Auch mit rosaroter Brille werden Eisbären nicht zu Himbeeren – Das Tierreich

Beitragsbild: Klaus Hoffmann

Zugegeben, die weisen Worte im Titel sind nicht von uns. Die haben wir geklaut. Franz-Josef Strauß hat die gesagt. Wir wollen uns politisch nicht auf ihn beziehen. Aber bei diesem Zitat passt doch irgendwie alles zum Stück: Die rosarote Brille, die Eisbären und der alte Verteidigungsminister, denn im Stück fällt ein Panzer vom Himmel, ganz unerwartet…

„Das Tierreich“, ein modernes Theaterstück des jungen Autorenduos Michel Decar und Jakob Nolte. Zu sehen gab es das noch junge Stück (Uraufführung 2014 in Leipzig) am vergangenen Samstag im FFT Düsseldorf, in Szene gesetzt von der ebenfalls noch jungen Gruppe „Only Ask Valery“ (wir berichteten das erste Mal vor einem Jahr).

In „Das Tierreich“ geht es um Jugendliche, Jugendliche deren Sommerferien gerade begonnen haben, Jugendliche, die Konzerte besuchen, den ersten Kuss erleben, nach Liebe suchen, den ersten Sex haben, Jugendliche die nach sich selbst und ihrem Weg im Leben suchen. In immer wieder wechselnden Kurzszenen treffen unterschiedliche Gruppen aufeinander. Der Zuschauer wird Zeuge vom Austesten der Grenzen, vom Drang nach Freiheit und leider auch von Schicksalsschlägen. Denn plötzlich stürzt ein Leopard-II Panzer auf die Schule und es passiert ein Autounfall, der die Unbeschwertheit des Schülerlebens in den Ferien auf die Probe stellt.

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Foto: Klaus Hoffmann

Puh, der Inhalt scheint etwas verwirrend und zugegeben, wenn es der Inszenierung an einem nicht fehlte, dann an Tempo. Doch im Gegensatz zum Stück nehmen wir uns Zeit, also: ganz langsam und alles der Reihe nach.

Zunächst kommen wir in den Saal, auf der Bühne bereits Jugendliche, die immer mal wieder Bewegungen von Tieren imitieren. Die Bühne: weiß mit einigen Requisiten. An Kleiderhaken, die an der Wand hängen sind vereinzelt Kleidungsstücke befestigt. Clever: die Jugendlichen können sich auf der Bühne blitzschnell umziehen und sich so schnell in verschiedene Rollen versetzen, bzw. ihre Rolle den Gegebenheiten anpassen. So sind die Spieler nahezu permanent auf der Bühne. Allerdings sind sie immer in ihrer Rolle, schauen auf ihr Handy, hören Musik, trinken eine Cola oder ein Bier (Jugendliche eben). Durch die Gegebenheiten stört dies den Zuschauer jedoch nicht, denn die Spieler fallen nie aus ihrer Rolle. Weiterhin wechseln die Spieler immer wieder die Perspektiven, mal haben sie eine narrative Aufgabe, durchbrechen also die Geschichte erzählend die vierte Wand, dann sind sie wieder selbst in einer Rolle. Die Interaktion zwischen beiden Parts funktioniert auch gut und lässt keine Langeweile aufkommen. Außerdem sehen wir wieder Instrumente auf der Bühne. Live-Musik ist schon ein kleines Markenzeichen der Gruppe geworden. Funfact: Einmal wird sogar „Valery“ von Amy Winehouse gesungen. In Anbetracht des Gruppennamens eine kleine Hommage an die Gruppe selbst. Das wirkt aber nicht aufgezwungen, sondern lädt eher zum Schmunzeln ein. Welche Gruppe kann ihren Gruppennamen schon so geschickt in die eigene Aufführung einbringen?

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Foto: Klaus Hoffmann

Und wenn wir schon einmal beim Thema Musik sind, dann machen wir direkt weiter. Denn die Musik war geschickt ausgewählt. So erklangen Songs wie „I just can’t get enough“, was wohl als Motto der Menschen zu verstehen sein dürfte oder auch „Welcome to the Jungle“, was sich gut auf die Situation der heranwachsenden Jugendlichen beziehen lässt – zumindest, wenn man die Herausforderungen betrachtet, vor denen man in der Pubertät steht. Außerdem wurde die Musik so eingesetzt, dass lästige Umbaupausen mit einem gewissen Unterhaltungswert gefüllt wurden. Während der eine oder andere Spieler Requisiten hin- und herschob, tanzten in der Mitte Spieler oder man war vollkommen vom Gesang abgelenkt. So entstanden keine Längen. Außerdem wirkten die Musikeinsätze als würde man selbst Teil einer Jugend- oder Studentenparty sein. Auch das gehört zum Erwachsenwerden dazu: Party machen. Allerdings wurden wir anfangs etwas nervös als das Mikrophon beim ersten Lied zu spät geöffnet wurde. Glücklicherweise der einzige Fauxpas bei der Musik, denn so etwas kann schnell den Hintergrund des Liedes und die Stimmung zerstören.

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Foto: Klaus Hoffmann

Wie gewohnt wollen wir weniger das ganze Stück durchnudeln, als mehr auf einige Highlights eingehen. Ein Highlight waren wohl die Kussszenen. Ja, man mag sich durchaus streiten: müssen sich Jugendliche auf der Bühne küssen? Manchmal regelrecht herummachen? In diesem Stück ein ganz klares Ja, denn zum Erwachsenwerden gehören nun einmal auch die ersten Beziehungen, der erste Kuss, vielleicht sogar die Entdeckung, dass man homosexuell ist. Und so küssten sich im Laufe des Stücks nicht nur Junge und Mädchen, sondern auch Junge und Junge. Uns erschien es keineswegs unpassend, und wir schämten uns auch nicht fremd. Es machte auch nicht den Eindruck, dass den Spielern dies unangenehm war und hiervor ziehen wir unseren Hut. Denn solche Szenen authentisch zu spielen, ohne, dass man als Zuschauer im Erdboden versinken will, das verlangt den Spielern einiges ab.

Ein weiterer Hingucker: das Rauchen auf der Bühne. Aus Erfahrung wissen wir, dass man in Theatern heutzutage sehr penibel auf jegliche Art von Feuer reagiert, sei es auch nur ein kleines Teelicht oder eben die heiße Asche einer Zigarette. Als dann die Zigaretten gezückt wurden, verdrehten wir innerlich schon die Augen. „Schon wieder Kaugummizigaretten“, dachten wir, doch siehe da: es qualmte. Na hoppla, doch kein Kaugummi? Nein, aber auch keine echte Zigarette. E-Zigarette lautet das Zauberwort, so konnte auf der Bühne munter gepafft werden, ohne dass auch nur ein Feuerwehrmann nervös werden musste. Schade allerdings, dass dies in der Szene zu oft nur angedeutet wurde.  Vielleicht mag es daran liegen, dass man hier mitunter die Andeutung an die erste Zigarette machen wollte, doch so wirkte es leicht gekünstelt. Dennoch: eine gute Idee die E-Zigarette als Ersatz zu nehmen, der Effekt jedenfalls wirkt.

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Foto: Klaus Hoffmann

Und dann gab es noch ihn: den Eisbären. Nach einem gescheiterten Annäherungsversuch zwischen einem Jungen und einem Mädchen (beide wollten, doch keiner traute sich), übrigens schön unterlegt von Phil Collins „In the Air tonight“ – welcher mit dem Schlagzeugsolo den Moment vollkommen kaputtmachte, was wiederum einen tragikomischen Moment hervorbrachte -, kam plötzlich ein Eisbär auf die Bühne. Ein Eisbär in Lebensgröße. Er setzte sich neben den verlassenen Jungen, schaute ihn an, umarmte ihn, seufzte sichtbar und ging wieder. Das kam unerwartet, genau so unerwartet wie der darauffolgende Lachanfall unsererseits. Der Moment hatte etwas, doch was genau? Wir sind uns selbst nicht ganz sicher, doch wer sich an seine Kindheit zurückerinnert oder Kinder heute beobachtet, da hatte jeder so einen unsichtbaren Freund. Vielleicht war dieser Freund verkörpert durch den Eisbären. Oder aber es gibt nichts Flauschigeres zur Aufheiterung als einen Eisbären zu knuddeln. Wir wissen es nicht, lassen an dieser Stelle aber jedem Zuschauer seine eigene Meinung über die Szenerie.

Doch was genau hatte es nun mit dem Leopard-II Panzer auf sich, der plötzlich auf die Schule fiel? Nun ja, während eines (scheinbaren) Waffentransports ging die Heckklappe des Fliegers auf und er Panzer fiel heraus und zerstörte dabei Teile der Schule. „So ein Mist, dass das in den Ferien passiert ist. Jetzt fällt nicht einmal Unterricht dafür aus“, heißt es von einem der Spieler. Doch dieser Panzer hat eine andere Bedeutung, denn plötzlich geht es um den Konflikt in Palästina, eine Waffenlieferung nach Saudi-Arabien und die Flüchtlingskrise. Doch genau so schnell wie diese Themen kommen, waren sie auch wieder verschwunden. Strohfeuer. Solche Themen passen eben nicht in die Welt des Erwachsenwerdens. Natürlich ist es traurig, wenn anderswo Menschen sterben, während man sich hier Gedanken um seine erste große Liebe macht, doch dies sind einfach Gedanken, die man nicht hat, wenn man vor eigenen Herausforderungen steht. Ob das gut oder schlecht ist, können wir nicht beantworten. Natürlich kann man sich einmischen, seine Meinung sagen, rebellisch sein, Barrikaden erklimmen, auf der anderen Seite kann man sich nicht täglich mit den Gräueltaten auf der Erde beschäftigen. Ein schwieriges Thema, da lässt man es besser ganz und so sieht es auch das Stück vor.

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Foto: Klaus Hoffmann

Doch zum Ende hin holt die Jugendlichen die Realität wieder ein, es gibt einen Autounfall, bei dem ein Mädchen ein Bein verliert. Der Fahrer kommt mit einigen Blessuren davon. Und plötzlich steht man vor einem Scherbenhaufen. Die jugendliche Leichtigkeit ist von der Bühne verschwunden. Ja, auch das ist Erwachsenwerden: Verantwortung übernehmen, sich der Realität stellen, sehen, dass nicht jeder Tag voller Freiheit, Liebe und Party sein kann. Dies wird dem Zuschauer auf radikale Art und Weise nahegebracht, doch ist es genau der richtige Weg es so auszudrücken. Den Spielern gelingt es mit eindringlichen Worten den Zuschauer zu packen und auch ihm zu zeigen: das Leben ist nicht immer ein Ponyhof.

Nach knapp 70 Minuten ist das Stück zu Ende. Die Gruppe hat eine saubere Inszenierung auf die Bühne gebracht. Allerdings geht es nicht ganz ohne Tadel. Leider hat die Technik immer mal wieder Einsätze verpasst, so wie beim Einsatz des Mikrophons. Auch fragten wir uns warum die Spieler aus Dosen Cola und Bier trinken, allerdings eine Kiste Flensburger vollkommen leer ist und das Trinken hier nur imitiert wird. Natürlich wollen wir nicht zum Alkoholkonsum auf der Bühne aufrufen, doch das hätte man sicher anders lösen können.  Nichtsdestotrotz wollen wir die Leistung der Gruppe nicht in den Schatten stellen. Das Stück war auch nicht immer ganz einfach, weil viele Namen immer wieder wiederholt wurden, dennoch konnte man als Zuschauer gut folgen und man hatte Spaß und einen insgesamt sehr kurzweiligen Abend. Als kleines Bon-Bon spielte die Band auf Wunsch der Zuschauer noch eine kleine Zugabe von „Valery“.

Unser Fazit: „Only ask Valery“ ist eine Truppe, die es sich weiter zu beobachten lohnt. Die Gruppe investiert mit ihrem Spielleiter viel Herzblut in ihre Produktionen und wir hoffen sehr, dass wir auch 2018 wieder dem Ruf der Gruppe nach Düsseldorf folgen dürfen. Wir würden uns wünschen, dem Leser weitere Aufführungsdaten zu nennen, doch war unser Besuch am vergangenen Wochenende bereits die Dernière, weshalb wir dringend empfehlen, einfach künftig im Theaterraum Düsseldorf und besonders am FFT die Augen nach dieser Gruppe offen zu halten.

2 Gedanken zu “Auch mit rosaroter Brille werden Eisbären nicht zu Himbeeren – Das Tierreich

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