Common Places Festival – Partizipation als Recht zur Mitsprache oder doch ein Hindernis für Arbeitsprozesse?

Titelfoto/ Design: Larissa Mantel
Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)

Was ist Partizipation? Teilhabe, das Einbeziehen von Menschen in einen Prozess, etwas gemeinsam schaffen. Muss Partizipation immer das Aufbrechen von bestehenden Strukturen sein oder können Hierarchien auch in partizipativen Ansätzen bestehen bleiben? Und überhaupt: Ist es noch Partizipation, wenn ich Kunst und Kultur erst vermitteln muss oder ist das das Todesurteil für alle Kunst- und Kulturschaffenden, weil man sie nicht mehr versteht? Diese Beispiele sind nur ein Bruchteil der Fragen, die man sich vom 10. bis 12. März beim Common Places Festival gestellt hat.

Common Place bedeutet frei übersetzt so viel wie ein Ort, an dem man zusammenkommt und zusammen agieren kann. Das war in den drei Tagen des Festivals, das vom Staatstheater Karlsruhe organisiert wurde, auch gewünscht, dass man gemeinsame Erlebnisse hat, miteinander spricht und auch gemeinsam kreativ wird. In verschiedenen Diskursen, Workshops und Performances konnte man einen Eindruck davon bekommen was Partizipation sein soll, was sie bewirkt und ob sie immer gewollt und sinnvoll ist. Corona bedingt fand das Festival online statt, wodurch man überall am Festival teilnehmen konnte. Unsere beiden Autor:innen Hanna Kuhlmann und Werner Alderath waren dabei und schildern in diesem und einem weiteren Text ihre Eindrücke.

In insgesamt acht Workshops konnte man mitsprechen, mitarbeiten, mitdiskutieren, getreu dem Motto: Alles kann, nichts muss. Dazu gab es diverse Diskurse, in denen Expert:innen aus verschiedenen Bereichen diskutiert haben und etwas zu sehen gab es natürlich auch bei den zahlreichen Beiträgen von verschiedenen Gruppen. Dabei konnte man sich zum Teil Performances live ansehen, bzw. sie wurden live gestreamt, andererseits gab es auch Beiträge, die dauerhaft abrufbar waren. Jede:r konnte individuell entscheiden wie viel er oder sie vom Festival mitnehmen möchte, wie aktiv man sein möchte oder ob man sich ggf. auch abseits des Programms ein wenig Zeit nimmt, um sich die verfügbaren Beiträge anzusehen. In einem dauerhaft geöffneten Raum, der wie eine Art Foyer fungierte – Let’s Hang hieß es hier – ging um einen zwanglosen Raum, der zum Austausch einladen sollte. Zusätzlich gab es ein Aerobic-Programm mit dem diesjährigen Teilnehmer des Dschungelcamps Manuel Flickinger, sowie noch einmal eine separate Veranstaltung zum Netzwerken.

Das Team hinter dem Common Places Festival (Bild: Common Places)

Einer der ersten Veranstaltungen war der Workshop TheatrX: Ein Spiel um die Theaterzukunft, der von Luca Rudolf, Fabian Chyle-Silvestri und Sean Keller umgesetzt wurde. Anlässlich des 75-jährigen Jubiläums des Theater der jungen Welt (TdjW) in Leipzig im vergangenen Jahr entstand das Projekt Das Stadt-Theater-Zukunft-Experiment. Bis heute sind aus diesem Experiment zehn Sets entstanden, die dazu einladen verschiedene Aktionen durchzuführen, aber auch über das Theater als Institution nachzudenken und zu sprechen. Einen Teil eines solchen Sets konnten die Teilnehmer:innen am eigenen Leib im Rahmen des Workshops erfahren. Dort hieß es beispielsweise, dass alle im Freeze bleiben, wenn einer trinkt oder dass man sich in Zeitlupe von der Kamera wegbewegen solle. Ein Mix aus Theaterübungen, die einen aktivieren sollen, dann aber zum eigentlichen Thema hinführen, denn in vier Minuten und einer Art Eigenmeditation sollte man auf dem heimischen Boden liegend darüber nachdenken, was das Theater zu einem Safe Space, also einem Ort, an dem man sich sicher fühlt und der für alle zugänglich und frei von Diskriminierung ist, machen könnte. Anschließend wurde angeregt in Break-Out-Räumen diskutiert, was das Theater heute bietet oder eben auch nicht, wie beispielsweise die Oper Hannover, die extra Wachleute engagiert hat, um die Obdachlosen fern zu halten, die regelmäßig das Publikum anbetteln. Da kommt die Frage auf: Wen schließt so eine Aktion aus? Schnell zeigt sich der Rattenschwanz, der an dieser Frage und an diesem Beispiel deutlich wird. Am Ende des Workshops bleibt Zeit für einen Austausch, schnell kommt die Frage auf, wie diese Sets umgesetzt werden sollen. Die Macher:innen geben zu, dass es schwierig ist alle Leute aus einem Theater unter einen Hut zu bekommen. Doch darum gehe es auch gar nicht wie Luca Rudolf erklärt, man wolle die Theater dazu bewegen sich aktiv Gedanken zu machen was Partizipation bringen kann, denn so sehr es der Wunschgedanke ist, leider ist die Theaterszene in vielen Bereichen immer noch vom Hierarchiedenken durchzogen. TheatrX möchte mit ihren Sets einen Beitrag dazu leisten diese Denkweise zu durchbrechen. Wer Interesse hat, kann sich auf der Website des TdjW zu den Sets informieren und diese auch kostenlos anfordern.

Doch ist Partizipation immer gut? Der Diskurs Jetzt auch hier Kunst – Gespräch über Ästhetiken der Partizipation stellt sich unter anderem diese Frage. Diskutiert unter der Moderation von Lena Mallmann vom Staatstheater Karlsruhe haben: Max Glauner (Autor und Dozent), Leonie Voegelin (Medien- und Gamedesignerin u.a. für Theater), Tobias Rausch (Regisseur und Dramaturg, Leiter der Bürger:Bühne am Staatsschauspiel Dresden) und Beata Anna Schmutz (Regisseurin, Leiterin Stadtensemble Mannheim). Nachdem man sich anfänglich der Frage „Was ist Kunst?“ gestellt hat, die bereits viel Raum für Diskussionen bietet, denn wie Max Glauner anmerkt gehöre das Theater bis heute nicht der Kunst, sondern der Kultur an, bewegt man sich schnell in Richtung der eigentlichen Debatte, nämlich wie Kunst, bzw. Kultur und Partizipation zusammenfinden. Tobias Rausch hat für sich in den letzten Jahren einen neuen Weg gefunden, denn es gehe nicht darum Hierarchiespiele zu spielen, er sagt sich seit einigen Jahren in der Zusammenarbeit mit Häusern und Ensembles immer wieder: „Du bist hier der/ die Künstler:in und wir entwickeln das Projekt gemeinsam und begeben uns gemeinsam in den Prozess.“ Dabei wird von Max Glauner schnell hinterfragt, ob das Teilen von Arbeit – und entsprechend auch Verantwortung – nicht auch das Abgeben von Verantwortung sei, denn heute übernehme niemand mehr Verantwortung, immerhin sei es auch eine Art Kooperation, wenn sich ein:e Intendant:in oder ein:e Regisseur:in die Freiheit herausnimmt zu sagen, er oder sie habe die Leitung, also trage er oder sie auch die Verantwortung. Im Laufe des Diskurses wird gar die Rolle des Künstlers und der Künstlerin hinterfragt, wer dürfe sich so nennen und sei dies nicht sogar ein Abgrenzungsmechanismus, der einem oder einer Privilegien zuteilwerden lässt. Worin sich alle Beteiligten einig sind, ist die Aussage von Beata Anna Schmutz, dass man sich heutzutage als Künstler:in nicht verstelle müsse, man dürfe man selbst sein. Rausch unterstreicht dies, indem er betont man dürfe sich nicht in eine Rolle stecken lassen, von der man glaubt oder hofft, dass sie der Theaterleitung, dem Ensemble oder dem Publikum gefallen könne. Leonie Voegelin sieht das Thema Partizipation vielmehr aus der Publikumssicht. Sie selbst setzt sogenannte Theater-Games um, Inszenierungen mit Profis, in denen das Publikum Teil der Inszenierung wird: „Die Anmeldung zu unseren Performances ist gleichzeitig die Einverständniserklärung, dass man selbst Teil der Handlung wird. […] Es geht darum gemeinsam zu verhandeln, was nun passieren soll.“ Voegelin ist es wichtig bei aller Partizipation an den Häusern das Publikum nicht aus dem Blick zu verlieren. Als Glauner einwirft, dass es heutzutage die Presse und ein Heer von Theaterpädagog:innen braucht, die das Theater und die Kunst vermitteln und das Theater dem Publikum erklären und es ihm anpreisen, entgegnet ihm Tobias Rausch entschlossen: „Ich glaube nicht, dass das Erklären von Theater die primäre Aufgabe der Theaterpädagogik ist.“ Glauner hingegen findet: „Dann ist das Theater tot. Ohne Konfrontation geht es nicht, meine Erfahrung ist, dass es die Konfrontation braucht, damit es zu einer Reibung und zu einer Diskussion kommt.“ Ein Aspekt, der ein weiteres Diskussionsforum benötigen würde. Abgerundet wird der knapp einstündige Diskurs mit der Frage ob das (Theater)Erlebnis damit ende, dass der Vorhang fällt oder man den Theatersaal verlasse. Eine Frage, zu der eine Studie gemacht werden solle, wie Tobias Rausch findet. Auch als Macher:in sollte man sich die Zeit nehmen die aktuellen Projekte zu reflektieren: „Wir dürfen uns nicht direkt in das nächste Projekt schmeißen und beim vorherigen Projekt sagen ‚Ich bin weg, schaut wie ihr klarkommt.‘“ Am Ende konnte man sich als Zuhörer:in seine eigene Meinung bilden, Partizipation ist wichtig, keine Frage, doch der Einwand von Max Glauner, dass dies auch zum Abgeben von Verantwortung führe, können wir auch nachvollziehen, am Ende muss jeder für sich den besten Weg finden, dieser liegt wahrscheinlich, wie so oft, irgendwo in der Mitte zwischen vielen Extremen.

Szenenbild aus „Verschwört euch“, einer Solo-Performance mit Judith Florence Ehrhardt (Bild: Kira Hofmann)

Partizipation bedeutet jedoch nicht nur das gemeinsame Erarbeiten eines Produktes, sondern auch, dass jede:r mitmachen kann. Ein Beispiel dafür war die Performance Shifting Faces der Misiconi Dance Company aus Amsterdam, die mit Hilfe von Masken die Körper in den Vordergrund rückt. Jede:r sollte sich so bewegen und tanzen wie er oder ihr es möglich war. Dabei stand die Frage im Vordergrund wie makellos der Mensch sein kann und was die Norm sei. Die Gruppe feiert, wie schon in vielen anderen Inszenierungen, die Unterschiedlichkeit ihrer Tänzer:innen. Während der Inszenierung gab es immer wieder gemeinsame choreographische Elemente, die auch aufgebrochen wurden, durch zum Teil sehr individuelle Tanz- und Bewegungseinlagen, wodurch das Individuum hervorgehoben wurde. Vereinzelt konnte man als Zuschauer:in kleine Geschichten entdecken, die erzählt wurden, allerdings gingen diese immer wieder etwas unter durch die schnellen Perspektivwechsel und auch wieder einsetzende Gruppenelemente. Die Energie der Tänzer:innen war auch durch die Bildschirme zu spüren, man wirkte gemeinsam an etwas mit, doch die immer wieder individuellen Elemente brachten auch viel Unruhe in die Inszenierung. Das machte es schwierig am heimischen Bildschirm folgen zu können, was schade war.

Am letzten Tag wurden wir noch einmal selbst aktiv beim Workshop Schreiben im Digitalen mit Seda Keskinkılıç-Brück, Autorin am Institut für Digitaldramatik, das am Mannheimer Nationaltheater 2021 gegründet wurde. Im Mittelpunkt stand das interaktive Schreiben und der Weg vom selbstverfassten Text zu einer Gruppenleistung, einer sogenannten Coautor:innenschaft. Mit spannenden Übungen, bei denen alle mitmachen konnte und deren Ergebnisse u.a. in einer WhatsApp Gruppe geteilt wurden, konnte jede:r etwas zum Prozess beitragen. Ob man am Ende etwas präsentieren möchte oder nicht, das war freigestellt, allerdings waren die Aufgaben so gestellt, dass man mit möglichst allen Texten und Textfragmenten an einem Endprodukt arbeiten sollte. So hat letztendlich, egal ob man präsentiert hat oder nicht, doch etwas zum Endprodukt der anderen beigetragen. „Wenn ihr sagt, dass ihr die Texte geschrieben habt, dann müsst ihr alle Namen angeben.“ Beschließt Seda Keskinkılıç-Brück den Workshop nach zwei Stunden. Ein toller Ansatz, der zeigt, dass Partizipation auch ungezwungen sein kann. Selbst wenn sich die Regie oder Dramaturgie anschließend dazu entscheidet die Szene mit einzelnen Texten alleine auszuarbeiten, so hat die Gruppe doch einen wesentlichen Teil zur Szene beigetragen.

Szenenbild aus „Shifting Faces“ der Misiconi Dance Company (Bild: Mihai Gui)

Nach rund drei Tagen ist man etwas beseelt, doch muss man auch der Realität ins Auge blicken: Partizipation ist nicht das Allheilmittel, nur weil man Gruppen, das Publikum, die Theaterleitung oder wen auch immer beteiligt, lassen sich nicht die Grundprobleme aus der Welt schaffen. Vor allem gehen viele auch immer noch ins Theater, um zu konsumieren und danach zu diskutieren, doch das Publikum möchte nicht immer angesprochen oder gar einbezogen werden, auch das sollte man als Theatermacher:in berücksichtigen. Man sollte dem Publikum die Wahl lassen und die Partizipation nicht als das Stilmittel der Zukunft anpreisen, denn am Ende kann Partizipation nur funktionieren, wenn man offen zueinander ist, ehrlich miteinander reden und arbeiten kann und vor allem, wenn die Leute dazu offen sind.


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