Zwischen Performance und Selbsterfahrung – mit „Südwärts“ durch die Antarktis

Titelfoto: Bozica Babić (zu sehen: Saskia Rudat)

Text: Hanna Kuhlmann (@hannakuhlmann; hanna.kuhlmann@theaterwg.de)

Mit dem kleinen Tourbus, – vornean Ihre sympathische Reisebegleitung -, starten Sie südwärts!
Zu Beginn der immersiven Performance “Südwärts“ von Marlin de Haan & Team aus dem Aktionsbüro für Publikumsmagneten klmmr in Koproduktion mit dem FFT Düsseldorf wissen die Zuschauer*innen noch nicht genau, was sie auf ihrer Reise erwartet. Was anfangs wie eine kuschelige Kaffeefahrt anmutet, wirft die Zuschauer*innen, – angekommen am Düsseldorfer Hafen -, in hohem Bogen aus dem Bus in eine neblige Schneelandschaft. De Haans performative Installation ist ein absolutes Must-Have für Escape Room Fans. Die Ausstellungshalle Werft 77 verwandelt sich in „Südwärts“ in eine bedrohliche Antarktisszenerie: Ein verlassenes Boot, senfgelbe Öllampen, alles bedeckt von dichtem Nebel. Man gewinnt den Eindruck, dass der Boden zu knirschen beginnt, wie echter Schnee – die Illusion ist perfekt. Doch worum geht es hier?

Begeisternde Detailverliebtheit

Die Zuschauer*innen lauschen der Geschichte der gescheiterten Endurance-Expedition Ernest Shackletons: „Wir gehen durch das Eis und das Eis geht durch uns.“ (Stimme: Hanna Werth). Die endlosen Stunden im Eis, gefrorene Gliedmaßen, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung über das gesunkene Schiff „Endurance“ – und doch hat Shackleton sein Team schlussendlich wieder zurück nach Hause bringen können. „Der Körperkontakt löste die gefrorenen Stellen. Man konnte sie wieder auseinanderklappen, wie Klappmesser.“ Das Publikum erfährt hier nicht bloß den Ablauf der Ereignisse: Es ist ein Live-Erfahrungsbericht, wie ein Tagebucheintrag, die Wörter stocken, wechseln von Englisch zu Deutsch. Ausgestattet mit wetterfester Expeditionskleidung (Kostüm: Julia Rautenhaus) besteht das Publikum nicht mehr aus Zuschauer*innen, sondern aus Expeditionsteilnehmer*innen. Der Akt des Ankleidens wird hier ganz im Sinne der immersiven Erfahrung zelebriert: Mehrere Schichten von Wollpullovern bis zu wilden Mützenvarianten stehen den mutigen Expeditionsteilnehmer*innen zur Verfügung. Sie legen die Kleidung an und sind Teil des Teams. Durch diesen Prozess wird Spannung erzeugt, die Crew heiß gemacht: Wozu wird diese Ausrüstung benötigt? Müssen wir ein Rätsel lösen? Die Detailverliebtheit, – man bedenke, es gibt einen eingetüteten Zwieback für jede*n Mitstreiter*in, – treibt die Erwartungshaltung in die Höhe. Spätestens als eine der Reisebegleiter*innen sagt: „Bleibt aber wirklich zusammen, ihr fünf!“, macht sich Aufregung breit.

Wie die Pinguine

Weiteres tragendes Element dieser Inszenierung ist der Pinguin, das Expeditions-Maskottchen: Performerin Saskia Rudat begleitet die Teilnehmer*innen, versteckt in schwarz-weißem Plüsch, vor und nach der Expedition. Unbeholfen watschelt der Pinguin durch die Galerie Töchter & Söhne, in denen die Teams vorbereitet werden und begrüßt wortlos die Teilnehmer*innen. Die charakteristischen Bewegungen der geselligen Tiere findet sich letztendlich auch in der Performance der Teilnehmer*innen wieder, wenn sie versuchen, sich in ihren individuellen Zwiebellooks durch die Antarktis fortzubewegen. Unbemerkt wird hier das Publikum selbst Teil des beeindruckend-echten Szenenbilds (Christian Theiß), welches durch die atmosphärischen Elektrosounds (Isabella Forster) in Bewegung bleibt. Die Grenzen zwischen Performance und Selbsterfahrung verschwimmen: Manche Teilnehmer*innen liegen auf dem Boden, andere kauern sich zusammen, weitere erkunden das Boot. Langsam wird einem bewusst, dass hier zwar keine interaktive Aufgabenbearbeitung gefordert ist, aber das eigene Team nicht zu verlieren, bei 2 Meter-Sichtweite schon Herausforderung genug ist. Wäre diese Szenerie Realität gewesen, so hätten wir vermutlich schon eine Person an Nebel und Frost verloren. Doch glücklicherweise finden alle Teams schließlich wieder in die Zivilisation und werden mit einem knisternden Feuer und warmen Tee vor der Kulisse vorbeifahrender Güterschiffe von ihren Reisebegleiter*innen empfangen.

De Haan arbeitet auch bei „Südwärts“ wieder im und mit dem Stadtraum: Die Inszenierung reicht vom städtischen Ausgangspunkt, dem neuen Zuhause des FFT Düsseldorf am Hauptbahnhof KAP1, bis hin zur Kunst Halle e.V. am Düsseldorfer Hafen im Stadtteil Düsseldorf-Holthausen. Dort streiten sich Bewohner*innen, wie Wirtschaft derzeit um die Gelände, erfahren wir vom Pinguin. Ursprünglich sollte dort einer der größten logistischen Knotenpunkte und Umschlagplätze entstehen. Allein für die Entdeckung des Hafens, – für uns als Nicht-Düsseldorfer*innen -, hat sich diese Reise durch den urbanen Raum bereits gelohnt. Und auch die sinnlichen Eindrücke werden in „Südwärts“ auf ganzer Linie bedient, doch bleibt eine Frage offen: Warum brauchen wir 2021 eine Performance über eine Antarktisexpedition? Vielleicht steckt die Antwort ja im Abschlussmonolog des Pinguins, der an dieser Stelle erstmalig den Maskottchenkopf ablegt und darauf hinweist: „Die Expedition damals ist gescheitert, aber erreicht wurde Zusammenhalt.“ Und diesen können wir auf unserer aktuellen Reise ins Ungewisse ebenso gut gebrauchen.

Ihr habt spontan Lust auf eine Sonntagsexpedition? Es gibt noch Tickets für heute, wahlweise um 18 oder um 19 Uhr unter: https://www.fft-duesseldorf.de/spielplan/suedwaerts

Mehr über klmmr, das Aktionsbüro für Publikumsmagneten: https://klmmr.org/2021

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