Identifikation schaffen, Kinder ernst nehmen und keine Angst vor schweren Themen: Regisseurin Liesbeth Coltof im Interview

Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)
Beitragsbild: Eva Plevier

Es ist am Tag nach der Voraufführung zu Antigone am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf (wir berichteten), bei welchem Liesbeth Coltof gerade als Gastregie tätig ist, als wir die niederländische Theatermacherin in ihrer kurzen Pause treffen. Wer diese Frau kennenlernen darf, hat großes Glück, denn ihre offene und sympathische Art steckt sofort an, sodass man sich auf das Gespräch mit ihr nur freuen kann. Und das taten wir und lernten nicht nur Coltof selbst, sondern speziell auch ihre Ansicht zum Kinder- und Jugendtheater sehr ausführlich kennen, die uns sehr fasziniert und begeistert hat.

Liesbeth Coltof kommt gebürtig aus den Niederlanden und lebt in Overveen, westlich von Amsterdam, nicht weit von der Nordsee. Seit über 30 Jahren prägt sie erfolgreich das Kinder- und Jugendtheater. Zahlreiche Auszeichnungen erhielt sie schon, zuletzt 2016 den deutschen Theaterpreis „DER FAUST“ für Ihre Inszenierung von Der Junge mit dem Koffer (von Mike Kenny), welches sie ebenfalls am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf inszeniert hat. Inzwischen gilt sie als feste Instanz für das Kinder- und Jugendtheater und ihre Arbeit wird weltweit gern angenommen und geschätzt.

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„Kinder leben in derselben Welt, wie wir. […] Kinder sehen viel mehr als Erwachsene, weil sie viel offener sind und viel mehr mit ihrem Herzen gucken als die meisten Erwachsenen.“ (Foto: privat)

Zum Theater ist Liesbeth Coltof schon früh gekommen. „Theater ist immer in meinem Leben gewesen.“, sagt sie, denn ihr Vater habe sie schon früh mit zu Theateraufführungen genommen. Zwar waren diese Theateraufführungen nicht für Kinder gedacht, doch das machte Coltof nichts, denn schon sehr zeitig bemerkte sie, dass sie mit den kindergerechten Theaterstücken und Märchen nichts anfangen konnte. Sie fand es verwunderlich warum die Erwachsenen sich gegenüber Kindern immer so sonderbar verhielten: „Schon als Kind dachte ich immer: ‚Warum sind die so kindlich zu mir?‘, denken sie, dass ich die Dinge nicht verstehe? […] Warum sagen die Erwachsenen nicht einfach was passiert, warum gebrauchen sie immer solche süßen Wörter oder warum sprechen sie immer in so einem fremden Ton mit mir? […] Das habe ich nie verstanden.“ Für die Theatermacherin lag es auf der Hand, dass sie dasselbe sehe wie die Erwachsenen. „Kinder leben in derselben Welt, wie wir. Natürlich ist ihre Perspektive etwas anders, das ist wahr, aber es ist nicht so, dass Kinder Sachen nicht sehen. Kinder sehen alles. Kinder sehen viel mehr als Erwachsene, weil sie viel offener sind und viel mehr mit ihrem Herzen gucken als die meisten Erwachsenen.“ Und genau das war für sie damals schon der Anreiz Theater machen zu wollen. Für Coltof sei Theater eine Verbindung gewesen, mit deren Hilfe sie ihre Ansichten einbringen könne. Theater für Kinder und Jugendliche muss nicht süß sein oder eine einfache Sprache gebrauchen, sie müssen sich nur mit dem Theater identifizieren können, denn dann können sie auch die komplexeren Zusammenhänge verstehen.

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„[…] Das war für mich eine so wichtige Erfahrung, dass ich festgestellt habe, dass man im Theater über Themen sprechen kann, über die man im normalen Leben fast nicht spricht. Von da an wollte ich immer Theater machen.“ (Foto: Bibi Veth)

Die endgültige Entscheidung im Theaterbereich arbeiten zu wollen hat Liesbeth Coltof bei einer Schulaufführung getroffen. Mit 14 Jahren hat sie in einem Theaterstück an ihrer Schule mitgespielt. Das Stück hatte viele kleine Szene und fand in verschiedenen Räumen statt und es beschäftigte sich mit dem Thema Tod. „Wir hatten die Abteilung Selbstmord. Als ich jung war, war das ein Thema über das natürlich nicht gesprochen wurde. Das Thema gab es, aber es sollte bitte nicht darüber gesprochen werden.“, so Coltof. Sie wusste schon damals, dass Erwachsene ihre Kinder vor solchen Themen schützen wollen. „Und dann haben wir auf der Bühne gestanden und haben darüber gesprochen und damit gespielt und es war unglaublich, denn die Erwachsenen haben nichts gesagt, sie haben nur dagesessen und zugehört und am Ende haben sie geklatscht. Das war so anders. […] Worüber die Erwachsenen im normalen Leben nicht sprechen wollten, das war im Theater plötzlich okay. Das war für mich eine so wichtige Erfahrung, dass ich festgestellt habe, dass man im Theater über Themen sprechen kann, über die man im normalen Leben fast nicht spricht. Von da an wollte ich immer Theater machen.“

Nach der Schule bildete sie sich entsprechend fort. Entgegen den sehr strikt geregelten Studiengängen und Ausbildungen in Deutschland ist es in den Niederlanden üblich zunächst alles zu lernen, das im Zusammenhang mit Theater steht. Bereits in ihrem zweiten Jahr an der Schauspielschule gründete sie mit Mitschülern ein Theaterkollektiv, in welchem jeder in allen Bereichen angepackt hat: „Wir haben geschrieben, gespielt, Regie geführt, Bühnenbilder gebaut, ich kann auch Lastwagen fahren, die Beleuchtung eingerichtet, wir waren ein Kollektiv in dem alle alles konnten.“ In diesem Kollektiv hat Liesbeth noch einige Jahre mitgearbeitet. Die Spezialisierung auf die Regie kam erst mit den Jahren, denn mit der Zeit ergab es sich, dass man unterschiedliche Wege einschlug. Die einen wurden Schauspieler, die anderen Bühnenbildner und Liesbeth wurde Regisseurin. Zuletzt hat sie vor 32 Jahren selbst auf der Bühne gestanden. Die Erfahrungen sind ihr wichtig, doch seitdem hat sie sich voll und ganz auf die Regiearbeit fokussiert.

Ihr Interesse am Kinder- und Jugendtheater hat sie in ihrer Regietätigkeit stets weiterverfolgt: „Für mich war es immer wichtig Kinder ernst zu nehmen.“ Der frühe Tod ihrer Mutter hat Liesbeths Sicht auf die Welt schon in jungen Jahren verändert und sie fand sich im Theater nicht verstanden und fand, dass dies nichts mit der Welt zu tun hatte in der sie lebte. Sie dachte damals, dass man sie für blöd verkaufen wolle, Personen stehen auf der Bühne, die Feen spielen und ihr eine heile Welt suggerieren, die sie so damals nicht gesehen habe. „Ich wollte Kinder- und Jugendtheater machen, das etwas bedeutet für diese Menschen. Man sagt immer die Kindheit sei die glücklichste Zeit in einem Leben, doch das ist nicht so. Die Kindheit ist glücklich, aber nicht nur glücklich […]. Wir Erwachsenen wollen das gerne so.“ Als Beispiele, dass eine Kindheit auch mal nicht glücklich sein kann nennt Coltof den Umzug in eine neue Stadt, den Wechsel der Schule, dass man von seinen Klassenkameraden gemobbt wird. Es muss nicht, wie in ihrem Fall, ein Elternteil sterben, es gibt genügend andere Gründe, die Kinder in eine schwierige Situation bringen. „Kinder haben ein großes Vermögen um glücklich zu sein, sie sind eigentlich viel stärker als Erwachsene, können viel mehr ertragen, aber auch Kinder erleben Momente, die nicht schön sind und über die nicht gesprochen wird. Meine Arbeit zielt immer darauf ab dieses Schweigen zu durchbrechen, denn ich hasse das Schweigen.“

Mit der Faust in die Welt schlagen
„Kinder haben ein großes Vermögen um glücklich zu sein, […] aber auch Kinder erleben Momente, die nicht schön sind und über die nicht gesprochen wird. Meine Arbeit zielt immer darauf ab dieses Schweigen zu durchbrechen, denn ich hasse das Schweigen.“ (Foto: Sebastian Hoppe, mit Daniel Séjourné, Ingo Tomi, Ursula Hobmair, Szenenbild aus „Mit der Faust in die Welt Schlagen“, Staatsschauspiel Dresden)

Deshalb  engagiert sich Liesbeth Coltof seit über 20 Jahren auch in Krisengebieten, wie Palästina oder dem Gaza-Streifen und gibt vor Ort Workshops und macht Theater mit den Kindern. Allerdings bringt sie hierfür nicht irgendwelche Geschichten mit, die sie erzählen möchte und die eine glückliche Welt abbilden, sondern sie arbeitet mit den Kindern, damit sie auch das Gefühl haben verstanden zu werden. „Dann hilft es den Kindern auch, dann macht es sie stärker. Theater kann ein Kind stärker machen, aber es macht das Kind nicht stärker, wenn es so tun muss als wäre nichts passiert. Dann tritt das Gegenteil ein: Das Theater macht das Kind schwächer, weil es alleine mit seinen Erfahrungen bleibt, die es gemacht hat und die Erwachsenen tun so als ob es diese Erfahrungen nicht gäbe.“

Genau an diesen Erfahrungen möchte Coltof anknüpfen und das schätzt sie an ihrer aktuellen Arbeit am Jungen Schauspiel in Düsseldorf. Das Ensemble von Antigone ist bunt besetzt, die Menschen haben ganz unterschiedliche Erfahrungen und kulturelle Hintergründe, doch gerade das macht die Arbeit mit dem Ensemble so spannend. „Für mich ist es wichtig, dass man diese Leute auf der Bühne sieht. Beispielsweise ist es für ein türkisches Kind fremd, wenn es oft ins Theater geht und es nur Deutsche auf der Bühne sieht. Was muss dieses Kind denken? Für wen ist das Theater dann da, wenn man sich nicht identifizieren kann?“ Die multikulturelle Besetzung von Ensembles liegt Liesbeth sehr am Herzen, auch bei ihrer Arbeit in ihrem niederländischen Ensemble Toneelmakerij. Und sie findet, dass man In den Niederlanden schon weiter ist als in Deutschland, sagt aber auch, dass sich die Situation in Deutschland langsam ändert. Regisseure und Theaterhäuser werden offener, sie geben den Menschen verschiedener ethnischer Herkunft einen Platz auf der Bühne. Dabei geht es nicht darum, dass jemand verdrängt wird oder man jemandem seinen Platz wegnimmt. Es geht um Identifikation. Wir leben immer mehr in einer multikulturellen Gesellschaft. „In Holland gibt es viele Menschen aus Suriname. Als sie vor Jahren noch Kinder waren und ins Theater gingen, haben sie nur weiße Menschen auf der Bühne gesehen. Sie fühlten sich nach einiger Zeit nicht mehr angesprochen, denn niemand von ihnen stand auf der Bühne. Dann ist es auch nicht verwunderlich, dass solche Leute, wenn sie älter werden, nicht mehr ins Theater gehen. Theater muss divers sein, denn das Publikum ist divers.“

Antigone
„[…] Theater muss divers sein, denn das Publikum ist divers.“ (Foto: David Baltzer, mit Noëmi Krausz, Jonathan Gyles, Eduard Lind, Selin Dörtkardeş, Aylin Celik; Szenenbild aus „Antigone“, Junges Schauspiel Düsseldorf)

Mit Blick auf ihre aktuelle Regie zu Sophokles‘ Antigone am Jungen Schauspiel Düsseldorf setzt Coltof deshalb auch verschiedene Akzente. Neben der multikulturellen Besetzung wagt sie sich selbst auch an neue Medien, wie beispielsweise Rap. Eigentlich sei das nicht ihre Musikrichtung, doch fand sie, dass dies die Jugendlichen mehr anspricht statt ihnen den Chor aus der eigentlichen Vorlage zu präsentieren. So gab sie den beiden Rappern Aylin Celik und Uğur Kepenek Aufträge mit, in welchen sich beide mit den Thematiken auseinandersetzen sollten, die durch den Chor in der Textvorlage besprochen werden. Sie stellte die Aufgabe so, dass die beiden die Texte selbst schreiben konnten, so wie es für sie am besten ist, um es als Rap umzusetzen. Dass dieses Konzept aufgeht, darüber haben wir bereits ausführlich in unserem Text zur Voraufführung berichtet.

Und dann geht unser gemeinsames Gespräch dem Ende zu. Liesbeth Coltof muss wieder zurück auf die Bühne, die Beleuchtungsprobe läuft bereits. Der Eindruck, den sie hinterlässt ist ein starker, denn ihr Einsatz und Ihre Mühe den Kindern und Jugendlichen eine Stimme zu geben, oder sie zumindest in Form der professionellen Darstellerinnen und Darsteller zu repräsentieren, ist unermüdlich. Ans Aufhören denkt Coltof noch lange nicht, auch ihre Reisen in Krisengebiete möchte sie weitermachen, solange sie gesund und fit ist. Wir ziehen unseren Hut vor so viel Energie und wünschen uns, dass Liesbeth Coltof noch lange in der Theaterarbeit wirken kann und wir werden ihre Arbeiten weiterverfolgen. Immerhin schafft sie es aktuell in Düsseldorf ein antikes Drama ins Hier und Jetzt zu holen, sodass es für jeden verständlich ist und zeigt dabei die Parallelen zu den heutigen Problemen auf. Wir wünschen für die Aufführungen, sowie für die weiteren Arbeiten alles Gute und freuen uns schon jetzt auf weitere Inszenierungen von ihr.


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