Willst du mit mir gehen? – Ein ganz besonderer Spaziergang durch Düsseldorf

Beitragsbild: Clara Marx-Zakowski, FFT-Düsseldorf
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de

„Walk and Talk“ – Vermutlich gibt es sehr weinige Veranstaltungstitel, die so einschlägig das beschreiben, was man erwarten kann, wenn man an der Initiative „Willst du mit mir gehen?“ teilnimmt, die Antje Pfundtner in Gesellschaft im Rahmen ihrer Tischgesellschaften gemeinsam mit dem FFT Düsseldorf und einer Vielzahl weiterer Künstler*innen momentan immer freitags anbietet, einmal um 17 Uhr und einmal um 18 Uhr. Auch wir hatten die Möglichkeit, an einem dieser Walk&Talks teilzunehmen, an einem Spaziergang, der aus vielerlei Gründen doch nicht einfach nur ein Spaziergang war.

Aufgrund der Tatsache, dass es sich bei diesem Format um ein eher außergewöhnliches handelt, das wir auch nicht wirklich als Theaterstück beschreiben können, wollen wir es in diesem Beitrag auch nicht als solches behandeln. Pro Termin gehen immer nur zwei Personen spazieren, der oder die Künstler*in und der oder die Zuschauer*in, wobei wir uns bereits schwertun, hierbei von Zuschauer*innen zu sprechen. Im weiteren Verlauf dieser Besprechung wollen wir auch auf unser kollektives „wir“ verzichten, also auf jene Perspektive, durch welche wir Theaterstücke normalerweise betrachten, denn das Format „Willst du mit mir gehen?“ ist, das suggeriert auch dieser Titel, ein sehr intimes, auf 90-minütige Zweisamkeit der Spazierenden ausgelegtes Gesprächsformat, welches uns in dieser Besprechung dazu zwingt, ausnahmsweise in die Ich-Perspektive zu wechseln.

Das FFT Düsseldorf kennt man bereits seit 20 Jahren als die Institution für freies Theater, welche freien Künstler*innen eine Bühne zum Proben und zur Aufführung gibt und welche zudem außerordentlich engagiert ein Forum bietet für den Austausch und den Diskurs zwischen Kunstschaffenden und Zuschauer*innen. Kunstformate, die in Verbindung mit Digitalisierung stehen, wie beispielsweise das Theater der Digital Natives oder Kunst im öffentlichen, urbanen Raum mit gern gesehener Partizipation der Zuschauer*innen und Teilnehmer*innen gehören hierbei zu den Kernkompetenzen des FFT, wie uns dies Christoph Rech und Katja Grawinkel-Claassen im Interview zu unserem FFT-Porträt bereits vermittelt haben. Und so gliedert sich das Spazierformat „Willst du mit mir gehen?“ nahtlos in dieses bunte Angebot ein.

Auch kann dies hier gar keine wirkliche Rezension sein, da es eigentlich auch nicht viel zu rezensieren gibt, was dem Zauber des Formats geschuldet ist, da jeder Walk&Talk einzigartig ist, denn es kommen zu jedem Termin zwei Menschen zusammen, die ihre Gedanken und Ansichten zum Verhältnis von Theater und Publikum sowie deren Wünsche an ein Theater der Zukunft teilen. Das kann ein harmonisches Miteinander sein oder ein durch aufeinanderprallende unterschiedliche Ansichten entstehender lebhafter Diskurs. Alles ist erlaubt. Alles ist erwünscht. Jeder Walk ist einmalig, nicht in einen Rahmen zu fassen und wahrlich nicht zu rezensieren. Teilnehmende Künstler*innen sind unter anderem Niels Bovri, Montserrat Gardo Castillo, Jane Eschment, Willi Hagemann, Jan Lemitz, Anne Kersting, Kamila Kurczewski, Morgan Nardi, Akiko Okamoto, Antje Pfundtner, Jan Rohwedder, Saskia Rudat, Kathrin Spaniol, Kathrin Sievers, Ingo Toben oder Oleg Zhukov.

In diesem Text, der eher ein Bericht über das Erlebte sein soll, will ich meine Erfahrungen darstellen, vielleicht ein wenig resümieren und auf jeden Fall Empfehlungen aussprechen an all jene, für die ich Neugierde wecken kann.

Eine Anmeldung für das kostenlose Format findet unter walk@fft-duesseldorf.de statt oder wochentags zwischen 11 und 14 Uhr unter der Telefonnummer 0211 87 67 87 18. Schreiber, der ich bin, meldete ich mich per Mail an und bekam einen Termin und eine Uhrzeit mitgeteilt sowie die Information, dass alles an den FFT Kammerspielen losging. Den Namen meiner Partnerin oder meines Partners erfuhr ich nicht. Die Spannung stieg, als ich ankam. Zeitgleich mit mir betrat Kathrin Tiedemann, künstlerische Leitung und Geschäftsführerin des FFT das Foyer der Kammerspiele und schnell wurde klar: Wir sind es, die zu diesem Termin nun durch Düsseldorf walken and talken.

Der Rahmen des Projekts schlägt zwei Routen vor, welche den jeweiligen Künstler*innen bekannt sind, sodass man sich als Gast ohne ausschweifende Düsseldorf-Kenntnisse ruhigen Gewissens dem Spaziergang anschließen kann ohne Sorge, sich zu verlaufen. Zur Gesprächsanregung erhält das losziehende Pärchen drei Briefumschläge, welche Karten mit anregenden Fragen beinhalten und Aufgabe ist es, diese im Laufe des Spaziergangs zu öffnen und in das Gespräch mit einzubeziehen. Zudem ist es Teil der Aufgabe, sich innerhalb des 60-minütigen Spaziergangs an einem frei wählbaren Ort hinzusetzen.

Kathrin Tiedemann_Credit Sonja Rothweiler
Kathrin Tiedemann ist seit 2004 Geschäftsführerin und künstlerische Leiterin des FFT Düsseldorf, Foto: Sonja Rothweiler

Und dieses Wörtchen „frei“ ist jener Stern, unter dem der Walk&Talk für mich persönlich stand. Zwar gibt das Projekt eine grobe Route vor, doch lässt es den Spazierenden auch viele Freiheiten. Sie können frei entscheiden, wo sie eine kurze Pause einlegen, wo sie sich die vielen verschiedenen Gesichter der Stadt genauer ansehen, wo sie sich vielleicht weniger lang aufhalten und vor allem, wo sie sich für längere Gespräche niederlassen werden.

Ich kann lediglich für meinen Spaziergang sprechen und somit nur sehr subjektiv berichten aber mein Walk&Talk mit Kathrin Tiedemann war für mich als Theaterfreund eine große Bereicherung. Nicht nur erfuhr ich viel über ihren persönlichen Werdegang und ihre Vorlieben und Abneigungen im Theater, auch ist Kathrin – obwohl ursprünglich Hamburgerin – eine hervorragende Düsseldorf-Kennerin, die als studierte Theaterwissenschaftlerin, Dramaturgin und Chefin des FFT den urbanen Raum in Düsseldorf sehr genau beobachtet und mir deshalb viele spannende Eindrücke vermittelte, welche ich, auf mich allein gestellt im Düsseldorfer Stadtraum, nicht wahrgenommen hätte.

Auf dieser Grundlage also spazierten wir durch ein sonniges und lebhaftes Düsseldorf, sprachen über Theater, Zuschauer*innen, darüber, ob wir im Theater bereits einmal während einer Vorstellung aufgestanden und gegangen sind und über vieles mehr, was ich hier natürlich nicht verraten möchte, um potenziellen Teilnehmer*innen an diesem Projekt nicht die Spannung zu nehmen.

Eines noch ist mir wichtig, deutlich zu machen: Weit hergeholte Ängste, dass dieser Spaziergang zu irgendeiner Form einer albernen Schnitzeljagd eskaliert oder aber die Fragen auf den Karten zu unangenehmen, vielleicht zu persönlichen Themen leiten, kann ich nehmen. Das gesamte Setting des Walk&Talk ist sehr angenehm und wurde mit Bedacht entwickelt. Die zu besprechenden Fragen entspringen einem in Abstrakt- und Konkretheit ausgeglichenen Pool, bleiben stets auf einem angenehm professionellen Niveau, laden aber auch herzlich gern zu persönlichen Anekdoten ein.

Fast schon ernüchtert mussten Kathrin und ich feststellen, dass 60 Minuten für einen Spaziergang mit so spannenden Themen und Fragen ein wenig kurz kalkuliert ist. Doch ist dies vielleicht auch wieder eine subjektive Wahrnehmung, die von anderen Teilnehmer*innen nicht geteilt wird.

Wieder zurück an dem Kammerspielen wurden wir für die übrigen 30 Minuten gebeten, unsere Erlebnisse der vergangenen Stunde kurz niederzuschreiben und auch den Ort, an dem wir uns hinsetzten auf einer Karteikarte zu beschreiben. Dieses Material wird später künstlerisch weiter verwertet, die geschriebenen Texte werden zusammengebunden, aus den Ortsbeschreibungen Illustrationen erstellt. So erreicht das Projekt „Willst du mit mir gehen?“ nach dessen Beendigung eine reichhaltige Sicherung der Ergebnisse, Eindrücke und Gedanken der Künstler*innen und Teilnehmer*innen und gelangt vielleicht sogar zu neuen Erkenntnissen zur Wahrnehmung des Theaters, dessen Vergangenheit, Gegenwart und vor allem Zukunft.

Abschließend kann ich resümieren, dass der Spaziergang auf jeden Fall erfrischend, das Gespräch sehr inspirierend und die Idee des Formats eine wirklich spannende ist. Auf meinem Heimweg ließ ich mir den Walk&Talk noch einmal durch den Kopf gehen, besonders stellte ich mir die Frage, ob wir bei unserem Spaziergang denn alles richtig gemacht haben und das, was ich als Fazit in den Kammerspielen zu Papier gebracht habe, überhaupt das ist, was Antje Pfundtner gebrauchen kann. Ging es jetzt darum, sich über das Theater zu unterhalten? Oder über meine Rolle als Zuschauer? Oder doch eher darum, einen neuen Menschen kennen zu lernen und sich mit ihr über meine Ansichten auszutauschen? Haben wir uns innerhalb des 60-minütigen Spaziergangs ausführlich und ausreichend mit den Fragen beschäftigt? Bin ich mit ausreichend geöffneten Augen durch die Stadt gelaufen, sodass Düsseldorf seinen Teil zu meinen Erkenntnissen beitragen konnte? Musste es das überhaupt? – Diese Fragenkette könnte ich noch seitenweise fortführen. Antworten hierauf bleiben mir das Format und die dahinterstehenden Künstler*innen sicherlich schuldig, da jede*r Teilnehmer*in diese für sich beantworten muss. Wichtig hierbei ist auf alle Fälle, dass das vom Schulsystem jahrelang eingepflanzte Prinzip des Richtig-oder-Falsch-Denkens aus den Gedanken verbannt wird und man sich auf den Walk&Talk, auf das Gespräch und auf persönliche Interessen am Gegenüber, an Themen oder aber an der Stadt einlassen soll. Und so wird das Produkt am Ende mit Sicherheit ein wertvolles sein.

Wenn auch ihr euch nun von diesem Konzept habt begeistern lassen, behaltet die Website des FFT im Auge. Zwar sind alle hier aufgeführten Termine bereits ausgebucht, doch signalisiert das FFT durchaus Bereitschaft, das Projekt weiterzuführen und zusätzliche Termine anzubieten. Eine Entscheidung, die auch ich nur unterstützen möchte, denn, wenn es eine Sache gibt, die im Theater nie aussterben darf, ist es das Miteinander-Reden, besonders mit Menschen, die man nicht kennt und über solche Formate schnell kennenlernen kann. Und wenn es hierzu noch einen gemütlichen Spaziergang durch das wunderschöne Düsseldorf gibt, lohnt sich alles umso mehr.


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