Familie definieren – VaterMutterKind am Rheinischen Landestheater Neuss

Beitragsbild: Marco Piecuch
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

„Was ist Familie?“ – Dies ist nicht nur das diesjährige Spielzeitmotto am Rheinischen Landestheater in Neuss, es ist auch die grundlegende Frage, an der sich die Stückentwicklung VaterMutterKind der Regisseurin Mia Constantine orientiert. Als Ergebnis ihrer Arbeit präsentiert die Regisseurin gemeinsam mit den beiden Darstellern Mirjam Schollmeyer und Tom Kramer eine mitreißende und herzerwärmende Traumreise, in der die Zuschauer, nicht nur die Kinder unter ihnen, verstehen sollen, wie weitläufig der Begriff Familie ist.

Hierfür lässt Constantine zwei nicht weiter vorgestellte oder definierte Figuren auftreten, die ob ihrer Kostüme, die an riesige bunte Duschschwämme erinnern, was keinesfalls abwertend gemeint ist, denn eher der Vorstellung helfen soll. Lorena Díaz hat bei diesen Kostümen sich wirklich zauberhaft ausgetobt und einen bunten Augenschmaus für Jung und Alt kreiert. Auch Jan Hendrik Neidert hat mit seiner Bühnenkonstruktion, quasi einer auf die Studiobühne gebauten Guckkastenbühne mit starker perspektivischer Flucht, die durch Punkte an allen Seiten unterstützt wird, dem Stück eine ganz wundervolle, visuelle Note verpasst. Hin und wieder kommt sogar die optische Illusion zustande, dass die Figuren wegen dieser Flucht im Hintergrund der Kiste viel größter wirken, als sie wirklich sind. Ein schlauer Kniff, der diese Figuren noch etwas weltfremder, aber deshalb nicht unsympathischer wirken lässt.

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Foto: Marco Piecuch (Tom Kramer, Mirjam Schollmeyer)

Die beiden Figuren jedenfalls stoßen bald auf eine schwarze Kugel, aus der ein Menschenkind schlüpft, das zuerst in den beiden Wesen seine Eltern sieht. Dargestellt wird das Kind durch eine Puppe, die von Schollmeyer und Kramer während des Spiels abwechselnd geführt wird.

Im Laufe des Stückes erleben die drei viele spaßige Familienmomente, bis das Menschenkind eines Tages an seinem Geburtstag feststellt, dass die beiden Figuren ja ganz anders aussehen als es, nun anzweifelt, dass diese seine echten Eltern sind und sich auf die Suche nach seiner richtigen Familie macht. Hierbei trifft er auf Fische, Schwäne, Schnecken und Spatzen, die ihm von sämtlichen Familienkonstellationen erzählen, mal mit Papa und Opa, mal nur mit Papa und Sohn, mal eine riesige Patchworkfamilie, in die Mama und Papa noch andere Kinder mitgebracht haben. So lernt das Menschenkind schnell, dass das klassische Bild einer Kernfamilie, mit Mama, Papa und Kind bei weitem nicht das Maß aller Dinge ist und versteht, dass die beiden Wesen, die es gefunden und großgezogen haben, die so viele tolle Momente mit ihm erlebt und ihm bei allem Schlechten beigestanden und es beschützt haben, selbstverständlich Mama und Papa, sie eine Familie sind.

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Foto: Marco Piecuch (Tom Kramer, Mirjam Schollmeyer)

Die Geschichte ist schnell erzählt und tatsächlich mit knapp 40 Minuten auch ebenso schnell abgespielt. Dies ist allerdings keinesfalls problematisch, ganz anders, es ist richtig. Denn ein Theaterstück, das sich auch größtenteils an junge Zuschauer richtet, sollte nicht sonderlich länger sein. Den beiden Darstellern gelingt es auf hervorragende Weise, die Geschichte zu erzählen, größtenteils nutzen sie dafür Körpersprache, die dank der wortwörtlich raumfüllenden Kostüme, noch üppiger wirkt und damit die Bühne erstaunlich mitreißend füllt.

Dramaturgisch funktioniert VaterMutterKind ebenso gut. Der Einstieg ist sehr unterhaltend, Schollmeyer und Kramer kommen gemeinsam einen Karton tragend auf die Bühne, behalten dabei eine expressive und lustige Körperlichkeit bei, sie entdecken den Raum für sich und spielen sich hierbei von einem unterhaltsamen Slapstick-Moment in den nächsten. Das kommt an, auch bei den Kindern im Saal, die ja sowieso immer die ehrlichsten Kritiker sind. Und die direktesten. Noch während der Vorstellung resümiert ein Kleiner gegenüber seiner Mutter: „Mama, die beiden sind lustig!“ Doch trotz der bunten Kostüme und der vielen lustigen Momente, verliert das Stück nie seine Ernsthaftigkeit.

Besonders, sobald das Menschenkind beginnt, die Familie zu hinterfragen, schaffen es die beiden Bühnenkünstler gerade durch das Puppenspiel, eine gewisse Melancholie in die Spielsituation zu geben. Obwohl die Puppe, ähnlich einer Gliederpuppe aus dem Kunstunterricht, kein Gesicht hat und somit keine Mimik möglich ist, geben Schollmeyer und Kramer ihr eine intensive Körperlichkeit und wecken sie authentisch zum Leben. Durch die Reduktion des erheiternden Slapstick-Spiels wird auch den Kindern im Saal die Bedeutung und die Ernsthaftigkeit der zu klärenden Frage schlagartig bewusst. Das Puppenspiel, das besonders in der zweiten Halbzeit des Stückes die Oberhand gewinnt, wirkt sehr flüssig und authentisch. Nicht nur die überzeugende Handhabe der Puppe des Menschenkindes, auch die Tiere, auf die es trifft, werden durch teilweise ganz simple Mittel, aber mit 100% puppenspielerischer Leidenschaft zum Leben erweckt.

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Foto: Marco Piecuch (Tom Kramer)

So sahen wir in 40 Minuten eine moderne Klärung der Frage, was denn genau eine Familie ist und lernten schnell, dass dieser Begriff heute sehr weitläufig sein kann, je nach dem, aus welchem Blickwinkel er betrachtet wird. Wenn wir uns allerdings etwas hätten wünschen dürfen, dann dies, dass die Definition im Stück durchaus noch etwas weiter hätte gehen können. Wir hätten es uns mit Blick auf die familienrechtlichen Entwicklungen, die in immer mehr Ländern auch gleichgeschlechtliche Ehen erlauben, gewünscht, dass das Menschenkind auch auf eine Familie mit zwei Mamas oder zwei Papas trifft, Familien also, die aus unserer Sicht heutzutage ganz normal sind, auch wenn so manch ein Konservativer noch immer verstaubte Argumente wie die Bibel anbringt, um einem Phänomen entgegenzuwirken, das, wie wir gelernt haben, eher auf Liebe und Gemeinschaft basiert als auf Biologie. Gerade Kindern, denen das Konzept der Familie und seine verschiedenen Konstellationsmöglichkeiten erörtert werden, sollten ein Verständnis dafür entwickeln, dass es im 21. Jahrhundert durchaus normal ist, beispielsweise auch zwei Mamas zu haben.

Dies ist aber Wünschen und Meckern auf hohem Niveau. Unterm Strich waren wir sehr zu Frieden mit der Darstellung von VaterMutterKind, stellen fest, dass die kreativen Köpfe des Neusser Jungen Theaters ihre Hausaufgaben gemacht haben und freuen uns schon jetzt auf weitere Stücke.

VaterMutterKind wird bis in den Dezember noch auf der Studiobühne des Rheinischen Landestheaters aufgeführt und ist definitiv einen Besuch wert. Wer weitere Infos benötigt, schaut einfach auf der Website des Theaters vorbei.


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