Artmann&Duvoisin und Céline Bellut laden zur Zoom-Performance

Beitragsbild: Ale Bachlechner / Hans Diernberger
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de

Am vergangenen Wochenende ging es für uns wieder ins Theater. Also das, was man momentan „Theater“ nennen will. Heißt: Rechner eingeschaltet, Zoom-Link angeklickt und in die Welt der Kunst abgetaucht. Zu sehen gab es eine Double-Bill bestehend aus Elsa Artmanns und Samuel Duvoisins Pressspan, einer tänzerischen Auseinandersetzung mit Wohnverhältnissen am Beispiel von Köln-Mülheim sowie die Tanzperformance Hold On von Céline Bellut, die der Frage nachgeht, wie man die weibliche sexuelle Fantasie nicht auf ein einzelnes Bild reduzieren kann. Wieder einmal also wagten wir uns in jene Gefilde, die für uns noch immer etwas fremdartiger sind, als das uns so bekannte Sprechtheater, Gefilde, die uns viel mehr dazu zwingen, wahrzunehmen, zu sehen, zu hören, den grüblerischen Kopf auszuschalten und eher dem zu folgen, was unsere Gefühle uns sagen: Die (Tanz-)Performance. Ob das auf Zoom möglich ist? Wir haben es für euch herausgefunden. 

Zuerst einmal zur Klarstellung: Theater über Zoom? Wir kennen die Videokonferenzplattform aus dem Home-Unterricht in Schule oder Uni, aus dem Beruf, alles aus dem Lockdown, aber Tanzperformances? Hier müssen wir vielleicht etwas genauer erklären: Sowohl Artmann und Duvoisin als auch Bellut haben ihre Performances der Videokonferenz-Struktur sehr pfiffig angepasst. So zeigten sie über den geteilten Bildschirm verkürzte Videos ihrer Performances und baten nicht nur ein Nachgespräch über das Gesehene an, sondern banden uns Zuschauer*innen interaktiv in ihre Performances oder eher in die Präsentationen darüber ein. 

So starteten Artmann und Duvoisin damit, dass sie uns Teilnehmer*innen baten, bevor die Performances starteten, die sich mit Wohnraum beschäftigten, den Grundriss unserer Wohnung allesamt auf eine digitale Leinwand zu zeichnen, die dann wiederum auch alle Teilnehmer*innen auf dem PC-Bildschirm sahen. So entstand nicht nur ein digitales Gemälde von wunderschöner Geometrie, das Piet Mondrian nicht schöner hätte malen können, sondern wurden wir Zuschauer*innen auch neugierig gemacht und sensibilisiert für die Videoausschnitte der Performance, die dann folgten. Der Autor des Textes, der unter anderem Fremdsprachendidaktik studiert hat, sieht dies als vorbereitende Pre-Viewing-Task an und will den Ansatz vor dem Hintergrund des Theaters im digitalen Raum als sonderlich schlau und angenehm in den Himmel loben. 

Foto: Artmann&Duvoisin

Die Ausschnitte aus der Performance Pressspan selbst sind sehr eindrucksvoll. Nicht nur der Einblick in fremde Wohnungen, der weit darüber hinausgeht, ein mögliches voyeuristisches Interesse zu befriedigen. Dadurch, dass die Künstler*innen die Wohnungen durch Pressspan aus dem Mülheimer Sperrmüll umgestaltet haben, entstehen vom Ursprung abweichende Räume, die vermutlich sogar den Besitzer*innen der Wohnungen neue Eindrücke ermöglichen. Und damit ist auch weniger intendiert, den deutschen Begriff „Raum“, also jenen mit vier Wänden, einer Decke, Türen und Fenstern, anzubringen, sondern eher, der englischen Semantik folgend, die fast schon philosophisch daherkommt, wenn sie „space“ mit „the whole area in which all things exist and move“ definiert.

In teils engen und teils weiteren „Spaces“ bewegen sich die Performer*innen gemeinsam mit Diana Treder und Anne-Lene Nöldner und machen somit auf eindrucksvolle Weise deutlich, welche Auswirkungen das Wohnen im 21. Jahrhundert auf die Persönlichkeit hat, beziehungsweise vice versa. Hierzu gesprochene kurze Texte, wie beispielsweise ein zwischen den zwei Tänzer*innen geführtes Interview zu deren persönlichen Wohnsituation sind genauso verblüffend nah und intim wie die Fragen aus dem gleichen Themenkomplex, die uns Artmann und Duvoisin abseits des vorgespielten Videos in einer Zoom-Plenunmsrunde stellen und welche wir entweder bejahen, indem wir unser Gesicht in die Kamera zeigen oder verneinen, indem wir die Kamera mit der Hand zu halten. Vielleicht sei hierzu beobachtend nur am Rande erwähnt, dass dieses Fragenformat die hässlichen Zoom-Kacheln zu einem dynamischen Raster-Gemälde, einem in flottem Hin und Her verdunkelten oder mit grinsenden Gesichtern gefärbten Kunstwerk entwickelt und diese performative Videokonferenz von anderen Onlinezusammenkünften, wie wir sie aus dem Büro- oder Unialltag kennen, auf eine äußerst ästhetische Weise abhebt. 

In der Gesamtheit macht die Performance ausdrücklich klar, welch riesiger Kosmos hinter Begriffen wie „Wohnen“, „Wohnraum“ oder „Heim(at)“ steckt und wie sehr ein Dach über dem Kopf doch eigentlich eine Luxussituation ist, die wir vielleicht in unserem Alltagstrott eher als gewohnte Selbstverständlichkeit betrachten. Die Künstlerin, die sowieso auf den Bühnen der Welt zu Hause ist, sagt, sie habe das kulturelle Kapital sowie die Flexibilität, den Wohnort zu wechseln, wenn dieser zu teuer wird. Couchsurfing und Airbnb lassen höflich grüßen. Schonungslos werden wir mit Gedanken zu realen Bedingungen und prekären Existenzen konfrontiert und unser anfänglicher Voyeurismus wird ins kalte Wasser geschmissen, wenn die Performance ein Mietverhältnis vorstellt, bei dem am Zwanzigsten des Monats das Geld aufgebraucht ist und das letzte Drittel des Monats eben in ungeheizter Wohnung gelebt werden muss. 

Foto: Artmann&Duvoisin

Die abwechselnd ruhigen und zackigen Bewegungselemente im Rahmen unterschiedlichster Wohnungshintergründe, immer versehen mit dem Distinktionsmerkmal Pressspan, tun für den Gesamteindruck ihr Übriges und verbinden die einzelnen, losen Gedanken auf eine einfühlsame und unter die Haut gehende Art und Weise zu einem performativ-ästhetischen Gesamtbild, auf das wir uns nur zu gerne eingelassen haben. 

Im zweiten Teil der Double-Bill bekommt Céline Bellut das Heft in die Hand. Die französische Tänzerin und Choreografin entscheidet sich an diesem Abend ebenfalls für ein Hybridformat aus einer 15-minütigen Präsentation von Auszügen aus ihrer eigentlich einstündigen Performance Hold On sowie einer anschließenden Gesprächsrunde. Zu sehen bekommen wir in diesen 15 Minuten dreierlei Szenen sowie eine Videoinstallation. Zuerst bewegen sich die drei Tänzerinnen Nejma Larichi, Clara-Marie Müller und Charlotte Virgile, eins mit sich selbst, immer expressiver zu einem parallel sich intensivierenden, orgastischen Stöhnen, welches sich in der nächsten Szene durch die in Vulvaform an die Gesichter der Performerinnen gehaltenen Arme schmiegt um dann in der finalen Szene drei den Blick freizugeben auf die drei Künstlerinnen, die sich, oberkörperfrei, sichtbar bis zum oberen Brustbein, in der unteren Bildhälfte befindend mit roter Grütze samt Beeren in allen sichtbaren Bereichen zu orchestraler Musik lasziv selbst einschmieren. Durchatmen. Nicht nur nach diesem langen Satz. Auch nach der gesehenen Performance, die sich mit der weiblichen Lust auseinandersetzt und auch vor der iterativen Behandlung des vermeintlichen Tabuthemas der Menstruation nicht Halt macht.

Foto: Hans Diernberger

Der Autor dieser Rezension, seines Zeichens ein Mann, stellt sich die Frage: „Bedarf es des Fokus‘ auf diese Thematik?“, nur, um sich ganz schnell die Antwort zu geben: „Unbedingt!“. Mittlerweile müsste doch die prüdeste Konservativismus-Omi aus dem hintersten Kuh-Dorf verstanden haben, dass das, was die Gruppe Salt-N-Pepa bereits 1990 gefordert hat, heute sicherlich gang und gäbe ist: „Let’s talk about sex!“. Sollte dem tatsächlich nicht so sein, geben Céline Bellut und ihre Tänzerinnen uns mit der Performance Hold On bereits in der 15-minütigen Zoom-Demonstration eine herzliche Einladung, dies zu tun, auch, wenn es in der anschließenden Gesprächsrunde eher nicht dazu kommt und künstlerische Themen zur Arbeit vorgeschoben werden. Dennoch: Die Tänzerinnen und ihre Choreografin stehen offen zu ihrer Weiblichkeit und Sexualität und finden hierbei eine ausgewogene Mischung zwischen Ernsthaftigkeit und Humor, sodass sie nicht mit dem moralischen Zeigefinger wedeln, zugleich aber auch nicht zu kindisch rüberkommen („Hihi, die hat ‚Vagina‘ gesagt“ – Ein Zitat, das uns alle an den allzu vermurksten Sexualkundeunterricht aus der Schule erinnert!). Auch wollen wir so manchem Chauvinisten, der bei provokanten Szenen, die sich mit Menstruation auseinandersetzen, den Wind aus den Segeln nehmen, indem wir sagen: Nein, von dieser Art der Performance hat es noch so lange nicht genug gegeben, bis die Welt verstanden hat, dass Menstruation kein Tabuthema, sondern etwas ganz Normales ist, was zum Frausein dazu gehört.  Schottland beispielsweise hat es verstanden und stellt im Rahmen der „Period Products (Free Provision) Scotland Bill“ Binden und Tampons unter Bereitstellung von jährlich 24 Millionen Pfund den Nutzerinnen kostenlos zur Verfügung, was vielleicht einen Stein ins Rollen gebracht hat, der – angetrieben durch starke Künstlerinnen wie Céline Bellut, Nejma Larichi, Clara-Marie Müller und Charlotte Virgile – sukzessive beschleunigt wird. 

Foto: Hans Diernberger

So können wir abschließend sagen, dass wir es mal wieder nicht bereuen mussten, uns dem spannenden Feld der Performance geöffnet zu haben und sind gespannt auf weitere Projekte der hier vorgestellten Künsler*innen. Wenn wir auch euer Interesse für diese Arbeiten geweckt haben, findet ihr hier die Websites von Celine Bellut und Artmann&Duvoisin


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