Haunted House 3.0 – die FreAkademy öffnet im Odonien Köln ihre Tore

Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)
Beitragsbild: Tino Werner

Köln, Odonien, das Wetter ist etwas frischer, aber trocken. Ideale Voraussetzungen für die Premiere der FreAkademy, die zu ihrem Haunted House 3.0 geladen hat.

Über die FreAkademy selbst berichten wir an dieser Stelle nicht mehr, sondern verweisen auf unser Interview, das wir kürzlich veröffentlicht haben, in dem der Grundgedanke der Gruppe ausführlich von Regisseur Nicolas Folz erläutert wurde. Dieser Text konzentriert sich voll und ganz auf die Umsetzung in diesem Jahr und zieht auch noch einmal einen Vergleich zur ersten Produktion, die wir 2017 sahen. Und nun tauchen wir endlich ein in die dunkle Welt der psychotraumatischen Erfahrungen.

Schon beim Betreten des Geländes wird klar: der Zuschauer soll von der ersten Sekunde an von der unheimlichen Atmosphäre, die das Performance-Kollektiv schaffen will, aufgenommen werden. Das Odonien ist als Gelände eine perfekte Wahl, denn es bietet viele Möglichkeiten, sich zu verstecken, einige hellere und dunklere Ecken und vor allem bietet es die Möglichkeit, verschiedene Räume zu nutzen, was sich die Gruppe nicht hat zweimal sagen lassen. Neben der tollen Ausleuchtung des Geländes dröhnt aus der Ferne eine sehr basslastige Musik aus den Boxen, die schon etwas unheimlich wirkt. Vereinzelt laufen Darsteller über das Gelände und interagieren bereits mit dem Publikum. Der erste Eindruck stimmt also schon mal.

Anfangs gab es kurz Gelegenheit, das Gelände selbst zu erkunden und etwas zu trinken, dann werden alle Zuschauer zum gemeinsamen Start zusammengetrommelt. Die Ärzte, die uns bereits draußen auf dem Gelände empfingen, betreten nun die kleine Bühne und führen uns einen ihrer Patienten vor. Das Spannende ist, dass die Ärzte nicht direkt anfangen zu sprechen, sondern selbst mit einer Choreographie beginnen, die sehr eindrucksvoll war. Definitiv ein Eyecatcher und für diese Art von Performance genau der richtige Einstieg.

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Foto: Patric Prager

Nach einer kurzen textlichen Einführung werden die Zuschauer in fünf gleichgroße Gruppen aufgeteilt. Und dann begeben wir uns in verschiedene Räume der sogenannten Heilanstalt. Vor jedem Raum gibt es eine kurze Erklärung, was uns erwartet. In den Räumen selber werden wir dann mit den Geschichten der Patienten oder deren Innenleben konfrontiert. Dabei ist die Mischung zur Darstellung mehr als gelungen. Obwohl jeder Raum mit seiner Geschichte für sich steht, verbindet sie doch die Rahmenhandlung der Heilanstalt. Das Interessante sind die gewählten inszenatorischen Ansätze: im einen Raum sitzt der Zuschauer dicht gedrängt im Dunkeln und wird so ebenfalls in die Welt der Blinden entführt (was ganz wunderbar zur Geschichte passt!) im nächsten Raum wird er Zeuge einer sogenannten Konversionstherapie durch die Vereinigung Wüstenstrom, wo man als Zuschauer auch etwas mehr rangenommen wird. Und dennoch finden wir es ist ein gutes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz. Natürlich muss man sich als Zuschauer im Klaren darüber sein, dass eine immersive Inszenierung immer auch den Zuschauer einbindet und man eine Nähe erfährt, die man aus dem klassischen Theater nicht kennt. Zum Gruseln oder Erschrecken finden wir sogar, dass es an manchen Stellen noch etwas mehr hätte sein dürfen.

Wenn wir schon über den Zuschauer sprechen, dann müssen wir auch auf seine Rolle eingehen. In einem insgesamt sehr gelungenen Abend ist dies ein verhältnismäßig kleiner Kritikpunkt, doch als Zuschauer waren wir uns manchmal nicht ganz sicher, welche Rolle wir einnahmen. Ja, wir werden durch das Institut geführt, ja wir steigen in die Welt der Patienten ein, ja, wir werden manchmal angesprochen und angefasst. Allerdings setzt eine immersive Inszenierung auch voraus, dass man als Zuschauer hin und wieder Teil des Ganzen wird. In jeder Gruppe wurde eine Assistenz bestimmt, die immer wieder befragt wurde, ob alle Gruppenmitglieder da seien, doch es war in Summe immer nur auf wenige Momente beschränkt. Dennoch haben die Darsteller in einzelnen Situationen immer wieder versucht, die Zuschauer einzubinden, das steht und fällt mit Sicherheit auch mit dem Einsatz der Gruppe. Hier könnte man aber zukünftig eine noch etwas klarere Linie schaffen.

Die Wahl der Themen für die einzelnen Räume hingegen war mehr als deutlich. Und obwohl die Themen alle durchweg sehr beklemmend waren, gab es immer wieder Momente, in denen man auch mal lachen durfte. Beispielsweise als in der Kannibalismus-Szene zwei Hexen plötzlich mit kölschem, sächsischem, bayrischem und nordischem Dialekt über das Mädchen zu lästern beginnen, das gleich in ihre Einzelteile zerlegt wird. Es wirkt schon fast skurril, dass man Zeuge dieser Lästerei wird, wie sie tagtäglich tausendfach in den Nachbarschaften dieser Welt stattfindet. Doch genau solche Themen wollte das Team um Regisseur Nicolas Folz auch aufgreifen: seien es Skandaljournalismus, die Lästereien in der Nachbarschaft über das seltsame Mädchen, bzw. dessen Vater oder die Konversionstherapie von Wüstenstrom. Jeden Tag finden viele grausame Dinge in der Welt statt, die wir teilweise nur belächeln oder sogar mit einer gewissen Sensationsgeilheit verfolgen. Wenn dann plötzlich ein Attentat vor unserer eigenen Haustüre stattfindet, sind wir alle schwer betroffen. Niemandem wird in der ganzen Inszenierung ein Vorwurf gemacht und dennoch regt sie zum Nachdenken an, was wir persönlich sehr gut finden.

Wieder ein heikles Thema, wie schon 2017, ist der Umgang mit Nacktheit. Schon zu Beginn läuft uns eine leicht bekleidete Frau entgegen, die scheinbar obenrum nichts weiter als eine dünne Jacke trägt. Im oben erwähnten Raum mit den Dialekten wird ein Mädchen vollkommen entkleidet und der Zuschauer bekommt ihren Busen zu sehen. Passt das? Wir finden ja, denn in Summe harmonierte die Darstellung so sehr, dass eine angenehme Ästhetik entstand, die wiederrum zum Konzept des Raums und zur Geschichte passte. Wir finden es immer wieder mutig, wenn sich Darsteller so dem Publikum präsentieren, doch genau so schnell, wie die Bilder kamen, gingen sie auch wieder, einfach weil viele andere Eindrücke genau so stark waren. Und davon lebte diese Inszenierung: von vielen Eindrücken. Dennoch müssen wir an dieser Stelle noch einmal auf eine Spielzeugkettensäge eingehen, die uns bereits 2017 gestört hat: denn auch dieses Mal kam diese Kettensäge wieder zum Einsatz, im Raum mit den Dialekten und der Nacktheit und es entstand eine solche Spannung, die durch ein Kinderspielzeug etwas zerstört wurde. Natürlich ist uns die Andeutung der Zerstückelung, im Zusammenspiel mit den Sounds klargeworden, doch hier wäre es besser gewesen auf das Präsentieren dieses Spielzeugs zu verzichten und lediglich die Sounds zu nutzen oder aber eine richtige Kettensäge im Off zu verwenden (sodass natürlich weder Zuschauer noch Darsteller gefährdet werden) und man so sogar noch den Effekt des Geruchs vom Motorenöl hat.

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Foto: Patric Prager

Am Ende wurden wir dann noch einmal im Rahmen einer Evakuierung durch alle Räume geführt und konnten den Abend für uns noch einmal Revue passieren lassen, bevor es unter freiem Himmel zum großen Abschluss kam. Auch das war sehr gut, denn mit der Dauer verblassen bereits die Eindrücke der ersten Räume, durch die Eindrücke der anderen Räume. So kann man als Zuschauer noch einmal alle Bilder sortieren und sich wieder ins Gedächtnis rufen. Nach einer gemeinsamen Schlusschoreographie kam der Schlussapplaus und er hielt lange an. Vollkommen verdient, wie wir finden.

Jeder Raum hatte seine ganz eigene Ästhetik und jeder Raum hat funktioniert. Natürlich haben wir auch unseren Lieblingsraum gefunden, der uns am meisten angesprochen hat, doch wollen wir an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Das Konzept funktioniert in jedem Fall und im Vergleich zu unserem Besuch der ersten Inszenierung in 2017 wirkte alles deutlich strukturierter. Als Zuschauer hatte man immer wieder die Gelegenheit kurz durchzuatmen, war aber dennoch immer aktiv (durch Raumwechsel oder dadurch, dass man zuhörte/ zusah). So entstanden keine langen Pausen, was auch daran lag, dass die Ärzte immer versucht haben, das Publikum mit einzubinden. Auch war die Ausschmückung, Ausleuchtung und das Spiel mit dem Nebel eine sehr schöne Kombination. Als Zuschauer hatte man nie alles im Blick, was auch nicht störte. In einem Raum wurden sogar hautfarbene Strümpfe genutzt, die man aufziehen sollte, wodurch alles etwas verzerrt wirkte. Auch der Einsatz von Musik war präzise gewählt, nie wirkte etwas fehl am Platz und so entstand ein Gesamtkonzept, das durchweg unsere Aufmerksamkeit und unser Interesse aufrecht erhalten konnte.

Somit war trotz des ein oder anderen kleinen Kritikpunkts am Ende alles stimmig. Fast zwei Stunden waren wir unterwegs, was uns nicht so vorkam. Man merkt deutlich, dass die FreAkademy sich seit der ersten Inszenierung weiterentwickelt hat. Nicht zuletzt merkt man dies auch an den Darstellerinnen und Darstellern, die alle eine enorme Präsenz und Körperspannung hatten. Am Ende sollte man als Zuschauer nicht vergessen, dass auch für die Gruppe immer wieder unvorhergesehene Dinge passieren können, mit denen sie spielen müssen. Man hat als Zuschauer immer die Möglichkeit mit Codewörtern die Darsteller auf Distanz zu halten oder sogar ganz auszusteigen und dennoch muss es für die anderen weitergehen. Bei solchen Rahmenbedingungen noch auf Kleinigkeiten, wie Ticks oder eine durchgehende Körperlichkeit zu achten erfordert ein hohes Maß an Konzentration, das wir an diesem Abend beim gesamten Ensemble feststellen konnten.

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Foto: Patric Prager

Was bleibt also? Es gab den einen oder anderen Moment, der etwas überraschend kam, es gab Momente, in denen man sich als Zuschauer einlassen und auch manchmal schlucken musste. Dennoch waren es nicht zwei Stunden Nervenkitzel, sondern zwei Stunden sehr gute Unterhaltung. Es war in jedem Fall ein Erlebnis und wir können es jedem Gruselfan empfehlen (oder solchen, die es noch werden wollen!). Wir sehen auch noch Potenzial in den Räumlichkeiten des Odonien und hoffen, dass die FreAkademy auch in den nächsten Jahren noch weiter an ihrem Konzept festhält, es weiter ausbaut, Unterstützung bekommt und so an weiteren tollen Inszenierungen arbeiten kann. Wir werden es in jedem Fall weiter verfolgen.

Tickets können jedoch keine mehr ergattert werden. Auch die Wartelistenplätze sind bereits voll, sodass wir lediglich empfehlen können die Gruppe über ihre Facebook– oder Instagramseite im Blick zu halten und sich schon mal auf die nächste Produktion zu freuen. Wir wünschen der Gruppe weiterhin viel Erfolg und eine Menge Spaß bei ihren Aufführungen.


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