D’haus goes Minecraft – Thiemo Hackel baut Schauspielhaus in Computerspiel nach

Beitragsbild: Thiemo Hackel / Minecraft
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

Wenn man so da sitzt, vor seinem PC und auf das Zoom-Fenster blickt, in welchem Thiemo Hackel, seit viereinhalb Jahren Theaterpädagoge am Düsseldorfer Schauspielhaus, eine Online-Führung durch die Räumlichkeiten des Schauspielhauses am Gustaf Gründgens-Platz gibt, bemerkt man schnell, da schwingt eine Besonderheit mit: Wir sehen nicht das echte Gebäude, nein, Thiemo teilt seinen Bildschirm und nimmt uns mit in das Computerspiel Minecraft, wo er das gesamte Gebäude nachgebaut hat. Dieses Open-World-Bauspiel, das sich durch seine bewusst pixelig-stilisierte Grafik und die universell einsetzbaren Baublöcke definiert und hierdurch der Kreativität der Spieler*innen keine Grenzen aufzeigt, erfreut sich seit 2014 wachsender Beliebtheit bei Alt und Jung. 

Thiemo Hackel studierte Darstellendes Spiel/Kunst in Aktion am Institut für Performative Künste und Bildung sowie Kunstwissenschaften an der HBK Braunschweig und ist seit viereinhalb Jahren Theaterpädagoge am Düsseldorfer Schauspielhaus; Foto: Melanie Zanin

Thiemo, der berufsbedingt viel in Schulen unterwegs ist, hatte selbst bis vor Kurzem nicht viel mit Minecraft zu tun und blickte verwundert drein, als er Schüler*innen über das Spiel und seine ganzen Eigenheiten und dazugehörige „Let’s Plays“ reden hörte. Von der Neugierde gepackt beschäftigte er sich genauer mit dem Spiel und seinem Umfeld, mit den unzähligen Videos, die es hierzu auf Youtube gibt, mit Craft Attack und den schier unendlichen Möglichkeiten, die das Spiel bietet, sich kreativ zu entfalten. Hierbei leckt Thiemo schnell Blut, lädt sich das Spiel selbst herunter und entwickelt großen Spaß daran, seine eigenen virtuellen Bauprojekte zu verwirklichen, baut seinen eigenen Zoo, modifiziert die Blöcke mit Mods und erweitert so immer mehr seine Möglichkeiten, Dinge zu erschaffen. 

Als durch Corona die beliebten Führungen, die Thiemo und seine Kolleg*innen durch die Werk- und Spielstätten des Düsseldorfer Schauspielhauses anboten, wegfielen, erlaubte er sich aus einer Feierabendlaune heraus den Spaß und baute das Schauspielhaus am Gustaf Gründgens-Platz en détail nach. Ohne auf Baupläne zurückzugreifen, nur in Erinnerung aus seinem eigenen Kopf und mit ein bisschen Hilfe von Google Maps, setzte er das imposante Gebäude, das im Januar dieses Jahres seinen 50-jährigen Geburtstag feierte, samt Foyer, Saal, Probenbühnen und Büros der Mitarbeiter*innen in die virtuelle Welt von Minecraft um. Zweieinhalb Wochen fesselte dieses Projekt Thiemo jeden Abend zwei bis drei Stunden an den PC. Was Thiemo zuerst aus Spaß am Spiel den Kolleg*innen aus der Dramaturgie und der Kommunikationsabteilung zeigte, drang schnell zur Intendanz vor, die genauso begeistert war von diesem virtuellen Bauprojekt, wie die Kinder von Thiemos Theater-Kolleg*innen, die selbst Minecraft-Expertise aufweisen. 

Unverkennbar: Das Foyer des Schauspielhauses mit seiner Bar, Sitzgelegenheiten und den „Käserollen“; Screenshot: Thiemo Hackel / Minecraft

Schnell war klar, dass das Theater diese tolle Arbeit seinen Zuschauer*innen nicht vorenthalten will und so richtete man die erste Führung ein, die es nun gestern Abend auf der Videokonferenz-Plattform Zoom völlig kostenlos zu besuchen gab. 

Die Führung, die am Bühneneingang beim Pförtner beginnt, führt durch alle vier Etagen und bietet Thiemo die Möglichkeiten, sein immenses Wissen über Theatertricks und die Besonderheiten des Hauses an die Teilnehmer*innen weiterzugeben. Wie werden Perücken hergestellt? Welche Rolle spielt Wodka in der Kostümabteilung? Wie schmeckt Theaterblut? Woraus wird Theaterkotze hergestellt oder wo hielt man im Schauspielhaus aus welchem Grund Hühner? Das sind nur einige von vielen spannenden Einblicken, die uns die Minecraft-Führung von Thiemo Hackel bequem an den heimischen Schreibtisch bringt. Neben interessanten Anekdoten und Funfacts zum Theater, sehen wir auch Vorstellungen bekannter Produktionen im großen wie kleinen Haus sowie eine Probe auf einer der Probenbühnen. Aus spannungstechnischen Gründen wollen wir hier allerdings nicht verraten, welche Stücke Thiemo die Pixelschauspieler*innen aufführen lässt. 

Es kommt auf die Details an, wie die Theaterkasse mit originalen Plakaten sowie einem funktionierendem Ticket-Drucker zeigt; Screenshot: Thiemo Hackel / Minecraft

Im Zuge der Führung wird allerdings deutlich, vermutlich analog wie digital, dass es Thiemo ein wichtiges Anliegen ist, dass wir Teilnehmer*innen daran erinnert werden, dass neben den Schauspieler*innen, auf die die größte Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen gelenkt wird, im wahrsten Sinne des Wortes hinter den Kulissen, noch eine Vielzahl anderer Menschen tätig ist. Im Interview verrät Thiemo uns, dass 400 Mitarbeiter*innen am Düsseldorfer Schauspielhaus beschäftigt sind, von denen nur ein Achtel die Schauspieler*innen ausmachen. Und so besuchen wir in der Führung auch die Wirkungsstätten von Bühnen-, Ton- und Lichttechniker*innen, Requisiteur*innen, Inspizient*innen, von der Kommunikationsabteilung, von Schneider*innen, Schuhmacher*innen, die Gewandmeisterei, das Büro des Intendanten Wilfried Schulz und viele Orte mehr. Einen besonderen Zauber der Führung macht ihr Detailreichtum und die Liebe aus, die Thiemo in den Bau der digitalen Ausführung seines Arbeitsplatzes gesteckt hat. Die Züge auf der Bühne lassen sich genauso steuern wie sämtliche Aufzüge, das Saallicht kann ein- und ausgeschaltet werden und sogar ein Ticket für die Führung druckt Thiemo sich zu Beginn an der digitalen Theaterkasse aus. 

Sogar bis ins Büro des Intendanten Wilfried Schulz samt denkmalgeschütztem Holzschrank und Anekdote zum Intendanten-Badezimmer geht die Führung; Screenshot: Thiemo Hackel / Minecraft

Sicherlich ist dieses Führungsformat nicht gleichzusetzen mit jenen, in denen Thiemo uns leibhaftig durch die imposanten Wirkungsstätten der Theatermacher*innen des Düsseldorfer Schauspielhauses geleitet. Der Vielfalt, die das leibhaftige Theater bietet, kann Minecraft nicht gerecht werden, doch ist es gerade in Lockdown-Zeiten, in denen man in der Politik auch in Theaterschließungen eine Notwendigkeit zur Pandemiebekämpfung sieht, eine gelungene Abwechslung für wenigstens ein kleines bisschen Theaterluft am heimischen PC. Thiemo gestaltet seine Führung auch bei Zoom interaktiv. Er fragt die Teilnehmer*innen an bestimmten Stellen, welchen Weg sie einschlagen wollen, verziert sie mit kleinen Quizzes zu Theaterproduktionen des Düsseldorfer Schauspielhauses und bietet immer und jederzeit ganz herzlich die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Hierdurch wird bereits aus der rein digitalen Zoom-Konferenz aus der abstrakten Institution „Theater“ ein ganz naher und menschlicher Ort, dessen komplexe Verwobenheit wir uns hierdurch viel besser vorstellen können und der wortwörtlich ein Gesicht bekommt (wenn auch hier etwas pixelig). So macht die kurzweilige Führung Lust auf mehr und steigert die Vorfreute auf die hoffentlich bald anbrechende postpandemische Zeit mit ganz viel Theater! 

Wer ebenfalls an einer dieser virtuellen Minecraft-Führungen teilnehmen will, für den oder die bietet sich am kommenden Sonntag, 22. November 2020 eine weitere Möglichkeit und je nach Nachfrage werden weitere Führungen organisiert. Für begeisterte Minecraft-Spieler*innen will Thiemo die Map, wie das digitale Gebilde im Fachsprech heißt, auch zum Download zur Verfügung stellen oder gar auf Server hochladen, sodass hier mehrere Spieler*innen gleichzeitig durch das digitale Theater laufen und interagieren können. Weitere Infos zur digitalen Minecraft-Führung findet Ihr auf der Website des Theaters


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