Stichwort: Sichtbarkeit

Foto: Barış Ar (v.l. n.r. Sarah Claire Wray, Rosina Kaleab, Bernice Lysania Ekoula Akouala, Fatima Remli, Julia-Huda Nahas, Emel Aydoğdu)

Text: Hanna Kuhlmann (@hannakuhlmann)

„Erst in der Retrospektive wurde mir klar, dass ich begann selbst zu schreiben, um mir den Raum für meine Geschichten und Perspektiven zu schaffen.“, so Julia-Huda Nahas, künstlerische Leitung der Stückentwicklung BITTER (SWEET) HOME. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit vier BPoC-Autorinnen im Zeitraum von April bis August 2021 realisiert. Der dazugehörige WRITER’S ROOM bietet einen geschützten Raum für die Perspektiven und künstlerischen Auseinandersetzungen der beteiligten Autorinnen. Eine Symbiose aus Gegenwartsdramatik und antirassistischer Haltung zu schaffen, ist Ziel des Teams von BITTER (SWEET) HOME. Dazu gehören die Autor:innen Bernice Lysania Ekoula Akouala, Rosina Kaleab, Fatima Remli, Sarah Claire Wray und die Dramaturgin Emel Aydoğdu.

Ein diverses Team also? Ja, aber BITTER (SWEET) HOME ist noch mehr: Im Anschluss an den öffentlichen Kick-Off-Abend gab es die Möglichkeit in einer Online-Konferenz aufkommende Fragen zum Projekt, den Beteiligten und zum künstlerischen Prozess zu stellen. Julia-Huda Nahas betont, dass der künstlerische Prozess auch im weiteren Verlauf des Projektes eine Öffnung erfahren soll. Das Publikum kann die Entwicklung des Stücks, der neuen Narrative, der Haltungen miterleben. So gibt es fortlaufend weitere Gesprächsrunden und ein begleitendes Magazin auf der Website des Projekts, in dem Platz ist, um aktuelle Diskussionen aus dem Arbeitsprozess aufzugreifen. So kann man bereits Julia-Huda Nahas erste Gedanken zum Wording nachlesen und welches Für und Wider für die Bezeichnungen Autor:innen of Color und BPoC diskutiert wurden.

Bei all diesen Möglichkeiten am Produktionsprozess zu partizipieren, kommt die Frage auf: Wie stark beeinflusst jede:r, der oder die mitdiskutiert, das künstlerische Endprodukt? Und: Wie setzt sich unsere Meinung über das Stück letztendlich zusammen? Die neuen Strukturen des Projekts fordern die Reflexion bekannter Produktionsbedingungen ein. Proaktiv tritt BITTER (SWEET) HOME mit der Öffentlichkeit in Kontakt, bietet Einblicke, Hintergrundinformationen, und bietet die Chance teilzuhaben. Diese Grundsatzentscheidung hat in Bezug auf die aktuellen Themen, wie Diversität und Rassismus eine besondere Gewichtung: Denn darin eröffnet sich das Potential Schubladen-Denken zu reduzieren, Missverständnisse abzubauen.  BITTER (SWEET) HOME ist daher sowohl ein künstlerisches, als auch ein politisches Projekt. Ob es auch ein aktivistisches Projekt ist, sein soll oder darf, blieb beim ersten Panel noch ungeklärt. Was bedeutet aktivistisch überhaupt? Die Definitionen verschwimmen angesichts der großflächigen Verlagerung vom Aktivismus ins Internet. BITTER (SWEET) HOME bezieht Stellung, aber auch andere Haltungen mit ein: Das aktive Aufeinanderzugehen steht hier ebenso im Fokus, wie die Sichtweisen der BPoC-Autorinnen.

Von der Haltung zum Narrativ

Als wir den Untertitel des Auftaktpanels lasen, war die Erwartungshaltung zur Veranstaltung in eine vage Ahnung getaucht: Von der Haltung zum Narrativ? Vielleicht geht es um die Entwicklung vom Ich zur gesellschaftlichen Erzählung?

Das Kollektiv diskutiert offen erste Ideen und bringt bereits einige Ziele auf den Punkt: Je mehr Perspektiven von PoC vertreten sind, desto geringer fällt die Reproduktion von rassistischen Stereotypisierungen aus. Die kollektive Stückentwicklung wird von den unterschiedlichen Perspektiven der BPoC-Autorinnen leben, die letztendlich neue Narrative prägen können. Es geht um eine Weiterbewegung, deren Ausgangspunkt die Autorinnen sind: Sie erklären sich bereit ihre Haltungen, und nur ihre, zum und als Teil des strukturellen Rassismus zu teilen. „Durch Kunst Haltung zeigen“, wünscht sich Julia-Huda Nahas im Gespräch mit ihren neuen Kolleginnen. Nach dem kollektiven Sammeln individueller Haltungen am Kick Off-Tag starten die Autorinnen gemeinsam mit Emel Aydoğdu und Julia-Huda Nahas in drei intensive Arbeitswochenenden im April und Mai, um ab Juni mit dem Erstellen der Stückfassung und ab Juli mit den Proben zu beginnen.

Mit Blick auf die erste Q&A-Runde von BITTER (SWEET) HOME wurde eine Frage mit Nachdruck thematisiert: Wie können antirassistische Haltungen übergehen? In Kunst und Kultur, in den Theaterbetrieb, in die Gesellschaft und letztendlich: in die Menschen. Im Gespräch mit Julia-Huda Nahas und den beteiligten Künstlerinnen wird schnell deutlich: Diese Frage ist an die falschen Adressatinnen gerichtet. Diskriminierte Minderheiten wie (BI)PoC, sind nicht in der Pflicht als Botschafter des Antirassismus zu fungieren. Nein, ausgehend vom Antirassismus erzählen sie neu, teilen ihre Emotionen, bilden ein Gesamtbild an Lebensrealität(en) ab. Sie sind Künstler:innen, nicht Anti-Rassismus-Trainer:innen. Autor:innen, nicht Missionar:innen. Hinschauen, zuhören, Raum geben. „Aus meiner Perspektive zu erzählen, war einfach notwendig.“, äußert Rosina Kaleab, Schauspielerin und Autorin und führt weiter aus: „Es ist mir wichtig, gesehen zu werden, da zu sein, erzählen zu dürfen.“ Auch Autorin Bernice Lysania Ekoula Akouala berichtet von fehlender Sichtbarkeit und erzählt: „Ich kann als Schwarze Frau in einer weißen Mehrheitsgesellschaft gar nicht, nicht sichtbar sein. Ich werde in meiner Sichtbarkeit unsichtbar gemacht. Nicht sichtbar sein und unsichtbar gemacht werden ist für mich ein Unterschied. Wenn ich schreibe, möchte ich etwas, dass ich spüre, spürbar machen. Was ich empfunden habe, war bisher im medialen Raum nicht auffindbar. Mit Sprache hingegen konnte ich mich selbst spüren und Resonanz erfahren.“

Ihr möchtet den DISKURS verfolgen? Alle vergangenen Streams der Veranstaltungsreihe DISKURS sind auf der Website von BITTER (SWEET) HOME (unter: https://bittersweethome.de/diskurs) zu finden, sowie das begleitende Magazin. Zudem erfahrt ihr alles Aktuelle auch auf der Instagramseite von BITTER (SWEET) HOME (https://www.instagram.com/bitter.sweet.home).

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