Buttje, Buttje inne See – Der Fischer und Seine Frau als Puppenversion am Rheinischen Landestheater Neuss

Beitragsbild: Marco Piecuch
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

Gott ist eine Frau. Das ist ein Gedanke, den wir gar nicht so abwegig finden und der in unserer Gesellschaft noch bei Weitem nicht verankert ist. Umso mehr freuen wir uns, dass die Puppenspielinszenierung von Lutz Großmann von Der Fischer und seine Frau Puppenspielerin Sarah Wissner als Gott auftreten lässt, in strahlendem Weiß, mit Rüschen und Zylinder.

Und diese(r?) Gott ist ziemlich unzufrieden. Die Menschen sind Egoisten geworden, jeder denkt nur noch an sich selbst und an Gott glaubt sowieso niemand mehr. Um den Menschen zu zeigen, wie toll er ist, erwählt Gott einen armen Fischer, dem er als Butt erscheint, um ihm einen Wunsch zu erfüllen. Obwohl dem Fischer der Magen knurrt, reizt ihn eine Lebensumstellung nicht. Ganz im Gegensatz zu seiner Frau. Zuerst wünscht sie sich ein Haus aus Stein, dann will sie Personal, welches sich um das Haus kümmert, also am besten will sie Königin sein, sodann Kaiserin, Päpstin. Der arme Fischer muss immer wieder zum Gott-Butt, ruft sie mit dem Spruch „Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje Buttje inne See, myne Fru de Ilsebill will nich so, as ik wol will“, und leitet hier dann Ilsebills Wunsch weiter. In ihrer Gier merkt Ilsebill gar nicht mehr, was Zufriedenheit bedeutet und will immer mehr. Als sie ihren Mann losschickt, er solle vom Butt verlangen, dass sie selbst zu Gott werde, kehrt Gott den Zauber um und beide enden wieder in den ärmlichen Verhältnissen vom Anfang. 

Sarah Wissner, Foto: Marco Piecuch

Das Märchen, das auf den Maler Philipp Otto Runge (1777-1810) zurückgeht und es 1812 in die Märchensammlung der Gebrüder Grimm schaffte, war bereits viele Male Anlaufstelle für künstlerische Auseinandersetzungen in Film, Fernsehen und Theater. Vordergründig ist die Moral von der Geschicht einleuchtend und – leider – zeitlos: Wer maßlos immer mehr will, wird am Ende alles verlieren. Eine Erkenntnis, die am Rheinischen Landestheater Neuss jetzt auch die ganz Kleinen, verpackt in liebevolles Puppenspieltheater, beobachten dürfen.

Denn dort feierte gestern Der Fischer und seine Frau als Puppenspiel im Rahmen des Jungen Theaters Premiere und wir waren dabei. 

Die Spielfläche der Studiobühne ist lediglich zentral belegt mit einem großen rechteckigen Teppich, auf dem ein schlichtes Zimmer eingerichtet ist, bestehend aus einem Tisch, zwei Stühlen, daneben ein paar Holzkisten, alles in mintgrün gehalten, einer Lampe, einem Zeitungsständer, einer Bank, angedeuteten Fensterläden sowie einem „No Smoking“-Schild (welches wir nicht so ganz zuordnen können). So oder so ähnlich könnte sicherlich auch eine Kücheneinrichtung in einem Fischerdorf an der Küste aussehen. 

Sarah Wissner, Foto: Marco Piecuch

Ohne viel Tamtam betritt Puppenspielerin Sarah Wissner die Bühne, präsentiert sich als Gott und legt los mit dem Puppenspiel. Der Fischer sitzt dabei bereits mit einer Rute in der Hand auf dem Küchentisch, als Wissner ihn zum Leben erweckt. Bei den Puppen handelt es sich nicht um Handpuppen, in denen die Hand der Spielerin verschwindet, nicht um Marionetten, Wissner fasst sie am Hals und bewegt ebenjene Gliedmaßen, die eben bewegt werden müssen, einfach mit den Händen. Die Puppe, die gerade nicht bespielt wird, wird auch mal etwas ruppiger in einer Holzkiste zurückgelassen. Doch ist diese Ruppigkeit im Laufe des Stückes zu verkraften, denn hier wird eine Sache ganz deutlich: Sarah Wissner spielt. Also nicht (nur) im Sinne des Schauspiels. Sondern eben im Sinne des Spielens. So, wie Kinder in der Küche mit Puppen, Action- oder Playmobil-Figuren spielen. Und hierbei appelliert sie ganz bewusst an die Fantasie des Publikums. Denn die Bühne von Nicola Minssen stellt keine Kulissen für einen pompösen Königs- oder Kaiserpalast oder aber eine mächtige Papst-Kathedrale zur Verfügung. Alle Immobilien, die mit Ilsebills Wünschen einhergehen, baut Sarah Wissner mit den ihr zur Verfügung stehenden Kulissenteilen zusammen. Da wird für den Fischer und seine Frau aus einer Holzkiste schnell ein Steinhaus oder aus einem Tisch und einem Stuhl ein Königspalast mit Fahrstuhl und Swimmingpool im Keller. Blühende Fantasie eben, der die Kinder im Premierenpublikum gerne mit der ihren folgen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kann behauptet werden, dass besonders Kinder nicht mehr benötigen als die bildhafte Beschreibung der Worte Wissners sowie die Aufbauten mit den Küchenmöbeln, um sich imposante Gebäude und Paläste vorzustellen. Eine kurze, aber prägnante Meinungsäußerung eines kleinen Zuschauers während der Vorstellung bestätigt: „Die kann ja zaubern!“, Prädikat: Pädagogisch wertvoll. 

Sarah Wissner, Foto: Marco Piecuch

Zauberei, das wissen wir Erwachsenen, ist das auf der Bühne nicht, sondern sauberes Schau- und Puppenspielhandwerk. Sarah Wissner haucht den Puppen durch unterschiedliche Stimmen und präzises Timing sowie dem Spiel mit Höhe und Status glaubhaft Leben ein. Selbst spielt sie nicht nur die Rolle von Gott, mithilfe einer blauen Badekappe wird zudem auch ihre Metamorphose zum Butt vollzogen. Mit viel Witz und einer ganzen Menge Charme wird so dem alten Märchen innerhalb von kinderfreundlichen 40 Minuten ein vollkommen erfrischender Anstrich verliehen, der für kleine sowie große Märchenfreunde gleichermaßen ein tolles und gehaltvolles Theatererlebnis bedeutet. Von uns gibt es eine klare Guckempfehlung, sich zurückzulehnen, dem Meeresrauschen zu lauschen und mit dem Fischer und seiner Frau herauszufinden, ob Gott es denn jetzt schafft, die Beliebtheit bei den Menschen zurückzuerhalten.  

Informationen zum Stück, zu den Beteiligten sowie zu Tickets findet ihr wie immer auf der Website des Theaters


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