Ein Stück, zwei Meinungen – Immersive Theatre, die etwas andere Art des Theaterbesuchs:

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Bilder: Sarah Hüttenberend

Und da sitzt du, vor dir steht ein Holzpenis, auf dem Tisch eine Schale mit Kondomen. „Bitte einmal drüberziehen“, sagt dir der Arzt. Da überlegst du erst mal: ist das noch Theater oder einfach nur doof?

Vergangenen Freitag haben wir uns mal wieder etwas getraut. Machina eX heißt die Gruppe, die uns das Stück „Right of Passage“ präsentiert. Wobei präsentieren ist gut. Da standen wir mit unserem Pass und wollten in die Lörrische Republik. Die Schauspieler sprachen mit einem, man konnte mit ihnen interagieren, ihnen Fragen stellen, einen trinken oder zocken gehen. Ziel war es in die Lörrische Republik einreisen zu dürfen. Möge das Spiel beginnen!

Es hat seine Zeit gedauert, bis wir verstanden haben, dass das Spiel wie ein Computerspiel aufgebaut ist. Mit jedem neuen Tag gab es eine neue Aufgabe. Die Schauspieler agierten zu der Zeit in einer Endlosschleife. So lange konnte man nicht wirklich weiterkommen, denn zu diesen Zeiten war die Interaktion nicht möglich. Es sei denn man hat die Aufgabe gelöst und einen speziellen Gegenstand gefunden (Desinfektionsmittel in Form von Alkohol für den Arzt, eine Medizin, mit der sich aber nur eine Person eingedeckt hatte, Koordinaten, Samen usw.).

Und so begann nach einiger Zeit jeder sein eigenes Abenteuer:

Werners Sicht:

Ich gebe zu, als ich gehört hab, dass der ganze Spaß bis zu 3 Stunden dauert war meine Motivation im Keller. Die ganze Bahnfahrt sagte Marius mir „Vielleicht wird es ja doch ganz nett“. Dann ging es los, ich bekam endlich meinen Pass, Marius und Sarah (eine gemeinsame Freundin) hielten jeweils 200 und 100 Pradt (die lokale Währung) in den Händen. Ich öffne meinen Pass… gähnende Leere. „Das wird ja grandios“ dachte ich mir. Dann wurden wir ins Camp an die Lörrische Grenze geführt. Die Studiobühne der Kölner Uni wurde umgebaut, wir wurden „eingeschlossen“ (natürlich nicht wirklich, aber man befand sich plötzlich in einer anderen Welt). Die Schauspieler beginnen zu spielen, regen sich über die Neuankömmlinge auf. „Kann ich mich jetzt bewegen? Das interessiert mich nicht“, sagt Marius zu mir. Ich denke ähnlich. Dennoch bleiben wir stehen, weil wir noch nicht wissen was Sache ist. Dann geht’s los, die ersten schreiten mutig voran, erkunden das Camp. Eine Bar, einen Arzt eine Fabrik, ein kleiner Laden, eine Hilfsorganisation, ein Internetcafé, eine Kirche und eine Telefonzelle gibt es. Und den Grenzposten.

Zunächst latsche ich zum Arzt „Haben Sie das Formular schon ausgefüllt?“ fragt man mich kritisch. „Nö“ antworte ich noch leicht demotiviert. Dann bekam ich ein Blatt, aber keinen Stift. Dann beginnen wir unsere Suche. Langsam nehmen wir Fahrt auf. Marius investiert sein ganzes Geld in einen Kuli – naja, sagen wir in einen halben, denn schreiben konnte der nicht. Da war für mich klar: Ehrlichkeit währt hier sicher nicht am längsten!

Um endlich an Kohle zu kommen verkaufte ich meine Brille. Gott sei Dank komme ich auch ohne klar. Mit 200 Pradt in der Tasche fühlte mich zumindest nicht mehr so hilflos. Beim Arzt war ich aber immer noch nicht. Inzwischen konnten wir einen Bleistift ergattern. Wir füllen das Formular aus und stellen uns an. Und warten… ziemlich lange, denn der Onkel Doktor bevorzugt lieber Frauen. Als ich dann dran bin reiche ich ihm mein völlig zerknittertes Formular. Das wandert prompt in die Tonne: „Das brauchen wir hier nicht“. Während meines Besuches geht der Alarm los. „Was ist das?“ Frage ich kritisch nach. „Da will wieder wer über die Grenze, aber den holen die zurück.“ Unbeirrt macht der Arzt weiter, pudert mir die Hände mit Babypuder und stellt mir dann einen Holzpenis vor die Nase. Genau! Einen Holzpenis. Ich möge doch bitte mal ein Kondom darüber ziehen. Etwas perplex und verunsichert tat ich es trotzdem. „Das ist nicht gut“, sagte der Arzt mir. „Warum!?“, fragte ich etwas überfordert. „Da ist eine Blase, das kann platzen“. Provoziert drückte ich beherzt mit Daumen und Zeigefinger zu „So, jetzt ist die Blase weg“. Der Arzt schaut mich an, dann spielen wir eine Runde Wahrheit oder Pflicht. Ich nehme Wahrheit, beantworte seine Frage und bekomme mein Gesundheitsstempel. Etwas verstört war ich dennoch.

Und dann nahm die kriminelle Karriere langsam seinen Lauf. Sarah und ich fanden einen Schlüssel, und wollten wissen wo dieser passt. Da wir den Schlüssel von der Fabrikinhaberin gestohlen haben, dachten wir, der würde auf ihre Kasse passen. In der nächsten Nacht stand Sarah schmiere, und ich schlich mich in die Fabrik. Schade nur, dass auch der Grenzposten da war. Scheinbar waren wir beide überrascht. Im Eifer des Gefechts bot mir der Grenzposten ein Geschäft an. „Willste 400 Pradt verdienen!?“ Klar wollte ich das! „Nächste Nacht, da vorne an der Ecke, alles weitere sag ich dir dann“. Gesagt getan. Ich bekam folgenden Zettel in die Hand:

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Zu dem besagten „Loch“ wurde ich dann vom sympathischen Grenzposten hingeführt. Dass ich jetzt keine ausführliche Pediküre erhalte, das war mir irgendwie schon klar. Dann steckte ich den Fuß durch. Ich hörte das Geräusch einer sich öffnenden Tube. Es wurde glibberig und schmierig. Mein Fuß erhielt eine kleine Massage: ich weiß nicht was es war, aber nach der Sache mit dem Kondom vermute ich, dass es sich tatsächlich um Gleitgel handelte. Als ich danach einen Schritt mit meinem eingeschmierten Fuß gehen wollte, lag ich fast da. Kurzerhand zog ich eine kleine Glibberspur und versuchte das Gröbste loszuwerden. Meine 400 Pradt habe ich allerdings dafür nicht gesehen. Haben wollte ich die aber, das war klar! Am nächsten Tag stellte ich mich am Grenzposten an und griff im Endeffekt sogar 500 Pradt ab. „Guter Mann“, sagte ich ihm und verschwand wieder.

Den Rest des Abends brachte ich dann damit zu, zu sehen wo der Schlüssel passt, ob man damit die Alarmanlage deaktivieren könne und meine Geburtsurkunde zu fälschen. Für mein Land, aus welchem ich herkam war das auch tatsächlich erforderlich! Dumm nur, dass meine Fälschung nicht ausreichend war. Ich bekam einen Stempel „kriminell“. Der Grenzposten ließ sich auch nicht schmieren, nicht mal mit 1000 Pradt, die inzwischen den Weg in meine Tasche gefunden hatten. Gegen Schluss konnte ich endlich meine Brille zurückkaufen. Als ich endlich wusste, wie ich meine Geburtsurkunde zu fälschen hatte, rollten jedoch die Bagger an. Das Spiel war vorbei, wir hatten es nicht geschafft. Nach fast 3,5 Stunden mussten wir einsehen, dass wir zwar nicht aufgegeben hatten (denn einige Leute hatten keinen Bock mehr), aber geschafft hatten wir es trotzdem nicht.

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Der Abend hat mir gezeigt, dass wenn man selbst als Flüchtling unterwegs ist, man schnell zu krummen Geschäften kommt und auch selbst Dinge tut, die im realen Leben illegal sind. Hier wusste ich, dass es ein Spiel war, in dem auch ich nach einiger Zeit in meine Rolle gefunden hatte. Aber die Realität ist kein Spiel. Das Stück war nicht moralinsauer, man ging auch nicht mit einem bedrückten Gefühl nach Hause, aber es hat einen Eindruck hinterlassen. Und dafür hat sich der Abend gelohnt! Die Art der Darstellung war mir vollkommen neu und ich hab meine Zeit gebraucht. Aber dann war ich voll im Spiel, habe Anweisungen befolgt, mit den Leuten gesprochen, krumme Dinger gedreht, die Leute angelogen, Geschäfte gemacht und meinen eigenen Charakter entwickelt. Irgendwie hatte Marius dann doch Recht als er sagte „Vielleicht wird es ja doch ganz nett“.

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Marius‘ Sicht

Josephine Machon, Senior Research Fellow an der Middlesex University of London, Abteilung Performing Art, in leitet in ihr Buch “Immersive Theaters – Intimacy and Immediacy in Contemporary Performances” ein mit den Worten:

“Remember what it is like to be immersed in water; to lie back slowly and put your head underwater in the bath. The muted sensation of being submerged in another medium, where the rules change because if you were to breath as normal your lungs would fill with water, so you have to hold your breath, feeling the buoyancy of your body in this new realm, attending to every moment of what this new experience offers. At once being able to relax within that otherworldly feeling but always alert, ready to respond to your body’s eventual need for oxygen.”

Machon vergleicht also diese Form des Theaters mit dem Abtauchen unter Wasser. Wir tauchen ab in ein Medium, in dem wir nicht atmen können, sind uns immer der Tatsache bewusst, dass wir hier nicht für immer bleiben können (und wollen?) und jederzeit wieder zurückkehren können an die Oberfläche, um Luft zu holen.

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„Right of Passage“ war für mich das erste Theatererlebnis zum Abtauchen. Und ich muss mir eingestehen, dass mir dies nicht leicht fiel.
Die Euphorie, die Werner oben entwickelte, kam bei mir nicht sonderlich auf. Ich möchte zu verstehen geben, dass ich die Arbeit der Gruppe schätze, begeistert war von diesen drei Stunden und auch überall in höchsten Tönen gelobt habe. Aber dennoch muss ich mir die Frage stellen: Warum hat mich das nicht gepackt? Ein Antwortversuch:

Genau wie Werner startete ich in nichtsahnend in diesen Abend. Ich bekam meinen Pass, 200 Pradt, wurde von unsympathischen Lagerbewohnern begrüßt und dann von der Leine gelassen. Ich kaufte mir für mein gesamtes Geld einen Kugelschreiber ohne Mine, wartete 45 Minuten beim Arzt, mir fehlte die Weiblichkeit, stülpte erfolgreich ein Kondom über einen Holzpenis, wurde beglückwünscht, dass ich dies sehr gut könne und beim Arzt sofort eine Anstellung als Sexualaufklärer bekäme, wenn er sich das nur leisten konnte. Eine Stunde im Lager ist vergangen, die beschleunigte Zeit in diesem theatralen Point-and-Click-Adventure, wie die Gruppe das Geschehen selber beschreibt, geht schneller voran. Ich habe schon mehrere Nächte und Tage alleine damit verbracht, mein Gesundheitszeugnis ausgestellt zu bekommen.

In der Wartezeit auf der wackeligen Holzbank vor der Baracke des Arztes blieb mir viel Zeit zum Nachdenken, kamen doch immer wieder Frauen, die er bevorzugte. Ich fragte mich, was ich machen muss, um hier abzutauchen. „Du kannst Dich ja einfach mal darauf einlassen“, habe ich mir dann gesagt und dies sofort versucht. Eine Holzpenis-Babypuder-Anschiss-vom-Grenzposten-Seuchenimpfung-Erfahrung später saß ich dann wieder da. Auf einem herumgedrehten Cola-Kasten. Ich blickte hinauf in den Himmel über dem Lager. Was sah ich? Klar: Scheinwerfer. Wir waren ja auf einer Theaterbühne.

Das Stück versucht sehr penibel, das Szenario eines Lagers, in dem sich immer mehr Migranten mit Hoffnung auf ein besseres Leben ansammeln, soll geschaffen werden. Es wird umständlich. Es wird unangenehm. Es wird fremd. Man ist auf sich alleine gestellt, vergisst das Um-Sich-Herum und kämpft um ein besseres Leben. Es hängen Existenzen ab vom Erfolg und dem Scheitern des Tuns im Lager. Aber nicht meine. Ich bin glücklich. Mir kann keiner was. Was macht der Grenzposten, wenn ich einfach an ihm vorbei laufe? Mich erschießen? Nö, ist ja nur Theater. Ich könnte jederzeit gehen und mir im Foyer des Theaters ein kühles Bier trinken. Die Schauspieler geben sich alle Mühe, das Szenario so erdrückend wie möglich zu gestalten. Aber dennoch, dieses „Aber“ steckt in meinem Hinterkopf. „Ich muss das ja nicht“, denke ich mir. Ich habe den Luxus, dass ich hier auch die Füße hochlegen kann.

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Und genau darum geht es in diesen immersiven Theaterprodukten. Auf das Sich-Einlassen. Auf die Bereitschaft. Auf das Wollen. Auf das Abtauchen in der Gewissheit, dass es unter Wasser keinen Sauerstoff gibt. Vielleicht muss ich das noch üben. Vielleicht muss ich das noch genauer verstehen.

Machon schreibt weiter:

I have had immersive experiences where I have zoned in and out of total immersion for various reasons, including a lack of authenticity in execution or frustration at not being able to get ‘where I want to be’.”

Vielleicht war es genau das bei mir. Die Frustation, nicht anzukommen, weil ich keine Gefahr verspürte. Vielleicht bin ich auch einfach ein zu schlechter Schauspieler, um mich in drei Stunden in einen Flüchtling, der Krieg, religiöse oder politische Verfolgung oder sonstige Gräuel erlebt hat, hineinzuversetzen. Vielleicht bin ich auch einfach nicht ehrgeizig genug. Bei Spielen schmeiße ich die Flinte gerne schnell ins Korn. Beim Monopoly verliere ich schnell die Lust, verschenke mein Geld dann, deshalb freuen meine Freunde sich immer, wenn ich mitspiele. Sichere Anlage.

Und wie ging’s für mich aus? Ich hab‘ resigniert. Nachdem ich meine Gesundheitsbescheinigung hatte und am Ende zufällig ein paar Stempel fand, die mir auch meine Arbeitserlaubnis bescheinigten, holte ich mir die Gewissensprüfung beim Soldaten ab, dass ich trotz Konfessionslosigkeit ein guter Christ bin und verließ das Lager dann zurück Heimatland, keine Lörrische Republik für mich.

An einer Sache hat’s auf jeden Fall nicht gelegen: An machina eX. Diese Gruppe ist einmalig und nur zu empfehlen. Die Schauspieler wissen, was sie tun, sind in den einstudierten Sequenzen sowie in den freien, spontanen Situationen vollkommen souverän und wissen mit dem anfangs scheuen Publikum umzugehen. Man fühlt sich irgendwann aufgenommen. Das Lager wird immer weniger fremd. Auch, wenn man nicht mitspielen will.

Ich für meinen Teil werde es auf jeden Fall erneut versuchen.

Vielen Dank für diese tollen drei Stunden!

Weitere Infos zu machina eX findet Ihr auf der Homepage der Gruppe:
http://machinaex.de/

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