Heimgesucht – Gespräche mit Theatermachern in Zeiten von Corona – Teil II

Beitragsbild: (v.l.n.r.) Tommy Hetzel, Yamel Photography, Privat
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

Auch knapp zwei Monate nach dem pandemiebedingten Shutdown, kann von einer Rückkehr in den Alltag noch nicht gesprochen werden. Zwar werden Restriktionen sukzessive gelockert, langsam öffnen die Geschäfte, Menschen tummeln sich wieder in den Innenstädten, gehen auf hygienische Tuchfühlung, sitzen mit zwei Metern Abstand in den Außenbereichen der Cafés und lassen es schon fast anmuten wie eine Slapstick-Nummer, wenn sie für jeden Schluck Kaffee die Tasse an ihrem Mund- und Nasenschutz vorbeibalancieren. Doch von Normalität ist leider noch lange nicht die Rede.

Dies gilt auch für die Theatermacher dieser Welt, weshalb unsere Reihe Heimgesucht in die zweite Runde geht und euch Einblicke gibt, in die Theaterwelt, die auch jetzt noch still liegt. Hierfür traf ich mich in der vergangenen Woche online mit Marc Scheidegg, neuer Theaterleiter bei Comic On!, einer Tourneetheatergruppe, die sich Präventionstheater für Kinder und Jugendliche zur Aufgabe gemacht hat, mit Kristin Steffen, Schauspielerin am Schauspiel Köln und uns bekannt beispielsweise als Julia in Pinar Karabuluts Inszenierung von Romeo und Julia oder als Nele in Stefan Bachmanns Bühnenversion von Tyll und mit Vanessa Frankenbach, die als Schauspielerin in einer Grauzone zwischen fest angestellter Künstlerin und Freiberuflerin schwebt und es dennoch schafft, dieser Situation etwas abzugewinnen.

Bei allen drei Künstler*innen strahlen mir, nachdem ich den Videoanruf annehme, sofort Lächeln und Lebensfreude entgegen und auf Nachfrage, wird mir die gute Laune bestätigt. Gut geht es allen, verdauen mussten aber auch sie diesen tiefsitzenden Corona-Schlag in die theatrale Magengrube. Marc, der seit Anfang des Jahres den Posten von Franz Zöhren, übrigens eines unserer ersten Porträts, übernommen hat, und nun Theaterleiter bei Comic On! ist, einem Tourneetheater, das seine Stücke in erster Linie an Schulen zeigt und für Jugendliche wichtige Thematiken wie Mobbing, Social Media oder Sexualität theaterpädagogisch in anschließenden Diskussionen aufarbeitet, wollte eigentlich mit viel Herzblut durchstarten: „Es liefen gerade, Anfang März, Umbesetzungsproben, zwei unserer Schauspieler*innen werden uns verlassen und ich habe ein neues Konzept, dass wir all unsere vier Stücke nun doppelt besetzen.“ Viel Arbeit also, doch dann kam Corona und verpasste Marcs Initialzündung einen Dämpfer: „Die Umbesetzungsproben mussten unterbrochen werden und auch Auftritte konnten wegen der Schulschließungen nicht mehr stattfinden.“ Spontane Umplanungen waren nicht möglich, auch, weil das Schulministerium keinen deutlichen Fahrplan aussprach: „Das hat mich sehr angestrengt, immer wieder neue Infos zu bekommen, das war so ein Durcheinander“, beschwert sich Marc zurecht. Um Planungssicherheit zu erlangen, traf er dann eine deutliche Entscheidung: „Ich habe dann festgelegt, dass es vor September keine Auftritte geben wird, damit wir jetzt erst einmal in Ruhe planen können, die Proben habe ich auf das Ende der Sommerferien verschoben, in der Hoffnung, dass man sich dann wieder treffen darf. Außerdem habe ich Soforthilfe beantragt.“ Die nun frei gewordene Zeit nutzt Marc für alles, was liegengeblieben ist und will hierbei für Comic On! neue Wege ebnen: „Zuerst möchte ich alle Trailer und Fotos auf der Website aktualisieren, erarbeite aber auch ein neues Konzept zur Digitalisierung“, denn Digitalisierung spielt an Schulen, das merken wir besonders gerade in Corona-Zeiten, eine zunehmend wichtiger werdende Rolle: „Wir probieren uns digital immer mehr aus. Das geht von kleinen Filmen und Beiträgen bei Instagram über das mögliche Streaming von Theaterstücken bis hin zur Überlegung, dass wir neben unseren Stücken auch Filme und entsprechende Diskussionskataloge anbieten könnten, die wir den Schulen dann zur Verfügung stellen.“

Marc
„Wir probieren uns digital immer mehr aus. Das geht von kleinen Filmen und Beiträgen bei Instagram über das mögliche Streaming von Theaterstücken bis hin zur Überlegung, dass wir neben unseren Stücken auch Filme und entsprechende Diskussionskataloge anbieten könnten, die wir den Schulen dann zur Verfügung stellen.“

Auch Schauspielerin Vanessa Frankenbach erlebt in ihrer Lockdown-Zeit einen kreativen Push und entdeckt sich neu: „Seit sieben Jahren stehe ich auf der Theaterbühne, fand aber auch das Synchronsprechen immer spannend und habe jetzt endlich die Zeit gefunden, mich damit zu beschäftigen“. Ein Kollege hat mit ihr Tonaufnahmen in verschiedenen Genres gemacht, welche sie nun an Tonstudios und Agenturen geschickt hat, was prompt zu einer Rückmeldung führte: „Ich darf ein Hörbuch aufnehmen, hierfür habe ich jetzt drei Wochen Zeit. Ich mache die Tonaufnahmen und die Nachbearbeitung zu Hause und schicke das Material dann ab und das wird dann hochgeladen bei Audible und Spotify.“ Was genau sie da einliest, darf sie uns leider nicht verraten, nur so viel: „Es handelt sich um einen amerikanischen Schriftsteller und ich bin die deutsche Stimme.“

Was zuerst nach kreativem Ausprobieren klingt, hat für Vanessa aber auch einen ernsten Hintergrund: „Mit dem Sprechen kann man sich ein zweites Standbein aufbauen, das gerade für uns Frauen am Theater sehr wichtig ist. Wenn man später einmal schwanger ist und Kinder bekommt, ist das Theaterspielen erst einmal ad acta gelegt. Mit Sprecherarbeiten kann man dann aber weiteres Geld verdienen.“ Dass das mit dem lieben Geld und der Schauspielerei so eine Sache ist, ist sicher vielen bewusst, stößt Vanessa aber gerade in der Corona-Zeit übel auf: „Ich befinde mich in einer Grauzone: Ich bin nur als Gast an Theatern fest angestellt, arbeite auf Lohnsteuerkarte, aber das eben nur für eine bestimmte Zeit, dann bin ich wieder arbeitslos. Soloselbstständige sind in der Künstlersozialkasse, Festangestellte bekommen Kurzarbeit.“ Da Vanessa aber zwischen diesen beiden Polen schwebt, muss sie an ihre Sicherheitspolster heran und sich Unterstützung suchen. Und das läuft sehr schleppend: „Als der Lockdown losging, war ich verunsichert: Wie lange dauert das? Mit welcher Unterstützung kann ich rechnen? Wir haben erst einmal Arbeitslosengeld beantragt. Für ein Soforthilfeprogramm wurde ich erst einmal abgelehnt, der Fonds war ausgeschöpft, da hat man schlecht kalkuliert. Danach haben wir Grundsicherung beantragt, wurden aber auch da abgelehnt, da wir mit unserem Arbeitslosengeld 90€ über der Mindestgrenze liegen.“ Vanessa ist sicher der Tatsache bewusst, dass sie auf hohem Niveau meckert. Sie lebt zusammen mit ihrem Freund und sie kommen irgendwie schon über die Runden und sie weiß auch, dass es ihren Kolleg*innen teilweise noch schlechter geht. Aber gerade deshalb ist es ihr so wichtig, dass man sich über diese Umstände austauscht: „Uns wird von der Politik in großen Reden versprochen, dass wir unterstützt werden und dann kommt dabei nichts herum. Schauspielerei wird von vielen Entscheidungsträgern in der Politik anscheinend als nettes Hobby angesehen. Aber ich habe genauso eine Ausbildung gemacht und arbeite viel und zahle meine Steuern. Dementsprechend muss unsere Branche genauso unterstützt werden wie die Autoindustrie oder der Fußball.“ Ein Fakt, den – wen es nach Vanessa geht – viele Menschen denken, auch viel zu wenige aussprechen.

Neben einem Engagement am Kleinen Theater Bad Godesberg, wo Vanessa Anfang April noch Blick zurück im Zorn von John Osborne spielte, freute sie sich zudem darauf, auch dieses Jahr wieder Teil der Schlossfestspiele Neersen zu sein, welche, wie alle Großveranstaltungen für diesen Sommer, abgesagt werden mussten. Und auch Vanessa richtet hier natürlich den Appell an alle Zuschauer*innen, die sich bereits Tickets geholt haben: „Es wäre eine große Unterstützung für die Schlossfestspiele, wenn die Zuschauer*innen bereits bezahlte Karten nicht zurückschicken und die Künstler*innen durch diese Spende unterstützten.“ Ein Appell, dem wir uns – für alle bereits getätigten Kartenkäufe – gerne anschließen!

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„Uns wird von der Politik in großen Reden versprochen, dass wir unterstützt werden und dann kommt dabei nichts herum. Schauspielerei wird von vielen Entscheidungsträgern in der Politik anscheinend als nettes Hobby angesehen. Aber ich habe genauso eine Ausbildung gemacht und arbeite viel und zahle meine Steuern. Dementsprechend muss unsere Branche genauso unterstützt werden wie die Autoindustrie oder der Fußball.“

Und auch Kristin Steffen wurde von Corona aus dem Schauspieler*innenalltag brutal herausgerissen: „Wir waren gerade mitten in den Proben zu Die Jungfrau von Orleans mit Pınar Karabulut, am 24. April wäre Premiere gewesen.“ Als dann der Spiel- und Probenbetrieb unterbrochen wurde, brach Kristin dies das Herz: „Diese Situation war so unwirklich, wir haben so etwas noch nie erlebt und wir wussten alle nicht, wie das einzuschätzen war.“

Nichtsdestotrotz kann Kristin uns einen kleinen Vorgeschmack auf die Inszenierung geben. Keinen Online-Stream, aber immerhin einen sehr vielversprechenden Trailer, der uns vom Feeling her ein wenig an die Inszenierung von Romeo und Julia erinnert, die ebenfalls von Karabulut am Schauspiel Köln inszeniert und auch bereits online gestreamt wurde. Ob und wie Kristin als Julia oder als Nele, eben als diese Rollen, mit welchen sie die Zuschauer*innen in Köln stets verzauberte, auf die Bühne zurückkehren kann, weiß sie selbst nicht: „Ich hoffe so sehr, dass die Stücke nach der Corona-Zeit auch weiter gespielt werden, doch aktuell wissen wir alle nicht, wie es wann mit welchen Stücken weitergeht.“ Das Einzige, was das Schauspiel Köln bereits konkret verlauten ließ, ist, dass alle Vorstellungen bis Ende der Spielzeit 2019/2020 abgesagt sind.

Anfangs lernte Kristin jedoch noch weiterhin fleißig ihren Text, um – quasi im Homeoffice – weiter zu proben, doch schnell merkte sie, dass die Entschleunigung ihr auch guttat. Nichtsdestotrotz überlegte sie, wie sie ihre Kreativität zu Hause ausleben konnte. Schnell wurde Skype, aktuell der Treffpunkt für alle schlechthin, für Kristin zum digitalen Konzerthaus. Gemeinsam mit Tristan Linder, der sich selbst vorstellt als „multidimensionaler Barde“ kreierten die beiden das Duo Quarantini und Brian und geben seit her über Skype kleine Wohnzimmerkonzerte, an denen sie die Zuschauer teilhaben lassen: „Wir haben schon etwas länger vorher für uns Musik über Skype gemacht und das war eine perfekte Möglichkeit, unsere Gedanken und Gefühle nach außen zu tragen und irgendwann kamen wir auf die Idee, das Theater zu fragen, ob sie die Videos teilen würden.“ Gesagt, getan. Seitdem finden sich die kleinen Sessions von Quarantini und Brian auf den Social Media-Kanälen des Schauspiel Köln und sind – da kommt der Rezensent in mir durch – eine absolute Schau- und Hörempfehlung!

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„Wir haben schon etwas länger vorher für uns Musik über Skype gemacht und das war eine perfekte Möglichkeit, unsere Gedanken und Gefühle nach außen zu tragen und irgendwann kamen wir auf die Idee, das Theater zu fragen, ob sie die Videos teilen würden.“

Nicht nur wegen des Teilens der heimischen Kreativität ist Kristin dem Schauspiel Köln sehr dankbar. „Ich bin sehr froh, am Theater fest angestellt zu sein und weiterhin Lohn zu bekommen. Ich weiß, dass es vielen meiner Kolleg*innen nicht so geht und sie gerade schauen müssen, wie sie sich über Wasser halten.“ Ein Umstand, der der diversen Kulturlandschaft in Deutschland nach wie vor einen faden Beigeschmack hinterlässt und ein Wink an die Politik sein soll, den Kulturbetrieb vielleicht nicht nur als Spielplatz für Kreative anzusehen, sondern eben genau als das, was er wirklich ist: Ein Betrieb, an dem Existenzen hängen, die es genauso verdient haben, unterstützt zu werden wie ein Manager von VW oder CEO der Lufthansa.

Und sonst so?

Abseits des Theaters erlebt auch Marc das, was viele von uns teilen: Um ihn herum wird alles aufgefrischt: „Ich finde endlich die Zeit, mein Appartement zu renovieren und entdecke auch die Natur für mich und gehe spazieren.“ Auch für Kristin ist grün die Farbe der Entschleunigung: „Ich verbringe viel Zeit im Beethovenpark und mache Yoga, das entspannt und gibt mir täglich viel Energie.“ Vanessa hat über sich selbst gelernt, dass sie ein ungeduldiger Mensch ist, wenn sie nichts zu tun hat, findet aber doch immer irgendwie eine Beschäftigung: „Ich mache das Beste aus der Situation. Ich drehe neue About Mes, habe die Zeit genutzt, Gitarre zu lernen und meine Internetprofile aufzuarbeiten.“ Letzteres scheint Vanessa sogar pfiffig zu verbinden, denn wer ihre Gitarren-Fortschritte sehen und hören will, ist dem nur einen Instagram-Klick entfernt.“ Als Serie hat es ihr New Girl mit Zooey Deschanel angetan, auch wenn es zwischen ihr und ihrem Freund anfänglich sprachliche Differenzen gab: „Mein Freund schaut Serien immer auf Englisch, ich eigentlich auf Deutsch“, erklärt sie. Doch mit Blick auf ihre Pläne, als Synchronsprecherin zu arbeiten, greift sie die Gelegenheit beim Schopfe: „Wir haben uns dann aber auf Englisch geeinigt. So kann ich nicht nur die Sprache etwas auffrischen, sondern auch für mich überlegen, auf welche Weise ich welche Rolle synchronisieren würde.“ Auch Kristin lenkt sich gern mit anderen Medien ab, empfiehlt hier Filme wie Passion von Ingmar Bergmann oder die eher unbekannte Produktion Die Farbe des Granatapfels, die Filmbiografie des armenischen Musikers Sayat Nova oder aber Bücher wie Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde oder Die Frau auf der Treppe von Bernhard Schlink.

Weder Marc, noch Vanessa, noch Kristin wissen, was die Zukunft bringt, das weiß so recht niemand. Alle drei aber hoffen, sich bald wieder vom Theater in seine Arme schließen lassen zu dürfen. Langsam werden die Maßnahmen gelockert, erste Theater nehmen den Probenbetrieb wieder auf, Hygienekonzepte werden entwickelt, einzelne Sitzreihen zur Abstandswahrung mit Flatterband abgesperrt, sodass erste Zuschauer*innen bald wieder platz nehmen dürfen und Kristin, Vanessa und den Schauspieler*innen von Marcs Gruppe Comic On! zuschauen können, wenn sie auf den Bühnen des Landes wieder Theatermagie versprühen.

Bis dahin bleiben wir für euch am Ball und führen unsere Reihe Heimgesucht mit spannenden Berichten über Theatermacher in der Coronazeit weiter.


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