Kleine Stadt mit großem Stil: Das Musical-Wochenende 2019 in Tecklenburg

Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)
Beitragsbild: Holger Bulk

Tecklenburg was calling! Es ist inzwischen zur liebgewonnenen Tradition geworden, dass wir uns jährlich in das kleine Städtchen im Tecklenburger Land in Westfalen begeben. In diesem Jahr standen Doktor Schiwago, Camillo & Peppone und Das Dschungelbuch auf dem Spielplan. Letzteres war für uns leider etwas zu spontan, doch werden wir in den nächsten Jahren sicher auch mit dem Gedanken spielen, uns das Familienmusical, welches traditionell als drittes Stück in einer Saison gespielt wird, einmal anzusehen.

Doktor Schiwago ist ein Roman, geschrieben von Boris Leonidowitsch Pasternak, welcher 1957 erstmals veröffentlicht wurde. Im Roman geht es um den Arzt und Dichter Juri Andrejewitsch Schiwago und er spielt in einem Zeitrahmen vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Immer wieder laufen die Handlungsstränge verschiedenster Charaktere zusammen, die auch den politischen sowie militärischen Umbruch in Russland (angefangen von der Russischen Revolution, über den Ersten, bis hin zum Zweiten Weltkrieg) thematisieren. Im Vordergrund steht jedoch die Liebesgeschichte zwischen Juri und seiner Geliebten Larissa (auch „Lara“ genannt).  Eigentlich ist Schiwago längst mit Antonia Gromeko, genannt Tonia, verheiratet, hat sogar ein gemeinsames Kind mit ihr, doch während der blutigen Auseinandersetzungen muss er fort und an der Front als Arzt arbeiten. In dieser Zeit kommen sich Lara und Juri näher. Am Ende lässt seine Frau ihn ziehen und er bekommt mit Lara ein weiteres Kind. Dann jedoch überschlagen sich die Ereignisse, immer wieder gibt es Zeitsprünge, Verhaftungen, Eroberungen und Rückschläge zwischen der kommunistischen Roten und der zarentreuen Weißen Armee. So zieht sich im wahrsten Sinne des Wortes ein roter Faden durch den Roman.

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Bild: Stefan Drewianka

„Moment, was?“ mag man innehaltend dasitzen und denken. Ehrlicherweise müssen auch wir sagen, dass in der obigen Zusammenfassung viele Details fehlen. Da das Motiv der Liebe, sowie die geschichtlichen Hintergründe viel Raum einnehmen, haben wir uns hierauf beschränkt, doch der Roman bietet noch viel mehr Stoff. In der Musical-Fassung in Tecklenburg sind noch deutlich mehr Details enthalten, doch auch dort fällt uns auf, dass viele Teile ausgelassen worden, was auch notwendig war, um die Aufführung nicht in die Länge zu ziehen. Wer sich mehr Detailtreue wünscht, dem oder der legen wir Pasternaks Roman sowie den dreistündigen (!) Filmklassiker mit Omar Sharif sehr ans Herz, aber wir wollen jetzt starten mit unserer Besprechung der Tecklenburger Musicalversion.

Wir können behaupten, ein interessantes und auch etwas düsteres Musical gesehen zu haben. Es sterben viele Charaktere, oftmals unschuldig, Verrat und ein klares Lagerdenken stehen immer wieder im Vordergrund. Harter Tobak für einen Freitagabend, doch zurecht gab es am Ende einen langen Schlussapplaus, inklusive stehender Ovationen, auch weil das Schlussbild einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, denn traditionell steht das gesamte Ensemble auf der Bühne, das dieses Mal in die (Über)lebenden und Toten unterteilt war. Die Toten standen hinter Bühnenelementen, die mit Kreuzen zu Gräbern wurden und die lebenden dazwischen. Ein Bild, das Gänsehaut verursacht hat und bei dem im Zuschauerraum auch die ein oder andere Träne floss.

Jan Ammann ist als Doktor Schiwago immer präsent und versteht es, dem Charakter Leben einzuhauchen. Auch wenn wir im ersten Teil etwas mit seiner Rolle und der Darstellung gehadert haben, überzeugt er im zweiten Teil deutlich. Besonders als Juri unter den Strapazen einer Entführung, aber auch denen seines eigenen, inneren Konfliktes leidet. Milica Jovanović ist als Lara immer einfühlsam, aber auch stark. Wie sie uns sonntags noch im Interview berichtet, ist in dieser Rolle auch vieles von ihr enthalten, bzw. werden ihre Ansichten vertreten, was ihr geholfen hat, sich auf diese Rolle vorzubereiten. Auch dass das Musical von einer Frau, nämlich Lucy Simon, komponiert wurde, hat Jovanović geholfen, da die weiblichen Parts angenehmer zu singen waren. Aus Zuschauersicht können wir das unterschreiben, denn sie wirkte authentisch, empathisch und emanzipiert. Ein starkes Frauenbild, das uns in dieser Form zum ersten Mal im Musical begegnet ist, wovon wir aber zukünftig aber gerne noch mehr sehen möchten. Wenn wir schon über das starke Frauenbild sprechen möchten wir auch Wietske van Tongeren, die Tonia verkörpert hat, noch hervorheben. Wir haben sie in Tecklenburg zum ersten Mal gesehen und waren von ihrem Spiel direkt angetan. Besonders das spätere Zusammentreffen zwischen ihrer Rolle und der Rolle von Milica Jovanović hat das eben erwähnte starke Frauenbild noch einmal unterstrichen.

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Bild: Stefan Drewianka

Neben den Hauptdarstellern hat aber auch der Rest des Ensembles überzeugt. Kevin Tarte, der dieses Mal sogar eine Doppelrolle spielte, nämlich Alexander Gromeko (Tonias Vater) und eine Art Batallionkommandant, überraschte uns insbesondere in der Rolle seines zweiten Charakters. Gesanglich sind wir von ihm bereits gewohnt (z.B. von Artus Excalibur), dass er abliefert und das hat er auch dieses Mal wieder getan, doch auch sein Spiel hat uns sehr begeistert. Dominik Hees begeisterte uns als Pawel Antipov, der später zum kaltblütigen Partisanen Strelinov wurde. Eine Entwicklung, die in unseren Augen sehr überzeugend gespielt wurde und eine tolle schauspielerische Leistung war, denn es ist nicht einfach zwei gegensätzliche Charaktere in einem Stück zu verkörpern: vom netten Ehemann zu oben genanntem Partisanen.

Doch auch die anderen Charaktere um Bernhard Bettermann (als Rechtsanwalt Viktor Komarovskij) oder Bettina Meske (als Anna Ivanowna Gromenko, Tonias Mutter) haben überzeugt. Insgesamt war das Musical, unter der Regie von Ulrich Wiggers, eine runde Sache. Auf jeden einzelnen Darsteller einzugehen würde den Rahmen dieses Textes sprengen, genau wie die Detailanalyse der Textvorlage.

Auch wenn der Stoff für uns (trotz Vorbereitung mit Hilfe des Romans und Zusammenfassungen aus dem Internet) nicht immer so leicht zu greifen war und wir auch insgesamt mit der Musik etwas haderten, können wir Doktor Schiwagojedem empfehlen, dem der Stoff bekannt ist, denn vorbereitet kann man sich sicherlich besser auf die eigentliche Inszenierung konzentrieren und die Darbietung noch mehr genießen. Unerwähnt soll an dieser Stelle auch nicht bleiben, dass sich das ganze Ensemble vom sehr wechselhaften Wetter (Regen und Wind) nicht hat aus der Ruhe bringen lassen. Davor ziehen wir unseren Hut, denn es ist sicher nicht einfach, weiterzuspielen, wenn das eigene Kostüm bereits völlig durchnässt ist und einige auch wissen, dass sie am Wochenende noch weitere Aufführungen haben.

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Bild: Holger Bulk

Ein komplettes Kontrastprogramm bot sich uns dann am Samstag. Bei Don Camillo & Peppone wurde es heiter und locker. Das Musical selbst feierte erst 2016 seine Uraufführung im Theater St. Gallen (geschrieben von Michael Kunze und Dario Farino) und wurde in diesem Jahr zum ersten Mal in Tecklenburg in Deutschland aufgeführt. Die Vorlage für das Musical ist dagegen schon deutlich älter: Bereits 1948 erschien das erste Buch von Giovannino Guareschi, in dem die beiden gegensätzlichen Charaktere ihr Unwesen treiben.

Der Fokus des Musicals liegt auf dem ländlichen Italien der 50er Jahre. Don Camillo (Thomas Borchert) ist der Pfarrer von Boscaccio und Peppone (Patrick Stanke) ist der frisch gewählte, kommunistische Bürgermeister. Für Don Camillo ist diese Einstellung ein Dorn im Auge und schon gar nicht mit seinen christlichen Werten zu vereinen. Peppone hingegen kann sich nicht mit den christlichen Werten anfreunden und möchte lieber durch Taten überzeugen statt mit einem alten, eingestaubten Glauben. Wortgewandt entwickelt sich die Beziehung der beiden zu einer Hass-Liebe, in der sie nicht mit- aber auch nicht ohneeinander können. Don Camillo ist zur Sanierung seiner Kirche auf Gelder des Bürgermeisters angewiesen, dieser möchte aber auch seinen Sohn taufen lassen. Jeder möchte dabei lieber nehmen statt zu geben. Die Augen werden den beiden erst durch Gina (Milica Jovanović) und Mariolino (Dominik Hees), einem jungen Paar, geöffnet. Da ihre beiden Familien verfeindet sind, wollen sie sich umbringen. Don Camillo und Peppone erfahren davon noch rechtzeitig und alarmieren das Dorf, um die beiden aufzufinden. Am Ende heiraten sie und die beiden Streithähne begraben das Kriegsbeil.

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Bild: Holger Bulk

Ein Musical, das bereits in den ersten Minuten Fahrt aufnimmt. Zu verdanken ist das auch dem komödiantischen Talent von Thomas Borchert und Patrick Stanke, aber auch dem Ensemble, das den beiden immer wieder den Weg bereitet, um an der richtigen Stelle den richtigen Kommentar zu bringen. Besonders Thomas Borchert hat uns mit seiner Rolle positiv überrascht: „Der kann ja auch lustig.“ kam es uns bereits in der Pause über die Lippen und wir waren damit nicht allein, denn rechts und links waren so einige Zuschauer davon überrascht. Nachdem wir ihn zum Interview getroffen haben, verwunderte dies noch weniger, denn auch abseits der Bühne beweist Thomas Borchert Sinn für Humor und auch er freut sich, dass dies im Rahmen der Aufführungen in Tecklenburg gezeigt werden kann. Aber auch Patrick Stanke überzeugt auf ganzer Linie, schafft es immer wieder Sympathien zu gewinnen, indem er den starken Mann gegenüber dem Volk gibt, abseits dessen aber auch durchblicken lässt, dass seine fehlende Bildung ihm manchmal etwas im Weg steht. Umso herrlicher, als er dann als Erwachsener noch einmal die Schulbank drücken möchte.

Milica Jovanović zeigt uns mit Gina eine Rolle, die sich nach Liebe und Frieden sehnt. Und obwohl die Inszenierung sehr locker ist, hat sie den schwierigen Part, den notwendigen Ernst mit einzuflechten. Dies gelingt ihr, zusammen mit Dominik Hees ganz wunderbar. Sie bringen die notwendige Ruhe und Ernsthaftigkeit zurück auf die Bühne und spielen sich immer wieder die Bälle zu. Es macht einfach Spaß den beiden zuzuschauen, das kann man nicht anders sagen.

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Bild: Stefan Drewianka

Ein weiteres Duo, das man einfach nur liebhaben kann sind Barbara Tartaglia und Florian Albers als alte Gina und Jesus, bzw. Begleitung der alten Gina. Sie führen die Geschichte immer fort und schaffen es ebenenübergreifend präsent zu sein. Beide sind bei Weitem nicht so präsent, spielen oftmals sogar vom Rand oder aus dem Hintergrund heraus, doch trotz der physischen Abwesenheit sind sie immer da, wenn gefühlt auch nur im Geiste (oder eben im Ohr des Zuschauers). Egal ob ein kleines Streitgespräch zwischen Don Camillo und Jesus oder die alte Gina, die aus dem Nähkästchen plaudert. Doch genau das macht die Charaktere (und natürlich die beiden Darsteller!) so sympathisch, denn hier gilt: weniger ist mehr. Auch dass Jesus mit einem Hoodie kostümiert ist, bringt eine gewisse Lockerheit mit sich. Dem Zuschauer wird nicht der moralische (christliche) Zeigefinger entgegengestreckt, sondern man kann Jesus als Glaubensfigur ansehen oder auch als guten Freund, egal ob man selbst gläubig ist oder nicht, denn gute Freunde, die einen schon mal ausbremsen oder einen Spiegel vorhalten, die kennt jeder aus dem eigenen Leben.

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Bild: Holger Bulk

Und auch hier wollen wir die Leistung der anderen Ensemblemitglieder nicht wieder unerwähnt lassen: Auch an diesem Abend ist Kevin Tarte als Filotti (Ginas Vater) wieder mit von der Partie. Sebastian Brandmeier spielt Ginas Großvater Nonno, der immer wieder auf wundersame Art und Weise von den Toten erwacht. Jörg Neubauer spielt als Vater von Mariolino quasi den Gegenpart zu Kevin Tarte, was noch einmal zusätzlich für Spannungen, aber auch Unterhaltung, sorgt. Der fehlende Partner zu Nonno ist die Lehrerin Laura Castelli, gespielt von Femke Soetenga. Sie haucht Nonno im Laufe des Stücks immer wieder neues Leben ein und gibt durch ihre einerseits freche, andererseits aber auch strenge Art der Inszenierung auch ihre Note mit.  Jan Altenbockum zeigt und als Dottore immer wieder, dass sich auch Ärzte mal täuschen können. Besonders auffallend ist, dass das Musical von den einzelnen Paarungen lebt, doch nie ist eine Paarung nur für sich, sondern alle tragen zum Gelingen des Ganzen bei. Ein großer Respekt gebührt sowieso dem ganzen Ensemble, das durch den Gesang, aber auch den Tanz und choreographierte Bewegungen immer dazu beiträgt, dass die Handlung richtig untermalt wird.

Gegen Ende wird jedoch noch ein kleiner Akzent gesetzt: Während Don Camillo und Peppone ihren Frieden schließen, werden Sterne auf die Bühne gebracht, die dieses Bild umrahmen. Sollten wir uns nicht verzählt haben, so waren es zwölf Sterne, die eine Anspielung auf Europa sein könnten. Den Satz haben wir leider nicht mehr ganz im Ohr, doch es ging in etwa darum, dass man das Gute erhalten müsse. Wir vermuten hier ein bewusst proeuropäisch platziertes Statement, das wir in dieser Weise unterschreiben würden und finden es gut, dass auch in Musicals immer wieder, fast schon nebenbei, politische Botschaften platziert werden.

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Bild: Holger Bulk

Am Ende ist der Applaus mit Standing Ovations voll verdient. Selbst als Zuschauer spürt man eine unglaubliche Harmonie auf der Bühne, die es erlaubt, dass man einfach in diese Geschichte eintauchen kann. Dabei wirkt das Spiel nie zu übertrieben, sondern ist immer genau auf den Punkt. Eine klasse Vorstellung, die als Kontrast und Abschluss des Wochenendes gut platziert war.

Doch Tecklenburg wäre nicht Tecklenburg, wenn man sich nicht einfach auch von allem vor Ort tragen lässt. Das Städtchen ist nicht groß, wirkt gar etwas verschlafen, doch die Menschen vor Ort sind immer offen und herzlich, sodass man sich als Gast wohlfühlt. So wurden wir am Sonntag auch noch Zeugen eines Platzkonzerts des Schülerorchesters vom Ratsgymnasium Osnabrück, das ganz verschiedene Songs spielte. Man selbst kommt ideal aus dem Alltag heraus und vor Ort ist es auch keine Seltenheit, dass man die Darsteller mittags im Café oder bei einem Spaziergang trifft. Man bekommt ein Gefühl davon, dass man hier ein bisschen mehr zusammenrückt, als wenn man sich ein Musical in der Großstadt ansieht. Das macht immer wieder Freude und ist für uns ein Grund, dass wir schon jetzt voller Vorfreude auf die Saison 2020 blicken, denn dann gibt es Sister Act und Dürrenmatts Besuch der alten Dame zu sehen. Der Vorverkauf startet am 12. November. Infos zu den Stücken und generell zur Freilichtbühne gibt es auf deren Homepage.

Abgerundet wurde der Sonntag dann noch mit einem Treffen mit Milica Jovanović und Thomas Borchert, über das wir ebenfalls in diesem Blog berichten. Zwei sehr inspirierende Personen, die viel zu erzählen haben.

Und zu Tecklenburg sagen wir schon jetzt: „Tschüss, mach’s gut, bis zum nächsten Jahr!“

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