Es wird schrill! Kristin Steffen über die Online-Serie Edward II. vom Schauspiel Köln

Titelfoto: Ana Lukenda
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

Neulich, da verplemperte ich mal wieder ein wenig Zeit auf Instagram, scrollte durch den Feed, und stieß, vorbei an Fitness-Gurus, Food-Bloggern und Fernreise-Fotos, auf den automatischen Vorschlag eines Profils, das sich schlicht Eddy2.cologne nannte. Auf dem Profilfoto ein junger Herr mit rosa Haar und Tennisschläger in der Hand und in der Story Montagen mit Fotos aus Popkultur und Yellow Press mit eingesetzten Gesichtern, die mir irgendwie verdächtig bekannt vorkamen. So entpuppten sich die Gesichter hinter einer Montage der britischen Royal Family als Jörg Ratjen, Birgit Walter, Alexander Angeletta und Nicola Gründel, allesamt Schauspieler*innen des Schauspiel Köln. Als ich dann bei einem weiteren manipulierten Foto eine Spice Girls-Version von Kristin Steffen entdeckte, welche uns bereits im Frühjahr des vergangenen Jahres ein Interview über ihre damalige Corona-Situation gab, fragte ich einmal bei ihr an, ob sie mir nicht genauer erklären könnte, worum es sich bei diesem Profil handelt. 

Kristin sagte zu und so trafen wir uns bei Skype und dann kam für mich langsam Licht ins Dunkle. Eddy2.cologne repräsentiert Edward II. Dieser ist zum einen eine historische Figur, lebte zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert in England, war dort König und hat unter anderem dadurch Berühmtheit erlangt, dass man ihm zahlreiche Verhältnisse nachsagt(e), sowohl mit Männern als auch Frauen, die ihn umgaben. „Genug Stoff für die Theaterbühne“, dachte sich 1592 Christopher Marlowe, uns allen bekannt aus dem Englischunterricht als vermeintlicher Erzfeind William Shakespeares, und schrieb um König Edward II. das Stück mit dem etwas sperrig klingenden Titel (tief einatmen!) The Troublesome Reign and Lamentable Death of Edward the Second, King of England, with the Tragical Fall of Proud Mortimer, known as Edward II. „Zu langer Titel für moderne Zuschauer*innen“, dachte sich dann 2015 der österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer und schrieb seine Version nach Marlowe und nannte sie schlicht Edward II. Die Liebe bin ich. „Zu viel Corona“, dachte sich dann im Jahr 2021 die Kölner Regisseurin Pınar Karabulut und machte aus Palmetshofers Bühnenstoff eine Kurzserie, die ab morgen, 12.02.2021 im Rahmen des Online-Formats „Dramazon Prime“ beim Schauspiel Köln Premiere feiert. 

„Wäre Corona nicht gewesen, hätten wir daraus sicher eine Bühnenversion gemacht. Aber das war sehr klug von Pınar, den Stoff so umzugestalten und ihm ein neues Format zu geben, dadurch hat es einen mehrfachen Gewinn bekommen“ (Foto: Ana Lukenda)

Seitdem ich Kristin Steffen das letzte Mal getroffen habe, ist fast ein Jahr vergangen. Damals erzählte sie begeistert von Proben zu Die Jungfrau von Orleans, in denen sie sich, ebenfalls unter der Regie von Pınar Karabulut, gerade befand, als der erste Lockdown kam und wir alle irgendwie sehr optimistisch waren, dass es bald weiter gehen würde. Doch irgendwie wollte dieses Virus nicht gehen, Theater stellten ihren Betrieb wieder ein, Produktionen wanderten in Schubladen, einige gar in den Schredder. Auch Die Jungfrau von Orleans hat es nie vor die Augen der Zuschauer*innen geschafft: „Das bricht mir heute noch das Herz, wenn ich daran denke, dass wir das Stück nicht spielen durften“, trauert Kristin Friedrich Schillers berühmter Tragödie um Jean d’Arc hinterher. Als es dann auch für Kristin nach einer gefühlt ewigen Zwangspause, die für sie vor allem aus Spazierengehen, Yoga, Klavierspielen und Lesen überstand, wieder an die Arbeit ging, zog es sie zuerst vor die Filmkameras: „Wäre Corona nicht gewesen, hätten wir daraus sicher eine Bühnenversion gemacht. Aber das war sehr klug von Pınar, den Stoff so umzugestalten und ihm ein neues Format zu geben, dadurch hat es einen mehrfachen Gewinn bekommen“, erklärt Kristin. 

Zuerst einmal ist es für Kristin ein Gewinn, wieder einmal mit Pınar Karabulut zusammenzuarbeiten, eine Regisseurin, von der auch wir bereits begeistert Stücke gesehen haben wie Tschechows Die Drei Schwestern oder Shakespeares Romeo und Julia, letzteres übrigens mit Kristin in der weiblichen Hauptrolle. Ihre Freude über die erneute Zusammenarbeit mit der mehrfach ausgezeichneten Regisseurin war riesig: „Pınar ist eine so kluge Powerfrau, sie strahlt immer eine so positive Energie aus, man fühlt sich bei ihr sehr wohl und ich finde, gerade in einer Branche, in der alles schnelllebig ist und auf Produktion aus ist, ist es einfach schön, wenn die Regisseurin so menschlich ist wie Pınar.“

„Pınar ist eine so kluge Powerfrau, sie strahlt immer eine so positive Energie aus, man fühlt sich bei ihr sehr wohl und ich finde, gerade in einer Branche, in der alles schnelllebig ist und auf Produktion aus ist, ist es einfach schön, wenn die Regisseurin so menschlich ist wie Pınar.“ (Foto: Ana Lukenda)

Ein zusätzlicher Gewinn ist sicherlich auch das Format der Online-Serie sowie ihr Auftreten den Zuschauer*innen gegenüber, denn jede Folge ist irgendwie ihr eigenes Bonbon: „Jede Folge hat ihren ganz eigenen Stil. Eine Folge ist in schwarz-weiß, die nächste eher Performance-artig, einmal mutet es historisch an, ein anderes Mal mit viel Blut und Splatter-Elementen“. Letztere sind vermutlich auch der Grund, wieso das Schauspiel Köln die Serie erst ab einem Alter von 16 Jahren empfiehlt. Ansonsten geht es natürlich, das wäre bei Erzfeind Shakespeare nicht anders gewesen, um Liebe, Macht und Intrigen: „Edward steht im Mittelpunkt und alle um ihn herum wollen ihn stürzen und selbst an die Macht kommen“, eruiert Kristin den eigentlichen Kern eines jeden Historienstückes, nicht aber, ohne herauszustellen, was Edward II. besonders macht, denn wir erinnern uns, Palmetshofers Untertitel war Die Liebe bin ich: „Die Serie ist sehr queer, die Hauptfigur im Stück und auch bei uns, und sogar der historische Edward II., war vermutlich bi- oder homosexuell. Auch bei uns verliebt er sich in einen Mann und hat parallel noch Kinder mit seiner Frau.“ Schnell wird deutlich, dass die Serie es auch nicht so genau nimmt mit Geschlechterrollen und diesen angedichteten Kategorien: „Das Geschlecht spielt gar keine Rolle, das hat mir bei der Arbeit sehr gut gefallen. Man musste nie überlegen, ob man der Rolle nun männliche oder weibliche Züge verleiht. Spencer, meine Rolle, ist eigentlich auch ein Kerl, aber bei uns ist er eine Frau. Oder doch ein Mann? Oder wer weiß?“. Mit Blick auf eine Gesellschaft, die sich immer noch in hitzige Debatten über die Relevanz von Sex und Gender verliert, wirkt dieser Ansatz der Rollenfindung äußerst erfrischend und vielversprechend und macht definitiv Lust auf mehr. 

Innerhalb knapp eines Monats schaffte es das Team von Pınar Karabulut, die Serie von sechs Folgen im Kölner Museum Kolumba und im Hotel Excelsior zu drehen und zu schneiden. Die Titel der Folgen „Einzug“, „Salbung“, „Krönung“, „Te Deum Laudamus“, „Kommunion“ und „Go fetch my father’s hearse“, die ab Freitag im wöchentlichen Rhythmus online geschaltet werden, lassen Spannendes erwarten. Tickets kauft man bei Rausgegangen, hier bezahlt man entweder für jede einzelne Folge oder direkt für die gesamte Serie einen selbst festgelegten Betrag zwischen 10€ und 100€ und erhält dann einen Zugangscode für den Stream. Unnötig zu erwähnen, dass ich mich bereits mit Tickets eingedeckt habe und mich nun freue auf die erste Folge von Edward II. Die Liebe bin ich. Als kleinen Vorgeschmack empfehle ich den Trailer. Wer weitere Infos zur Serie oder anderen „Dramazon Prime“-Angeboten benötigt, dem oder der empfehle ich einen Besuch der Website des Schauspiel Köln. Bei Kristin Steffen bedanke ich mich herzlich für das sympathische Interview und hoffe sehr, dass ich sie zu ihren kommenden Projekten endlich einmal persönlich, ganz ohne Corona-Angst und digitale Empfangsgeräte, interviewen darf. 


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