Böse Mädchen und Buben? Shockheaded Peter am Rheinischen Landestheater Neuss

Titelbild: Marco Piecuch,
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

Es ist für diese Stückbesprechung sicherlich von marginalem Belang, dass ihr Autor in seinem Pädagogikstudium einmal eine Hausarbeit über die so genannte „Schwarze Pädagogik“ geschrieben hat. Vielleicht aus der überraschten Erkenntnis heraus, dass diese Form der Erziehung, die Gewalt und Erniedrigung als ihre Werkzeuge ansieht, sogar noch bis in das 21. Jahrhundert Einzug erhalten hat. So beschreibt bereits der Klappentext zum Klassiker der Textsammlungen über diese Art der Erziehung, „Schwarze Pädagogik – Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung“ von Katharina Rutschky, dieses Phänomen mit einem Zitat aus dem Spiegel perfekt, denn der Autor stellt fest, diese Textsammlung dokumentiert „einen Kinderha[ss], der sich in der modernen Wissenschaft der Pädagogik fortsetzt“.

Wie jetzt? Gewalt gegen Kinder ist moderne Pädagogik? Nein. Das ist damit nicht gemeint. Doch finden wir in der Erziehung von heute immer wieder Ansätze, die Beiträge aus Rutschkys Textsammlung wie „Das Fratzenschneiden und seine Bekämpfung“ von 1878, „Die Regulierung der Eßlust“ von 1796 oder „Der Schmerz als natürliche Erziehung“ von 1785 in den Diskurs treten und aktuell erscheinen lassen könnten.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Musical, oder wie man genauer zu sagen scheint, die Junk-Opera Shockheaded Peter von Phelim McDermott und Julian Crouch, die gestern in der Regie von Philipp Moschitz am Rhenischen Landestheater in Neuss Premiere feierte.

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Foto: Marco Piecuch (Laila Richter)

Der Shockheaded Peter ist unsereins in Deutschland vermutlich besser bekannt als Struwwelpeter. Kaum ein Kind, das nicht die grausigen Geschichten kennt um den bösen Friederich, die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug um Pauline und die beiden Katzen Minz und Maunz, die Geschichte vom Daumenlutscher, die vom Suppen-Kaspar, die vom Zappel-Philpp, Hans Guck-in-die-Luft oder die vom Struwwelpeter höchstselbst, der „[a]n den Händen beiden ließ er sich nicht schneiden seine Nägel fast ein Jahr. Kämmen ließ er nicht sein Haar.“

Das Konzept des Kinderbuchs von Heinrich Hoffmann, der 1844 bei der Suche nach einem geeigneten Buch für seinen Sohn keines fand und kurzerhand selber eines schrieb, ebenjenen Struwwelpeter, ist schnell durchblickt. Es erzählt kurze Geschichten in lyrischer Sprache über Kinder in alltäglichen Situationen, nicht brav auf das hören, was sich gehört oder was die Eltern als Regel vorschreiben. Die Konsequenz ist immer negativ, dem Kind geschieht etwas Schlimmes, was nicht selten sogar zum Tode des jeweiligen widerspinstigen Sprösslings führt.

Shockheaded Peter greift diese Geschichten auf, verkauft sie als „Sensationen“ und stellt sicher, dass die Protagonisten der hier dargestellten Figuren weitaus häufiger das Zeitliche segnen als in Hoffmanns Vorlage und dies mit einer gehörigen Portion schwarzen Humors.

Mit Shockheaded Peter sahen wir gestern zum ersten Mal ein Stück der gerade angebrochenen Spielzeit der Neusser unter ihrer neuen Intendantin Caroline Stolz, die bereits im Interview angedeutet hat, dass im Rheinischen Landestheater ein ganz frischer Wind wehen wird. Diese Rezension soll keine Vergleichsarbeit zu vorherigen Intendanzen oder Ensembles werden, aber dennoch wird sie die Frage beantworten, ob dieser frische Wind gestern von der Bühne bis ins Auditorium wehte.

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Foto: Marco Piecuch (Laila Richter)

Die Inszenierung beginnt mit der die Titelrolle verkörpernden Laila Richter, die, musikalisch begleitet von den „Shockheads“, den drei Musikern Matthias Flake, Leo Henrichs und Pablo Liebhaber durch den Zuschauereingang das Auditorium betritt. Ihr buntes, in Farben und Formen leicht an die originale Struwwelpeter-Illustration angelehntes Kostüm, das ob der verschiedenfarbigen Strähnen in ihrer zerzausten Perücke noch ein wenig punkiger und rotzfrecher wirkt, ergänzt ihre Körperlichkeit und ihre Sprache. Sie spricht noch eben eine Warnung aus, dass das kommende Stück heftig werden wird, erklärt uns den alten Theatermacherwitz, dass, wenn die Rede von „einem Applaus“ ist, dass dann auch nur einmal geklatscht wird, stellt fest, dass wir das als Publikum sehr schnell lernen, spürt, dass es ein guter Abend wird, bevor sie auf die Bühne geht und das Spiel seinen Lauf nimmt.

Die kassandrische Fähigkeit von Richters Peter-Figur ist hierbei nicht zu unterschätzen, denn sogleich müssen wir feststellen: Es war ein guter Abend!

Die gesamte Inszenierung dreht sich bühnentechnisch im wahrsten Sinne des Wortes um ein den Bühnenraum füllendes Drehelement, das als eigentlicher Ort des Geschehens wirkt. Es hat auf einer Seite eine Wand, in die Klappöffnungen eingelassen sind, die andere Hälfte ist frei, hat aber den darstellerischen Kniff, dass der Boden schräg ist und uns als Zuschauer eine viel bessere Möglichkeit gibt, das Gesehene zu erkennen. Rechts und links von ebenjener Drehbühne sind schwarze Wände aufgebaut, sodass dem Zuschauer einfach die Rückwand der Drehbühne zugewandt wird und somit außerhalb seines Blickfeldes schnelle Umbauten und Rollen- wie Kostümwechsel möglich werden.

Hiermit wird die Struktur des zweistündigen Stückes auch schnell deutlich. Vorne lässt uns Peter an seinen Gedanken, wundervoll gesprochen wie noch wundervoller gesungen, teilhaben, hinten wird ein neues Szenario aufgebaut. Sodann wird das Bühnenelement gedreht, es wird eine der berühmten Struwwelpeter-Geschichten gespielt, das Element wird zurückgedreht, es wird eine neue Szenerie aufgebaut und das Spiel geht von vorne los.

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Foto: Marco Piecuch (Laila Richter, im Hintergrund: Antonia Schirmeister, Philippe Ledun, Sarah Wissner, Ulrich Rechenbach)

Manch eine böse Zunge mag hier behaupten, das sei ein ziemlich repetitives Konzept, manchmal erwischt man sich vielleicht bei dem Gedanken, wann sich denn endlich diese Bühne wieder herumdreht, sodass wieder eine neue Geschichte losgeht. Aber all das wird der restlichen Arbeit vor ebenjener Bühne nicht gerecht.

Die Schauspieler*innen, Antonia Schirmeister, Sarah Wissner, Philippe Ledun und Ulrich Rechenbach und die bereits vorgestellte Laila Richter wirken wie ein perfekt eingespieltes Team, das die Bühne stets energetisch füllt. So sind auch die kurzen Sequenzen vor dem Bühnenpodest ansehnlich und weitmaus mehr als schlichter Kleber zwischen den einzelnen Struwwelpeter-Momenten. Man könnte salopp sagen, die Künstler*innen haben einfach richtig Bock auf dieses Stück und spielen all ihre Rollen mit solch einer dynamischen Leidenschaft, dass dieser Spaß sich sofort auf die Zuschauer überträgt. Große Gesten und viel übertriebene Mimik unterstützen die sowieso herausragend schönen Kostüme von Isabelle Kittnar, welche ob der Dynamik des Stückes schnell gewechselt werden müssen.

Diese hoch ausschlagende Spielfreude rührt vermutlich auch daher, dass das gesamte Team das Stück oder vielleicht auch sich selber nicht zu ernst nimmt. Manchmal wirkt die Arbeit etwas unsauber. Das hat aber durchaus Kalkül. Man will Unschönes nicht verstecken, den Betriebsablauf Theater mit in das Stück einflechten. Für einen schaurig schönen Blut-Effekt, nachdem Konrad dem Daumenlutscher beide Daumen abgeschnitten werden, werden für uns deutlich sichtbar zwei kleine Kunstblut zuführende Schläuche, die Schauspieler Ulrich Rechenbach in den Händen hält, durch das hintere Fenster geführt, wo, nach Ende der Szene und Umdrehen des Bühnenelements, Spielerkollege Philippe Ledun mit den beiden Pumpen für das Blut lausbubig als Handlanger für den Effekt erscheint. Wir könnten noch viele weitere dieser Momente aufzählen, wollen aber nicht zu viele hiervon spoilern. Man will den Theatereffekt also nicht verstecken, sondert lässt ihn Teil des Spiels werden, was dem Stück eine sympathische Ehrlichkeit verschafft.

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Foto: Marco Piecuch (Sarah Wissner, Ulrich Rechenbach)

Diese sehr unterhaltsamen Momente geben sich dann mit mitreißenden Choreografien und Gesangseinlagen, die zuvor in Neuss noch nie so schön geklungen haben, die Klinke in die Hand. Besonderes Hauptaugenmerk, über das wir vermutlich in künftigen Besprechungen ebenfalls noch viel berichten werden, ist das Puppenspiel. Peter bekommt sogleich in der ersten Szene des Stückes einen Chucky-die-Mörderpuppe-ähnlichen bösen Zwilling, der eben eine Puppe ist und von den Darstellern unter Federführung von Sarah Wissner wirklich glaubhaft zum Leben erweckt wird. Unterstützt wird das authentische Puppenspiel durch die richtige Kostümwahl, die puppenführenden Darsteller tragen nämlich ein golden schimmerndes Grundkostüm, das mit der golden schimmernden Rückwand des Bühnenpodests einhergeht und die Spieler*innen deshalb wahrhaftig in den Hintergrund rücken und die Aufmerksamkeit des Zuschauers gänzlich der Puppe zuspielen lässt. Doch auch Puppen-Sequenzen, die vorne an der Rampe gespielt werden, wirken, wenn man sich als Zuschauer auf die Illusion einlässt, bemerkenswert flüssig und nah.

So entwickelt sich das Gesamtpaket der Inszenierung zusammenfassend zu einem mitreißenden, unterhaltenden und gerne zu Nachdenken anregenden Theaterstück, das so sehr von Kurzweil durchzugen ist, dass es noch nicht einmal großartig aneckt, dass die sowohl im Programmflyer als auch wortwörtlich im Stück angekündigte Pause irgendwie übersprungen wird, was das Publikum einen Pausenapplaus gebend kurz irritiert und doch irgendwie nicht stört, da es direkt weitergeht mit Moschitz‘ Theaterfeuerwerk. Shockheaded Peter gehört aber auch wirklich zu dieser Art Theaterstücke, in denen eine Pause nur störend aus dem Spielflow herausreißt. Vielleicht hat man sich deshalb kurzerhand dagegen entschieden?

Vermutlich hätte Shockheaded Peter unter keinem besseren Spielzeitmotto gespielt werden können wie jenem des Rheinischen Landestheaters in dieser Spielzeit. Unter der Frage „Was ist Familie“ kann man der Intendanz eine passende Auswahl attestieren. Heinrich Hoffmanns Texte aus Der Struwwelpeter waren schon lange Zeit vor Shockheaded Peter Zentrum erziehungswissenschaftlicher und pädagogischer Fachdiskussionen. Experten erkennen im Daumenlutscher Konrad eine Zwangsstörung, im Suppenkaspar eine in Magersucht resultierende Essstörung, im Zappel-Philipp oder Hans Guck-in-die-Luft eine Aufmerksamkeitsdefizit- und/oder Hyperaktivitätsstörung, kennt man kurz als ADHS.

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Foto: Marco Piecuch (Sarah Wissner, Ulrich Rechenbach, Laila Richter, Antonia Schirmeister, Philippe Ledun)

Die Neusser Inszenierung schafft es, den Fokus des Stückes auf heutige Diskurse und Diskussionen im Bereich der Kindererziehung, aber auch generell auf die Frage nach idealen Familienverhältnissen zu legen. Da weiß sich die anscheinend alleinerziehende Mutter des Gretchens durch einen Kreis an Babyfons um ihre Tochter zu helfen, den Blick oder eher das Gehör auf die Erziehung nicht zu verlieren, da kann die Tochter auch mal kurz die Kippe halten, während Mama sich die Haare zurechtmacht. Da können Mama und Papa des Suppenkaspars noch so sehr über die gesunde und korrekte Ernährung des Kindes sprechen, wenn sie sich von ihm abwenden und auf seine Bedürfnisse nicht achten, bringen auch Quinoa, Yacon oder Chiasamen nichts. Und da erbringt das Abschneiden des Daumens eines Daumenlutschers vielleicht in der Blutorgie hübsche Kunstwerke, sodass man dem Sprössling vielleicht Hochbegabung attestieren kann, verbluten wird er trotzdem.

Trotz der drastischen Bilder, der vielen Todesfälle, die eben meist Kinder betreffen und all jener Bezüge zu den düsteren Texten, die Katharina Rutschky gesammelt hat, verlieren die Neusser in ihrer Arbeit nie das zwinkernde Auge. Dennoch will so manches Lachen einfach nicht heraus, es bleibt im Halse stecken und wir vermuten, das Team von Shockheaded Peter wollte genau das erreichen. Wir werden nachdenklich und hinterfragen die Perfektion in der Erziehung. So etwas gibt es nämlich vermutlich gar nicht. Kein Erziehungsratgeber, kein Experte, sei er auch ein noch so hochstudierter Pädagoge, kann den subjektiven Einzelfall einer richtigen Erziehung ergänzen. Auch, wenn dies pathetisch klingen mag, wieso ist der erste Schritt nicht Menschlichkeit? Einfach mal den Kindern auf Augenhöhe begegnen und mit ihnen reden, ihre Bedürfnisse nicht aus Büchern, Zeitschriften oder Youtube-Videos, sondern einfach direkt von ihnen erfahren, indem man mit ihnen redet und ihnen zuhört? Vermutlich werden hierdurch nicht alle Fragen der richtigen Erziehung und gesunder Familiendynamiken gelöst, doch wäre das ja schon einmal ein guter Anfang.

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Foto: Marco Piecuch (Antonia Schirmeister, Laila Richter, Sarah Wissner, Ulrich Rechenbach, oben: Philippe Ledun)

Wir jedenfalls glauben, dass das Rheinische Landestheater mit seinem Shockheaded Peter voll ins Schwarze trifft. Der aktuelle Diskurs über Kinder, Familie und Erziehung wird hierdurch vielleicht nicht revolutioniert, doch dank der schwarzhumoristischen Distanz zum Thema und der überzeugenden Arbeit der Darsteller, erlauben sich die Neusser eine zeitgemäße Kommentierung der aktuellen Entwicklungen, mit denen jeder Zuschauer, seien es Eltern, Pädagogen*innen, aber auch Kinder und Jugendliche, etwas anfangen können.

Wem wir jetzt Appetit gemacht haben auf Shockheaded Peter, dem empfehlen wir einen Besuch der Website des Theaters. Hier finden sich weitere Informationen zum Stück, zu den Darstellern, sowie die weiteren Spieltermine.


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