„Was könnte alles in diesem artifiziellen Raum passieren?“

Text: Hanna Kuhlmann (@hannakuhlmann; hanna.kuhlmann@theaterwg.de)

Alexander Schweiß ist Regisseur und Komponist. Seine Arbeiten sind interdisziplinär, humorvoll, überraschend. Mit spielerischer Neugier und Erlebnisoffenheit geht er an seine Arbeiten auf der Suche nach neuen Konzepten. Er selbst bezeichnet sich gerne als Theatermacher mit dem Schwerpunkt auf Musik – da das Theater „eine der wenigen Kunstformen ist, in der alle anderen Kunstformen auch ihren Platz finden“. Seine Mutter ist Hauswirtschaftsleitung, sein Vater Maschinenbaumechanikermeister. Musicals haben bei ihm als Kind die ungezügelte Begeisterung für das Bühnengeschehen und die Musik losgetreten, seit Oktober studiert er im Master das Fach Komposition an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Wir haben mit ihm über sein Selbstverständnis als Theatermacher und die Chancen interdisziplinärer Kunst gesprochen.

Alex, du hast zuvor Musik- und Theaterwissenschaften in Mainz studiert, wurdest bei Jugend komponiert ausgezeichnet und hast nun einen Studienplatz für Komposition erhalten. Wie kamst du zur Musik?

Ich hatte nie die „klassische“ musikalische Ausbildung. Als Kind wollte ich immer auf den Sankt-Martins-Umzügen neben den Bauchtrommlern herlaufen, weil ich die tiefen und lauten Töne so großartig fand. Meine Eltern meinten, dass ich schon ganz früh die Gute-Nacht-Lieder auf unserem Mini-Xylophon nachgespielt habe, und meldeten mich daraufhin zur musikalischen Früherziehung an. Das hieß Musik-Karussell oder so ähnlich, glaube ich. Abgesehen davon war ich tatsächlich nie der Typ, der im Kindesalter mit klassischem Einzelunterricht am Instrument begonnen und das weiterhin durchgezogen hat. Ich konnte früh in einem Posaunenchor kostenlosen Trompetenunterricht bekommen. Diese Choräle und Kirchenmusik waren allerdings nicht so mein Fall (lacht). Das habe ich dann nach ein paar Jahren abgebrochen. Das Klavier und im Zuge dessen das Komponieren haben mich dann später doch mehr gefesselt.

und welcher Weg führte dich letztendlich ans Theater?

In meiner frühen Jugend hat mich das Theater und vor allem deren Jugendtheatergruppen total gecatched. Mit der freien Theatergruppe NEON! habe ich dann während des Bachelorstudiums in Mainz erstmals eigene Inszenierungen realisiert, auf die dann die verschiedensten interdisziplinären Projekte in der freien Szene und auf Festivals folgten. Dazu nahm ich in dieser Zeit einige Gastassistenzen am Nationaltheater Mannheim, am Staatstheater Mainz und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg an und habe so die Theatermaschinerie kennen, lieben und hassen gelernt.

Deine Arbeiten sind interdisziplinär angelegt. Für dich selbst benutzt du gerne die Bezeichnung Theatermacher. Wie stehst du insgesamt zur Kategorisierung künstlerischer Disziplinen? Brauchen wir das zukünftig noch, zu wissen, was Musik, Schauspiel oder Performance definiert?

Grundsätzlich finde ich das immer hilfreich. Ich meine, wir brauchen ja so eine Strukturierung oder Kategorisierung, um etwas besser erfassen zu können. Das heißt aber nicht, dass jede Disziplin als „eingekapselt“ nur für sich zu denken ist. Was ich faszinierend finde, ist, dass unterschiedliche Disziplinen unterschiedliche Erwartungshaltungen evozieren: Bei einem Konzert bin ich quasi konditioniert darauf, auf das Akustische zu achten. Was da vorne visuell passiert, kann interessant sein, – ein Orchester hat ja auch eine Wirkung, – aber das liegt nicht im Fokus. Bei der Oper oder dem Schauspiel sind diese Aspekte wieder anders verteilt. Und ich finde es spannend damit zu spielen: Diese Erwartungshaltungen auch mal zu durchbrechen. Aber die Bezeichnung ‚Theatermacher‘ für das Arbeiten zwischen den Disziplinen habe ich mir von einem meiner Mentoren Jan Dvořák abgeschaut: „Ist das denn normal, dass ein Dramaturg auch komponiert?“, wollte ich damals, frisch aus der Schule, wissen. Er lachte und meinte, dass er das oft gefragt werde und eben aus diesem Grund den Begriff des Theatermachers bevorzugt. Das fand ich eine gute Idee. Denn das Theater ist für mich eine der wenigen, wenn nicht sogar die einzige Kunstform, geworden, in der alle anderen Disziplinen ihren Platz finden können.

Der Ansatz ist spielerisch. Ich frage mich: Was würde ich selbst denn gerne mal erleben?

Alexander Schweiß

Wenn du in deiner Arbeit Komposition und Regie verbindest, was zeichnet deine Arbeitsweise und Projekte dabei besonders aus?

Das ist natürlich schwierig so direkt zu beantworten. Insbesondere, weil es natürlich immer auch Einflüsse durch andere Produktionen und Künstler*innen gibt. Da wäre es, glaube ich, ziemlich anmaßend zu behaupten, dass man immer originell wäre. Wenn ich so über meine Produktionsweise nachdenke, sehe ich die Partitur in Analogie zum Regiebuch als einen genaueren Ablaufplan von Ereignis Y auf der Zeitachse X. Natürlich mit allen möglichen Freiheiten, die die Partituren des 20. Jahrhunderts errungen haben. Aus der Komponisten-Perspektive finde ich es zum anderen sehr spannend nicht nur tönendes Material, sondern außermusikalische Medien kompositorisch zu ordnen. Ein Aspekt, den ich besonders reizvoll an der künstlerischen Arbeite finde, ist, dass man die Möglichkeit hat eine ungewohnte Situation für die Teilnehmenden zu schaffen, die für sie sonst in dieser Form nie möglich gewesen wäre. In meiner letzten Klanginstallation „Deutsche Meister“ (Kunsthalle Mannheim) zur Ausstellung von Anselm Kiefer war zum Beispiel in allen Ausstellungsräumen das Licht ausgeschaltet. Gruppen von jeweils zehn Personen haben dann, ausgestattet mit Taschenlampen und Lautsprecherboxen auf dem Rücken, die Werke von Anselm Kiefer auf eine ganz andere Art erkunden können. Sie waren dabei auch bestimmender Teil der musikalischen Komposition, die sie gleichzeitig durch den Raum beziehungsweise den Abend geführt hat. Ich arbeite oft und gerne ausgehend von einer solchen ungewöhnlichen Situation. Der Ansatz ist spielerisch. Ich frage mich: Was würde ich selbst denn gerne mal erleben? Erst anschließend stellen sich dann die Fragen: Was bedeutet das für den Klang, den Raum, die Rezeption? Und was für die Gruppendynamik? Was könnte noch alles in diesem artifiziellen Raum, in dieser künstlichen Situation passieren? Welche Einschränkungen zieht das nach sich? Je mehr ich mich mit diesen Fragen auseinandersetze, umso deutlicher tritt dann der Gehalt des Projekts hervor. Wenn sich ein konkretes Thema aus so einer veränderten Situation herauskristallisiert, ist das für mich ein ganz besonderer Moment. Wie eine Gleichung, die plötzlich aufgeht.

Welches Projekt steht als Nächstes für dich an?

Zuerst wird im Februar und April ein kleines Lied von mir aufgeführt: „:OBSERVATION: der offene Mund“. Darin werden die Zuschauer*innen, ausgestattet mit Operngläsern, einer Sängerin während des ganzen Liedes in den offenen Mund starren. Ein paar Aussagen von dem Theaterwissenschaftler Lorenz Aggermann zum offenen Mund werden rezitiert und das German-Marlene, ein Text-to-Speech-Modul, kommt wieder zum Einsatz. Da freue ich mich drauf, das wird seltsam!

Ansonsten entstehen im nächsten halben Jahr noch Kompositionen für das KNM Berlin, für die Elbphilharmonie und ein paar kleinere szenische und filmische Projekte. Mein persönliches  Highlight wird aber die Uraufführung meines Musiknarrativs „BUNKER // 34“, welches nun doch – nach einigen Hürden und Umkonzipierungen – im Juni beim Mannheimer Sommer, dem internationalen Festival für Musik und Theater des Nationaltheaters, realisiert wird. Es ist wieder eine installative Arbeit, in der ich mich mit den Utopie- und, man möchte bzw. muss fast sagen, Wahnvorstellungen der italienischen und russischen Futuristen auseinandersetze.

Ihr möchtet Alexander kontaktieren?

Alexander.schweiss@aol.com

Instagram: alexander.swss

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