Großer Künstler und stets so bodenständig – 
Schauspieler Christian Friedel im Porträt

Beitragsbild: Thomas Rabsch
Text und Interview: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

„Von Hamlet bis Hollywood“ heißt eine Dokumentation, die der MDR einmal über ihn gesendet hat. Er spielt auf der Theaterbühne nicht nur die ganz Großen, darunter die Hauptrolle in William Shakespeares großem Meisterwerk um den Dänenprinzen oder den Großen Bruder aus Orwells Dystopie-Klassiker 1984, er arbeitet auch mit den ganz Großen, unter anderem in der Inszenierung von E.T.A Hoffmanns Der Sandmann des amerikanischen Kultregisseurs Robert Wilson. Mit seiner Band Woods of Birnam tourt er durch das Land, vertont auf verzaubernde Weise Shakespeare-Texte oder zaubert aus ganz persönlichen Momenten positive Indie-Pop-Energie. Steht er nicht auf Bühnen, steht er vor Kameras. Besonders historische Rollen wie die des Hitler-Attentäters Georg Elser aber auch historische Fiktion wie die Kultserie Babylon Berlin charakterisieren sein Profil. Und auch die politisch engagiert er sich vor allem gegen den immer stärker erscheinenden Rechtsruck, den gerade nicht nur Deutschland bemerkt. Er lässt keinen Moment verstreichen, in dem er klarstellen kann, dass „der Osten“, aus dem er kommt, seine Heimatstadt Magdeburg aber auch die Herkunftsstadt seiner Band, Dresden, trotz beunruhigender Landtagswahlergebnisse nicht blau oder braun, sondern bunt ist. 

An einem Tag zwischen einer 1984– und einer Hamlet-Vorstellung trafen wir Schauspieler Christian Friedel in Düsseldorf zum Interview und der Leser mag bei dieser Einleitung bereits erahnen, dass dieses Porträt durchaus eine längere Lektüre wird. Aber das ist auch gut so! 

Christian Friedel kann für sich behaupten, Jahrgang 1979, in seinen 40 Lebensjahren hiervon bereits knapp 30 auf den Bühnen unserer Theater verbracht zu haben. Dass es die Schauspielerei ist, die bald sein Lebensmittelpunkt werden sollte, stand auch bereits sehr früh fest: „Es war selbstverständlich, dass ich schon immer gerne Leute unterhalten habe. Dabei war mir egal, ob ich Puppentheater spiele, Geschichten vorlese oder singe. Ich fand es immer toll, dass ich etwas machte, was wiederum zu einer Reaktion führte.“ 

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„Es war selbstverständlich, dass ich schon immer gerne Leute unterhalten habe. Dabei war mir egal, ob ich Puppentheater spiele, Geschichten vorlese oder singe. Ich fand es immer toll, dass ich etwas machte, was wiederum zu einer Reaktion führte.“ (Foto: Joachim Gern)

Sein Unterhaltungstalent spürten auch die Eltern des gebürtigen Magdeburgers früh. Zwar waren es die ursprünglichen Pläne seines Vaters, dass Christian Medizin studiert und Arzt wird, doch bemerkte er schnell, dass der Weg seines Sohnes ein anderer werden sollte und seine Mutter und seine Grundschullehrerin meldeten ihn am Theater als Kinderstatist an. Und so entzündete sich ein Schauspielfeuer, das bis heute lichterloh brennt. 

„Alles war zielgerichtet darauf, dass es für mich auf die Bühne geht“, erklärt Christian. Den Umweg, zuerst „etwas Vernünftiges“, wie viele Eltern ihren Kindern den Wunsch einer Schauspielerkarriere wegen der Angst vor Misserfolg verwehren, gab es bei Christian nicht. Seine Eltern unterstützten ihn in seinen Träumen. „Ich habe im Jugendclub schon immer gerne Regie geführt und gemerkt, dass mir das Spaß macht. Ich habe meine eigene Band gehabt, in der Komparserie gespielt und dann begonnen, mich an Schauspielschulen zu bewerben.“ 

Wer Christian heute auf der Bühne oder vor der Kamera erlebt, der mag gar nicht meinen, dass der Weg an die Schauspielschulen für ihn anfangs ebenfalls ein hartes Brett war. „Das hat sich am Anfang als relativ schwierig herausgestellt. Ich bin zwar immer in die Endrunde gekommen, aber die Auswahlkommission war sich immer unsicher.“ Christian vermutet, dass er anfangs nicht das vortrug, was die Kommissionen der Schauspielschulen sehen wollten. Parallel zu seinen Versuchen, an Schauspielschulen genommen zu werden, spielte Christian mit dem Gedanken, Regie zu studieren, ein Beruf, den er heute auch ausübt und der ihn noch immer sehr begeistert. In seinen Anfangsjahren jedoch riet ihm ein Regisseur, er solle zuvor selber erfahren, was es heißt, auf der Bühne zu stehen und deshalb der Schauspielerei den Vorzug lassen. Und im dritten Jahr hat es dann auch auf der Otto Falckenberg-Schule in München funktioniert. 

Bei all seinen Vorsprechen hatte Christian für sich herausgefunden, was er vielen Auswahlkommissionen zuvor nicht gezeigt hat, nämlich seine Persönlichkeit in seiner Rollenauswahl: „Beim Vorsprechen an Schauspielschulen ist die Rollenauswahl immer ganz entscheidend. Man möchte gerne immer viele Facetten zeigen, herausstellen, was man kann, wie laut man schreien oder wie crazy man sein kann. Man sollte aber weniger zeigen, was man kann, man sollte lieber zeigen, wer man ist. Das ist der Schlüssel.“ Diese eine Rolle zu finden, die all das widerspiegelt, war für Christian viel Arbeit. „Das ist ein intensiver Prozess. Bei mir war es dann Biff aus Tod eines Handlungsreisenden von Arthur Miller, der mir alle Türen geöffnet hat. Diese Rolle habe ich mir selber heraufgeschafft und sie hatte auch mit mir persönlich eine Verbindung. Das war authentischer und hat viel mehr über mich erzählt. Die Schauspielschulen wollen die Persönlichkeit der Bewerber spüren.“ 

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„„Beim Vorsprechen an Schauspielschulen ist die Rollenauswahl immer ganz entscheidend. Man möchte gerne immer viele Facetten zeigen, herausstellen, was man kann, wie laut man schreien oder wie crazy man sein kann. Man sollte aber weniger zeigen, was man kann, man sollte lieber zeigen, wer man ist. Das ist der Schlüssel.“ (Foto: Lutz Michen)

Und so startete eine bemerkenswert abwechslungsreiche Schauspielerkarriere. Christian spielte bisher unter anderem am Bayrischen Staatsschauspiel oder den Münchener Kammerspielen, war Ensemblemitglied am Schauspiel Hannover und spielte am Staatsschauspiel Dresden unter der Intendanz von Wilfried Schulz, der jetzt Intendant am Düsseldorfer Schauspielhaus ist, Titelrollen in Bühnenklassikern wie in Wilhelm Meisters Wanderjahre, Peer Gynt, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui oder Don Carlos. In Roger Vontobels Inszenierung von Hamlet, die mittlerweile in den Spielplan des Düsseldorfer Schauspielhauses übergegangen ist, trat Christian in der Titelrolle zum ersten Mal gemeinsam mit seiner Band auf und das Publikum ebenjenes Düsseldorfer Schauspielhauses verzaubert er als Nathanael aus E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann in der Regie von Robert Wilson und als Großer Bruder in Armin Petras‘ Version von 1984. Eine Liste, die noch lange nicht vollendet ist und auch in Zukunft noch reichhaltig gefüllt werden wird, aber für unser Interview bereits für ausreichend Gesprächsstoff sorgt. 

So liegt Christian besonders die Rolle des Hamlet am Herzen: „Hamlet ist eines meiner Lieblingsstücke. Ich habe das damals im Jugendclub inszeniert und dazu die Musik gemacht. Bei mir war es ein Zukunfts-Setting, denn ich war damals sehr geprägt von Science-Fiction. Dass ich mich jetzt in Dresden und Düsseldorf ebenfalls noch einmal mit diesem Stoff auseinandersetzen durfte und darf, ist für mich ein sehr großes Geschenk. Hamlet ist eine Rolle, die ich, wenn es geht, gerne noch ein paar Jahre mit mir herumtrage.“ 

Doch, eine Frage, die jeder Hamlet-Darsteller sicher anders beantwortet, ist es, was diese Figur ausmacht. Regisseur Roger Vontobel stellt die These auf, dass es für jeden Menschen nur einen Hamlet gibt. Für Christian ist er „ein Zurückgelassener, der mit seinem Schmerz über den Verlust des Vaters eigentlich gar nicht umgehen kann und damit hadert, ob er nun versucht, diesem Schmerz einen Ausdruck zu geben.“ Eine Interpretation, der die Inszenierung in Dresden und in Düsseldorf auch nachgeht: „Hamlet ist nach Wittenberg gegangen und hat dabei seinen Vater in absolut gesundem Zustand in Erinnerung behalten und plötzlich stirbt er aus heiterem Himmel? In der Dresdener Version ist es so, dass nie bewiesen wird, dass es wirklich einen Mord gegeben hat. Die Frage bleibt die ganze Zeit ambivalent und führt dann schließlich dazu, dass Hamlet sich in seinen Wahnsinn hineinmanövriert. Er ist von einer Sache so überzeugt, dass er die Realität gar nicht mehr wahrnimmt und in unserer Inszenierung deshalb auch den ganzen Schluss alleine spielt. Er sieht Geister und hat mit der Realität ein ganz großes Problem, weil der Verlust und die Trauer und seine Wut darüber so stark sind, dass er es nicht mehr aushält, in der Realität zu leben.“ Auch wir können quittieren, dass die Hamlet-Fassung von Roger Vontobel eine unheimlich unter die Haut gehende, fast schon persönlich-intime Inszenierung ist, die durchaus darüber nachdenken lässt, wie man mit Trauer und mit einer Realität umgeht, die man vielleicht nicht wahrhaben möchte. 

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„Hamlet ist für mich ein Zurückgelassener, der mit seinem Schmerz über den Verlust des Vaters eigentlich gar nicht umgehen kann und damit hadert, ob er nun versucht, diesem Schmerz einen Ausdruck zu geben:“ (Auf dem Bild: Christian Erdmann, Claudia Hübbecker, Christian Friedel, Foto: Sandra Then)

Noch erfolgreicher als Hamlet ist nur Der Sandmann. Der 1941 in Texas geborene Theatermacher Robert Wilson vereint die Berufe Regisseur, Autor, Maler, Lichtdesigner, Bühnenbildner, Videokünstler und Architekt in einer Person. Und das sieht man seinen Inszenierungen auch an. Nicht selten stehen in Programmheften hinter seinem Namen gleich mehrere theatrale Teilgebiete, so wie eben in seiner Düsseldorfer Inszenierung, der 1816 von E.T.A. Hoffmann veröffentlichten Novelle, in der Wilson sich für Regie, Bühne und Licht verantwortlich fühlt und in der Christian die Hauptrolle des Nathanael verkörpert. 

Robert Wilson steht, da scheint sich die Fachwelt des Theaters einig, für lichtmalerische theatrale Bilder, die über stark expressionistische Bewegungen, Lieder und Sprechtexte dem Publikum Gefühle vermitteln sollen. Hierfür werden die Schauspieler*innen metaphorisch gesprochen zu einem Pinselstrich im Gesamtwerk. Wilson gibt jede Bewegung haargenau vor, hat sich alles bereits zu Beginn der Proben ausgedacht und die Schauspieler*innen ziehen sich das Stück nur an wie ein Kostüm, Freiheiten bleiben kaum welche.

Oder?

In seiner Arbeit mit Robert Wilson lernte Christian den Regisseur entgegen der weitläufigen Meinung ein wenig anders kennen: „Es gibt für uns Schauspieler*innen tatsächlich sehr viele Freiheiten. Was man Wilson vielleicht unterstellen könnte, ist, dass er ein System hat, das er den Leuten überstülpt. Aber so ist es nicht. Er gibt zwar eine klare Struktur und eine Choreografie vor, aber er möchte regelrecht, dass man als Schauspieler*in die eigene Persönlichkeit mit dem Stück verbindet.“ Und so gibt uns Christian einen kleinen Einblick in die Proben mit Robert Wilson: „Am Anfang muss man sich als Schauspieler*in sehr in Geduld üben. Für Robert steht das Licht an erster Stelle. Jeder Finger, jede Geste, jeder Schritt muss zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle sein. Er hat uns dann jede Geste und jeden Schritt vorgezeigt oder uns geleitet und man hat das erst einmal gelernt wie eine Choreografie.“ Doch konnte sich auch Christian bei den Proben nicht immer jede der vielen, teils komplex durchdachten Bewegungsstrukturen Wilsons merken: „Es gibt diese Szene, in der ich merke, dass die Augen herausgerissen sind und das hat Robert mir fünf Minuten lang vorgetanzt. Hierbei habe ich einerseits Tränen gelacht, andererseits aber dachte ich mir, dass ich nicht lachen darf, denn für die Figur ist das nun mal ein ganz schlimmer Moment. Als er dann fertig war, wendete er sich zu mir und sagte: ‚And now you‘ und dann musste ich fünf Minuten lang einen Tanz improvisieren. Ich habe die ganze Zeit durchgelacht, weil ich irgendwie peinlich berührt war und dennoch war es ein ganz toller Prozess, weil ich bemerkte, dass ich mir gar nicht alles merken konnte, was er mir gezeigt hat.“ 

In seinen Bewegungen und Abfolgen ist Wilson als Regisseur sehr penibel: „Die Szene, in der Nathanael am Tisch sitzt und einen Brief schreibt, ist ganz präzise durchgetaktet, ich zähle die ganze Zeit, von 24 bis 48 in Längen und das ist ein ganz tolles und interessantes Prinzip.“ Doch zugleich erfragt Wilson auch immer das Feedback der Künstler: „Er möchte, dass man die Texte, die man spricht und die Gefühle, die in dieser Situation aufkommen, wirklich selber steuert und darin auch frei ist. Das führte so weit, dass er mich fragte: ‚What do you think?‘. Ich war völlig überrascht von der Frage, weil ich das von ihm nicht erwartet hätte. Aber das wünscht er sich. Er gibt nur die Hülle, und füllen muss der Schauspieler die Hülle selber. Und genau das widerspricht dem Klischee, das man ihm vorhält.“

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„Robert Wilson möchte, dass man die Texte, die man spricht und die Gefühle, die in dieser Situation aufkommen, wirklich selber steuert und darin auch frei ist. Das führte so weit, dass er mich fragte: ‚What do you think?‘. Ich war völlig überrascht von der Frage, weil ich das von ihm nicht erwartet hätte. Er gibt nur die Hülle, und füllen muss der Schauspieler die Hülle selber. Und genau das widerspricht dem Klischee, das man ihm vorhält.“ (Foto: Lucie Jansch)

Christian ist besonders froh, diese Möglichkeit gehabt zu haben, mit Robert Wilson zusammen zu arbeiten. Für ihn und seine Kollegen*innen war es eine andere und skurrile Art, Theater zu machen. Zugleich stellt Christian klar, dass Der Sandmann wegen der extremen Körperlichkeiten und der Wechsel von Tanz, Schauspiel und Gesang mit Abstand sein anstrengendstes Stück ist. Für den von Wilson geforderten großen und expressiven Stil hilft ihm vor allem sein Kostüm: „Das Kostüm, die Maske und die Abstraktion geben mir einen Schutz. Ich könnte das ohne diese Maske, die Handschuhe oder die Ballettschuhe gar nicht so spielen. Besonders für die Körperlichkeit hilft mir das sehr.“ 

Eine besondere Überraschung erlebt, wer Christian in der Rolle des Großen Bruders in der 1984-Inszenierung von Armin Petras sieht, denn durch die Rolle des bösen Parteiführers, der manipulativ alle Strippen zieht, an denen die Protagonisten widerstandslos hängen, entsteht ein starker Kontrast zu seinen anderen Darstellungen: „Ich werde immer gerne als der weiche, nachdenkliche und empathische Typ besetzt. Gerade dann finde ich es toll, wenn diese Dinge, die ich von Zuhause mitbringe, im Kontrast stehen mit einer Figur, die böse und unangenehm ist.“ Obwohl Christian das theatrale Potenzial von Romanbearbeitungen kritisch sieht, ihn Prosatexte auf der Bühne langweilen, freut er sich, Teil dieser Inszenierung zu sein, alleine schon, weil er Regisseur Petras sehr schätzt: „Wir haben uns bei 1984 die Frage gestellt, wie weit der Big Brother als böser Entertainer mit seiner lieblichen Musik die Zuschauer verführen kann, dass sie merken, dass sie von einem ziemlich zerstörerischen und diktatorischen System verführt werden.“ Hierbei stellt Christian mit Blick auf 1984, aber auch auf andere Bühnenwerke wie Der Sandmann fest, dass man als Zuschauer nicht unbedingt den Anspruch haben sollte, alles zu verstehen. Gerade für einen guten Theaterabend spreche es, wenn man nicht direkt alles versteht: „Es ist auch gut, wenn manches erst nach einer gewissen Zeit zum Aha-Effekt führt oder wenn man später erst merkt, was die Verbindungen waren. Manchmal behält ein Theaterabend eben auch seine Geheimnisse und das ist okay.“

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„Ich werde immer gerne als der weiche, nachdenkliche und empathische Typ besetzt. Gerade dann finde ich es toll, wenn diese Dinge, die ich von Zuhause mitbringe, im Kontrast stehen mit einer Figur, die böse und unangenehm ist.“ (Foto: Thomas Aurin)

Doch nicht nur auf Theaterbühnen, auch auf Kinoleinwänden und Fernsehbildschirmen sehen wir Christian immer wieder. Und dies zumeist in einem historischen Kontext. Christian erklärt sich dies durch sein Äußeres: „Ich habe wahrscheinlich ein historisches Gesicht, weshalb ich sehr gerne für historische Stoffe angefragt werde. Ich habe es immer gemocht, mich zu verkleiden, daher sind historische Filme natürlich sehr cool. Hier kannst du in eine Zeitmaschine steigen und in eine ganz andere Welt abtauchen. Das macht sehr viel Spaß.“

Das „historische Gesicht“ erklärt sich Christian durch die Herangehensweise, mit der beim Film gecastet wird, nämlich sehr typenabhängig: „Im Theater kann man auch gegenbesetzen, ungewöhnlich besetzen oder Gendertausch machen, aber beim Film muss alles genau der Vision des Regisseurs entsprechen. So war es bei Das Weiße Band beispielsweise sehr schwer, Komparsen zu finden, die dem historischen Bild der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts entsprechen. Wenn man sich Fotos aus dieser Zeit ansieht, sieht man Menschen im Alter von 40 und denkt, sie wären fast 60. Von ihrer körperlichen Arbeit auf dem Feld beispielsweise waren sie geprägt und gezeichnet.“

Dass Christian beim Film nicht nur viel Spaß hat, sondern auch sein Handwerk vor der Kamera beherrscht, zeigen zahlreiche Film- und Serienprojekte, in denen er immer wieder zu sehen ist. So verkörpert er im Serienklassiker Babylon Berlin den Polizeifotografen Gräf oder im von Preisen überhäuften und im Jahr 2010 sogar zweifach für den Oscar nominierten Kinofilm Das Weiße Band den die Geschichte erzählenden namenlosen Dorflehrer. 

In der Vorbereitung sind historische Rollen besonders spannend, wenn es die zu verkörpernden Persönlichkeiten wirklich gegeben hat. Georg Elser, den er im nach dem Hitler-Attentäter benannten Film Elser – Er hätte die Welt verändert spielt, gehört hierbei zu den spannendsten Arbeiten Christians, was sich bereits in der Vorbereitung auf die Rolle gezeigt hat, denn einfach Biografien studieren war bei der historischen Figur Georg Elsers schwierig: „Es liegt nicht viel Material über Georg Elser vor, besonders fehlt Audiomaterial. Vieles wissen wir von ihm nicht. Er hat sich ein Jahr lang isoliert und von Zeitzeugen hat man immer nur eine Seite kennen gelernt, aber eben nicht sein Motiv, die Tat zu begehen und die politische Landschaft auf eine sehr drastische Art und Weise zu verändern. Dieser Antrieb bleibt sein ewiges Geheimnis und besonders das war es, was uns da angetrieben hat.“ Vieles bei der Rollengestaltung war Interpretation und eine Auseinandersetzung zwischen Christian, Drehbuchautor und Regisseur Oliver Hirschbiegel: „Wir haben sehr viel gesprochen, aber auch vieles am Set ausprobiert und ich war sehr glücklich, dass Oliver seine Vision hatte und ich meine Vision und wir uns bei der Arbeit konstruktiv begegnet sind. Das hat den Charakter dann so vielschichtig werden lassen.“ 

1 1 Georg Elser (Christian Friedel, M.) erklärt Nebe (Burgh. Klaußner, l.) und Müller (Joh. von Bülow, r.), wie er die Bombe gebaut hat - Cop. Lucky Bird Pictures, Bernd Schuller
„Ich habe wahrscheinlich ein historisches Gesicht, weshalb ich sehr gerne für historische Stoffe angefragt werde. Ich habe es immer gemocht, mich zu verkleiden, daher sind historische Filme natürlich sehr cool. Hier kannst du in eine Zeitmaschine steigen und in eine ganz andere Welt abtauchen. Das macht sehr viel Spaß.“ (Szenenfoto aus dem Film „Elser – Er hätte die Welt verändert“, Georg Elser (Christian Friedel, M.) erklärt Nebe (Burgh. Klaußner, l.) und Müller (Joh. von Bülow, r.), wie er die Bombe gebaut hat – Cop. Lucky Bird Pictures, Bernd Schuller; Regie: Oliver Hirschbiegel, 2015)

Anders lief die Vorbereitung bei Die Dasslers – Pioniere, Brüder und Rivalen, ein zweiteiliger Biografie-Film über die Dassler-Brüder, die Gründer von Adidas und Puma, in dem Christian Adi Dassler verkörperte: „Hier gab es mehr Material und trotzdem war es für mich eine aufregende Herausforderung. Ich habe Adi Dasslers Tochter kennen gelernt und im ersten Gespräch fragte sie mich, wie ich ihren Vater sehe und dann habe ich angefangen, den Charakter zu beschreiben woraufhin sie ganz gerührt war und mir bestätigte: ‚Ja, so war er.‘“ 

Trotz seiner erfolgreichen historischen Charakterdarstellungen, sollte aber auch Parfum nicht unerwähnt bleiben, eine moderne Krimiserie aus der heutigen Zeit, die zeigt, dass Christian nicht immer in die theatrale Zeitmaschine steigen muss und künftig ebenfalls gerne auch, trotz historischen Gesichts, moderne Rollen spielt.

Doch nicht nur die Schauspielerei, auch die Musik ist untrennbar mit Christian verbunden. Schon früh hatte er eine eigene Band. Mit den Künstlern der Popband Polarkreis 18 gründete er im Jahr 2011 seine Indiepop-Band Woods of Birnam, die bereits drei Studioalben aufweist. Der Shakespeare-Ultra wird es bemerkt haben, der Wald von Birnam, ein Schauplatz aus Macbeth. Und Shakespeare war auch für zwei Alben eine reichhaltige Inspirationsquelle. Als Teil der Hamlet-Inszenierung Vontobels standen die Musiker der Band mit ihrem Leadsänger, der dort die Hauptrolle verkörperte, das erste Mal auf der Theaterbühne und haben schnell Blut geleckt. Besonders große Aufmerksamkeit wurde dem ebenfalls im Stück gespielten Titel I’ll Call Thee Hamlet zuteil, das Titelsong zu Til Schweigers Film Honig im Kopf wurde. Außerdem traten Woods of Birnam im Jahr 2016 mit Lift Me Up (From the Underground) zum Vorentscheid des Eurovision Song Contest an. Und der Rest ist Schweigen.

Nein, natürlich nicht. Ganz im Gegenteil: Der Rest war laut und bunt! Denn jetzt war die Band deutschlandweit bekannt und hatte ausreichend Aufmerksamkeit für ihr drittes Studioalbum Grace, in dem Christian den Tod seiner Mutter, also ein sehr persönliches Thema verarbeitet. Dies jedoch nicht mit den mit Tod und Trauer so häufig assoziierten Mitteln der Melancholie und den Farben schwarz oder grau, sondern bunt, funky und lebensbejahend. Für Christian eine viel bessere Art, mit seiner Trauer umzugehen: „Wenn wir in Deutschland wichtige Menschen verlieren und trauern, ist immer alles schwarz. In anderen Ländern aber sieht man Leute, die ihre Toten feiern und es ist bunt. Das ist doch viel angenehmer, weil mir das bei all dem Schmerz, den ich habe und der auch bis an mein Lebensende bleibt, trotzdem das Gefühl gibt, dass die Dankbarkeit über den Menschen, den man verloren hat, mir viel mehr Kraft gibt, als diese unglaubliche Trauer, die einem die Kraft eher nimmt.“ Auch die Bandkollegen waren sehr schnell angetan von dieser Idee: „Meine Band kannte meine Mama. Sie hat uns damals bereits am Merch-Stand unterstützt und unsere ersten EPs verkauft. Sie mochte die schnellen und tanzbaren Songs und sie hat auch selber immer gerne getanzt und war ein sehr lebensfroher Mensch. Mir war es wichtig, das auf dem Album abzubilden.“ 

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„Wenn die Leute aus dem Konzert gehen und erfüllt sind von all den Farben, das ist ein tolles Erlebnis. Das Publikum bei unseren Konzerten mischt nicht nur die Theatergänger mit den Musikliebhabern, wir sehen Jung und Alt und sind immer wieder erstaunt, wie bunt diese Mischung ist und hoffen, dass das auch immer so bleiben wird.“ (Foto: Lutz Michen)

Wer sich die Songs aus dem Album Grace anhört, versteht sehr schnell, was Christian und seine Jungs damit meinen, denn das Album „ist bunt und lebensbejahend“, wie Christian es zusammenfasst. Und bei Konzerten sieht er, dass diese positive Energie sich auf die Zuschauer überträgt: „Wenn die Leute aus dem Konzert gehen und erfüllt sind von all den Farben, das ist ein tolles Erlebnis.“ Überhaupt sind Woods of Birnam eine Band, die die Generationen vereint, wie Christian dies auch immer wieder beobachtet: „Das Publikum bei unseren Konzerten mischt nicht nur die Theatergänger mit den Musikliebhabern, wir sehen Jung und Alt und sind immer wieder erstaunt, wie bunt diese Mischung ist und hoffen, dass das auch immer so bleiben wird.“ 

Die Konzerte nutzt Christian aber nicht nur, um den Zuschauern*innen und Zuhörern*innen seiner Band einen lebensbejahenden, positiven und euphorischen Abend zu bereiten. Das Adjektiv „bunt“ legt er nicht nur die positiven Energien aus, für die die Band und ihre Musik stehen. Christian nutzt die Konzerte auch stets als Plattform zur politischen Positionierung. Mit Sorge betrachtet auch er die politische Entwicklung in Deutschland. Die AfD, die mit populistischer Polemik Ängste verbreitet und Hass schürt, sich rassistisch gegen Multikulturalität ausspricht und keinen Hehl daraus macht, klare Tendenzen zu rechten Lagern zu haben, sitzt im Bundestag und in fast allen Länderparlamenten. Besonders im Osten der Bundesrepublik erhalten AfD-Abgeordnete beunruhigend hohe Zustimmung.

So kämpft Christian in den Ansagen, die er auf den Woods of Birnam-Konzerten macht, gegen das stereotype Bild an, das so mancher vielleicht hat, der Osten sei rechts. Zwar kann man die Wahlergebnisse, besonders der vergangenen Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg nicht von der Hand weisen, aber dennoch wird Christian nicht müde, zu betonen, dass die Heimatstadt seiner Band, aber auch alle anderen Städte und Länder im Osten der Republik weder blau noch braun sind, die meisten Menschen und ihre Gesinnungen dort sind noch immer bunt und darauf ist er stolz. 

Dennoch sieht auch Christian, dass die Kulturschaffende vermehrt von rechts bedroht werden mit den Versuchen, die stets kritischen Auseinandersetzungen mit dem deutschen Rechtsruck zu unterdrücken. „Manchmal sind es anonyme Hassmails oder Mord- und Bombendrohungen. Manchmal sind es Strafanzeigen, Störaktionen, Demonstrationen gegen Kunstprojekte oder Polemiken gegen ‚hohle Experimente und dümmliche Willkommenspropaganda‘ an Theatern, Opern, Museen. Manchmal sind es Anfragen und Anträge der AfD in Parlamenten, Stadträten und Kulturausschüssen“, wie die Süddeutsche Zeitung eine Chronik rechter Angriffe gegen Kunst einleitet.

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„Man muss aufhören, immer nur zu sagen, dass man gegen etwas oder jemanden ist und aufstehen und sagen, für was man steht. Das finde ich wichtig und das sollten die Theater gerade in diesen schwierigen Zeiten aufzeigen und sich positionieren und zeigen als ein Ort, der vielschichtig ist, der auch politisch ist, aber der eben auch große Offenheit und Toleranz zeigt für alle Lager.“ (Foto: Joachim Gern)

Für Christian ist es schockierend, wie aus der Fiktion einer Serie, die er dreht, schnell Realität in deutschen Parlamenten werden kann: „Diese Strömung, die jetzt aufkommt, zeigt die Parallelen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und besonders davor. Ich habe gerade die dritte Staffel von Babylon Berlin abgedreht. Das spielt in den Goldenen Zwanzigern der Weimarer Republik und viele hatten das Gefühl vom freien Leben, das aber unterhöhlt wurde und natürlich kann man bei solchen Parallelen zur heutigen Zeit Angst bekommen.“ 

Und dennoch sieht Christian in der Denunziation der AfD und damit der Schaffung eines klaren Feindbildes im Rahmen eines simplen Schwarz-Weiß-Denkens nicht die Lösung des Problems, denn „man muss aufpassen, dass man nicht sagt, dass nur diese eine Meinung die richtige sei. Dann ist man nicht besser als die anderen. Das gilt auch für die Theater. Wenn mir eine Theaterinszenierung sagt, dass es nur eine richtige wahre Meinung gibt, ist das schwierig. Theater muss in dem Sinne politisch sein, aber muss sowohl im Politischen als auch im Inhaltlichen mir als Zuschauer die Möglichkeit geben, selber zu entscheiden, was ich daraus mitnehme und ob ich dies gut oder schlecht finde. Ich glaube, man kann auch politisches Theater machen, ohne den Leuten seine Meinung mit dem Vorschlaghammer zu sagen.“ 

Somit empfiehlt Christian Theatern, eine klare Positionierung eben darin, dem Zuschauer die Positionierung zu überlassen und so den Dialog zu eröffnen: „Man muss aufhören, immer nur zu sagen, dass man gegen etwas oder jemanden ist und aufstehen und sagen, für was man steht. Das finde ich wichtig und das sollten die Theater gerade in diesen schwierigen Zeiten aufzeigen und sich positionieren und zeigen als ein Ort, der vielschichtig ist, der auch politisch ist, aber der eben auch große Offenheit und Toleranz zeigt für alle Lager.“

Und auch Politikern gibt er, besonders nach der Betrachtung jüngster Wahlergebnisse, eine klare Botschaft mit auf den Weg: „Es macht mich fassungslos, und man merkt, die Fronten sind verhärtet. Politiker müssen jetzt Taten sprechen lassen. Sie müssen filigran sein, sie sollten durchlässig sein und dem Volke nahe und nicht immer das Gefühl haben, sie müssten wieder ein neues Parteiprogramm entwickeln, das gegen etwas ist.“ 

Obwohl aktuell die Fronten sehr verhärtet scheinen, hofft Christian auf den Dialog, vielleicht auch ein bisschen auf den Streit, denn für so etwas ist die Demokratie geschaffen. Man soll sich auf Augenhöhe begegnen, seine Ansichten ausdrücken und sachlich diskutieren, man muss gemeinsam eine Lösung finden und darf keine Lager bilden. Und hierfür bietet das Theater oder die Kunst per se ein wundervolles Forum, das nicht neutralisiert, sondern von allen in seinen demokratischen Prinzipien in Anspruch genommen werden sollte.  

Und was bringt die künstlerische Zukunft? Christian freut sich auf viele neue Projekte. „Regie ist eigentlich das, was ich in den nächsten Jahren intensiver machen, worin ich mich ausprobieren möchte.“ So wird er beispielsweise als nächstes am Staatsschauspiel Dresden Macbeth inszenieren. Geplant war eigentlich nur die Regie. Den Überredungskünsten der Kollegen hat der Zuschauer es wohl zu verdanken, dass Christian nun auch als Schauspieler Teil des Projekts werden wird: „Im März wird Macbeth Premiere feiern. Obwohl ich anfangs eigentlich selber gar nicht spielen wollte, freue ich mich natürlich trotzdem“. Vermutlich auch nicht zuletzt, weil auch seine Jungs von Woods of Birnam wieder dabei sein werden: „Die Jungs finden es auch toll, wenn ich mit ihnen gemeinsam auf der Bühne stehe und sie nicht nur Theatermusiker sind“. Und auch wir sind bereits sehr gespannt auf Christians neusten Shakespeare-Streich. 

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„Wenn ich merke, ich kann die Leute mit meiner Regiearbeit ins Boot holen, ich kann sie einladen und inspirieren, dann mache ich etwas richtig. Wenn aber die Leute mich nicht verstehen oder ich mich nicht ausdrücken oder ich meine Visionen nicht umsetzen kann, dann sollte ich es lieber lassen. So selbstkritisch bin ich auch. In Göttingen hat das sehr gut funktioniert und die Leute haben mir viel Kraft gegeben und das hat mich dann auch bestärkt, weiterzumachen.“ (Szenenfoto aus Christians Regiearbeit „Schwanengesang“ am Deutschen Theater Göttingen, Foto: Thomas Aurin)

Und dann, vielleicht, irgendwann, wird Christian genug Erfahrung auf der Bühne gesammelt haben, um gänzlich auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen. Bereits vor Macbeth sammelte er hierfür Erfahrung, nicht nur im Jugendclub. So inszenierte er am Deutschen Theater Göttingen »Schwanengesang« Rausch und Requiem nach Franz Schubert sowie Sophokles‘ Antigone und hat auf seine für ihn berühmte bodenständige Art für sich festgestellt, dass er auf dem richtigen Weg ist: „Wenn ich merke, ich kann die Leute mit meiner Regiearbeit ins Boot holen, ich kann sie einladen und inspirieren, dann mache ich etwas richtig. Wenn aber die Leute mich nicht verstehen oder ich mich nicht ausdrücken oder ich meine Visionen nicht umsetzen kann, dann sollte ich es lieber lassen. So selbstkritisch bin ich auch. In Göttingen hat das sehr gut funktioniert und die Leute haben mir viel Kraft gegeben und das hat mich dann auch bestärkt, weiterzumachen.“ 

Wir jedenfalls sind zuversichtlich, dass alles, was Christian Friedel anfasst, egal ob Theater, Film, Regie oder Musik, Potenzial hat, große Kunst zu werden, wünschen ihm für all seine zukünftigen Projekte nicht nur großen Erfolg, sondern auch, dass er ihn mit dieser warmen und herzlichen Bodenständigkeit, mit der er Menschen begegnet, erlebt und bedanken uns sehr herzlich für seine Zeit und das aufschlussreiche Interview.


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