„Die Welt braucht einen neuen Menschen!“ – Die kurze Geschichte der Menschheit am RLT Neuss

Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)
Beitragsbild: Björn Hickmann/ Stage Picture

„Wir beherrschen bereits unsere Welt“, Worte, die einen nachdenklich stimmen, die Marie Johannsen, zuständige Dramaturgin bei der neuesten Inszenierung des Rheinischen Landestheaters Neuss, vorab im Foyer verlauten lässt. Und doch sind sie so verdammt wahr, genau wie viele Aspekte aus dem erfolgreichen Sachbuch Eine kurze Geschichte der Menschheit des israelischen Historikers Yuval Noah Harari, welches 2011 erstmals veröffentlicht wurde. Das Rheinische Landestheater rund um Regisseur Sebastian Zarzutzki hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Sachbuch als Revue umzusetzen, mit Musik, mit Gesang, mit Sarkasmus. Eine Aufgabe, die auf den ersten Blick nicht leicht erscheint, doch mit Bravour gemeistert wurde.

In Hararis Buch geht es um die eher jüngere Geschichte der Menschheit, um genau zu sein die letzten knapp 100.000 Jahre. Denn genau in dieser Zeit haben sich vier wichtige Veränderungen ereignet, die uns an den Punkt, bzw. den Abgrund gebracht haben, an dem wir heute stehen. Harari gliedert die Menschheitsgeschichte in die kognitive (ca. 70.000 v. Chr.) und die die landwirtschaftliche Revolution (ca. 10.000 v. Chr.), die Vereinigung der Menschheit (ca. 800 v. Chr.) und die wissenschaftliche Revolution (ab dem 16. Jahrhundert n. Chr.). In jedem Abschnitt beschreibt er wesentliche Erkenntnisse und Veränderungen, die den Menschen in seiner Evolution weiter voran getrieben haben. Die kognitive Revolution steht unter anderem für die Entwicklung der Sprache, außerdem gab es damals insgesamt fünf verschiedene Menschenarten auf der Erde, doch überlebt hat nur der Homo Sapiens, da er die anderen Arten verdrängte. Dann kam die landwirtschaftliche Revolution, der Teil, in dem die Menschen gelernt haben, sich selbst zu versorgen, Weizen anzubauen oder Vieh für die Landwirtschaft zu nutzen. Mit dieser Revolution kam allerdings auch die erste Definition von Besitz, denn man versorgte nicht nur sich, sondern begann auch Vorräte anzulegen. Die Vereinigung der Menschheit ist die Beschreibung der Vereinnahmung von Kulturen, kleinere Kulturen schlossen sich zu größeren Kulturen zusammen und begannen weitere kleinere Kulturen zu vereinnahmen. So entstanden vor allem die Weltreligionen, aber auch der Handel mit Hilfe des Geldes. Zuletzt beschreibt Harari die wissenschaftliche Revolution, deren Dynamik immer weiter zunimmt und durch die der Mensch erkannt hat, dass er an Macht und Ruhm gelangen kann. Am Ende seines Werks setzt sich der Autor auch kritisch mit der Genforschung auseinander und bezeichnet den Menschen als gottgleich, zeigt aber auch die Probleme unserer jetzigen Existenz auf, da wir immer weiter wachsen und die Erde bald nicht mehr für uns alle ausreicht.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Pictures, mit Johanna Freya Iacono-Sembritzki, Richard Lingscheidt, Kathrin Berg und Rainer Scharenberg

Kein einfacher Stoff für eine Theaterbühne, denn man muss es erst einmal schaffen, dieses knapp 500 Seiten dicke Buch so zu verdichten, dass man es sich als Zuschauer auch ansehen kann. Doch Regisseur Sebastian Zarzutzki ist dies mit seiner Weltuntergangsrevue gelungen. Mit Hilfe von pointierten Texten, aber auch verschiedenen Hits aus den letzten 30 Jahren, setzt das gesamte Ensemble Akzente, die zum Nach- vor allem aber Umdenken anregen sollen.

Der Stückaufbau ist bereits durch die Vorlage vorgegeben und hieran wird sich gehalten, doch die Inszenierung selbst lebt von verschiedenem Input. Schon nach wenigen Minuten bekommt der Zuschauer „The Final Countdown“ von Europe zu hören und genau darum geht es, dass für uns Menschen und unsere Existenz auf dieser Erde der finale Countdown läuft. Auch Zitate und Gleichnisse aus der Bibel, von Satre oder Nitzsche finden Platz im Stück. Doch selbst, wenn der Zuschauer nicht jedes Lied mit seinen Textzeilen, jeden Philosophen, den Originaltext von Harari oder die Auszüge aus der Bibel kennt, sind die Texte so geschrieben und verdichtet, damit man ihnen gut folgen kann. Die Darstellung des Geschehens fokussiert sich auf einen Tag, sprich: man setzt die Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende mit einem einzigen Tag gleich, von dem der Mensch gerade einmal drei Sekunden ausmacht. Dies ist ein spannender Ansatz. „Wir sind noch hier, fragt sich nur wie lange noch.“, ein Satz von Rainer Scharenberg, der deutlich macht: die Uhr tickt.

Wir stehen kurz vor Mitternacht, oder anders gesagt: kurz vor Stunde null. Und auch wenn immer wieder der Moralfinger gehoben wird, darf man sich an dem Abend unterhalten fühlen, denn jede Menge Gesangseinlagen tragen dazu bei, dass das Ganze zu einer abstrusen (Abschieds)Show unserer Menschheit wird. Zur Abstrusität tragen auch die Kostüme der Darsteller bei, die zum Teil an Bands wie Kiss oder Queen erinnern, eben typisch 80er. Auch die Songauswahl wird perfekt in Hararis Vorlage eingeflochten, sodass „Toxic“ von Britney Spears („Don’t you know, that you’re toxic“ wendet man sich an das Publikum), „My Way“ von Frank Sinatra, „Space Oddity“ von David Bowie oder „In The Navy“ von den Village People in einem ganz anderen Kontext gesehen werden können und dürfen. Weiterhin wird die Musik nicht einfach vom Band eingespielt und nachgesungen, sondern live, unter der Leitung von Jürgen Dahmen mit Unterstützung von Stefan Gesell, gespielt. Dabei wird zum Teil mit Instrumenten, zum Teil aber auch mit am PC erstellten Klängen gearbeitet, wodurch die Songs nicht nur in einem neuen Kontext verarbeitet werden, sondern gleichzeitig noch eine ganz eigene Note erhalten. Spätestens hier wird deutlich, warum es sich um eine Weltuntergangsrevue handelt, denn Sebastian Zarzutzki und sein Team haben in der vergangenen Spielzeit auch die Revue zu Rio Reiser inszeniert, die ebenfalls ein musikalischer Rückblick war. In dieser Spielzeit stehen eben wir alle als Menschen im Fokus dieser Revue.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Pictures, mit Johanna Freyja Iacono-Sembritzki und Kathrin Berg

Inszenatorisch wurde bewusst auf viele Effekte verzichtet. Im Fokus stehen die Sprache und die Musik, keine großen Tanzeinlagen, kein unfassbares Lichtkonzept, kein Bühnenbild, an welchem man sich vielleicht niemals satt sieht. Gerade diese Einfachheit macht den Weg für kleine Elemente frei, die so ihre Wirkung entfalten können. Einige Beispiele: Zum einen wechselt Kathrin Berg immer wieder ihre Rollen, mimt zwischenzeitlich eine Neandertalerin namens Bahati, die den Zuschauern deutlich macht, dass Neandertaler einiges auf dem Kasten hatten. „Alle können alles“ heißt es da und es ist wahr, die Steinzeitmenschen konnten alle jagen und sammeln, sie konnten nähen, zeichnen und ihr Überleben sichern. Man solle sich mal vorstellen, man würde einen halben Tag ohne alles auf die Straße gesetzt, viele von uns wüssten wohl nicht einmal, wo sie ihr Essen herbekommen sollten, was in vielen Fällen wohl der Wahrheit entspricht, in Zeiten wo doch auch Lieferando das Essen bringen kann. Kathrin Berg wechselt dabei weder ihr Kostüm, noch erfolgen große Lichtwechsel, sie nimmt lediglich eine andere Körperhaltung ein und verändert ihr Sprechen etwas, was vollkommen ausreicht. Ein anderes Beispiel ist die Beschreibung des Kapitalismus und die Erfindung des Geldes. Während sich die Darsteller immer weiter in den Wahnsinn des Kapitalismus hineinsteigern, beginnen sie leere Papierscheine über die Bühne zu werfen oder aufzuessen. Auch ein bisschen goldener Glitzer darf nicht fehlen, um das Rieseln des Geldes zu verdeutlichen. Besonders auf der ganz in weiß gehaltenen Bühne fällt das Augenmerk deshalb viel schneller auf solche Kleinigkeiten. Auch die immer wieder eingesetzte Teichoskopie (auch Mauerschau genannt), bei der die Darsteller in die Ferne sehen und Umstände beschreiben, die sich die Zsuchauer vorstellen sollen kommen so viel besser zur Geltung und laden das Publikum ein auch mal die Augen zu schließen. Schöne Momente, die man genießt, die aber auch ihre Wirkung haben.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Pictures, mit Rainer Scharenberg, Jürgen Dahmen, Johanna Freyja Iacono-Sembritzki, Richard Lingscheidt, Stefan Gesell und Kathrin Berg

Einen großen Anteil an diesem kurzweiligen Abend haben auch die Schauspieler. Kathrin Berg unterhält uns mit ihren Wechseln als kommentierende Neandertalerin Bahati und ihrer tollen Präsenz auf der Bühne. Wir freuen uns schon jetzt, sie als Neuzugang zum Neusser Ensemble noch in weiteren Produktionen zu sehen. Auch Johanna Freyja Iacono-Sembritzki überzeugte uns wieder, mit ihrer sehr quirligen Art, die dem Stück gut tat. Außerdem verstand sie es gut die Wechsel zwischen sarkastisch und sehr ernst hinzubekommen, denn so konnte sie auch ohne Probleme beispielsweise den König Hammurapi mimen, angelehnt an den Codex Hammurapi. Rainer Scharenberg war wieder in seiner gewohnt präsenten Art zu sehen, egal wo er war, wo er sprach oder spielte, er füllte den Raum mit seiner Stimme. Außerdem spielte Scharenberg die ganze Zeit auf Highheels, was uns nicht ganz ersichtlich war, jedoch seiner Körperhaltung in keiner Weise einem Abbruch getan hat. Auch Richard Lingscheidt überzeugte uns erneut und gab der Inszenierung wieder seine Note, die nie zu dominant, aber stets überzeugend war. Insgesamt hing man den Schauspielern, trotz des vielen Textes gerne an den Lippen. Da es insgesamt eine sehr runde Sache war, kann man an dieser Stelle auch über den einen oder anderen schiefen Ton hinwegsehen.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Pictures, mit Jürgen Dahmen, Rainer Scharenberg, Richard Lingscheidt, Johanna Freyja Iacono-Sembritzki, Stefan Gesell und Kathrin Berg

Nach rund 75 kurzweiligen Minuten war das Spektakel dann vorbei, natürlich nicht ohne die Message, dass wir gerne so weitermachen können, dann aber wahrscheinlich in 1000 Jahren ausgestorben sind, weil wir einen Atomkrieg angezettelt oder den letzten Baum weggerodet haben und dadurch das Klima endgültig aus dem Ruder läuft. Und dennoch geht es nicht darum, Prozesse zu stoppen. Vermischung, Entstehung und Untergänge von Kulturen, die Veränderung des Klimas, neue Erkenntnisse, alles hat es schon immer gegeben. Trotzdem steigt der Meeresspiegel überproportional schnell an, der pH-Wert der Meere ist bald so niedrig wie zuletzt vor 50 Millionen Jahren, wo vor einigen hundert Jahren gerade einmal eine Milliarde Menschen lebten, sind es bald acht Milliarden und in nicht all zu ferner Zukunft sogar zehn Milliarden. „Die Welt, die wir geschaffen haben, überfordert uns“, heißt es. Dennoch werden wohl viele nach Hause gehen, sich gut unterhalten fühlen und trotzdem den ganzen Tag das Licht im Büro oder den eigenen vier Wänden brennen lassen, weiterhin die 300 Meter zum Supermarkt mit dem Auto fahren um lediglich zwei Bananen und drei Äpfel einzukaufen, werden weiterhin Banken und ihre Manager das Geld an sich reißen und es zu Krisen kommen lassen und dann trotzdem dicke Abfindungen kassieren, wodurch andere Menschen in Armut gestürzt werden. Nein, es geht nicht nur um die Umwelt oder nur um die Wirtschaft oder nur um die Wissenschaft, was wir schaffen, was wir tun, sondern wie wir es tun, es geht um den Menschen und das Verhalten insgesamt und da sollten wir alle anpacken, damit unsere Nachfahren in einigen hundert Jahren nicht die Stunde null erleben müssen. Eine Inszenierung, die es sich zu schauen lohnt, auch wenn die Botschaft nicht immer angenehm ist, doch wir sollten sie alle mitnehmen und darüber sprechen, nicht jeden Tag und jede Sekunde, aber wir sollten sie nicht aus den Augen verlieren.

Wer sich für Die kurze Geschichte der Menschheit am RLT interessiert, der findet alle Infos und Termine auf der Homepage. Wir können die Inszenierung in jedem Fall empfehlen.

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