WORTLOS und doch so inhaltsreich – Premiere von „Lichter der Grossstadt“ am RLT Neuss

Titelfoto: Marco Piecuch (zu sehen: Johannes Bauer)
Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)

Dieser Text entstand in Kooperation mit der Fidena Bochum und wurde zuerst am 02.05.2022 publiziert.

Chaplin lebt! Gerade in einer Zeit, in der das geschriebene und gesprochene Wort so sehr im Fokus stehen und für viele Missverständnisse sorgen, ist die Premiere von Lichter der Grossstadt nach dem Film City Lights (1931) am Rheinischen Landestheaters Neuss ein Genuss. In ihrer Reihe WORTLOS zeigen Intendantin Caroline Stolz und Schauspielerin Antonia Schirmeister, die beide die Adaption des Films umgesetzt haben, dass Musik, Pantomime und Maskenspiel genauso einen rund 90-minütigen Theaterabend füllen können, wie es auch wortgewaltige Inszenierungen tun.

„Daß ich noch einen Stummfilm drehte, überraschte die meisten“, schildert Charlie Chaplin in seiner Biographie (Die Geschichte meines Lebens, Fischer Verlag Sep. 2018, S. 331), als er mit der Arbeit an City Lights beginnt. Grund waren die ersten Tonfilme, die seit einigen Jahren auf den Leinwänden zu sehen waren. Doch Chaplin ließ sich nicht beirren. Er hielt an seinem Konzept fest und produzierte seinen erfolgreichsten Film.

Christoph König und Johannes Bauer (Bild: Marco Piecuch)

Im Mittelpunkt steht der Tramp, der sich eines Tages in ein blindes Blumenmädchen verliebt. Um ihr eine Operation zur Wiederherstellung ihrer Sehkraft zu finanzieren, begibt er sich auf Jobsuche und erlebt dabei zahlreiche haarsträubende Situationen, die für viel Komik sorgen und gleichzeitig eine Menge über die sozialen Verhältnisse im Großstadtleben erzählen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Figur des betrunkenen Millionärs, der Freundschaft mit dem mittellosen Tramp schließt. Dumm nur, dass sich der Millionär im nüchternen Zustand nicht mehr an seinen Saufkumpanen erinnert und auch sein großzügiges Geldgeschenk an ihn vergisst – mit fatalen Folgen!

Was sind nun die Zutaten für eine gelungene Theateradaption? Zunächst die Schauspieler:innen. Da wäre Johannes Bauer als Tramp, der sich die Seele aus dem Leib spielt. Mit großen, übertriebenen Gesten, aber auch schnellen Bewegungen legt Bauer ein Tempo vor, das der Inszenierung die notwendige Dynamik verleiht. Wer den Film kennt, wird die Ähnlichkeit zu Chaplin erkennen, denn das sehr körperliche Spiel und die Pantomime gelingen Bauer so gut, dass er definitiv keine Worte braucht, um die Geschichte des Tramps zu erzählen. Anna Lisa Grebe gibt das Blumenmädchen. Ihr Lachen ist dabei fast omnipräsent und bringt die Herzlichkeit in die Inszenierung, die auf der sonst sehr tristen Bühne fehlt. Mit ihrer Präsenz und ihrem Spiel ist Grebe das Licht in der grauen Großstadt.

Das triste Bühnenbild, auf dem lediglich eine Laterne sowie ein schräges, bewegliches Podest mit Kunstschnee stehen (Bühnenbild: Engelbert Rieksmeier und Jonas Henke), trägt einerseits zur Stimmung, aber andererseits auch dazu bei, dass das Gefühl aufkommt, tatsächlich einen Schwarz-Weiß-Film von 1931 anzuschauen. Antonia Schirmeister, (am Premierenabend sehr kurzfristig für Niklas Maienschein eingesprungen), spielt den Millionär und den Winterkönig, der mit einer überdimensionalen Maske dargestellt wird. Trotz des Einspringens ist Schirmeister in Höchstform und bringt den Tramp mit ihrem Spiel, aber auch mit ihrer Dominanz immer wieder in tragische und komische Situationen. Generell ist das Spiel der drei, aber auch der extra engagierten Kämpfer:innen vom Verein Fightholics Amarit präzise aufeinander abgestimmt, Choreographien und Bewegungselemente gehen fließend ineinander über.

Antonia Schirmeister und Markus Wegner (Bild: Marco Piecuch)

Besonders beeindruckend ist das Spiel mit den großen, grauen Masken (Konzept und Umsetzung: Sarah Wissner), die alte Herren darstellen. Diese werden geschickt eingesetzt und schaffen immer wieder eine bedrohliche Kulisse, da neben den Masken der Tramp und das Blumenmädchen winzig wirken. Auch verdreht aufgesetzte Masken und das Spiel mit dem Rücken zum Publikum faszinieren, da so unnatürliche Bewegungen und Haltungen entstehen. Die Maskenträger:innen bestimmen darüber hinaus das Wetter, an deren Spitze der Winterkönig steht, den es in Chaplins Filmvorlage nicht gibt. Die Abstrahierung der grauen (Großstadt-)Gesellschaft in dieser mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestatteten Form ist als Gesellschaftskritik zu verstehen: gehört man nicht zu einem privilegierten Kreis, ist man ein Ausgestoßener, so wie der Tramp oder das Blumenmädchen. In gewisser Weise gehört auch der Millionär zu den Ausgestoßenen – schließlich möchte er Selbstmord begehen – doch findet er immer wieder seinen Weg zurück, was ein Verschwimmen der Rollen bei Schirmeister gen Ende zeigt, wo sie sich teils als Winterkönig und teils als Millionär wiederfindet. Doch ordnen sich weder der Tramp noch das Blumenmädchen der grauen Gesellschaft dauerhaft unter.

Neben dem Maskenspiel werden auch kleinere Elemente des Objekttheaters eingesetzt, beispielsweise als der Tramp einen Stuhl für sich und den Millionär holen möchte und dieser immer wieder verschwindet und auftaucht. Es wird nicht viel gemacht, der Stuhl wird auf der schrägen Rampe wiederholt auf die Bühne gesetzt und weggenommen, doch entsteht daraus ein Katz- und Mausspiel, das einige im Saal laut auflachen lässt. Auch die große Laterne, die selbst eine Melone trägt, entwickelt mit der Zeit ein Eigenleben. Ein starker Wind lässt sie umknicken und schiefstehen, später richtet sie sich wieder auf und wird so zum Sinnbild für die Schieflage der Situation des Tramps im Stück, aber auch dafür, dass am Ende alles gut wird.

Dass am Ende alles gut wird, zeigt der farbenfrohe Kostümwechsel bei Anna Lisa Grebe, die in der finalen Szene ein rotes Kleid trägt. Doch auch die anderen Darsteller:innen passen mit ihren schwarz-weißen Outfits (Kostüm: Alide Büld) wunderbar in die 20er-Jahre, in denen die Story spielt. Ebenso wunderbar und stilecht ist auch die Musik von Christoph König und Hajo Wiesemann. Zudem werden die Musiker (bzw. am Premierenabend auch eine Musikerin: Leia Genc) immer wieder in die Szenen mit einbezogen. Teilweise werden auch die Umbauten der Technik musikalisch untermalt. Schade ist, dass dies nicht durchgehend gemacht wird, wodurch die musikalische Unterstützung etwas beliebig wirkt.

Anna Lisa Grebe, im Hintergrund: Max Hoffmann, Naomi Küsters, Pasquale Aprigliano, Antonia Schirmeister und Markus Wegner (Bild: Marco Piecuch)

Doch wo Licht ist, ist meist auch Schatten. In Neuss auch? Jein. Die Inszenierung ist kurzweilig, doch sind weder Geschichte noch Film bekannt, mag es passieren, dass man der Handlung nicht ganz folgen kann, beispielsweise im Übergang zum Boxkampf, der recht plötzlich kommt und bei dem nicht verständlich wird, warum der Tramp nun boxt. Und auch wenn die Wiederholung ein enorm wichtiges Element der Pantomime und der Clownerie ist, so sind einige Wiederholungen, obwohl sie immer wieder kleinere Anpassungen enthalten, doch zu viel. Allerdings funktionieren die meisten Schleifen dennoch, was am mitreißenden Spiel der Beteiligten liegt. Deshalb lässt sich nach rund 90 Minuten über die kleineren Schwächen der Inszenierung hinwegsehen. Die zum Teil stehende Ovationen zeigen, dass es dem Publikum gefallen hat.

In jedem Fall geht das Konzept auf: Die 20er-Jahre Musik und dazu passende Kostüme, ein sehr reduziertes und kühles Bühnenbild und tolle Schauspieler:innen und Kämpfer:innen, sowie die Nutzung des Maskenspiels und Objekttheaters lassen tragikomische Situationen entstehen, die Chaplin bereits in seinem Film umgesetzt hat. Der Inhalt und die sozialkritischen Aspekte sind durchaus mit dem Film vergleichbar, auch wenn es in der ästhetischen Setzung Unterschiede gibt. Die Umsetzung in Neuss ist facettenreich und zeigt: Theater ohne Worte funktioniert!

  

Johannes Bauer (Bild: Marco Piecuch)

Am Ende hatte nicht nur Chaplin mit widrigen Umständen bei der Entstehung des Films zu kämpfen, sondern auch das Rheinische Landestheater: Zwei krankheitsbedingte Verschiebungen und Ausfälle am Premierentag ließen den Verantwortlichen keine Ruhe, doch hätte man diese Hintergründe nicht gekannt, wäre es nicht aufgefallen, denn die Leistung und das Zusammenspiel haben in jeder Hinsicht überzeugt, genau wie Chaplin damals, der mit seinem Film – trotz aller Bedenken – mehr Erfolg hatte als die damaligen Tonfilme.

Wer sich die Inszenierung noch ansehen möchte kann sich auf der Website des Theaters informieren und dort Tickets buchen.


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