„Willkommen in der Postpandemie“ – Das FFT blickt online in die Zukunft

Titelfoto: FFT Düsseldorf
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de

Wenn man in diesen pandemischen Zeiten zu einer Besprechung eingeladen wird, dann geschieht dies, das weiß man mittlerweile, über E-Mail, da kommt dann ein Link an, auf den klickt man und schon befindet man sich im virtuellen Besprechungsraum.

Und auf genau diese Weise landeten wir gestern in der vom Forum Freies Theater Düsseldorf (FFT) eingerichteten Videokonferenz mit dem gedankenanregenden Titel „Willkommen in der Postpandemie“, in welcher uns das FFT-Team, moderiert von Dramaturgin Verena Meis, mitnahm auf eine etwa einstündige Reise, auf welcher wir uns nicht nur gemeinsam Gedanken machten über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Theaters per se, sondern auch explizit versuchten, den Begriff des „postpandemischen Theaters“ zu greifen. Zudem trafen wir in der digitalen Gesprächsrunde auch auf Special Guests, nämlich die Tänzerin und Choreografin Antje Pfundtner und Dramaturgin Anne Kersting, die höchstpersönlich ihr neues Projekt unter dem Motto „Willst du mit mir gehen?“ vorstellten. Und schließlich erhielten wir von Chefdramaturg Christoph Rech nicht nur eine kleine, virtuelle Führung durch die neuen Räumlichkeiten des FFT, sondern auch eine unverbindliche Vorstellung der kommenden Spielzeit am Theater.

In ihren einleitenden Worten wird Verena Meis sehr schnell emotional und spricht erst einmal das aus, was sicherlich alle an ihren Bildschirmen denken: „Wir haben euch alle sehr vermisst!“. Wahr und rührend, denn hier trifft sich nicht nur das FFT-Team unter sich, auch dem Haus treue Künstler*innen und viele Zuschauer*innen haben sich vor den heimischen Bildschirmen zusammengefunden. Unterstrichen wird dieses Gefühl zudem von einer Umfrage, die im virtuellen Konferenzraum abgehalten wird: „Was habt ihr am meisten vermisst?“ ploppt da ein Fragefenster mit Blick auf den Corona-bedingten Theatershutdown auf dem Bildschirm auf und als aussagekräftiges Ergebnis sodann die Antwort „Die Künstler*innen und das Live-Erlebnis“.

Wir haben das Gefühl, es herrscht von allen Seiten viel Redebedarf, der so ausführlich gar nicht in dieser etwas mehr als einstündigen virtuellen Zusammenkunft gestillt werden kann. Dennoch wollen wir euch hier einen kleinen Überblick geben über das, was – zumindest im Ansatz und an der Oberfläche – gezeigt und vorgestellt wurde und euch zugleich ermutigen, euch für alle Ideen und Gedanken und Projekte zu begeistern und die Entwicklungen um das FFT stets im Auge zu behalten.

Den Anfang machen Antje Pfundtner und Anne Kersting, die – die Spannung aufrecht erhaltend – zuerst gar nicht über ihre neuen Projekte sprechen, sondern sich einreihen bei tausenden und abertausenden Menschen, die in den vergangenen Wochen und Monaten ihre heimischen vier Wände in- und auswendig gelernt haben. Da stand nicht nur Homeschooling auf dem Programm, sondern auch die künstlerische Arbeit von zu Hause. Antje Pfundtner, die sich abseits ihrer Bühnenarbeiten schon lange mit allerhand Dialog-Formaten beschäftigt, musste, bedingt durch Kontaktverbote, auch ihre Tischgesellschaften in den digitalen Raum verlegen. Hier traf die Künstlerin in der Zeit vor Corona sämtliche Kolleg*innen aber auch Zuschauer*innen aus dem Tanz oder den Performing Arts zum Austausch vorzugsweise über die Fragen „Wie teilt man Ideen? Wie teilt man Geld?“ und war nun gezwungen, ebendiese Tischgesellschaften bei Zoom abzuhalten. Hierbei bemerkte sie schnell, dass der Austausch im Netz zwar fruchtbare Ideen erzeugt, allerdings der gemeinsame Raum zum Ausprobieren fehlt. Die beiden Künstlerinnen betonen, dass ihre Schreibblöcke voll sind und es nun Zeit wird, wieder praktisch an die Arbeit zu gehen. Was genau dies aber mit dem FFT zu tun hat, verraten sie an dieser Stelle noch nicht.

Zuerst liest nämlich FFT-Dramaturgin Katja Grawinkel-Claassen einen Brief vor, den das Internet an das Theater geschrieben hat. Hierin erfreut sich das Internet des ausführlichen Austauschs, welches es in den vergangenen Wochen mit dem Theater genießen durfte. Es wurde viel gestreamt, es wurde digitales Theater angeboten und das Internet macht deutlich, dass es diese Zweisamkeit mit dem Theater in Zukunft nicht missen möchte. Leider hat das Internet seinen Brief so ausführlich geschrieben, dass Grawinkel-Claassen, nachdem sie ihn fertig vorgelesen hatte, gar keine Zeit mehr hatte für ihren Vortrag zum digitalen Theater und den Vor- und Nachteilen einer Hybridisierung beider Elemente. Schade. Ist das doch ein spannendes Thema, über das wir gerne mehr erfahren hätten, sodass wir uns freuen würden, vielleicht in Zukunft noch etwas mehr von Katja Grawinkel-Claassen zu hören.

Ganz konkret und mit Bildern versehen ist sodann eine Präsentation von Christoph Rech. Der leitende Dramaturg, der sich gemeinsam mit FFT-Cheftechniker Nino Petrich die Hintergrund-Funktion von Zoom zu Nutze macht und sich in ein Baustellenfoto vom KAP1 hineinschneidet, erzählt etwas zum neuen Standort des FFT. KAP1, das ist eine dieser neumodischen Abkürzungen und steht für „Konrad Adenauer Platz 1“, die Adresse der ehemaligen Hauptpost in Düsseldorf, ein Gebäude, das nun leergeräumt und umgebaut wird und so mit seinen 25.000 Quadratmetern Platz bieten soll, unter anderem für die Zentralbibliothek, für das Theatermuseum Düsseldorf, das aktuell noch das Hofgärtnerhaus seine Heimat nennt sowie eben das FFT, das hier Räumlichkeiten mit zweckmäßigem Theatersaal mit 230 Sitzplätzen und modernem Zugsystem, zwei Probebühnen, einer Werkstatt und einem großzügigen Foyer erhalten soll. Mehr wollen wir aber mit Blick auf eine neue Porträtreihe hier auf unserem Blog über das Zukunftsprojekt KAP1 nicht verraten.

In einer zweiten Umfrage geht es hiernach um das postpandemische Theater. Vielleicht nicht ganz beabsichtigt, aber doch sehr deutlich wird hierbei nicht nur mit dem „postpandemischen Theater“ ein Begriff inauguriert, der sicherlich noch in weiter Zukunft Theatermacher sowie
-wissenschaftler beschäftigen wird, im Rahmen der Umfrage bekommen wir mit den drei Antwortmöglichkeiten ebenfalls ein breites Spektrum an Definitionen für dieses vermeintlich neue Feld. Die Antwortmöglichkeiten auf die Frage, welche Wünsche wir für postpandemisches Theater haben sind zum einen digitale Elemente, zum anderen Theaterarbeiten im öffentlichen Raum und schließlich partizipative Projekte. Unabhängig von ihrem Ergebnis (70% der Teilnehmer*innen sprechen sich für mehr Theater im öffentlichen Raum aus) macht diese Umfrage deutlich, was postpandemisches Theater ist und dass wir uns mit ihm anfreunden müssen, da das Corona-Virus uns noch lange begleiten wird und die Zeiten, in denen man sich als Zuschauer*innen zu Off- oder Off-Off-Projekten in alten Industriehallen oder ausgemusterten Autowerkstätten zu zehnt auf Bierbänke gekuschelt hat, vorerst passé sind.

Und hier kommen, als wäre die Videokonferenz dramaturgisch durchgeplant, Antje Pfundtner und Anne Kersting wieder ins Spiel. Im Fokus steht nun, inspiriert von Pfundtners Dialogformat der Tischgesellschaften, ein – kein Orthografiefehler, nein, ein Wortspiel – „Gehspräch“, ein so genanntes „Walk & Talk“. Plump gesagt gehen zwei Personen durch Düsseldorf spazieren. Aber natürlich steckt mehr dahinter: Eine Person ist ein*e Zuschauer*in, die andere Person ein Theatermensch, ob Bühnenkünstler*in oder Mitarbeiter*in am Theater, dies spielt – theatraler Wortwitz – keine Rolle. In ihrem Spaziergang tauschen sich die beiden über ihre Sichtweise auf das und ihre Visionen von Theater aus, ganz frei, ungezwungen, eben ein gemütlicher Spaziergang. Hierdurch soll sowohl von den Kunst Schaffenden als auch von den Kunst Konsumierenden ein Porträt geschaffen werden, welches am Ende des „Gehsprächs“ schriftlich fixiert werden soll, sodass schließlich eine „Theatergänger*innenchronik“ entsteht und publiziert werden kann, wie die Künstler*innen dies beschreiben. Hintergrund des Projekts, das übrigens bereits vor Corona erdacht wurde, ist der Gedanke, dass Zuschauer*innen und Künstler*innen sich von ihrem gewohnten Terrain, der Bühne sowie der Tribüne, abkoppeln und man sich so im wahrsten Sinne des Wortes in einer anderen Perspektive begegnet und somit zu einem frischen Gedankenaustausch kommt. Die Walk & Talks starten ab dem 3. Juli 2020, finden immer freitags um 17 und 18 Uhr statt, starten an den Kammerspielen, sind kostenfrei, bedürfen aber – der Organisation wegen – einer Anmeldung auf der Website des Theaters. Eine wahrlich großartige Projektidee, zu der wir uns sicherlich auch anmelden (und dann natürlich berichten) werden.

Irina Barca, Dramaturgin für den Bereich Kinder- und Jugendprojekte, beruhigt in ihrem kurzen Blick in die Zukunft, dass das Kinder- und Jugendtheaterfestival „Spielarten“ auch 2020 stattfinden wird. Hierbei handelt es sich um ein jährlich in zehn Städten NRWs stattfindendes Theaterfestival für Kinder von 3+ bis 14+ Jahren (sowie natürlich alle anderen Kindgebliebenen), zu welchem jede der beteiligten Städte ihr eigenes Programm zusammenstellt. Barca stellt hierfür die Produktion Monsta – Ich pass auf dich auf, wenn du schläfstvor, in welchem das Monsta Harald das Problem hat, dass er einfach nicht mehr gruselig ist. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Bilderbuch von Dita Zipfel und wurde durch das Comedia Theater von Jutta M. Staerk für die Bühne bearbeitet. Die Uraufführung wird stattfinden am 4. Oktober 2020.

Zudem weist uns Irina Barca auf Turning Points, ein neues Projekt des Düsseldorfer Regisseurs Ingo Toben, hin, das übrigens auf seiner Website noch immer nach partizipierenden Schauspieler*innen und Musiker*innen ab 14 Jahren sucht, die aus einem anderen Land nach Deutschland gekommen sind und eine andere Sprache als Deutsch sprechen. Die Proben beginnen Ende Juli, die Premiere ist für den 24. Oktober 2020 geplant.

Abschließend gibt uns Christoph Rech eine kleine Preview über die anstehende Spielzeit. Hierbei betont er, dass es sich bei den genannten Produktionen um „keine Eigentlichs“ handelt und bezieht sich auf dieses Wort, das in der Kulturszene in diesen Frühling so häufig gefallen ist, denn „eigentlich“ hätten wir im März Premiere machen können, Ihr versteht…

So startet die neue Spielzeit am FFT, wenn man vom Walk & Talk-Projekt Anfang Juli absieht, offiziell im September mit einer performativen Interpretation der Irischen Performergruppe Pan Pan Theatre von Samuel Becketts Stück Cascando, welches die Zuschauer wohl durch eine Landschaft laufend über Kopfhörer wahrnehmen werden. Weiter geht es mit der israelischen Tänzerin und Choreografin Keren Levi, die mit ihrer Performance Unmuteam FFT zu Gast sein wird, in welcher längst ausgestorbene Sprachen performativ und akustisch wieder zum Leben erweckt werden sollen. Des Weiteren nennt Rech die immersive Theaterperformance Boys Space von und mit The Agency sowie die Aufführung von Ibsens Die Frau vom Meer, interpretiert von Marlin de Haan und She She Pop entwerfen in ihrer Performance Kanon einen ebensolchen, nämlich aus der Perspektive der Zuschauer*innen, lassen ihn eine offene Liste unverzichtbarer Momente sein, aus der Erinnerung der Anwesenden.

Diese Liste ist unvollständig, oder wie Christoph Rech sagt: Es handelt sich um „selected projects“. Soll heißen: Wo das herkommt, da gibt es noch viel mehr, auf das sich Freunde und Freundinnen des guten Tanz-, Performance- oder Sprechtheaters freuen können.

Neben all den handfesten Informationen, die uns das FFT in dieser toll strukturierten und unterhaltsamen Videokonferenz übermitteln konnte, steht sicherlich ein Gedanke, der uns Theaterfreund*innen Mut macht: Trotz Corona, Restriktionen und Shutdown – Die Theater sind da, die Menschen dahinter sind kreativ und sie haben nicht nur die Lust oder sogar den Drang, uns Zuschauer*innen neue Projekte zu zeigen, sie haben auch in den vergangenen Wochen und Monaten sehr viel Energie darauf verwendet, Theater postpandemietauglich zu machen. Das, liebe Leser*innen, wird spannend. Das, liebe Leser*innen, wird ein Experiment, welches mehr und mehr zur Realität wird. Und das FFT gab uns in dieser Stunde einen kleinen Ausblick, was Theater nach Corona oder vielleicht auch mit Corona leisten muss, will, wird, kann. Wir jedenfalls sind gespannt auf das, was da alles kommen mag und werden berichten.


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