Schiller im Wohnzimmer – Online-Premiere von Don Karlos am Schauspiel Köln

Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)
Beitragsbild: Clärchen & Hermann Baus (zu sehen: Marek Harloff)

Don Karlos, ein gewaltiger Name, eine Tragödie, bei der man den Hauptakteur gerne packen und schütteln möchte, denn sehenden Auges läuft Karlos in die Katastrophe hinein. Wie sollte es auch anders laufen in diesem textgewaltigen Fünfakter von Friedrich Schiller, der kurz vor der französischen Revolution verfasst wurde, von dem Mann, der die Schaubühne als eine moralische Anstalt verstand. Nun hat sich wieder eine Bühne an dieses Werk gewagt, dieses Mal das Schauspiel Köln. Live und per Stream im heimischen Wohnzimmer konnten wir die Premiere der Inszenierung verfolgen.

Bild: Clärchen & Hermann Baus, zu sehen ist: Bruno Cathomas

Don Karlos ist der Sohn von König Philipp II. und liebt seine Stiefmutter Elisabeth, selbst wird er aber von Prinzessin von Eboli geliebt. Schon das ist eine schwierige Ausgangslage, doch Friedrich Schiller hat sich, neben den persönlichen, auch zahlreiche politische Konflikte einfallen lassen: Herzog von Alba, getreuer Weggefährte (aber auch eine hinterlistige Ratte) soll in die Niederlande geschickt werden und die Aufstände dort niederschlagen. Don Karlos hingegen würde das auch gerne übernehmen, um seinem Vater zu zeigen, dass er ein gestandener Mann ist, allerdings gewährt ihm sein Vater dies nicht. Im Laufe des Stücks kommen viele Schriftstücke, hinterlistige Pläne und mehrere Verrate vor, die dem Stück eine gewisse Dynamik geben sollen, doch jeder, der sich durch Schillers Werk von 1787 durchgearbeitet hat weiß: Bei so viel Text bleibt die Dynamik gerne auf der Strecke. Wen die Intrigen und der weitere Inhalt jedoch genauer interessieren, dem können wir wieder einmal die Kompaktversion des Dramaturgen Michael Sommer empfehlen.

Bild: Clärchen & Hermann Baus, zu sehen ist das Ensemble

Nun haben wir eine historische Tragödie, viel Text und das Schauspiel Köln, sowie eine rund 135-minütige Inszenierung. Was also hat Regisseur Jürgen Flimm, der von 1979 bis 1985 sogar Intendant des Schauspiel Kölns war, aus diesen Rahmenbedingungen gemacht?

Zu Beginn blicken wir kurz in den leeren Zuschauerraum und auf die Bühne. Mehrere Lichtsäulen hängen von der Decke, ein mit Erde bedeckter Boden ist zu sehen, einige Plastikstühle und Tische. Dann beginnt das Stück. Im Hintergrund werden im Laufe der Inszenierung immer wieder Projektionen zu sehen sein, die gerade bei den Nahaufnahmen der Schauspieler*innen nicht so sehr zur Geltung kommen. Zu sehen sind unter anderem protestierende Menschen oder weibliche Gesichtszüge, die so das gerade Gespielte, wie etwa die Ausführung Philipps II. zur Lage in den Niederladen oder aber Ebolis Monolog unterstützen sollen. Und auch wenn das Theater aus dem Fernsehen das Live-Event nicht ersetzen kann, verfehlen das Spiel mit der Perspektive und den Lichteinstellungen nicht ihr Ziel, selbst im heimischen Wohnzimmer entsteht doch etwas Theateratmosphäre. Dazu gibt es Live-Musik, welche von David Schwarz komponiert wurde. Nur selten drängen sich die Klänge in den Vordergrund, sind mehr eine Unterstützung der Inszenierung, beispielsweise durch seichte Klavierklänge.

Bild: Clärchen & Hermann Baus, zu sehen sind: Marek Harloff, Ines Marie Westernströer

Das Setting stimmt, wenn es auch insgesamt eher unaufgeregt ist. Und auch die Schauspieler*innen überzeugen durchweg mit ihren Darbietungen. Besonders hervorzuheben ist der Vater-Sohn Konflikt zwischen Philipp II. (Bruno Cathomas) und Don Karlos (Marek Harloff), welcher immer wieder sehr schön dargestellt wird, vor allem, wie der dauerzweifelnde Don Karlos gegen seinen (oftmals auch zweifelnden) Vater nicht ankommt. Marek Harloff gelingt es schnell die verzweifelte Haltung des Don Karlos durch die Fernsehbildschirme zu transportieren. Besonders Mimik und Gestik passen sehr schön zu seinem Spiel, wenn es auch schnell drüber wirkt, doch im Grunde ist Don Karlos genau dies: drüber. In fünf Akten gibt es mehrere Auswege für ihn, doch stattdessen steuert Karlos in den sicheren Tod, da muss man schon ein bisschen durch sein. Bruno Cathomas überzeugt durch seine starke Präsenz, die aber immer wieder bröckelt, sobald seiner Rolle Zweifel aufkommen, besonders in der Beziehung zu seiner Frau Elisabeth. Eindrucksvoll werden die Zweifel dargestellt, als sich Cathomas beginnt selbst auszupeitschen, was von Trommeln untermalt wird. Auch ein Gespräch mit der Infantin Clara Eugenia, die nur auf einem Bild abgebildet ist, das sich Bruno Cathomas später überstülpt und es in den Arm nimmt, verpassen einem eine leichte Gänsehaut. Besonders überzeugt haben uns aber Ines Marie Westernströer als Pater Domingo (hierfür hat sie sich extra einen Sidecut zugelegt) und Jörg Ratjen als Herzog von Alba. Beiden nimmt man durch und durch die Rolle der Fieslinge, die mehr eigene als andere Interessen verfolgen, ab, sogar so sehr, dass man im Laufe des Stücks anfängt eine gewisse Antipathie für beide zu entwickeln (natürlich nur die Rollen und nicht die Schauspieler*in!). Nicolas Lehni zeigt uns als Marquis von Posa seine aufklärerische Ader. Lehni steht weniger durch Aktionen, aber mehr durch seine sehr überzeugende Art im Mittelpunkt, denn die Rolle des gebildeten Posa nehmen wir ihm voll und ganz ab, sodass seine Ermordung und seine Aufopferung für Don Karlos auch die entsprechende Tragik vermitteln. Als Prinzessin von Eboli kann uns Sophia Mercedes Burtscher überzeugen. Anfangs verliebt wie ein Teenager, werden auch bei ihr mit der Zeit mehrere Facetten deutlich, bis hin zu an Wahnsinn grenzenden Blicken, doch verliert sie dabei nie dasVerführerische, das Prinzessin Eboli immer wieder versucht an den Tag zu legen. Yuri Englert als Graf von Lerma und Melanie Kretschmann als Elisabeth erscheinen hingegen etwas blass im Reigen der Wahnsinnigen. Wäre die Inszenierung aufreibend und von Dynamik geprägt, würden sie die notwendige Ruhe hineinbringen, doch so erscheinen sie leider etwas zu Normal für die persönlichen und politischen Konflikte, die reihenweise auf der Bühne von den anderen Darsteller*innen ausgefochten werden. Ein Highlight dagegen ist der kurze, aber doch eindrucksvolle Auftritt von Ralph Morgenstern als Großinquisitor. Mit einem großen, roten Kardinalsgewand, aber auf zwei Krücken, taucht dieser zum Ende des Stücks auf, um über Leben oder Tod zu entscheiden. Und obwohl der Großinquisitor so angeschlagen, so zerbrechlich wirkt, machen ihn die anderen Schauspieler*innen durch ihre unterwürfigen Handlungen zu einer alles beherrschenden Instanz. Ein Sinnbild dafür, wie die Kirche zur Zeit der spanischen Inquisition agiert hat. So kurz Morgensterns Auftritt ist, ist er doch auf den Punkt.

Bild: Clärchen & Hermann Baus, zu sehen sind: Ines Marie Westernströer, Jörg Ratjen, Sophia Burtscher

Die Inszenierung lebt von einigen sehr eindrucksvollen und packenden Bildern und der schauspielerischen Leistung. Doch auch in dieser Inszenierung ist der Text wieder der Dreh- und Angelpunkt und so erwischt man sich schon nach 90 Minuten, wie man auf die heimische Wohnzimmeruhr schaut und sich langsam fragt, wann die Inszenierung ein Ende findet. Man könnte mutmaßen ob man in einer dunklen, konzentrierten Theateratmosphäre einen besseren Fokus gefunden hätte, doch haben wir dieses Problem schon in anderen Inszenierungen gesehen, dass die Texttreue oftmals zu Längen führt, so wie auch hier. Schade eigentlich, denn Schillers Werk ist nicht unwichtig und auch nicht uninteressant, doch wie wir es schon selbst im Schulunterricht erfahren haben, eben auch manchmal sehr zäh. Für Theatergänger*innen, die es mögen, wenn Inszenierungen dicht am Text bleiben und auch die Sprache beibehalten ist diese Inszenierung ein Muss, für diejenigen, die es gerne dynamischer mögen könnte es jedoch schnell langweilig werden. Die Leistung des Ensembles war jedenfalls toll und Don Karlos ist und bleibt ein Klassiker, den man sich immer wieder ansehen sollte, warum dann nicht in der Version des Schauspiel Köln? Das wird auch weiterhin online möglich sein, alle Infos hierzu gibt es auf der Website. 


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