Schauspiel heißt Schauen und Spielen – #backstage im KRESCHtheater Krefeld

Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)
Beitragsbild: Werner Alderath

Ehrlicherweise müssen wir zugeben, dass das KRESCHtheater in Krefeld schon länger auf unserer Liste der Theater steht, die wir schon immer besuchen wollten. Nun haben wir es im Rahmen unserer #backstage-Reihe endlich geschafft! Wer Kinder- und Jugendtheater liebt, der sollte unbedingt das KRESCHtheater auf seine To-Do-Liste schreiben, denn hier gibt es Theater nicht nur zum Ansehen, sondern auch zum Mitmachen. Wie genau das funktioniert, das haben uns Isolde Wabra, seit 2019 Leiterin des KRESCHtheaters, und Helmut Wenderoth, künstlerischer Betriebsleiter, im Interview näher gebracht. 

Blick in den Innenhof der ehemaligen Tapetenfabrik in Krefeld, hier hat das KRESCHtheater seinen Sitz und seine Bühnen. (Bild: Werner Alderath)

Im Ruhrpott ist man es bereits gewohnt, dass Kultur und Industrie Hand in Hand gehen (siehe beispielsweise die Zeche Zollverein oder die Jahrhunderthalle in Bochum), so ist es auch beim KRESCHtheater, denn die Räumlichkeiten waren ursprünglich eine Tapetenfabrik. Auch wenn von der Fabrik augenscheinlich nicht mehr viel übrig ist, so verstreuen zumindest die Fassade und einzelne Räumlichkeiten immer noch den Charme der alten Industrie. In den Innenräumen hingegen sehen wir wundervolle Foyer- und Bühnenräume, die zum Verweilen und Theaterschauen einladen. Und genau das ist das Konzept des Theaters: „Ich komme ins KRESCHtheater und ich bin willkommen“, formuliert Helmut Wenderoth den einfachen Leitsatz. Ziel des Theaters ist es nicht einfach nur, Spielbetrieb zu unterhalten, sondern auch den Kontakt zu den Zuschauer*innen, dabei speziell auch zum jungen Publikum, zu bekommen. „Zuschauer*innen und Künstler*innen teilen sich einen Raum und eine Zeit“, führt Helmut weiter aus. Es sei besonders wichtig, dass beim jüngeren Publikum das erste Theatererlebnis ein positives Erlebnis sei, ergänzt Isolde Wabra. 

Willkommen haben wir uns definitiv gefühlt, denn statt eines einfachen Gesprächs in den Büroräumlichkeiten, durften wir Mäuschen spielen bei der aktuellen Probe zu Rico, Oskar und die Tieferschatten in der Regie von Sven Jenkel. Besonders beeindruckte uns die Kulisse auf der ersten Studiobühne, die besonders durch ihre hohe Galerie, die sich über mehrere Etagen verteilt, besticht. Dies könne man gerade jetzt nutzen, um das Schauspiel auszudehnen, so Isolde, denn die Schauspieler*innen haben zum Zuschauerraum nur wenig Platz, um die Corona-Regelungen zu erfüllen. „Also nutzen wir die Höhe des Raums, eine Wendeltreppe ist schon bestellt, damit die Schauspieler*innen auch von der Bühne die Etage wechseln können“, erklärt uns Isolde weiter. Und man greift noch tiefer in die Trickkiste, denn natürlich müssen die Schauspieler*innen bei den Proben und den Aufführungen nicht nur den Abstand zum Publikum, sondern auch untereinander einhalten. Es sei denn es handelt sich um reale Liebespaare, die vielleicht auch schon zusammenwohnen. Für die Inszenierung von Robert Seethalers Roman Der Trafikant sei eine solche Konstellation geplant, verrät Isolde, denn dann müssen die Schauspieler*innen die Abstandsregelungen nicht mehr einhalten. Wer sich schon jetzt für das aktuelle Programm des Theaters, welches passenderweise unter dem Motto Einfach mal anders läuft, interessiert, dem können wir die Website des Theaters empfehlen, dort sind alle Infos zu den Stücken, Terminen und Kartenregelungen zu finden. 

„Ich komme ins KRESCHtheater und ich bin willkommen.“
(Drei Haselnüsse für Aschenbrödel Kreschtheater Weihnachtsmärchen 2019 Fabrik Heeder)

Dass man im KRESCHtheater immer kreative Ideen hat, zeigt auch die sogenannte Sommerbühne. Wer im Innenhof des Theaters steht, sieht links ein paar kleine Podeste, eine Traverse und wenige LED-Scheinwerfer. Was zunächst wie eine Rampe für LKWs aussieht, um eventuell Bühnenbilder oder Requisiten einzuladen oder anzuliefern, wird uns von Isolde und Helmut als Sommerbühne präsentiert. Der Clou: Man kann die Tore aufmachen und dahinter verbirgt sich die zweite Studiobühne. Was tatsächlich auch eine Laderampe ist, wurde kurzerhand zur Bühne umfunktioniert, denn das Bühnenbild kann von drinnen gedreht werden, sodass das Publikum draußen sitzen und die Schauspieler*innen drinnen spielen können. So mussten sie während des Corona-Frühlings und Sommers kaum Veranstaltungen absagen, sondern konnten weiterspielen. 

Doch zurück zum eigentlichen Programm des KRESCHtheaters. KRESCH steht übrigens für Krefelder Schauspiel für Kinder und Jugendliche. Auf die Frage wie es kommt, dass auch Schauspieler*innen z.B. Workshops und Spielclubs leiten, antwortet Helmut: „Wir legen hier sehr viel Wert auf den Kontakt zu den jungen Leuten. Meistens kommt man mit den Schüler*innen nach der Vorstellung ins Gespräch und das ist auch unser Ziel. Schauspieler*innen, die nur hier sind, um ihre Auftritte zu spielen und dann wieder zu gehen, bleiben meist nicht lange am KRESCH. Wer hier spielt, wird mit dem Publikum in Kontakt kommen.“ Und daraus ergebe sich meist auch das Interesse der Schauspieler*innen, weiter mit den Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. 

"Wir legen hier sehr viel Wert auf den Kontakt zu den jungen Leuten. Meistens kommt man mit den Schüler*innen nach der Vorstellung ins Gespräch und das ist auch unser Ziel.", Einblicke in die Proben zu Rico, Oskar und die Tieferschatten (Bild: Werner Alderath)
„Wir legen hier sehr viel Wert auf den Kontakt zu den jungen Leuten. Meistens kommt man mit den Schüler*innen nach der Vorstellung ins Gespräch und das ist auch unser Ziel.“ Einblicke in die Proben zu Rico, Oskar und die Tieferschatten (Bild: Werner Alderath)

Das theaterpädagogische Angebot des Theaters gibt den beiden auch Recht, denn die Anzahl an Spielclubs und Workshops ist beeindruckend: vom Stadtkindermusical für die Acht- bis Zwölfjährigen, über das Stadtjugendtheater bis hin zum Improclub gibt es zahlreiche Möglichkeiten, am KRESCHtheater das Theater nicht nur zu sehen, sondern selbst aktiv zu gestalten und zu erleben. Das Wort Schauspiel könne man in Schauen und Spielen zerlegen, findet Helmut. „Gemeinsam entsteht mehr als aus dem Einzelnen“, ergänzt Helmut noch. So komme es, dass am Theater immer wieder ein reger Austausch stattfinde zwischen Darsteller*innen und Publikum, unter den Darsteller*innen, aber auch in den Proben. Die Schüler*innen tragen mit ihren Eindrücken massiv dazu bei, dass man am Theater das Publikum nicht aus den Augen verliert, wie Isolde findet: „Wir können auch vieles lernen aus den Gesprächen mit den Schüler*innen.“

Ein weiterer Faktor, der zum Willkommens-Charakter des Theaters beiträgt, ist, dass es am Haus kein festes Ensemble gibt. Der gemeine Theaterabonnent mag nun die Augenbraue skeptisch heben und sich fragen, wie so eine Willkommens-Atmosphäre entstehen könne, wenn es kein festes Ensemble gebe. Die Antwort ist simpel: „Die Schauspieler*innen haben keinen Druck zum Herbst, wenn es an den meisten Theatern um die Verträge für die nachfolgende Spielzeit geht, was meistens auch zu Unmündigkeit führt, da sie sich nicht trauen, ihre Meinung zu sagen“, erklärt Isolde. „Unsere Leute arbeiten aus Leidenschaft am KRESCH“, ergänzt Helmut. Sicher kann man auch in einem festen Ensemble mit Leidenschaft arbeiten und einige Schauspieler*innen sind auch bereits länger im Pool des Theaters, doch die Möglichkeit, freier und produktionsspezifischer zusammenzuarbeiten, gebe beiden Seiten mehr Möglichkeiten, auch konstruktiv miteinander zu agieren, dabei müsse niemand Angst davor haben, seine Meinung sagen zu dürfen. „Anderes sagen und anderes denken war mal der Kern des Theaters“, gibt Helmut zu bedenken, diesen Gedanken wolle man auch in der eigenen Arbeit weiterleben. 

„Einfach mal anders“, das Spielzeitmotto des KRESCHtheater in der Spielzeit 2020/21, inspiriert wurde das Motto auch von der Corona-Situation.

Doch das KRESCH kann noch viel mehr sein, wie das Beispiel des Schauspielers Markus Bachmann, der bis vor Kurzem in Krefeld tätig war, zeigt. Seit Kurzem kann man ihn auch im Schauspielhaus Bonn sehen, was Isolde und Helmut sehr stolz macht: „Wenn wir im Lebenslauf stehen, dann ist das etwas Schönes und wenn wir dadurch vielleicht ein Sprungbrett sind, dann freuen wir uns noch mehr.“  Dass die Theaterwelt klein zu sein scheint, fällt uns auch beim Blick in das Ensemble auf, denn auch Marie Förster, die wir vor gut zwei Jahren in Köln interviewten, und schon in einer Inszenierung der Burghofbühne Dinslaken sahen, ist auf der Website des Theaters als Schauspielerin aufgelistet. Auch Christof Laubisch, dessen Podcast Spielplatz wir schon empfohlen haben, ist als Leiter des Stadtjugendtheaters I (für alle zwischen 13 und 16 Jahren) aufgeführt. Isolde berichtet in diesem Zusammenhang davon, dass es ihr am Herzen liege, auch jungen Schauspieler*innen eine Perspektive zu bieten. Deshalb sei sie mit Beginn ihrer Zeit am KRESCHtheater direkt zur ZAV (Zentrale Auslands- und Fachvermittlung) Künstlervermittlung nach Köln gegangen, habe dort den Spielplan vorgestellt und darüber nach Schauspieler*innen suchen lassen, die dann auch zu Vorsprechen eingeladen wurden. 

Ein weiteres Geheimnis, wie man das junge Publikum anspricht, sind die Vormittagsvorstellungen. Auch wenn andere Theater oft Stoff aus dem Abitur spielen, wie aktuell Lessings Nathan der Weise oder Seethalers Der Trafikant, so werden die Vorstellungen oft dem Abendspielplan zugeteilt. Das KRESCH spielt solche Stücke bewusst überwiegend vormittags, um den Schulklassen den Besuch zu vereinfachen. „Es war mal eine Schülerin hier, die vormittags ein Stück mit ihrer Klasse gesehen hat und abends noch einmal in das gleiche Stück mit zwei Freundinnen kam, denen sie die Inszenierung empfohlen hat“, erinnert sich Helmut. Das sind die Momente, in denen man sieht, dass die Arbeit fruchtet und man junges Publikum auch in Zeiten von Netflix, Instagram und Co. noch dazu bewegen kann, ins Theater zu gehen. Doch wer glaubt, dass am KRESCH die Inszenierungen an das Publikum angepasst werden, der irrt. Die Inszenierungen seien genauso für Erwachsene geeignet. „Wir machen es uns nicht leichter, weil wir Kinder- und Jugendtheater machen. Wir nehmen uns und das Publikum sehr ernst“, betont Isolde und Helmut ergänzt weiter: „Ich glaube an die jungen Menschen und wenn sie als erstes merken, dass wir sie ernst nehmen, dann haben wir schon viel geschafft.“ 

„Wir machen es uns nicht leichter, weil wir Kinder- und Jugendtheater machen. Wir nehmen uns und das Publikum sehr ernst.“ Szenenbild aus Ellington (Bild: Thomas Weinmann)

Am Ende des Gesprächs sind wir fasziniert vom unermüdlichen Einsatz, aber auch von der Leidenschaft und der Freude, mit welcher am KRESCH Theater gemacht wird. Auch hier ging Corona nicht spurlos an allen vorbei, aber man sieht die Chancen, die sich daraus ergeben und wir sind uns sicher, dass man diese auch nutzen wird. Wir sind überzeugt vom Konzept des Theaters und noch mehr darin bestätigt, endlich eine Inszenierung vor Ort zu sehen. Und wer weiß? Vielleicht erhalten wir dann auch die Gelegenheit, mit den Schauspieler*innen über das Erlebte zu sprechen. Das KRESCHtheater bietet quasi Theater zum Anfassen und das finden wir toll. Wir drücken allen die Daumen, dass der Neustart nach dem Lockdown gelingt und wir werden garantiert von der einen oder anderen Inszenierung berichten. Wer abseits dessen auf dem Laufenden bleiben möchte, der kann dem Theater auch auf Facebook oder Instagram folgen. 


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