Dunkel, vernebelt und doch ein bisschen witzig – Orwells 1984 am Düsseldorfer Schauspielhaus

Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)
Beitragsbild: Thomas Aurin, mit Rahel Ohm, Thiemo Schwarz, Cathleen Baumann, Wolfgang Michalek, Lea Ruckpaul, Andrei Viorel Tacu, Christian Friedel, Robert Kuchenbuch

1984, bei dieser Jahreszahl denken die etwas Älteren vielleicht an den Mord von Indira Gandhi, die Wahl von Richard von Weizsäcker zum deutschen Bundespräsidenten oder die Olympischen Spiele in Los Angeles. Doch sieht man in dieser Zahl den Titel von George Orwells Roman, der bis 1948 (man beachte den beabsichtigten Zahlendreher!) geschrieben und 1949 veröffentlicht wurde, dann rollen sich vielleicht dem ein oder anderen Englischschüler aus der Oberstufe wieder die Zehennägel hoch. Neben Aldous Huxleys Schöne neue Welt (orig. Brave New World) und Fahrenheit 451 von Ray Bradbury quasi der dystopische Roman, den so mancher von uns genauer lesen musste, als ihm oder ihr lieb war. Grund genug für das Düsseldorfer Schauspielhaus eine Theaterinszenierung von diesem Roman auf die Bühne zu bringen. Und siehe da: viele junge, aber auch ältere Semester finden sich im Publikum wieder, denn Orwells Vorlage ist nicht nur (zum Teil) Schulstoff, sondern auch in vielen Punkten nicht weit entfernt von unserer heutigen Realität.

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Foto: Thomas Aurin, mit Christian Friedel, Wolfgang Michalek

In 1984 lebt der Protagonist Winston Smith in einem totalitären und diktatorisch geführten Staat namens Ozeanien. Die uns bekannten Länderstrukturen wurden aufgebrochen und Ozeanien wird vom Großen Bruder (Big Brother) überwacht. Um diesen Großen Bruder versammeln sich alle Anhänger der elitären „Inneren Partei“. Alle anderen gehören zum Arbeitervolk, der sogenannten „Äußeren Partei“. Auch Winston Smith gehört zum Arbeitervolk. Er arbeitet im Ministerium für Wahrheit und genau das produziert er auch da: Wahrheiten. Und zwar so wie es dem Staat gerade passt. Primär soll er die Personen aus den Zeitungen beseitigen, die vaporisiert worden, weil sie dem System nicht so ganz gefolgt sind. Im Laufe der Zeit verliebt sich Winston in Julia, von der er zunächst denkt sie gehöre auch zur Inneren Partei, doch strebt Julia, genau wie Winston, die Revolution an. Sie treffen sich mehrfach heimlich und verlieben sich ineinander. Unterschlupf gewährt ihnen der Ladenbesitzer Charrington, der jedoch, wie sich später herausstellt, zur Gedankenpolizei gehört. In O’Brien glauben die beiden einen Verbündeten gefunden zu haben, da dieser bei der obligatorischen 2-minütigen Hasssendung, die regelmäßig ausgestrahlt wird, um Stimmung gegen den fiktiven Feind Emmanuel Goldstein zu machen, einen Blick mit Winston austauscht. Außerdem gibt er ihm seine Privatadresse, um die neueste Auflage des Wörterbuchs für Neusprech zu lesen. O’Brien erschleicht sich das Vertrauen der beiden weiter, indem er ihnen sogar das revolutionäre Buch von Goldstein per Kurier zukommen lässt. Während der Einladung zu Hause kann er sogar den Teleschirm, ein Überwachungsschirm, der in jeder Wohnung angebracht ist, abschalten. Wie nicht anders zu erwarten werden Winston und Julia verraten. Winston wird nun einer langen Folter und Gehirnwäsche unterzogen, während derer sich O’Brien als Mitglied der Gedankenpolizei outet, da dieser Winston foltern darf. Nach langer Folter erkennt er die neuen Wahrheiten an und er verrät schließlich Julia, als Winston im mysteriösen Raum 101 mit seiner größten Angst (Ratten, die ihn auffressen sollen) konfrontiert wird. Nach einigen Jahren treffen die beiden sich zufällig wieder, beide gezeichnet von ihrer jeweiligen Folter, gestehen sie sich den gegenseitigen Verrat. Zum Schluss erkennt Winston, dass seine einzig wahre Liebe dem Großen Bruder gilt.

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Foto: Thomas Aurin, mit Cathleen Baumann, Andrei Viorel Tacu, Christian Friedel, Lea Ruckpaul, Robert Kuchenbuch, Thiemo Schwarz

Viel los im London von 1984. Romanvorlagen bergen immer ein hohes Risiko: die Inszenierung verheddert sich in Details, die Charaktere werden zu flach, die Darstellung wird zu textlastig. Doch das Team um Regisseur Armin Petras hat es geschafft, dass man als Zuschauer keine Angst vor Langeweile haben muss. Dank eines starken Ensembles, der Live-Musik von Woods of Birnam, sowie diverser Sound- und Lichteffekte waren wir nach zwei Stunden und 45 Minuten hin und weg, allerdings auch etwas gebrandmarkt, denn besonders das Ende hatte es in sich.

Zu Beginn sehen wir eine mehr oder weniger leere Bühne (Olaf Altmann). In der Mitte eine Art riesiger Zylinder, der sich regelmäßig heben und senken wird, die Bühne komplett in schwarz gehalten und ein Drehelement, das versetzte Wände umherdrehen lässt, sodass immer wieder Lücken entstehen, durch die die Schauspieler hindurchgehen können, um an die Bühnenrampe zu gelangen oder hinter denen sie agieren können und vom Publikum separiert sind. Schon beim Eintritt in den Zuschauerraum ist der gesamte Saal in einen leichten Nebel getaucht. Hinzu kommt, dass die Lichttechnik (unter der Leitung von Norman Plathe-Narr) mit wenigen, aber wirkungsvollen Effekten auskam, beispielsweise dem Einsatz von Suchern oder dem überwiegenden Einsatz von kaltem weiß. So entstand schnell eine düstere Atmosphäre, in der man als Zuschauer schnell das Gefühl hatte selbst Teil des Geschehens zu sein. Unterstützt wird dies auch immer wieder dadurch, dass die Darsteller die vierte Wand durchbrechen. Besonders Christian Friedel, der uns als Big Brother und den Ladenbesitzer Charrington vollkommen in seinen Bann zieht, reißt mit seinen Ansagen immer wieder das Publikum mit. Später kommt es sogar zu einer Art Gesangsduell zwischen Friedel und Wolfgang Michalek, der den hinterhältigen O’Brien spielt, inmitten des Publikums. Auch die Kombination einer durchlässigen Decke auf der Bühne, die sich mit dreht mit kalt-weißem Licht verstärkt noch einmal die unheimliche Atmosphäre, da man sich immer fühlt als wäre man irgendwo im Untergrund, einer Kanalisation oder einem dunklen Haus, in dem das Mondlicht hereinscheint.

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Foto: Thomas Aurin, mit Robert Kuchenbuch, Lea Ruckpaul

Zum Gesamtkonzept passen auch die eher schlichten Kostüme, für die Annette Riedel verantwortlich ist. Die Charaktere, wie O’Brien, Julia oder Winston sind in einfarbige Anzüge gekleidet. Der Big Brother wartet dagegen in dunkler Kleidung mit einem Kapuzenpullover auf und sein Kostüm wird immer wieder durch Accessoires, wie einer Art Federkleid, aus schwarzen Federn, ergänzt. Im Gesamten wirkt vieles eintönig, da ist es schon fast ein Eyecatcher, wenn Cathleen Baumann als Frau Parsons mal in eher schrillen Farben gekleidet in verschiedenen Szenerien auftritt. Auch der Pailletten-Anzug von Julia ist nichts Außergewöhnliches, bietet aber viele Möglichkeiten, mit diesem zu spielen, da man die Pailletten mit der Hand verändern, und man so quasi auf dem Anzug malen kann.

An Bühne, Licht und Kostüm können wir also einen Haken machen: die Atmosphäre passt! Und auch mit Blick auf das Schauspiel kann man sich als Zuschauer nicht beschweren. Schon der oben erwähnte Christian Friedel, der auch mit seiner Band aufspielte, überzeugt durch großes Schauspiel. Wie Friedel uns im Interview verriet bereitet ihm diese Rolle eine Menge Freude, denn für ihn war es etwas anderes, mal in die Rolle des bösen Charakters zu schlüpfen. Und das tut er so überzeugend, dass man fast den Eindruck gewinnt er könne alles, was im Saal passiert, steuern: Musik, Licht, sogar die herabfallenden und einschlagenden Bomben. Gefühlt alles hört auf sein Kommando. Selbst wenn er singt und am Piano sitzt dirigiert er seine Band-Kollegen und das mit einer Körpersprache, die einfach begeistert. Wolfgang Michalek, der O’Brien verkörpert agiert nicht weniger spannend. Bei ihm fallen besonders die Kleinigkeiten, wie ein leichtes Handzucken auf, die seiner Rolle etwas Nervöses bis Hinterhältiges verleihen. Als Zuschauer lässt man sich sogar ein wenig von ihm einlullen, als er Winston und Julia versucht weiß zu machen er sei Teil der revolutionären Bewegung. Sein Spiel mit quasi zwei Gesichtern ist mehr als überzeugend und am Ende sogar erschreckend, wenn er durch die Folter von Winston blutverschmiert (dank viel Kunstblut) vor dem Publikum steht und noch einmal einen Monolog hält. Faszinierend und abstoßend zugleich. Robert Kuchenbuch alias Winston Smith ist durchweg der Typ, in den man sich als Zuschauer gut hineinversetzen kann. Man fühlt jede Qual, jedes Drängen nach Revolution, die Liebe zu Julia und am Ende die Folter mit ihm. Dass man am Ende fast das Bedürfnis hat, ihn retten zu wollen, zeigt, dass sein Spiel uns so überzeugt hat, dass selbst wir als Publikum den Schmerz spüren können. Ein tolles Zusammenspiel zwischen Kuchenbuch und Lea Ruckpaul als Julia unterstreicht noch einmal die Rolle der beiden in der Inszenierung. Besonders die energiegeladene, zum Teil naive Art, die Lea Ruckpaul auf die Bühne bringt lässt Julia als überzeugenden Charakter dastehen. Das Leben im Jetzt ist ihr Motto und das verkörpert sie voll und ganz. Besonders ihre Einlagen wie das Überreichen des Zettels mit der Liebesbotschaft an Winston mit großen Gesten wirken keineswegs gekünstelt, sondern im Kontext der gesamten Inszenierung genau auf den Punkt. Cathleen Baumann überzeugte uns als Frau Parsons in ihrer zum Teil sehr anzüglichen Art. Doch egal ob sie Männer verführte oder gegen Ende die Jahreswechsel ankündigt, ihre Energie und ihre Körpersprache sind so überzeugend, dass man als Zuschauer direkt von ihrer Rolle mitgerissen wird. Thiemo Schwarz spielte Parsons selbst. Seine Rolle entwickelte mit der Zeit eine Art Mitläufercharakter, er war dem Regime stets treu, bis auf eine Ausnahme und dafür wird er zur Rechenschaft gezogen. Nicht überzogen, sondern fast schon ruhig, unaufgeregt und tragisch verkörpert Schwarz den Charakter und gibt ihm so seine ganz eigene Note. Zuletzt spielt Andrej Viorel Tacu den Poeten Ampleforth, der im Ministerium für Wahrheit dafür zuständig ist religiöse Texte und Gedichte so umzuschreiben, dass sie nur noch den Großen Bruder verehren. Tacu gibt diese Charakterzüge sehr gut in seinem Spiel wieder und rundet so die gänzlich überzeugende Darstellung des Ensembles ab.

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Foto: Thomas Aurin, mit Wolfgang Michalek, Robert Kuchenbuch

Bereits kurz angeschnitten, aber etwas weiter ausgeführt werden soll auch die Live-Musik der Band Woods of Birnam deren Frontsänger Christian Friedel ist. Die Texte stammten größtenteils von Ludwig Bauer und untermalen perfekt das Geschehen auf der Bühne und geben dem Ganzen so noch einmal eine neue Ebene. Die Liedtexte mit Titeln wie „Live is Gold“, „Nightingale“ oder „Dark World Down“ lassen bereits erahnen, dass sie in gewissem Maße auch das Geschehen kommentieren, beispielsweise wenn man sich gegen das System auflehnen möchte oder erkennt, dass das Leben im Jetzt am wertvollsten ist. Musikalisch hat sich die Band perfekt eingebracht und hat auch an der Seite der Bühne nicht im Geringsten das eigentliche Geschehen gestört.

Trotz des ernsten Themas und des tragischen Endes gab es aber auch immer wieder etwas zum Schmunzeln. Beispielsweise als O’Brien und Winston eine neue Regel für das sogenannte Neusprech durchgehen, dass das Wort „ich“ durch ein Geräusch ersetzt werden soll. Doch nicht nur das Wort, alleine, sondern auch überall wo „ich“ (auch in der Aussprache) vorkommt, wird ein Geräusch als Ersatz genutzt. So wird ein Wort wie „richtig“ schnell zur Stolperfalle. Eine Szene, die schnell an unterhaltsamer Dynamik gewinnt, bei der auch die Darsteller etwas lachen müssen. Ob dieses Intermezzo so gewollt, oder improvisiert war, können wir nur mutmaßen, doch es hat dem Ganzen noch einmal einen neuen Blickwinkel verpasst. Auch wurden aktuelle Themen und Inhalte fast unauffällig im Stück untergebracht, beispielsweise das sogenannte „Facebuch“. Durch die hohe Geschwindigkeit, die Live-Musik und das tolle Schauspiel war man als Zuschauer schnell gefesselt. Dies sorgte allerdings auch dafür, dass längere Dialoge schnell langwierig wirkten, was aber den hervorragenden Texten nicht gerecht wird. Wir wollen bewusst nicht langweilig sagen, denn immerhin ist die Vorlage über 300 Seiten lang und selbst bei einer Spielzeit von fast drei Stunden ist unser Fazit am Ende immer noch, dass wir uns gut unterhalten, sowie sowohl von Thematik, Schauspiel und Inszenierung abgeholt fühlten.

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Foto: Thomas Aurin, mit Lea Ruckpaul, Robert Kuchenbuch

Wir für unseren Teil können die Düsseldorfer Interpretation von Orwells Werk empfehlen, dabei ist es egal, ob man sich gerade erst in der Schule durch den Stoff arbeiten muss, dies schon einige Jahre zurückliegt oder man einfach nur ein Fan von Dystopien ist. Stehende Ovationen sprechen am Schluss für sich. Es ist ein Erlebnis für die jüngeren, aber auch älteren Theatergänger. Sollte man jedoch mit Stroboskopeffekten Probleme haben, dann sollten wir an dieser Stelle eher von einem Besuch abraten, denn diese kommen durchaus häufig und länger vor.

Bisher wird das Stück nur einmal monatlich gespielt, doch wie wir hörten, soll es weitergehen, eventuell in leicht veränderter Besetzung. Wer die Inszenierung deshalb so erleben möchte wie wir, sollte die aktuellen Termine auf der Seite des Düsseldorfer Schauspielhauses checken. Einen Trailer gibt es ebenfalls, wer sich schon einen kleinen Appetithappen holen möchte.


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