mit anderen diskutieren.

Eine spannende Produktion, die zum Diskutieren anregt. Leider gab es sie nur vier Mal in Düsseldorf zu sehen. Weitere Aufführungen sind zunächst nicht geplant, doch vielleicht schafft es das Stück zu einem Verlag und andere trauen sich an diesen brisanten und aktuellen Stoff heran. Wir drücken die Daumen und würden sodann empfehlen, es sich anzusehen, auch in der Hoffnung, dass man noch etwas mehr auf Bilder und weniger auf Text setzt. „Only ask Valery!“ haben uns in jedem Fall wieder überzeugt und wir freuen uns schon jetzt auf die Produktion im nächsten Jahr.

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