Mutmacher mit Musik – Rosi in der Geisterbahn

Titelfoto: Marco Piecuch (zu sehen sind: Nelly Politt und Johannes Mittl)
Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)

Wir haben es getan! Wir waren wieder im Theater, live, vor Ort, in Neuss. Das war schön. Nun rezensieren wir wieder. Ob wir es noch können, diese Live-Erlebnisse schriftlich verarbeiten? Wir geben unser Bestes, also ein kurzes Fingerstretching und schon geht’s los.

Ein Kindertheaterstück war unsere erste Live-Erfahrung seit Monaten. Rosi in der Geisterbahn als Theaterstück inszeniert unter der Regie von Grit Lukas am Rheinischen Landestheater Neuss, nach dem gleichnamigen Bilderbuch von Philip Waechter. Eine sehr schöne Geschichte vom Hasen Rosi, die zeigt, dass es normal ist, Angst zu haben, aber dass man diese Ängste auch besiegen kann. Rosi wird nämlich seit Längerem nachts von unheimlichen Monstern in ihren Träumen verfolgt, irgendwann reicht es ihr: Sie besorgt sich ein Buch, liest sich alles über jede Form von Monstern an und wie man diese besiegt und besucht schlussendlich eine Geisterbahn, um sich endgültig ihren Ängsten zu stellen. Rosi meistert dies mit Bravour und so ist das  2008 erschiene Bilderbuch von Philip Waechter eine Mutmachgeschichte für die Allerkleinsten von uns.

Stefan Schleue (Bild: Marco Piecuch)

Dass es auch eine Sehnsucht nach Theater gab, sieht man an der gut gefüllten Studio-Bühne im Rheinischen Landestheater. Viele Familien mit ihren Kindern sind gekommen, um die rund 40-minütige Inszenierung zu sehen. Kurz vor Beginn wird bereits angekündigt, dass es anschließend auch noch ein Nachgespräch mit den Schauspieler:innen gibt, bei welchem man Fragen stellen kann oder aber einfach sagen kann, was einem gefallen, bzw. nicht gefallen hat. Für Familien gab es vorher sogar noch einen kleinen Workshop zum Stück, so konnte man sich gemeinsam mit Theaterpädagogen Felix Herfs vorab spielerisch der Inszenierung annähern. Ein schönes Programm, das auch wir nur empfehlen können, egal an welchem Theater, denn egal ob Groß oder Klein: Selbst einmal Theaterübungen zu machen und sich nicht nur durch bloßes Zusehen mit dem Stück auseinanderzusetzen, verschafft oftmals neue Blickwinkel, die den Theaterbesuch noch einmal in einem neuen Licht dastehen lassen.

Nelly Politt und Johannes Mittl (Bild: Marco Piecuch)

Zurück zum Theaterstück und Rosi, gespielt von Nelly Politt, die auf ganzer Linie als die kleine Angsthäsin überzeugt, die im Laufe des Stückes immer mutiger wird. Besonders schön ist der Durchbruch der vierten Wand, wodurch sich Rosi, aber auch der spätere Besitzer der Geisterbahn, nur eine von vielen Rollen, gespielt von Stefan Schleue, immer wieder an das Publikum wenden. Die Kinder sind dabei, rufen etwas herein oder melden sich, als der fiese Geisterbahnbesitzer fragt ob jemand so mutig sei seine Geisterbahn zu besuchen. Zwar werden die Kinder nicht aktiv in das Theaterstück eingebunden, doch allein ihre Reaktionen zeigen, dass sie die Inszenierung aufmerksam verfolgen und das Ensemble sie über die gesamte Distanz nie verloren hat. Außerdem werden die Kinder so herausgefordert, sich ihren eigenen Ängsten zu stellen, sei es nur jene, sich in dieser Situation zu melden oder aber sich den Monstern des Stückes stellen zu wollen, was aus pädagogischer Sicht sehr wertvoll ist. Abgerundet wird das Schauspiel von Musiker Johannes Mittl, der während der gesamten Aufführung Live-Musik spielt. Dabei sitzt er auf einem kleinen, runden Podest, das von diversen Instrumenten umringt ist, aber später auch als Taxi zur Geisterbahn verwendet wird. Mittl und die beiden Schauspieler:innen sind dabei so gut aufeinander abgestimmt, dass jeder Ton zu jedem Schritt auf der Bühne passt, den die beiden machen. Außerdem wird nur wenig auf der Bühne direkt dargestellt, weder das Taxi, noch die Geisterbahn, noch die Monster sind physisch auf der Bühne zu sehen, doch das Spiel von Politt und Schleue, der Einsatz von Requisiten und die stimmungsvollen Geräusche von Mittl laden Groß und Klein dazu ein, sich ihre ganz eigenen Bilder mit Hilfe ihrer Fantasie zu malen. Besonders für die kleinen Zuschauer:innen ist dies ein Genuss, haben sie meist eine deutlich ausgeprägtere Fantasie als ihre Eltern oder die anderen Erwachsenen im Saal, was man daran erkennt, dass die Kinder lachen, wenn einige Sitzquader zu Monstern aufgestellt werden, Rosi diese aber umwirft oder die Kinder schreien, wenn Stefan Schleue mit großen Bewegungen und aufgerissenen Augen, untermalt von rotem Licht als fieses Monster unter Rosis Bett hervorklettert. Schleue zeigt dabei während der gesamten Inszenierung, wie wandelbar er ist, zieht dabei immer wieder Sympathien, aber auch Antipathien der Kinder (und sicher auch der Erwachsenen) auf sich. Und auch Johannes Mittl zeigt die ganze Zeit Präsenz, ist in das Spiel eingebunden, unterstützt aber vor allem durch seine Musik, die mal ganze Lieder umfasst (für die Liedtexte verantwortlich zeichnen sich Wanja Olten und Thomas Wolff), mal nur einzelne Geräusche sind, die zum Teil so einfach generiert werden. Durch den Einsatz von beispielsweise Kazoos können auch die Schauspieler:innen Teil der Geräusch- und Musikkulisse werden. Einfach zu handhabende Instrumente, die auch für Pädagog:innen eine Anregung sein könnten, diese in ihren Kita-Gruppen oder Grundschulklassen auszuprobieren.

Nelly Politt, Johannes Mittl und Stefan Schleue (Bild: Marco Piecuch)

Von den Kostümen und Bühnenbild ist die Inszenierung ebenfalls sehr abstrakt gehalten. Bis auf das eben erwähnte Podest für den Musiker Johannes Mittl ist zusätzlich nur Rosis großes Holzbett zu sehen. Das Bett ist allerdings variabel bespielbar. Es lässt sich darunter herkriechen, die Sitzquader können herausgenommen und im Bühnenbild verbaut werden und das Bett lässt sich ebenfalls drehen, sodass ein Fenster mit bunten Lichtern zum Vorschein kommt, das den Eingang der Geisterbahn simuliert. Mit schnellen Handgriffen lassen sich so neue Settings herstellen. Auch die Kostüme sind eher einfach, als Grundkostüm bunte Ganzkörperanzüge und zur Komplettierung für Rosi ein paar Hasenohren und für Stefan Schleue als Buchhändler ein riesiges Buch oder als Dr. Mau ein Arztkittel. Auch hier bleibt der Rest Fantasie, wodurch sich das Konzept von Bühne und Kostüm von Lena Hiebel ganz wunderbar in Grit Lukas‘ Inszenierung einbettet.

Zum Schluss gibt es einen langen Applaus, zurecht wie wir finden. Die Inszenierung hat mit 40 Minuten genau die richtige Länge, da das Stück bereits für Kinder ab vier Jahren empfohlen wird. Selbst wir haben uns öfters dabei ertappt, wie wir uns haben in Rosis Welt entführen lassen, entsprechend kann man sich auch als Erwachsener die Inszenierung sehr gut ansehen. Rosi in der Geisterbahn wird noch einige Male am Rheinischen Landestheater, aber auch auswärts, gespielt. Wer Interesse hat, sollte die Website des Rheinischen Landestheaters besuchen. Wir können einen Besuch nur empfehlen und wer eigene Kinder, Nichten, Neffen, Cousinen und Cousins oder Patenkinder hat, sollte sich nicht scheuen, diese mitzunehmen, denn wir finden, mit Theater kann man nicht früh genug in Kontakt kommen, gerade in der jetzigen Zeit, die wir zumeist zu Hause, oftmals sogar vor Bildschirmen, verbracht haben.


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