Ein Moment der Begegnung – 15 Minuten am Theatertelefon mit Nelly Politt

Beitragsbild: Tom Kramer und Nelly Politt in Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (Spielzeit 2019/20) © Marco Piecuch

Text: Hanna Kuhlmann (hanna.kuhlmann@theaterwg.de)

Alleine Zuhause und die Erlebnisarmut greift um sich? Euer Lieblingstheater hat noch immer geschlossen? So geht es auch Schauspielerin Nelly Politt: Die 27-Jährige ist Teil des Schauspielensembles am Landestheater Neuss und hat, so wie viele Menschen aktuell, Zeit: Zeit für euch! Eine kurze Anmeldung per Mail und ich habe Nellys aufgeweckte Stimme am Ohr: „Das Theatertelefon hier!“. Sie sucht direkt das Gespräch und fragt mich, wie es mir im Lockdown geht. „Naja, ich habe Arbeit“, antworte ich, aber behalte für mich, dass ich mich trotzdem manchmal einsam fühle. Ich freue mich sehr mal wieder einen neuen Menschen kennenzulernen und eine unbekannte Stimme zu hören: wie aufregend. Und im Gegensatz zu meinem Lieblingsradiosender interagiert Nelly mit mir. Sie ist interessiert, fragt nach, hört zu und das Beste: Sie liest mir vor. Zuletzt darf ich mir sogar ein Stück aussuchen: Meine Wahl fällt auf das Wunschkonzert von Franz Xaver Kroetz, welches diese Spielzeit in Neuss innerhalb der Reihe WORTLOS inszeniert wird.

Wie kam es zu der Idee ein Theatertelefon einzurichten?

Es gibt ja schon an einigen Theatern das Angebot eines Theatertelefons und ich dachte mir, ich habe Zeit und möchte etwas tun. Und da war klar: Ich lese aus meinen Lieblingsbüchern!

Und wie hast du dann eine Auswahl an Texten für deine Hörer*innen zusammengestellt?

Bei dem Großteil der Texte ging es mir vor allem darum, dass sie humorvoll sind, denn den kann man in dieser Zeit gut gebrauchen, finde ich. Ich schaue natürlich auch, dass ich Texte für unterschiedliche Zielgruppen habe, falls sich zum Beispiel jüngere Hörer*innen anmelden. Außerdem sind es Texte, auf die ich im letzten Jahr gestoßen bin und die mir aus unterschiedlichen Gründen besonders in Erinnerung geblieben sind. Das Stück Wunschkonzert, was du heute ausgewählt hast, wird diese Spielzeit hier am Haus inszeniert. Wenn sich jemand einen unterhaltsamen Text wünscht, würde ich aus so einem Stück natürlich nicht vorlesen. Es beschreibt den Abend von Fräulein Rasch bis zu ihrem Suizid. Es hat das Format eines Erzähltextes und wird in unserer Inszenierung ohne Worte aufgeführt werden. Es ist meiner Meinung nach ganz besonders geschrieben, da ihr Selbstmord ganz unaufgeregt in das Geschehen ihres Abends eingebunden wird. Es wird detailliert dargestellt, was wann und wie passiert und ihre Handlungsroutinen gehen flüssig in den Akt des Tabletten Nehmens über. Es passiert einfach so – mitten im Alltag. Am 20. Januar fangen wir an zu proben und ich bin schon sehr gespannt.

Wie ist es für dich als Schauspielerin diese Lesungen am Telefon zu geben?

Es ist total schön. Gleich zu Beginn der Aktion hatte ich ein sehr angenehmes Gespräch mit einem Zuschauer, der mich aus einigen Inszenierungen kannte. Er sagte, dass er das Theater so vermisst und sich unglaublich über das Telefonat gefreut hat. Und auch ich war nach dem Gespräch einfach total gelöst und aufgeheitert. Ich schätze, es ist auch einfach die Tatsache, dass sich zwei Menschen in diesem Moment nur füreinander und ihr gemeinsames Gespräch Zeit nehmen. Und ich bin so neugierig darauf, Menschen kennenzulernen. Ich freue mich einfach auf die Begegnung. Außerdem ist es eine tolle Chance, um den Kontakt zu unserem Publikum zu halten.

Welche Rolle spielt dabei die menschliche Stimme für dich?

Da ich ja anfangs nur den Namen der Person kenne, die sich angemeldet hat, spielt die Stimme für mich eine sehr große Rolle. Ich überlege natürlich vorher auf welche Texte ich Lust habe, aber dann mache ich es konkret in dem Moment immer von der Stimme abhängig. Das ist dann einfach nur ein Gefühl: Klingt die Stimme zum Beispiel jung oder alt? Hell oder dunkel? Das ist dann natürlich auch ein kleiner aufregender Moment und wenn ich dann die freundliche Stimme meines Gegenübers höre, löst sich direkt jegliche Spannung.

Das Theatertelefon des Landestheater Neuss wird noch bis Ende Januar immer montags bis freitags in der Zeit von 17-19 Uhr angeboten. Jede*r ab 15 Jahren, der/die Lust auf eine literarische Begegnung mit einem*r der Schauspieler*innen des Ensembles hat, kann sich bei Werner Alderath vom Team TheaterAktiv (w.alderath@rltneuss.de) unter Angabe des Namens, Telefonnummer und Wunschdatums kostenlos anmelden. Die Daten werden im Anschluss an das Gespräch wieder vollständig gelöscht. Die nächsten Termine übernimmt Nellys Kollegin Juliane Pempelfort (19.-22.01.), daraufhin Ensemblemitglied Peter Waros (25. & 26.01.) und zuletzt Schauspielerin Antonia Schirmeister (27.-29.01.).

Bilder: Juliane Pempelfort (1), Peter Waros (2), Antonia Schirmeister (3) © Simon Hegenber


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