Der Brückenpfeiler zwischen Theater und Film: Trafique

Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

„Krise“, so soll das Max Frisch gesagt haben, „ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“

Es ist schon fast ein unheimlicher Zufall, dass wir ausgerechnet heute über dieses Zitat gestolpert sind, kurz nachdem wir unser Interview mit Anna Marienfeld und Björn Gabriel abgehalten hatten. Die beiden sind Gründer des bereits seit 2012 bestehenden freien Künstler:innenkollektivs Trafique aus Köln und Dortmund und haben sich einer Ästhetik verschrieben, die wie kaum eine andere Gruppe, den Zauber des Theaters mit den immensen Potenzialen der Digitalisierung zu verbinden weiß. So kreieren sie in ihren Performances durch Licht-, Sound- und Videoinstallationen, diskursive Texte und darstellendes Spiel eine Vielzahl an Elementen, wodurch, wie sie selbst schreiben, Stile wie Psychorealismus, Agitprop, Lichtkunstinstallation und performative Interaktion aufeinandertreffen. 

Bereits vor Corona bedeuteten für Trafique digitale Inszenierungsmethoden mehr als bloße Dekoration, wie wir sie aus vielen Theatern kennen. Das Digitale bekommt für die Künstler:innen, die gern betonen, dass sie in ihrer Arbeit Forschende sind, etwas Sinnliches und wird somit zum ausschlaggebenden Teil der Inszenierung, indem es in die Ästhetik der Stücke nahtlos mit eingebunden wird. „Digitalisierung“, so sagen Marienfeld und Gabriel, „hat einen großen Einfluss darauf, was unser Zeitgeist mit, aus und über uns aussagt, da sich unsere Sehgewohnheiten verändert haben“ und genau deswegen sind bei Trafique Videoformate fester Bestandteil der Inszenierung. 

In der Präcoronazeit bedeutete dies für die Künstler:innen von Trafique besonders intensive Arbeiten mit Leinwänden auf der Theaterbühne, die als Projektionsflächen fungierten und sich in eine Gesamtästhetik eingliederten. Doch mit den Lockdowns, bei denen keine:r so genau weiß, wann sie enden werden und Zuschauer:innen wieder ruhigen Gewissens die Auditorien füllen, musste auch bei Trafique umgedacht werden. 

Dass die Performances von Trafique, die im Digitalen eine so enorme Expertise aufbauen konnten, einfach abgefilmt würden, das stand von Anfang nicht zur Diskussion. Anna Marienfeld spricht aus, was viele denken, wenn ihnen Theater-Streams in den Sinn kommen: „Theater ist für den Raum gemacht, es funktioniert nicht, eine Kamera aufzustellen und diese platt auf die Bühne zu richten.“ Und deshalb haben sich die theatralen Forscher:innen eine Aufgabe gesetzt: „Wir wollen herausfinden, was es für Umsetzungen benötigt, um das, was die Stücke einzigartig macht, digital zu transportieren.“ Was muss also kameratechnisch umgesetzt werden, „um die Essenz des Theaterstücks auf die platte Mattscheibe zu senden?“. Björn Gabriel findet eine gelungene Metapher, wenn es darum geht, die Ansätze von Trafique zwischen Film und Theater anzusiedeln, indem er sagt: „Wir versuchen, eine Brücke zu bauen und sind dabei der Brückenpfeiler zwischen Film und Theater“. Und hierbei geht es wahrlich um die Details. So haben sie beispielsweise herausgefunden, dass es beim Filmen auf Theaterbühnen nicht sonderlich hilfreich ist, die altbekannten PAR-Scheinwerfer als Lichtquelle zu nutzen und verwenden deshalb neuerdings LED-Panels. Dies ist, wie Gabriel sagt, „nur ein kleiner Einblick in den Mikrokosmos, den das Forschen der Gruppe abbildet.“ 

Eine weitere Erkenntnis aus den Arbeiten von Trafique ist die Auswirkung, die die Kamera-Arbeit auf die Schauspieler:innen hat: „Durch das Partnerspiel werden die Schauspieler:innen zu perfekten Kameraleuten. Das kommt durch den Ensemblegeist. Man will die andere:n gut im Video dastehen lassen. Dadurch ist man sehr aufeinander angewiesen und stets füreinander da“, beschreibt Marienfeld ihre Arbeit auf der Bühne und vor und mit der Kamera. So sind die Stücke von Trafique nicht nur begleitet von nüchternem Abfilmen, sie werden zur Choreografie zwischen analog und digital.

Hinzu kommt eine von Mal zu Mal steigende Expertise im Umgang mit der Technik. Mittlerweile ist die Gruppe sogar soweit ausgerüstet, dass sie in ihren Streams über eine Live-Regie verfügt, die verschiedene Kameras in Sekundenbruchteilen anspielt und somit immer genau wiedergeben kann, was die Essenz der jeweiligen Szene ist. Und diese Expertise wollen sie nicht für sich behalten. Ganz im Gegenteil!

Mit dem neu gegründeten Studio Trafique wollen die Theaterforscher:innen ihre Erkenntnisse teilen und so ihrer Branche, der die Politik weitestgehend ihre Systemrelevanz abgesprochen hat, unter die Arme greifen. Unter dem Hashtag #allianzsystemrelevanz machen Trafique es sich in Zusammenarbeit mit dem Kulturbunker Köln-Mülheim in dessen Räumlichkeiten zur Aufgabe, „den Corona-Stau abzubauen“, wie Anna Marienfeld die Situation der freien Szene bildhaft beschreibt. Die verschiedensten Kollektive aus der darstellenden Kunst sollen vom Wissen und dem Equipment von Trafique profitieren. Hierbei sollen die Werker natürlich auch nicht einfach für das Netz abgefilmt werden. „Wir setzen uns mit den Kolleg:innen zusammen, schauen uns ihre Stücke an und erarbeiten mit ihnen gemeinsam ein Konzept, wie wir die Essenz der Produkte am besten digital zur Geltung bringen können, damit die Zuschauer:innen am Ende das höchste Potenzial zu sehen bekommen“, erklärt Björn Gabriel das Konzept hinter Studio Trafique. Und da hören die Pläne der Gruppe noch lange nicht auf. Folgen soll unter anderem noch ein Festival, das mit einem digitalen Spielplan im Sommer regelmäßig achtmal die Woche senden soll. Zudem soll es für Theaterschaffende Workshops und Symposien geben, allesamt unter der Frage „Wie werde ich digital?“. Hierbei ist es Marienfeld und Gabriel sehr wichtig, zu betonen, dass sie durch all diese Ansätze anderen Künstler:innen nicht ihre eigene Ästhetik oktroyieren wollen. Ganz im Gegenteil. Sie wollen andere Ästhetiken sichtbar machen, sie wollen „die Sichtbarkeit zeigen und darauf aufmerksam machen, dass sich in der Branche etwas tut“. 

Wie genau das alles auf der Bühne, oder eben auf dem Bildschirm aussieht, das zeigten Trafique gestern in ihrem Stream von TOXIC – Fluchtversuch aus einer totalitären Abhängigkeit, einer auf Vimeo gestreamten Performance, die die Gruppe selbst als „Live-Theater Film“ bezeichnet. Die durchstilisierte Performance beschäftigt sich mit toxischer Menschlichkeit, mit der Frage, ob und inwiefern wir uns in einer selbstgeschaffenen menschenfeindlichen Umwelt befinden oder aber wir in hohem Maße eine Opferstilisierung und Schuldzuschreibung betreiben und besonders, ob und inwiefern wir aus diesen wieder herauskommen können. Neben Texten, die unter die Haut gehen, das Spektrum zwischen naher Sympathie und zermürbender Bedrohlichkeit in Gänze ausreizen und auf allerhöchstem Niveau zum Nachdenken anregen, begeistert TOXIC auch auf der visuellen Ebene. Erst hier wird in der Praxis deutlich, was oben in der Theorie beschrieben wurde. Einfach abgefilmtes Theater ist TOXIC wahrlich nicht. Die Kameras, die einmal stationär sind und einmal live in der Hand gehalten werden und die Schauspieler:innen sogar hinter die Bühne begleiten durch einen Wald aus Birkenstämmen und Luftpolsterfolie, werden zu Mitspielerinnen und machen den Wechsel zwischen zügiger Dynamik und retardierender Stille erst möglich. Ineinander geschnittene und auf den Punkt genau übergeblendete Aufnahmen verschiedener Spieler:innen senden beispielsweise einen Dialog, der auf diese Weise unmittelbar, aufrichtig den Zuschauer:innen am heimischen PC direkt wie eine Torte ins Gesicht klatscht. Oder aber ein Monolog über toxische Männlichkeit wird flankiert von unabhängig projizierten Leinwänden, auf denen wir zuerst ionische Säulen sehen, die zerbröckeln und im Laufe des Textes den Blick auf das zerstörte Dresden nach dem Zweiten Weltkrieg durch die berühmte Fotografie Willy Roßners freigeben. Ob uns das sagt, dass toxische Männlichkeit nun von Hochkultur der griechischen Antike zum totalen Krieg und der Vernichtung von Mensch, Tier und Infrastruktur führt? Vielleicht müssen wir über die Visualisierung noch eine Nacht schlafen, können der Performance allerdings attestieren, dass es ihr innerhalb ihrer 65 Minuten Laufzeit durchweg gelingt, ihre Ästhetik, ihre Texte und ihre Dynamik im Kollektiv voranzutreiben und alle theatralen sowie visuellen Elemente wie ein Schweizer Uhrwerk ineinander greifen lässt, sodass wir Zuschauer:innen durchgehend an die Bildschirme gefesselt sind. 

Und so zeigen Trafique die Essenz des eingangs erwähnten Frisch-Zitats. Marienfeld und Gabriel ist es wichtig, dass deutlich wird, dass sie selbstverständlich auch von der Grausamkeit der Corona-Pandemie äußerst betroffen sind und die Möglichkeit, die Krise als Chance zu begreifen für sie ein hohes Privileg ist. Gleichzeitig wollen sie aber mit ihrer Arbeit Mut machen und zeigen, was alles möglich ist. Und das nicht nur auf ästhetischer, sondern auch auf logistischer Ebene: „Wir haben unter Einhaltung aller Corona-Regeln produziert, wir haben tägliche Tests gemacht, Masken getragen, überall Plexiglas-Schreiben aufgebaut und dort, wo es möglich war, Sicherheitsabstände eingehalten“, erklärt Gabriel den Probenprozess unter erhöhten Sicherheitsauflagen. So begreifen sich Trafique in ihrer Arbeit als „Schwellenpunkt, der Neues möglich macht, der mutig genug ist, Grenzen einzureißen und zu schauen, was das Theater der Zukunft bringen kann“, wie Anna Marienfeld die perfekten Schlussworte für das Interview findet. 

Wer jetzt neugierig geworden ist auf die Arbeit von Trafique, dem oder der empfehlen wir einen Einblick in die oben vorgestellte Performance TOXIC, die es heute Abend noch einmal auf Vimeo kostenlos zu sehen geben wird. Wer die Gruppe in ihrer wertvollen Arbeit unterstützen, der oder die kann dem unten stehenden QR-Code folgen und eine Spende abgeben. Weitere Infos zur Gruppe sowie neue Termine für die Performance findet ihr außerdem auf der Website der Gruppe


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