Seemann Marlow berichtet textgewaltig von menschlichen Abgründen – Premiere von „Herz der Finsternis“ am RLT Neuss

Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)
Beitragsbild: Björn Hickmann/ Stage Picture

Herz der Finsternis, eine Erzählung, die erstmalig 1899 erschienen ist, geschrieben von Joseph Conrad und als Romanadaption am Rheinischen Landestheater Neuss, unter der Regie von Intendant Reinar Ortmann, Premiere feierte. Schon im Vorfeld hörten wir, dass es wieder eine Inszenierung mit viel Text sei. Scheinbar haben wir uns inzwischen einen Ruf erarbeitet, dass solche Inszenierungen bei uns nicht auf Begeisterung stoßen. So ehrlich wollen wir sein: das stimmt! Und dennoch sollten wir an diesem Abend durchaus positiv überrascht werden. Doch wie gewohnt immer alles schön der Reihe nach.

Der Seemann Marlow heuert Ende des 19. Jahrhunderts, zur Kolonialzeit, für eine belgische Handelsgesellschaft im Kongo an. Marlow, der bereits einen Großteil der Welt bereist hat, möchte nun auch, das für ihn unbekannte, Afrika entdecken. Da kommt es ihm entgegen, dass er vor Ort ein Dampfschiff wieder fit machen soll, um dann ins Landesinnere zu reisen und nach einem mysteriösen Handelsagenten namens Kurtz zu suchen. Was Marlow jedoch auf seiner Reise erlebt sind die dunklen Abgründe der Menschheit. Er sieht wie das Land von der Kolonialmacht ausgenutzt wird. Rassismus steht dabei immer an oberster Stelle, immer sollen Schwarze als Sklaven dienen und die Weißen sind für den Profit, oder eher gesagt die Profitgier, zuständig. Nach einer langen Reise ins Landesinnere findet Marlow den sterbenden Kurtz und auch Marlow geht bei dieser Reise fast drauf. Am Ende kehrt Marlow mehr oder weniger wohlbehalten zurück und besucht letztendlich Kurtz‘ trauernde Braut, um ihr Kurtz‘ Briefe zu überbringen.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Pictures, mit Stefan Schleue, Linda Riebau, Philipp Alfons Heitmann, Josia Krug und Pablo Guaneme Pinilla

Genau an dieser Stelle beginnt die Inszenierung des RLT, am Ende der Erzählung. Zunächst sieht der Zuschauer lediglich die Schauspieler hinter einem durchsichtigen Vorhang, beleuchtet von zwei Scheinwerfern. Vorne das Bühnenbild: einige Bambusstöcke, darauf weiße Hüte und in der Mitte ein Podest, das sich später noch als sehr wandelbar erweisen sollte. Hinter dem Vorhang sind einige Requisiten zu erkennen, die aber nicht weiter stören. Das Bühnenbild ist einfach gehalten, verändern wird sich im Laufe der Produktion wenig. Einzig der Vorhang wird zusätzlich als Projektionsfläche für abstrakte Bilder, wie einem Meer aus Bäumen oder einer Darstellung von Wasser und Flusspflanzen, genutzt, um so die Gegebenheiten der aktuellen Örtlichkeit zu unterstützen.

Wie soll man nun eine solche Romanadaption auf die Bühne bringen? Sollen der Fluss auf dem Marlow Tage lang unterwegs ist, ein Dampfer und die unendlichen Weiten Afrikas, ein Dschungel und die Charaktere mit auffälligen Kostümen auf die Bühne gebracht werden? Eine Frage, die so ähnlich auch im Anschluss der Premiere von Regisseur und Intendant Reinar Ortmann gestellt wird und die er mit einem klaren „Nein!“ beantwortet. Bewusst sollte die Inszenierung stark reduziert werden, die Bühne und die Kostüme, für die Jule Dohrn-van Rossum zuständig ist, sind einfach gehalten, genau wie die Videoprojektionen, für die ebenfalls Jule Dohrn-van Rossum, gemeinsam mit Frank Scheewe zuständig ist. Musik und tolle Lichteffekte sucht man in dieser Inszenierung vergebens, auch das ist Teil der reduzierten Darstellungsweise.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Pictures, mit Pablo Guaneme Pinilla und Stefan Schleue

Reduziert wurde auch die Verteilung der Charaktere, statt Kurtz, Marlow und Co. alle separat zu besetzen liegt das Augenmerk vollkommen auf Marlow, denn alle fünf Darsteller (Pablo Guaneme Pinilla, Philipp Alfons Heitmann, Josia Krug, Linda Riebau und Stefan Schleue) verkörpern den Weltentdecker. Dafür tragen sie alle eine beige Hose, jeder ein Hemd mit T-Shirt, mal offen, mal zugeknöpft, mal in blau, mal in grün. Jeder von ihnen hat einen weißen Hut auf. So können alle jeder Zeit aus der Sicht von Marlow, aber auch als außenstehende Erzähler die Erzählung weiter vorantreiben. Nur ein weißer Zylinder und die – für das Rheinische Landestheater schon fast typische – Wechsel der Körperlichkeiten und der Sprache verhelfen den Darstellern, auf der Bühne in andere Rollen zu schlüpfen. Und dies gelingt ihnen immer wieder auf eindrucksvolle Art und Weise. Besonders beeindruckt waren wir von Josia Krug, der als russischer Abenteurer den Zuschauer mit seinen, an Wahnsinn grenzenden, Erzählungen in den Bann zieht. Unterstützt wird er dabei vom Philipp Alfons Heitmann, der bereits im Hintergrund, hinter dem durchsichtigen Vorhang, als Kurtz sitzt und wie ein Geist über den Dingen zu schweben scheint. Heitmann geht in der Rolle des Kurtz, des skrupellosen Elfenbeinhändlers richtig auf. Als Zuschauer ist man von ihm, seinem Verhalten und seiner Art angewidert, was zeigt, wie überzeugend Heitmann diesen Charakter verkörpert. Stefan Schleue, der immer wieder in die Rolle des Direktors der Handelsgesellschaft schlüpft überzeugt durch sein seine direkte Art, wodurch deutlich wird an was die Handelsgesellschaften damals interessiert waren. Doch auch die anderen Darsteller überzeugen mit ihrer Körpersprache und ihrem Fokus auf das Wesentliche, denn sind sie einmal nicht in einer Szene aktiv, stehen sie daneben, verfolgen das Geschehen gebannt, um später wieder als Marlow in die Szenerie einzusteigen.

Das anfangs erwähnte Podest hilft den Schauspielern zusätzlich in ihrem Spiel. Fungiert es zunächst als Erhöhung, kann es mit wenigen Handgriffen gekippt werden. Dabei werden über einen Zug die Beine des Podestes ein- oder ausgefahren. Bewusst wird dies auch auffällig und mit einer gewissen Lautstärke gemacht, denn um dem Podest Stabilität zu bieten, muss man es noch einmal kurz anheben an den Seiten, an denen die Beine ausgefahren wurden. Oft wird dies in das Spiel der Darsteller eingebunden, wodurch ein eindringlicher oder aggressiver Ton vom Knallen des Podests unterstützt wird. Das Podest kann so in unterschiedliche Richtungen geneigt werden, wird als Floß genutzt oder als Schräge, auf der man sich Schlafenlegen kann. Außerdem lässt sich auf einem solchen Podest wunderbar mit dem Hoch- und Tiefstatus spielen, was unserer Meinung nach aber zu selten genutzt wurde.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Pictures, mit Stefan Schleue, Josia Krug, Linda Riebau und Pablo Guaneme Pinilla

Am Ende bekommt der Zuschauer Kurtz dann noch einmal zu sehen, er tritt vor den durchsichtigen Vorhang, während sich alle anderen dahinter zurückziehen. Es ist ein Ebenenwechsel, der als Bild aber stark wirkt, denn der (im Roman) schwächelnde Kurtz wirkt hier noch einmal stark, dominant und als wäre er Herr der Dinge. Am Ende erstrahlt sogar noch ein Rücklicht, das eigentliche Bühnenlicht wird heruntergefahren, man sieht die Silhouetten der Darsteller im Hintergrund und von Kurtz im Vordergrund. Er wirkt wie ein Heiliger, in seinem weißen Anzug, was für Unschuld und Reinheit steht, mit den roten Schuhen und der Krawatte, die wirken wie Blutflecken an einer sonst so weißen Weste. Immerhin hat sich Kurtz in Europa einen Ruf erarbeitet, doch nur wer ihn findet oder sprechen durfte, sieht, welche Gräueltaten er für den Profit begangen hat.

Nach knapp 75 Minuten ist es dann vorbei. Ein langanhaltender Applaus zeigt: die Inszenierung ist angekommen. Und dennoch steht am Ende die Frage: war es nicht doch zu viel Text? Wir finden ja und nein. Einerseits brauchten wir etwas, um inhaltlich einsteigen zu können, doch wenn man einmal dabei ist, dann wirken einige Passagen langwierig. Ob Musik, mehr Lichteffekte oder mehr Bewegungstheater geholfen hätten, da sind wir uns selbst nicht sicher, denn am Ende wirkte die Inszenierung in sich geschlossen und um ehrlich zu sein, haben wir diese Elemente nicht vermisst. Vielleicht wären fünf bis zehn Minuten weniger oder noch mehr solcher Passagen, wie das Ende mit Kurtz notwendig, um dem Stück noch etwas mehr Dynamik zu verleihen, doch auch hier sind wir uns nicht sicher.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Pictures, mit Philipp Alfons Heitmann

Wer es im Theater mag, wenn weniger mehr ist und auch über längerer Zeit längeren Textpassagen gut folgen kann, dem können wir diese Inszenierung nur ans Herz legen. Schauspielerisch hat sie uns vollkommen überzeugt, wenn auch wir mit der Länge insgesamt noch etwas hadern. Wer sich selbst ein Bild von der Inszenierung machen möchte, der sollte sich beeilen, denn die Inszenierung gibt es nur bis Ende Mai zu sehen. Alle Termine und Infos gibt es auf der Seite des Rheinischen Landestheaters.

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