Don’t Listen To The Devil! – The Black Rider am Rheinischen Landestheater Neuss

Titelfoto: Marco Piecuch
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

Man nehme den amerikanischen Kultregisseur Robert Wilson, garniere ihn mit ein wenig Kultmusiker Tom Waits und verfeinere es mit dem Kult-Beat-Schriftsteller William S. Burroughs und begeistere dieses Triumvirat für die alte deutsche Volkssage von „Der Freischütz“ und fertig ist ein Kult-Musiktheaterstück, das 1990 in Hamburg seinen Weg auf die Bühne fand und seit jeher Zuschauer*innen auf der ganzen Welt begeistert.

The Black Rider – Casting of the Magic Bullets ist, neben der Oper „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber aus dem Jahr 1821 eines der berühmtesten und beliebtesten Ergebnisse der Beschäftigung mit dieser alten, düsteren Geschichte. Es lehrt uns, wie so viele andere Texte quer durch die Literaturgeschichte, dass ein Pakt mit dem Teufel nur kurzfristig etwas Gutes mit sich bringen kann, klingt in Musik und Sprache total sexy und sieht dank der unbestechlichen Ästhetik Wilsons auch ziemlich cool aus. Wer sich selbst hiervon überzeugen möchte, dem empfehlen wir einen Besuch auf Youtube, wo man eine Aufnahme der Aufführung der Originalversion von den Wiener Festswochen 1990 in voller Länge samt nostalgisch flimmernder Videokassettenqualität betrachten kann. 

Dass The Black Rider auch heute noch die Theatersäle füllt, bestätigt eine kurze Google-Suche, die gleich mehrere Theater zeigt, die das Musical aktuell, oder bis vor Kurzem noch, in ihrem Spielplan führ(t)en. Zur ersten Kategorie gehört das Rheinische Landestheater Neuss, das gestern Premiere feierte von seiner Version von The Black Rider in der Regie von Alexander May. Ob es sich hierbei um eine Inszenierung handelt, die nur eine von vielen ist oder aber etwas Herausstechendes mit sich bringt, haben wir uns angesehen. 

Wilhelm (Philippe Ledun), Foto: Marco Piecuch

Der junge Schreiber Wilhelm hat mit Waffen und dem Schießen und dem Jagen so gar nichts am Hut. Um aber seine große Liebe Käthchen für sich zu gewinnen, oder eher ihren Vater, den Förster Bertram, der seine Tochter nur an einen treffsicheren Jägersmann abgibt, muss er schießen lernen und beweisen, dass er als Jäger genug Wild mit nach Hause bringen kann, um Käthchen zu versorgen. Da Wilhelms Talente aber nur in Feder und Papier und nicht in Flinte und Pulver verankert sind, sucht er sich etwas Hilfe bei Stelzfuß, einer unheilvollen Gestalt, einer Personifikation des Teufels. Stelzfuß stattet Wilhelm mit magischen goldenen Kugeln aus, die ihr Ziel nie verfehlen. Wilhelm trifft nun bei jedem Schuss, wird erfolgreicher Jäger und begeistert auch Bertram von sich, sodass der Hochzeit fast nichts mehr im Wege steht. Als kurz vor einem Wettschießen um Käthchen Wilhelms Vorrat an Zauberkugeln allerdings zuneige geht, stellt Stelzfuß für den Nachschub eine besondere Bedingung: Wilhelm bekommt sechs weitere Treffer, den siebten will Stelzfuß selbst ins Ziel lenken. Wilhelm akzeptiert und als er am Ende im Wettbewerb gegen andere Heiratskandidaten antritt, ist es jener siebente Schuss, den Wilhelm abgibt, welcher das Käthchen tödlich trifft, was Wilhelm in einen finalen Wahnsinn treibt. 

Zugegeben, es gibt einfallsreichere Handlungen für Fiktion, man kann mit empirischer Sicherheit sagen, dass Teufelspakte nie gut ausgehen und vielen Menschen grausamen Schaden zufügen, daher ist die Message ziemlich schnell durch: Lass die Finger vom schnellen, einfachen Weg, du wirst nur süchtig nach der Einfachheit, du erkennst deine Überheblichkeit nicht mehr, häng dich selbst rein und werde deines eigenen Glückes Schmied. 

Umso mehr können wir uns hier anschauen, was das Rheinische Landestheater aus der Stoffvorlage gemacht hat. 

Mittlerweile kaum eine Rezension, in der nicht das böse C-Wort vorkommt: Regisseur Alexander May musste seine Version von The Black Rider auf 80 Minuten herunterkürzen. Ein wenig litt das Stück darunter, irgendwie fühlte es sich etwas gehetzt an, manche Figuren hätte man durchaus noch häufiger sehen können, oder um es euphorischer auszudrücken: Wir hätten uns Mays Inszenierung gut und gern noch ein weiteres Stündchen angesehen. Doofes Corona. 

May versucht, mit der Ästhetik Wilsons zu brechen. Das ist auch gut so. Es ist kein Geheimnis, dass der Autor dieses Textes ein großer Fan von Robert Wilson ist, wie er es in seinen Rezensionen zu Der SandmannDas Dschungelbuch oder auch in seinem Interview mit Schauspieler Christian Friedel mehrfach zum Ausdruck bringt, doch bedeutet Theater ja nicht „nachmachen“, sondern „weitermachen“. So gibt es in der Neusser Inszenierung keine kalkweiß geschminkten Gesichter, keine punktgenauen Face-Spots, kein sich für jede Szene wandelndes, an expressionistische Gemälde erinnerndes Bühnenbild, keine sich in die Netzhaut brennende, das ganze Spektrum des Lichts herunterbetende Illuminationen oder in ihrer Sprache plötzlich austickende, herumstotternde, revolvierende, quietschende Schauspieler*innen. Und doch kommen, besonders durch das Schauspiel, das reduzierte Bühnenbild von Dirk Seesemann, das lediglich aus einem bekletterbaren Baum, an dem ein zweidimensionaler Mond hängt sowie drei Podesten, besteht, und durch den unverändert gebliebenen Text, auch Wilson-Fans auf ihre Kosten. May aber holt seinen Black Rider zumindest optisch ins hier und jetzt, lässt die Figuren nahbarer wirken, menschlicher, eben nicht wie Wilson’sche Pinselstriche in einem Bühnengemälde, und erreicht damit die Herzen der Zuschauer*innen. 

Käthchen (Laila Richter), Wilhelm (Philippe Ledun), Foto: Marco Piecuch

Und hierfür sorgen nicht zuletzt auch die Schauspieler*innen. Ins Auge sticht hier zuerst Multitalent Philippe Ledun, der uns zuerst ein Nervenbündel von einem Wilhelm gibt. Mit viel Körperlichkeit belebt er die dynamischen Szenen, erheitert die Gemüter mit erfrischendem Slapstick, weiß aber auch die ruhigen Momente auszukosten und lässt uns Zuschauer*innen Wilhelms Distanz und Nähe zu seiner persönlichen Nemesis, dem Gewehr, wahrlich spüren. Anna Lisa Grebes Stelzfuß erscheint optisch einprägsam wie die moderne, unabhängige Tochter von Gründgens‘ Mephisto, verbindet die rotzfreche Hinterlistigkeit der Teufelsfigur mit der dynamischen Rauheit der Songs von Tom Waits und führt das Publikum hiermit durch die Handlung, ohne wirklich Erzählerin zu sein. Benjamin Schardt gibt uns eine raumfüllende Erscheinung von einem Erbförster Kuno sowie später vom Herzog und überzeugt besonders durch seinen Sprachwitz, von dem wir uns gern noch mehr gewünscht haben. Von Stefan Schleue als Vater Betram und Antonia Schirmeister als Anne hätten wir ebenfalls sehr gern mehr gesehen, genau wie von Ulrich Rechenbach, der zwar kopfüber an einem Baum hängend ein unter die Haut gehendes Gesangssolo gab, aber sonst hinter ebenjenem, also dem Baum, leider zu wenig hervorkam. Laila Richter mimte das Käthchen, das mit knuffigem, blauem Glockenkleid daherkommt und Wilhelm mit ihrer zauberhaften Stimme den Kopf verdreht. 

Gesanglich brillieren alle Darsteller*innen und überzeugen mit ihren Interpretationen der Waits’schen Songs, bringen hierdurch, unterstützt durch ansehnliche Choreographien von Morris Perry sowie durch die auf der Nebenbühne versteckte Liveband bestehend aus Volker Deglmann, Leo Henrichs, Pablo Liebhaber, Thomas Schlink und Andreas Steffens Spaß und Kurzweil in den Saal, wissen aber auch in den richtigen Momenten, innezuhalten und ihren Rollen den richtigen Atem einzuhauen. 

Stelzfuß (Anna Lisa Grebe), Foto: Marco Piecuch

Und jetzt noch ein Absatz zu dieser Sache mit dem Englisch. Aus aktuellem Anlass. Weil die Omi in der Reihe hinter uns meckerte: „Att widder Änglisch?“ Ja, liebe Omi, att widder… Wir können verstehen, dass die Sprache des Stückes aufwühlend ist, weil sie in all ihrer Poesie und ihrem Rhythmus doch immer wieder wechselt, mal Deutsch, mal Englisch, dies teilweise mitten im Vers, was ihr den nötigen Witz und die richtige Lebendigkeit gibt. Dies ist der Vorlage geschuldet, welcher die Inszenierung treu bleibt und das ist auch gut so. Es kann zwar beruhigend festgestellt werden, dass man dem Stück auch ohne Englischkenntnisse durchaus folgen kann, da alles, was in englischer Sprache ausgedrückt wird, auch seine deutsche Entsprechung findet, für einen gänzlichen Genuss des Stückes, alleine schon für die durchgehend englischsprachigen Lieder, gewisse Fremdsprachenkenntnisse allerdings empfehlenswert sind. 

Wer kommt also abschließend bei The Black Rider am Rheinischen Landestheater voll auf seine oder ihre Kosten? Definitiv Freund*innen mitreißender Abendunterhaltung mit Rhythm-and-Blues-Jazz-Folk-Vaudeville-Musik von Tom Waits. Definitiv Freund*innen körperlich großen, ausladenden Schauspiels mit viel Übertreibung und Witz. Definitiv Freund*innen von Teufelspakt-Dramatik in optisch, akustisch und dramaturgisch einwandfreiem Gewand.  

Für weitere Informationen zu den Beteiligten, eindrucksvolle Bilder sowie Auftrittstermine und Ticketbestellungen empfehlen wir einen Besuch auf der Website des Rheinischen Landestheaters. 


Dir gefallen die Texte der Theater WG? Dann lass uns doch ein Like bei Facebook oder ein Abo bei Instagram da und stell sicher, dass Du in Zukunft nichts von uns verpasst. Du willst selbst Rezensionen schreiben und auf unserem Blog veröffentlichen? Wir sind stets auf der Suche nach neuen Autoren. Zögere also nicht und melde Dich über kontakt@theaterwg.de.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s