Haben wir doch die Wahl Gutes oder Böses zu tun? – Jenseits von Eden

Beitragsbild: Björn Hickmann/ Stage Picture 

Eden. Wenn man dieses Wort hört, denkt man an den Garten Eden, die biblische Erzählung von Adam und Eva, die Schlange, den Sündenfall. Das Paradies. Vielleicht auch noch an die tragische Geschichte um Kain und Abel.

In John Steinbecks Familiensaga von 1952 tauchen genau diese Elemente auf und auch in der Inszenierung des Rheinischen Landestheater Neuss sind diese Elemente versteckt. Allerdings mag man zunächst die Stirn runzeln als sich der Vorhang öffnet und der Zuschauer sich in einem Westernszenario wiederfindet. Doch genau zu dieser Zeit, Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts spielt Steinbecks Roman.

Die Bühne ist spärlich eingerichtet, eine riesige Holzwand, aus der fünf Sterne ausgeschnitten sind. Die Wand besteht aus Querbrettern, erinnert bereits an die „Stars and Stripes“ der amerikanischen Flagge. In der Mitte ein Podest mit einer Falltür, die zum Reinkrabbeln einlädt. Darauf ein Schaukelstuhl. Durch die ausgeschnittenen Sterne sind einige Instrumente zu erkennen, doch mehr findet der Zuschauer zunächst nicht wieder. Um es vorweg zu nehmen: mehr braucht es auch gar nicht für diese Inszenierung.

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Beitragsbild: Björn Hickmann/ StagePicture

Zugegeben: wer Steinbecks Familiensaga nicht gelesen hat, hat es am Anfang etwas schwer in das Stück zu kommen. Zwei Sheriffs sind auf dem Weg zu einer Vernehmung. Adam Trask wird des Mordes angeklagt. Schon auf dem Weg zur Vernehmung erklingen Gitarrenklänge und das Reiten der Pferde wird mit schnalzenden Zungen imitiert und wer kurz die Augen schließt wird sich direkt selbst in den Wilden Westen träumen können. Michael Lippold, der Regisseur hat durch die Einfachheit immer wieder Akzente gesetzt, die so simpel wie genial waren.

Dann ein neues Requisit, ein großer, alter Reisekoffer. Was wohl drin sein mag? Das Geheimnis wird schnell gelüftet: Masken. Halbe Masken, die lediglich bis zur Nase reichen, doch die Masken variieren. Eine Frau mit Kopftuch, eine Dame mit rosanem Haar oder Schädelmasken. Schnell wird klar: die Masken erlauben es den Schauspielern binnen Sekunden in neue Rollen zu schlüpfen. Beim Lesen fragt man sich eventuell warum man hierfür keine Schauspieler eingesetzt hat, doch dies ist nicht nötig. Kleinere Rollen können blitzschnell auf der Bühne umgesetzt werden, wohingegen man die Schauspieler in ihrer eigenen Rolle kaum vermisst. Oder aber sie ziehen die Masken ab und kommentieren das Geschehen. Das bringt Dynamik und Spannung in die Sache. An einigen Stellen sogar etwas Witz (besonders, wenn alle Männer auf der Bühne Prostituierte imitieren und Joachim Berger mit seiner dunklen Stimme neben seiner Hauptrolle als Sheriff Horace Quinn in die Rolle der aufrichtigen Puffmutter Faye schlüpft).

Wer Jenseits von Eden einmal live erleben möchte, dem können wir an dieser Stelle bereits raten das Rheinische Landestheater in Neuss aufzusuchen.  Den gesamten Inhalt mit all seinen Details wiederzugeben würde sicherlich noch die ein oder andere Seite in Anspruch nehmen, und würde zu wenig auf die Leistung des Ensembles eingehen. Deshalb verbinden wir die Inhaltswiedergabe direkt mit unseren Eindrücken.

Jenseits von Eden besteht aus vier Teilen. Der erste Teil befasst sich mit den beiden Brüdern Adam und Charles Trask (gespielt von Stefan Schleue und Richard Lingscheidt), die bei ihrem verfassungstreuen und sehr patriarchischem Vater Cyrus Trask (Pablo Guaneme Pinilla) leben. Er selbst war bei der Armee und verlor dort ein Bein. Nun führt er ein hartes Regiment auf seiner Ranch. Bildlich hierfür wird der Schaukelstuhl auf der Bühne, der immer mehr wie ein Thron wirkt. Statt den immer bemühten Charles zur Kavallerie zu schicken, schickt er den eher zurückhaltenden Adam. Als dieser zehn Jahre später wiederkommt, ist der Vater tot. Cyrus hat den beiden je 100.000 US-Dollar vererbt, was zur damaligen Zeit unermesslichen Reichtum bedeutete. Adam sieht hierin seine Chance seinen Traum von Kalifornien zu verwirklichen und um Connecticut endlich hinter sich zu lassen. Doch dann taucht Cathy Ames, gespielt von Juliane Pempelfort, auf.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Picture

Ein auffälliges grünes Kleid, noch auffälligere rote Schuhe und bildhübsch kommt Cathy daher. Doch der Schein trügt, sie gibt sich als feine Dame, ist jedoch eine Hure. Außerdem ist sie hinterlistig und versteht es, die Menschen mit Hilfe ihrer Reize auszutricksen. Von Anfang an fühlt man sich als Zuschauer von ihrer Art angezogen und dann wieder abgestoßen. Juliane Pempelfort leistet ganze Arbeit in ihrer Rolle. Sie lässt den Zuschauer ihren Charakter lieben und zugleich hassen. Unterstrichen wird ihre schauspielerische Leistung auch von ihrem Gesang (der allerdings von allen Schauspielern toll war!) und ihren kleinen akrobatischen Einlagen. Denken wir zurück an den Titel, in dem der Begriff Eden vorkommt ist sie zweifelsfrei die Schlange in dieser Geschichte.

Zweifelsfrei? Nicht für Adam, er verliebt sich in Cathy und heiratet sie. Dass sie als Kind schon ihr Elternhaus abgebrannt hat und verprügelt vor ihrer Türe lag, weil sie den ortsansässigen Bordellbesitzer hintergangen hat, davon weiß Adam nichts. Charles spürt, dass etwas falsch ist, doch Adam ist blind vor Liebe, für ihn ist Cathy seine Eva. Noch bevor die beiden gemeinsam nach Kalifornien aufbrechen verführt Kathy Charles.

Stopp! Sex auf der Bühne, heikles Thema, das schon oft schiefgegangen ist. Doch nicht im Rheinischen Landestheater. Im Gegenteil, eine einfache Andeutung reicht, ein gehobener Rock, eine heruntergelassene Hose, Freeze (zu Deutsch: die Schauspieler verharren kurz in ihrer Haltung). Und dies reicht auch um dem Zuschauer deutlich zu machen, dass Cathy erneut ihren Sexappeal ausgespielt hat. Doch dieses Mal bleibt dies nicht ohne Folgen: sie wird mit Zwillingen schwanger.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Picture

Im zweiten Teil von Steinbecks Familiensaga ziehen Cathy und Adam nach Kalifornien. Adam findet ein schönes Anwesen, wo er sich mit seiner Frau niederlässt. Er ahnt nicht, dass dies nicht seine Kinder sein könnten. Und dann kommt er, der große Tag: die Geburt.

Schon wieder Stopp! Eine Geburt auf der Bühne, wie soll das denn nun wieder gehen, ohne dass es unlogisch wird oder seltsam aussieht? Auch hier bedient sich Michael Lippold eines cleveren Kniffs. Die späteren Zwillinge (erneut gespielt von Lingscheidt und Pinilla) lässt er gemeinsam mit dem neunfachen Vater Samuel Hilton (Philipp Alfons Heitmann) auftreten. Es entsteht ein buntes Gewusel auf der Bühne, der Zuschauer weiß gar nicht wo er zuerst hinschauen soll, viele Menschen (auch die anderen Schauspieler sind dabei), viel Geschrei, viel Dramatik und auf einmal fallen die beiden Söhne Caleb und Aron auf den Bauch und bleiben regungslos auf der Bühne liegen. Natürlich nicht als Babys, sondern bereits als Teenager, doch solange sie sich nicht regen stört es nicht, dass keine Babys auf der Bühne sind. Die ideale Umsetzung um logische Brüche und peinliche Momente zu vermeiden.

So schnell die Geburt ging, hat Cathy Adam auch verlassen. Oder will es zumindest, es kommt zum Handgemenge, alles läuft in Zeitlupe ein Schuss löst sich, kein richtiger, einer aus einem Spielzeuggewehr, doch durch die Zeitlupenbewegung vermisst der Zuschauer keinen Knall. Dazu ertönt das Lied „Bang Bang“ von Nancy Sinatra. Gänsehaut! (An dieser Stelle sollte man speziell noch einmal Anna Lisa Grebe für den Gesang und auch Ingmar Kurenbach für die musikalische Leitung hervorheben). Der Vorhang geht zu, Pause. Man will den Saal gar nicht verlassen, es soll doch bitte weitergehen.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Picture

Nach der Pause geht es in Steinbecks zweitem Part weiter. Erneut macht Cathy sich als Hure – nun unter dem Namen Kate – einen Ruf und trifft auf Faye, die Puffmutter. Schnell wird Kate zu Fayes Liebling und dies wird ihr zum Verhängnis. Kate vergiftet Faye, diese hat noch schnell ihr Testament gemacht und überschreibt Kate ihr ganzes Hab und Gut. Kate thront auf der spärlich eingerichteten Bühne auf der obersten Stufe der Treppe wie eine Königin.

Parallel erholt sich Adam langsam von der Schussverletzung, kümmert sich jedoch weder um die Farm in Kalifornien noch um seine Söhne. Dies stößt dem langjährigen Hausdiener Lee (gespielt von Rainer Scharenberg) übel auf. Übrigens hat man es sich nicht nehmen lassen einige Anspielungen auf Asiaten und die typischen Klischees zu machen (statt R spricht man ein L), doch diese wirken weder peinlich-komisch noch unangemessen. Sie lockern die Stimmung im Stück immer wieder und Lee ist auch durchaus im Stande die amerikanische Sprache (in unserem Falle natürlich deutsch) richtig zu verwenden.

Im dritten Teil wird es ungemütlich. Nachdem man zur Zeit des Wilden Westens gegen Indianer gekämpft hat, sucht eine neue Bedrohung die Welt heim. Der Erste Weltkrieg steht kurz bevor. Mit seinem Hausdiener Lee und Samuel Hamilton philosophiert Adam noch einmal über die Geschichte von Kain und Abel, woraus sich auch die Namen der Zwillinge ableiten lassen. Nach etwas Aufwand interpretiert Lee, dass der Mensch immer die Wahl hat Gutes oder Schlechtes zu tun. Nach einem Hinweis von Samuel sucht Adam das Bordell seiner Frau Cathy auf. Diese offenbart ihm, dass die Zwillinge auch von seinem Bruder Charles sein könnten. Adam versucht jedoch genau dies zu verheimlichen, doch wäre es spannend wenn es ein Geheimnis bliebe? Wohl kaum.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Picture

Und so kommt es im vierten Teil zum großen Showdown. Die Bühne wird so umgebaut, dass zu Thanksgiving ein Tisch mit einer Amerika-Flagge gedeckt ist. Doch auf den ersten Blick sieht es nicht aus wie ein gedeckter Tisch, sondern wie ein riesiger Sarg bei einem Staatsbegräbnis. Dass hier später tatsächlich noch jemand stirbt, ist in diesem Moment noch nicht offensichtlich. Zunächst wollen Caleb und Aron ihren Vater überraschen, es regnet Dollars auf die Bühne. Sie haben Geld aufgetrieben um ihren Vater vor dem Bankrott zu retten, denn statt auf Bohnen hat er lieber auf tiefgefrorenen Salat gesetzt, der jedoch wegen diverser Verzögerungen unbrauchbar bei seinen Kunden ankam. Doch Adam will das Geld nicht, er lässt jeden einzelnen Schein liegen. Außerdem erhalten Caleb und Aron einen Hinweis, dass ihre Mutter noch lebt. Es kommt zum Showdown.

Kleiner Hinweis: Spoileralarm, doch um das Schlussbild zu beschreiben ist dies leider unumgänglich. Denn am Ende steht Cathy auf dem Tisch mit der Amerikaflagge. Ihre Söhne lernen sie noch kurz kennen, doch dann geht alles schnell. Die inzwischen sehr heruntergekommene Cathy (sie trägt kein Kleid mehr, ihr Lippenstift ist quer im Gesicht verschmiert) steht auf dem vorher genutzten Tisch und bringt sich um. Dann liegt Cathy gebettet auf der amerikanischen Flagge friedlich schlafend. Doch wirklich imposant wird erst das Schlussbild. Cathy erwacht wieder zum Leben und zieht sich eine Maske der Freiheitsstatue auf. Die anderen Schauspieler ziehen Schädelmasken auf, sie symbolisieren den Tod. Langsam legt sich die Freiheitsstatue die amerikanische Flagge als Umhang um. Das personifizierte Amerika schreitet verletzt, heruntergekommen und blutend über die Bühne und nimmt Platz auf einer Erhebung der Bühne. Um sie herum gesellen sich die anderen Schauspieler mit Schildern, Schilder die auf die Kriegsbeteiligung der USA verweisen. Das schon fast traurige Statement wird dem Zuschauer noch schnell vorgehalten als der Vorhang fast geschlossen ist „To be continued…“. Dazu erneut live von der Bühne „This is not America“ von David Bowie. Traurig aber wahr, besonders in Zeiten in denen die ganze Welt auf den neuen US-Präsidenten Donald Trump blickt.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Picture

Was bleibt nach knapp 2,5 Stunden Theater? Ein Menge Eindrücke. Anfangs erscheint die Inszenierung etwas wirr, wer Steinbecks Vorlage nicht kennt, der muss sich zunächst an alle Namen und Zusammenhänge gewöhnen, auch, dass die Masken sehr früh eingeführt werden. Doch wer nach einigen Minuten in das Stück gefunden hat, hat die Chance sich mitreißen zu lassen. Mit einfachen Mitteln und dem ein oder anderen Trick legt das ganze Ensemble eine souveräne Inszenierung aufs Parkett. Dabei wird immer wieder Live-Musik eingespielt, die den Zuschauer noch weiter in die Zeit des Wilden Westen hineinzieht, aber auch die einzelnen Handlungen mehr als passend untermalt und für Gänsehautmomente sorgt. Das tragische Ende ist erschreckend aktuell und lädt zum Nachdenken ein. Es bleibt zu hoffen, dass es eventuell auch zum Umdenken einlädt, denn sonst könnte genauso gut der blutverschmierte Deutsche Michel mit einer Deutschlandfahne auf der Bühne sitzen, wenn wir dem Populismus weiterhin Tür und Tor öffnen. Die Kritik an Amerika kann also durchaus als Spiegel verstanden werden.

Unser abschließendes Urteil: hingehen, in den Wilden Westen entführen lassen und eine tolle Aufführung genießen. Das Geld und die Zeit sind bei dieser Inszenierung gut investiert. Alle weiteren Termine finden sich wie gewohnt auf der Seite des Rheinischen Landestheaters.

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