Alles Grau? Franco A., Deutschland und Die Hermannsschlacht

Titelfoto: Patric Prager
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

Treffen sich ein einsamer Wolf, authentisches dokumentarisches Theater (diskursives Theater!), überzeugendes Schauspiel, Tanz, ein wenig Gesang, Heinrich von Kleist und saubere investigative Recherche auf der Bühne und fertig ist Francos Hermannsschlacht.

Kürzeste Rezension der Theater WG?

Nun ja, ein wenig weiter wollen wir dann doch ausholen und auch begründen, warum das Stück, dessen Dernière wir gestern gesehen haben, unbedingt wieder aufgenommen und am besten erst einmal mindestens die nächsten zehn Jahre gespielt werden sollte.

Wer unseren Blog aufmerksam verfolgt, dem oder der wird nicht entgangen sein, dass wir uns gerne bei Diplominszenierungen der Theaterakademie Köln herumtummeln. Diese sind für uns immer ein aufregendes Kontinuum am Puls des jungen Theaters und halten auch unseren Blick auf die Werte aktuell, die frisch gebackenen Schauspieler*innen mit auf ihren Weg als Bühnenkünstler*innen gegeben werden. Das Konzept der Diplominszenierung wollen wir hier nicht mehr erklären und verweisen auf unsere Rezension zur Textil-Trilogie aus dem vergangenen Frühjahr. Und überhaupt wollen wir das Gesehene gar nicht weiter als Diplominszenierung betrachten, da dies nur schulinterne Begrifflichkeiten sind, die bei so manchem Zuschauer das Gefühl erwecken, sie schauen sich mal eben eine Ergebnispräsentation aus dem Schulunterricht an. Mitnichten!

Francos Hermannsschlacht (301 von 1181)
Foto: Patric Prager

Francos Hermannsschlacht heißt das Stück, das wir gestern im Orangerie-Theater in Köln gesehen haben. Unter der Regie von Janosch Roloff, seines Zeichens Gründer des Kölner nö-Theaters, das seit zehn Jahren „dokumentarisches Theater mit dediziert politischem Impetus“ macht, wie es auf der Website der Gruppe heißt, spielten die fünf Darsteller*innen Carmen Konopka, Alexandra Hespe, Anna Sander, Nastassja Pielartzik sowie Sergio Salas ein Konglomerat an Rollen, die sich zum einen speisten aus Heinrich von Kleists Die Hermannsschlacht und zum anderen aus Szenen basierend auf eigener Recherche zum wahren und 2017 publik gewordenen Fall des jungen Bundeswehroffiziers Franco A., der sich einer rechtsnationalistischen Gesinnung hergab, sich radikalisierte, Anschläge plante und sich mit einer zweiten Identität in einer Ersteinrichtung für Flüchtlinge in Gießen als syrischer Flüchtling registrieren ließ.

Es wird bereits bei dieser kurzen Übersicht deutlich, dass es in Francos Hermannsschlacht vieles zu erzählen gab und wir wollen all das einmal ordnen, bevor wir unsere Meinung über das Gesehene weiter ausführen.

Den Einstieg in den Abend übernimmt gänzlich Heinrich von Kleist. Das Stück beginnt mit Passagen aus dem 1821 erschienenen und 1839 uraufgeführten Drama rund um den Cheruskerfürsten Arminius (Hermann), der, wir erinnern uns alle an den Geschichtsunterricht, in der Schlacht im Teutoburger Wald bei Kalkriese im Jahr 9 n.Chr., die römischen Legionen des Quinctilius Varus besiegte und erfolgreich in die Flucht schlug. Gerade die nationalsozialistische Propaganda nahm diese historische Tatsache auf und befeuerte hiermit den Germanenmythos, einen unbeirrbaren Glauben daran, dass der Germane von nichts und niemandem besiegt werden kann. Erklärung genug, dass Kleists Stück sich nicht mehr so häufig auf den Spielplänen der deutschen Theater wiederfindet.

Unterbrochen wird die Darstellung rund um Hermann, seine Frau Thusnelda, Sicambrierfürst Thuiskomar, Marsenfürst Dagobert, Bruktererfürst Selgar und Ventidius, einem Botschafter aus Rom nach Aufkeimen des dramatischen Konflikts, von Franco A. selbst, der sich eine Erzählebene höher Die Hermannsschlacht quasi live auf der Tribüne mit den Zuschauer*innen gemeinsam angesehen hat. Er spricht uns an, stellt sich vor und los geht eine Dar- und Vorstellung der Person, der Geschichte und der Entwicklung um Franco A. In diesem Erzählabschnitt finden sich neben Franco A. noch seine Freundin Sophia, Stefano, sein Bruder, Heidemarie, Francos Mutter, ganz kurz sein Vater, die beiden Mitverschwörer Maximilian T. und Matthias F., AfD-Bundestagsabgeordneter Jan Nolte, sowie ein Anwalt, ein Historiker und mehrere weitere Soldaten und Kommandeure.

Eine erstaunlich große Anzahl an Rollen, die da von den fünf Darsteller*innen verkörpert wurden und das dann noch im ständigen Wechsel zwischen Kleists Die Hermannsschlacht und den dokumentarischen Passagen über Franco A. Kann man da in der knapp zweistündigen Darbietung, die auch noch ohne Pause durchgespielt wird, nicht schnell die Orientierung verlieren?

Francos Hermannsschlacht (1170 von 1181)
Foto: Patric Prager

Kann man. Vielleicht. Wir aber fühlten uns sehr aufgehoben und mitgerissen. Zugegeben: Seit eines Prinz von Homburg-Traumas aus dem Deutsch-Leistungskurs im Abitur sind wir nicht mehr wirklich warm geworden mit Kleist, diesem ewigen Sucher nach dem idealen Glück, diesem nicht zu greifenden, keiner Kategorie zuordbaren, diesem Literaturwissenschaftler*innen in Zwist auseinander gehen lassenden Freigeist unter den Schriftstellern vergangener Zeiten. Und auch bei der vorliegenden Inszenierung sollte man durchaus Freund der stilistisch gehobenen Sprache Kleists sein, die besonders zu Beginn den Schwerpunkt der eher anfangs statischen Darstellung ausmacht. Da ist Hermann, der Stress hat mit anderen Germanenstämmen, der bedroht wird von Varus und dessen Frau Thusnelda auch noch vom römischen Legaten Ventidius umworben wird. Ganz schön viel zu tun hat er da, der Befreier Germaniens.

Aufregender und vor allem für uns auch viel plastischer und dadurch greifbarer wird die Inszenierung, sobald sie uns Franco A. vorstellt. Dank der vielen verschiedenen Charaktere aus dem Kosmos des Franco A. wird die Darstellung seiner Person schon fast zu einem Psychogramm. Wir bekommen Einblicke in seine Gedankenwelt und werden Szene für Szene Zeuge, wie sich ein junger und unbescholtener Teenager zuerst dazu entschließt, Soldat zu werden (und damit besonders seine Mama sehr stolz macht), dann in Frankreich an einer Militärakademie studiert und immer mehr in den Kontakt mit rechtsextremistischem Gedankengut kommt.

Besonderen Charme erhält die Inszenierung dadurch, dass sie Franco A. nicht anprangert und nicht mit dem Finger auf ihn zeigt. Die Darstellung durch Schauspieler Sergio Salas wirkt häufig sogar sehr sympathisch, sein Auftreten immer adrett, seine Interaktionen mit Charakteren auf der Bühne sowie kurzen Zusammenkünften mit Zuschauern höflich, immerzu zeigt Salas sein strahlendes Zahnpastalächeln, da fällt die hinten im Hosenbund steckende Pistole gar nicht auf. Objektivität bringt der Charakter einer Journalistin, die häufig die Funktion einer Erzählerin übernimmt und uns als Zuschauer*innen immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt, wenn Salas‘ Franco A. uns zu sympathisch daherkommt.

Francos Hermannsschlacht (747 von 1181)
Foto: Patric Prager

Ein besonderer Kniff der Inszenierung ist nämlich die Sezierung der Gedanken von Franco A. Er selbst, der sich ja gemeinsam mit uns den Einstieg in Kleists Die Hermannsschlacht angesehen hat, ist ein großer Fan dieses germanenmythifizierten Hermann, so sehr sogar, dass er ihn für den restlichen Verlauf des Stückes direkt anspricht, ihn zu einer Art unsichtbaren Freund werden lässt, mit dem er sich berät, von dem er sich ermahnen lässt und den er nicht enttäuschen will.

Und genau hier bekommt Francos Hermannsschlacht ihren klugen Twist: In der Verbindung beider Stücke, die sich irgendwie zu ergänzen scheinen, wird ein über 200 Jahre alter, vor Nationalismus nur so anschwellender Stoff in die Gegenwart geholt und mit diesem konkreten Fall des Franco A. verunden, ohne hierbei anklagend zu wirken. Behauptungen, Entwicklungen, Charaktere und ihre Progressionen werden stets dokumentarisch mit sauber recherchierten Quellen unterfüttert. So werden Zeitungsartikel, Gerichtsakten oder Verhörprotokolle zitiert, die besonders am deutschen Behördenapparat kein gutes Haar lassen.

Auch schauspielerisch wie technisch ist die Inszenierung ein gelungener Zweistünder. Auch, wenn Kleist nicht unser Ding ist, fühlten wir uns abgeholt und folgten dem Dargestellten begeistert, Langeweile kam nicht auf, Kurzweil durch und durch. Auch, wenn Sprachduktus und Habitus mancher eigentlich unterschiedlicher Rollen sich hin und wieder ähnelten und wir – in der Hoffnung, ihn vielleicht doch noch lieben zu lernen –  noch ein wenig mehr den Zauber der Kleist’schen Sprache erwartet hätten, tat dies unserem begeisterten Eindruck für diesen Abend keinen Abbruch. Die Musikauswahl war auf den Punkt, das Licht erzeugte die richtige Stimmung und eine militärthematische Choreografie, die die Grundausbildung von Franco A. darstellte und auch im späteren Verlauf des Stückes erneut aufgegriffen wurde, packte uns ganz besonders.

Francos Hermannsschlacht (1116 von 1181)
Foto: Patric Prager

In dieser Rezension könnten wir nun die vielen verschiedenen Passagen in Leben und Umfeld des Franco A. aufführen, die die Inszenierung auf ihre augenzwinkernde und schwarzhumorige Weise thematisiert. Wir könnten hier schreiben, wie bedrückend es war, als dargestellt wurde, wie Franco A. sich mit einer falschen Identität in ein Flüchtlingslager geschleust hat, ohne, dass dies aufgefallen ist und wie Franco A. dies lediglich als investigativen Journalismus darstellte. Wir könnten hier auch thematisieren, welch unwohles Gefühl das Ensemble in uns auslöste, als es mit Hilfe von Erstsemesterstudierenden der Theaterakademie eine Truppe von Soldaten auf die Bühne brachte, die allesamt für das Hannibal-Netzwerk – in dem auch Franco A. Mitglied gewesen sein soll – standen, ein Netzwerk bestehend aus Soldaten, Polizisten oder Verfassungsschützern, die sich konspirativ organisieren, Waffen, Munition, Leichensäcke und Ätzkalk horten und sich auf einen Tag X vorbereiten. Wir könnten auch den Kloß im Hals beschreiben, der erzeugt wurde, als von einer Abschiedsfeier eines Kommandeurs beim KSK die Rede war, bei der Rechtsrock und Schweinekopfweitwurf zum Spaßprogramm gehörten.

Das machen wir aber nicht. Denn dieses ungute Gefühl ist Teil dieser tollen Inszenierung und muss von den Zuschauer*innen ausgehalten werden. Das Thema einer offenkundig immer mehr nach rechts rückenden Gesellschaft, die ungeprüft Parolen folgt und die Geschichte ignoriert und einer aggressiven Dynamik unterliegt, die selbst vor Sicherheitsbehörden keinen Halt mehr macht, muss jedem Bürger und jeder Bürgerin dieses Landes ungeschönt vor die Nase gehalten werden. Und genau das tut Francos Hermannsschlacht und zwar auf eine hochprofessionelle und künstlerisch wertvolle Art und Weise. Die Theaterakademie sowie das nö-Theater machen mit Francos Hermannsschlacht genau das, was von Theatern erwartet wird: Sie beziehen Stellung! Gegen Rechts. Gegen Radikal. Gegen die, die „linksgrünversifft“ brüllen! Und wir können all das nur unterstützen, unseren Dank und unsere Glückwünsche schicken für die stets ausverkauften Vorstellungen und unseren Wunsch, dass dieses Stück in das Repertoire des nö-Theaters aufgenommen und weitergespielt wird. Im Idealfall so lange, bis sich jeder daran erinnert hat, wie gut es uns geht, wie schlecht anderen und was überhaupt in diesem Text steht, den man einst Grundgesetz nannte.

Laut aktuellem Stand ist Francos Hermannsschlacht abgespielt. Doch lohnt sich definitiv ein Blick auf die Website des nö-Theaters, das ebendieses dokumentarische Theater gegen Rechts für sich entdeckt hat, hiermit sehr erfolgreich ist und das auch bleiben muss. Vielleicht – so hoffen wir – finden sich sodann hier auch bald neue Termine für Francos Hermannsschlacht.


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