Tecklenburg: Wie Urlaub im Mittelalter bei Artus und Merlin

Beitragsbild: Stefan Grothus

Musicals sind seit langem schon ein Teil unserer Popkultur. Und da sie ein Zweig des Theaters sind, war es auch nur eine Frage der Zeit, bis wir uns auf unserem Blog mit einem Musical beschäftigen. Die ersten Ideen, die kommen, wenn man an Musicals denkt, sind sicherlich die Stage-Produktionen, die aus der Stadt Hamburg mittlerweile eine Art Deutschen Broadway gemacht haben. Namhafte Produktionen wie König der Löwen, Tarzan, Aladdin, Das Wunder von Bern oder das Phantom der Oper sind sicherlich Werke, die wir alle – zumindest vom Hören – kennen. Sie locken Jahr für Jahr tausende Besucher an, welche ein Heidengeld bezahlen für – zugegebenermaßen – sehr eindrucksvolle Shows. Aber es muss nicht immer Stage sein und auch nicht immer Hamburg, wenn man Bauklötze staunen will. Das Zauberwort für diesen Beitrag: Tecklenburg!

Eines schönen Sommertages machten wir uns zu dritt, dieses Mal in Begleitung von unserem Spielleiterkollegen Sebastian auf in das kleine, 9.000 Einwohner große Städtchen Tecklenburg im Münsterland. Ziel: Die Freilichtbühne, auf der am Abend Artus – Excalibur aufgeführt werden sollte.

Zwar geht es in diesem Blog hauptsächlich um das Theater, doch muss dieser Eintrag gezwungenermaßen auch etwas Werbung für Tecklenburg selber machen, es war einfach zu schön. Die kleine, überschaubare Stadt, die sicherlich die meiste Berühmtheit durch die Freilichtbühne erlangt hat, die immerhin die größte Freilichtbühne Deutschlands ist, ist eine, die den Charme des 13. Jahrhunderts, in welchem sie erstmalig als (Vor)Stadt erwähnt wurde, irgendwie noch nicht verloren hat. Bei einem Spaziergang kann man nicht nur die frische Luft des Münsterlandes, sondern auch die vielen wunderschönen Fachwerkhäuser, welche heute exzellente Restaurants, Cafés und Kramläden beherbergen, genießen. Kopfsteinpflaster, enge Gassen und viel Natur lassen Wanderer-, Fotografen-, Touristen-, und Nostalgikerherzen höherschlagen. Feinschmecker kommen bei den vielen Cafés und Restaurants kulinarisch voll auf ihre Kosten.

Grund genug für uns also, etwas früher anzureisen, damit wir uns auch die Chance geben können, uns schnell in Tecklenburg zu verlieben. Und so spazieren wir durch die Stadt in spätmittelalterlichem Charme und können nicht mehr aufhören, zu staunen, malen uns schon aus, hier unseren Lebensabend zu verbringen. Plötzlich beim Spaziergang dann eine Stimme. Erst mal nichts Besonderes. Ein Mann redet. Amerikanisches Englisch. Das war neu. Sonst hören wir nur viele Niederländer. Ein fescher Kerl, im blauen Polo-Shirt, Sonnenbrille, stylische Armbänder, leicht ergrautes Haar, ebenso grauer zehn Tage Bart. Darf das denn wahr sein? Das ist Kevin Tarte! Oh ja! Nicht jedem Leser wird hier ein Licht aufgehen, nur Musicalfans verspüren schon einen Herzsprung. Den Amerikaner Kevin Tarte kann man getrost als eine Galionsfigur der deutschsprachigen Musicalszene betrachten. Auf seine Kappe gehen Rollen wie der Graf von Krolock aus Tanz der Vampire, der teuflische Barbier Sweeney Todd aus dem gleichnamigen Musical oder das Biest aus Die Schöne und das Biest. Doch auch als Darsteller in Opern und Operetten ist er des Öfteren zu sehen (Kurz und knapp für Besserwisser: Opern = eher lange, tragende Stücke mit düsterer Stimmung, Operette = wesentlich kürzere Stücke, die auch fröhlichere Themen und Melodien beinhalten. Bei beiden wird der Text durchweg gesungen).
Wir – zuerst etwas verhalten – müssen ihn einfach ansprechen. Schüchtern wie drei kleine Jungs, die zum ersten Mal mit Mädchen reden, nähern uns, Tarte grüßt bereits freundlich, grinst über beide Ohren. Sebastian fragt höflich an: „Entschuldigung, wir sind Fans…“ Und so kommen wir ins Gespräch. Wir erfahren, dass er gerade angereist ist, zuvor eine Musicalgala in Stuttgart gesungen hat, bekommen Autogrammkarten, machen ein Foto mit ihm und als eine sächsische Familie auftaucht, die auch gemerkt hat, dass hier ein Star Autogrammkarten verschenkt, stellt er sich vor: „Ich bin Merlin, Seher der Könige“, streckt der Dame eine Autogrammkarte entgegen, auf der er mit Kostüm zu sehen ist und ergänzt: „So sieht der aus!“. Die Dame überkommt ein leichter Fluchtreflex, uns überkommt Gänsehaut. Diese Stimme, dieser Pathos, dieser Kevin Tarte. Und so freuen wir uns riesig auf den Abend, an dem wir ihn dann in seiner Hauptrolle, dem Zauberer Merlin im Musical Artus – Excalibur sehen dürfen, geben ihm zum Abschied die Hand und freuen uns, aufgeregt wie Zwöfljährige am Tag vor Weihnachten auf eine richtig tolle Show.

Nach einem sehr leckeren Abendessen machen wir uns auf zur Freilichtbühne Tecklenburg. Diese kann man sich vorstellen als eine Bühne unter freiem Himmel, die auf den Ruinen der Burg Tecklenburg errichtet wurde. Das mehr als 2.000 Zuschauer umfassende Auditorium ist von einer mächtigen Plane überspannt, die Bühne ist riesig, die hintere Bühnenwand besteht aus hohen Bäumen, rechts und links große Tore, welche augenscheinlich noch der mittelalterlichen Burg angehören. Das Orchester, üblich, unter der Bühne, kaum zu sehen. Das Schloss Camelot, stellvertretend dargestellt durch eine ebenfalls ruinenartig wirkende Kulisse, steht im Zentrum der Bühne, es ist durch einen Treppenaufgang auf zwei Ebenen bespielbar. Zur linken noch eine kleinere Kulisse, ein Schlafzimmer mit Kamin vorm Bett, alles sehr edel, der Sitz des tyrannischen Königs Loth von Orkney, dem Antagonisten. Ansonsten sehen wir eine freie Spielfläche für eine Menge Schlachten, Tanz und Gänsehaut-Gesang. Aber der Reihe nach.

Foto: Stefan Grothus

Die Handlung von Frank Wildhorns Musical Artus – Excalibur zehrt natürlich aus der Sage um den legendären englischen König Artus und sein Schwert Excalibur, welches vom Druiden Merlin in einen Stein gerammt wurde. Nur der wahre König Englands sei in der Lage, das Schwert wieder aus dem Stein zu ziehen.
Die Geschichte ist weit bekannt, eine Nacherzählung würde den Rahmen des Beitrags sprengen, nur so viel: Die Handlung setzt ein kurz bevor Artus das Schwert aus dem Stein zieht. Es entwickeln sich mehrere Plotlines um die Liebe zwischen Artus und Guinevere, in die sich ebenfalls der in Guinevere verliebte Ziehbruder und Freund des Artus, Lancelot verstrickt, um den Krieg zwischen dem bald zum König gekrönten Artus und seinem Widersacher, König Loth von Orkney und um Artus und seine Halbschwester Morgana, welche ihn nicht als Bruder anerkennt, weil er in ihren Augen ein Produkt aus Zauberei und Hurerei ist. Morgana sieht sich selber auf dem Thron und ist so sehr durch ihre Rachsucht erzürnt, dass sie sich König Loth anschließt und zusammen mit seiner Hilfe Artus stürzen will.

Foto: Stefan Grothus

Hui, da ist viel los im Britannien des fünften oder sechsten Jahrhunderts. Wir wollen nicht den Ausgang der Geschichte verraten. Vielleicht kennt der Leser ihn ja auch schon. Wenn nicht, umso besser: Der Besuch in Tecklenburg sollte dann jetzt bereits in Planung sein.

Wir haben ein Musical gesehen, das sämtliche Dimensionen sprengt, die wir bisher kannten. Wir haben sie nicht gezählt, doch können wir mit Sicherheit davon ausgehen, dass das Ensemble weit mehr als einhundert Darsteller umfasste. Und jeder Einzelne wirkte wie ein perfekt funktionierendes Zahnrad in einem komplexen Gefüge der Musicalkunst. Der Atem stockte häufig, besonderes Augenmerk legte man auf Choreografien. Nicht nur der Tanz, der vor perfekter Körperspannung und punktgenauen Bewegungen nur so strotzte, auch der Kampf senkte unsere Kinnladen. Die erste Schlacht wird in Zeitlupe geschlagen, etwas verwundert blickten wir uns an, Kampfchoreographien in Zeitlupe, das ist ja schon ein alter Hut, sogar bei uns um Jugendtheater. Aber das nur als aufwärmender Effekt. Keine Sorge: Das Kämpfen soll noch richtig abgehen. Solch dynamische Massenchoreografien mit langen, schweren Schwertern haben wir bis jetzt nur im Kino gesehen, da wird richtig draufgehauen, kaltes Metall knallt aufeinander, so muss das geklungen haben im Mittelalter. Wir sind uns da nicht ganz sicher, aber wir vermuten hier die Handschrift vom Altmeister des Bühnenkampfes, Klaus Figge, bei dem wir selber vor mehreren Jahren einen Workshop belegen durften und sehr viel gelernt haben.

Foto: Stefan Grothus

Doch auch der Gesang war auf den Punkt. Die Hauptdarsteller um Armin Kahl, Kevin Tarte, Milica Jovanovic, Dominik Hees und Roberta Valentini werden unterstützt durch das 24-köpfige Ensemble, sowie den Chor und das geniale Orchester der Freilichtspiele. Da kommt also einiges zusammen. Besonders in den chorisch gesungenen Stücken sind wir begeistert, wie so viele Stimmen so punktuell gleichzeitig singen, dass man sauber jedes Wort versteht. Tragende Säule neben dem eingangs bereits hochgepreisten Kevin Tarte, der hier als Zauberer Merlin im wohl epischsten Merlin-Kostüm, mit langem Mantel, Pelz auf den Schultern und langen weißen Haaren für einen Gänsehautmoment nach dem anderen sorgt, Roberta Valentini, ebenfalls ein altbekannter Star der deutschen Musicalszene. Man kennt die italienisch-deutsche Sängerin aus Klassikern wie Elisabeth, wo sie bereits die Titelrolle spielte oder – super rockig – aus Hape Kerkelings Kein Pardon!, wo sie neben Enrico de Pieri, der momentan den Dschinni in Hamburg bei Aladdin gibt, die Rolle der Ulla spielte. Was für eine Stimme. Wir haben keine große Ahnung von Gesang und Musik, aber das Gefühl spürten wir, neben Gänsehaut auch hin und wieder ein leicht feuchtes Auge.

Foto: Stefan Grothus

Eine besondere Augenweide bot der zweite Akt. Hier tat die Dämmerung nämlich ihr Übriges zur Gestaltung der Bühne. Nachdem die Sonne untergegangen war, wirkte die bisher bereits eindrucksvolle Bühne noch mächtiger. Jetzt konnten die Lichttechniker ihr gesamtes Repertoire auffahren. So wurden die riesigen Bäume hinter Schloss Camelot von mächtigen Scheinwerfern angestrahlt und erzeugten gemeinsam mit der Illumination des Schlosses selber wunderschöne Bilder. Das Auge wusste gar nicht mehr, wohin es schauen sollte.
Darüber hinaus soll auch die enorme Leistung der Technik nicht unerwähnt bleiben. Als Zuschauer muss man sich erst einmal klarmachen, dass hier neben dem Licht auch der Sound entsprechend gesteuert werden muss. So musste ständig darauf geachtet werden, dass das Orchester gut zu hören ist, darin aber die Darsteller mit ihrem Gesang nicht untergehen. Und noch längst haben nicht alle gleichzeitig gesungen, hier galt es stets den Überblick zu behalten wann welches Mikrophon wie eingestellt werden muss, damit der Zuschauer auch nur das hört, was er hören soll. Das verdient unseren größten Respekt.

Foto: Stefan Grothus

Kann man also unterm Strich sagen, wir haben das perfekte Musical gesehen? Das beunruhigt uns eigentlich immer. Denn normalerweise finden wir immer eine Kleinigkeit, bei der wir ein bisschen schimpfen müssen. Aber nein, das ist hier nicht der Fall. Wir wollen auch gar nicht kleinlich sein und die Euphorie zerstören. Das Muscial Artus – Excalibur ist, und das haben sicherlich schon viele Kritiker geschrieben und Besucher gesagt, wie für diese Bühne erdacht. Der mittelalterliche Flair Tecklenburgs und besonders jener der Bühne verschmolz in einer Symbiose mit der abwechselnd düsteren und romantischen Stimmung des Bühnenstücks. Die exzessive Verwendung von Bühnennebel unterstrich noch einmal die mystische Welt und fügte sich perfekt in die riesige Kulisse ein.  Normalerweise spricht man von Kurzweile, wenn man sich unterhalten fühlt. Doch waren, ab dem ersten Instrumentenanschlag gefühlt Tage lang im Mittelalter, und das ist durchweg positiv gemeint. Wir haben uns regelrecht erschreckt, als der erste Akt endete, wir wurden ins Hier und Jetzt gerissen, wollten das gar nicht, wollten in Artus‘ England bleiben. Aber glücklicherweise ging es nach 20 Minuten Pause direkt weiter. Und wir tauchten wieder ab.

Foto: Stefan Grothus

„Lasst mich ruh‘n auf dem grünen Feld, lasst mich ruh‘n auf dem Feld der Ehre. So, wie die Helden alter Zeit, ruft ein Lied mich nun nach Haus…“ Irgendwann war es dann vorbei. Unser Musical zum Eintauchen. Und wir waren uns alle drei sicher, das war ein richtig gelungener Tag! Eine tolle Stadt, eine tolle Bühne, eine erstklassige Aufführung und als kleinen Bonus noch einen echten Musicalstar zum Anfassen. Da wollte man eigentlich gar nicht mehr weg…

Wir empfehlen dringend einen Ausflug nach Tecklenburg natürlich in Verbindung mit einem Besuch der Freilichtspiele. Artus – Excalibur wird noch aufgeführt bis zum 28.08.2016. Ob es dann aber auch einen Kevin Tarte im Smalltalk vor der malerischen Kulisse des Münsterlandes gibt, das können wir nicht versprechen.

11 Gedanken zu “Tecklenburg: Wie Urlaub im Mittelalter bei Artus und Merlin

  1. Super Bericht – besser kann man es echt nicht wiedergeben. Ich war ebenfalls total begeistert und hab mir das Stück mitlerweile trotz großer anreise nochmals angesehen und die Begeisterung ist immer noch da. 🙂

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  2. Ein klasse Bericht!!
    Die drei Jungs haben recht, Kevin ist ein „Musicalstar“ zum Anfassen. Wer ihm begegnen durfte, wird es bestätigen. Aussergewöhnlich.
    So wie das Musical Artus-Excalibur. Beeindruckend, klasse Stimmen von ALLEN, tolle Kulisse und herrliche Musik.
    Man wird in eine andere Welt versetzt. Ich durfte es bereits einmal sehen und am letzten Wochenende komme ich nochmal trotz der 8 Stunden Anreise! Es ist jeden Kilometer wert!!
    Ich freue mich irre drauf!

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      1. Vielen Dank!
        Werde ich ganz bestimmt haben. Zweimal Sa./So, zu Kevins Derniere.
        Schade dass es dann zu Ende ist. Tecklenburg jederzeit wieder! Evtl. kommende Saison zu Rebecca.

        LG Nicole

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    1. Ein toller Bericht,der alles wieder gibt. Habe es auch gesehen und war auch begeistert vom schönen Tecklenburg und vom Musical.Die vielen bekannten Darsteller waren hervorragend, das Orchester und der Chor . Einfach das gesamte Team , hat den Abend zum Erlebnis gemacht. Danke dafür!

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      1. Hallo nochmal.
        So jetzt ist es leider zu Ende. Das Musical Artus-Excalibur. Sooo schade!!

        Für mich war die Reise am letzten Spielwochenende wieder den ganzen Aufwand mehr als wert!!

        Bei herrlichem Wetter durfte ich noch zweimal eintauchen in die zauberhafte und magische Welt um Camelot.
        Ob Artus, Lancelot, Merlin, Guinevere, Morgana oder Lord von Orkney, wirklich ALLE Darsteller habe sich selbst übertroffen und mich mitgenommen auf eine unvergessliche Reise in eine Traumwelt, aus der man am liebsten nie mehr auftauchen wollte.
        Die unvergleichliche Musik, das Schauspiel und die fesselnden Stimmen, da blieben keine Wünsche offen.
        Auch nach der Show am Samstag anschließend an der Stagedoor war die Stimmung unglaublich locker, herzlich und lustig. Sämtliche Hauptdarsteller standen uns Fans für Fotos und Autogramme zur Verfügung. Solchen Spaß hatte ich noch nie! Kein Wunsch wurde abgeschlagen. Charmant und humorvoll gaben Christian Schöne, Dominik Hees, Armin Kahl, Roberta Valentini, Milica Jovanovic und last but not least der unvergleichliche Kevin Tarte die erbetenen Autogramme und nahmen sich für jeden Zeit für ein Gespräch. DANKE dafür! Ihr seid alle soo liebe und aussergewöhnliche Personen. Es fiel unglaublich schwer, sich von Euch zu trennen.
        Im nächsten Jahr werde ich auf alle Fälle für Rebecca wieder kommen. Ich freue mich schon darauf!
        LG Nicole

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