Eine Frau zwischen Gewalt und Liebe – „Die Frau, die gegen Türen rannte“ im Theatermuseum Düsseldorf

Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)
Beitragsbild: Bülent Kirschbaum

Freitagabend im Theatermuseum Düsseldorf, wir schauen uns ein Gastspiel von Lesley Higl, Schauspielerin aus München, an. Sie führt den Roman Die Frau, die gegen Türen rannte von Roddy (eigentlich: Rodderick) Doyle, einem irischen Schriftsteller und Drehbuchautor, auf, welcher 1996 erschien. Regie hierzu führte Jürgen Hartmann. Ein Abend, der bedrückend ist, denn der Roman erzählt die Geschichte von Paula, einer vom Leben gezeichneten Frau.

Für Paula Spencer ist mit 39 Jahren das meiste in ihrem Leben schon gelaufen. Und es ist nicht gut gelaufen. In der Schule wird sie knapp über Sonderschulklassenniveau eingestuft. Zwischen abgestumpften Lehrern und zudringlichen Banknachbarn trainiert sie schmutziges Denken und abgebrühtes Benehmen. Dann gründet sie mit ihrer Jugendliebe Charlo eine Familie. Und immer wieder sitzt sie im Krankenhaus und erklärt ihre Verletzungen damit, dass sie gegen eine Tür gelaufen sei. Nun ist Charlo tot und Paula beginnt zu sprechen. Paula ist auch Alkoholikerin, sie hat Probleme, zweifelsohne. Ein Monolog über Liebe, Hoffnung, Hass, Verzweiflung, vor allem aber über eine gebrochene Frau.

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Foto: Bülent Kirschbaum

Häusliche Gewalt, Vergewaltigungen, Alkoholsucht, alles keine schönen Themen, doch Themen, die uns manchmal näher sind als wir meinen. Gerade deshalb ist es wichtig, dass diese Themen den Weg immer wieder auf die Bühne finden. So auch an diesem Abend. Als wir die kleine Studiobühne betreten sehen wir ein spärliches Bühnebild. Ein kleiner, rosa-pastellfarbener Hocker, ein Plattenspieler, samt einiger Platten, ein Teppich, und eine Wand in den Farben, irgendwo zwischen grün und gelb. An der Wand hängt eine Maske und es ist mit Kreppband eine Silhouette abgeklebt, wie an einem Tatort. Paula betritt die Bühne, legt ihre große Sonnenbrille und ihren Mantel ab und beginnt ihren Monolog.

Der Aufbau der Geschichte ist durchaus spannend, denn eine ganze Weile tappt man im Dunkeln, was uns Paula erzählen möchte. Immer wieder springt sie zurück in ihre Jugend, dann zu dem Moment, als sie ihren Mann Charlo kennengelernt hat und dann wieder ins Hier und Jetzt, als die Polizei Paula über den Tod ihres Mannes informiert. Erst mit der Zeit wird klar, warum Paula ist, wie sie ist: sie hatte keine leichte Jugend, musste sich gegen ekelhafte Jungs durchsetzen und sich Respekt erarbeiten. Ihr Mann Charlo war nicht der Gentlemen, den sie sich erhofft hat, er war grob und ebenfalls ekelhaft. Und er hat Paula geschlagen, jahrelang. Mit Spannung verfolgen wir die einzelnen Passagen, die Lesley Higl uns präsentiert, an einigen Stellen laufen ihr die Tränen runter, als Zuschauer*in muss man schlucken. Durch das tolle Schauspiel wird man mitgerissen in die Gefühlswelt von Paula, ein unangenehmes Gefühl, doch schausspielerisch eine enorm starke Leistung.

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Foto: Bülent Kirschbaum

Inszenatorisch wird die Produktion immer wieder von Musik begleitet. Anfangs freuen wir uns als der Plattenspieler zum Einsatz kommt, doch dies sollte der einzige Einsatz bleiben. Schade, denn neben dem Plattenspieler lagen noch weitere LPs und wir hätten uns gewünscht, dass die Musik nicht aus dem Off, sondern weiter vom Plattenspieler gekommen wäre, was den Charme der Inszenierung, aber auch der Zeit, in welcher sie spielt, eher gerecht geworden wäre. Generell gab es technisch immer wieder kleinere Makel: Musik und Licht wirkten manchmal nicht ganz aufeinander abgestimmt, sowie ein Lampe rechts, die immer wieder leicht anging und so ständig vom eigentlichen Geschehen ablenkte.

Das Bühnenbild hingegen (von Rabea Stadthaus) passt perfekt zur Vorlage. Die Farben und die Gegenstände passen irgendwo in die Zeit der 70er und 80er Jahre, aus der auch die Musik kommt, die für die Inszenierung genutzt wird. Für das Publikum ist es eine kleine Zeitreise zurück zu den Diskozeiten. Doch immer wieder tritt Paula aus dem Bühnenbild aus, begibt sich sogar ins Publikum, spricht es an und holt die Leute so wieder ab. An einigen Stellen fühlt man sich fast provoziert zu antworten, solche Inszenierungsansätze waren auch wichtig, denn das Bühnenbild zeigte auch eine kleine Schwäche, besonders auf einer breiteren Bühne, wie der des Theatermuseums. Das Geschehen spielt sich komplett im Bühnenbild ab, es ist mittig platziert und nimmt nur knapp drei Meter in der Breite ein, knapp ein Viertel der Breite der eigentlichen Bühne. Für Zuschauer*innen, die mittig sitzen kein Problem, doch sitzt man etwas abseits, spielt sich das Geschehen gefühlt auch abseits ab. Bei den sowieso sehr langen Texten, droht man so den ein oder anderen Betrachter zu verlieren. Da waren Paulas Ausbrüche aus dem Bühnenbild eine willkommene Abwechslung.

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Foto: Bülent Kirschbaum

Etwas schade war auch die Nutzung der Maske, die an der Wand hing. Diese wurde gegen Ende des Stücks abgenommen und kurz vorgehalten. Es wurde nicht ganz deutlich, ob die Silhouette an der Wand der erschossene Charlo sein soll oder ob es vielleicht sogar Paulas eigene, seelische, Leiche ist. So war sie gewissermaßen mit ihrem Mann verbunden, mit dem sie seit einem Jahr nicht mehr zusammenlebte, denn so, wie ihr Alltag abläuft, kann man nicht mehr von einer lebenswerten Situation sprechen. Sehr schön in Szene gesetzt wurde der eingangs erwähnte Hocker, denn er entpuppte sich als kleine Requisitenkiste, in der noch einige Kleidungsstücke, sowie einige Flaschen Alkohol und eine Art Diskolicht lagen. Auch wenn Higl mit ihrer Sprache und ihrem Spiel schon viele Bilder zeichnen, und man als Zuschauer*in größtenteils ihrer Gedankenwelt folgen konnte, so war es doch eine angenehme Abwechslung, dass sie mit Hilfe von Kleidern ihre Kinder beschrieb und später immer wieder das Klirren der Flaschen ihren Kontrollverlust durch den Alkohol untermalte. Wir persönlich hätten uns mehr von solchen kleinen Elementen gewünscht, damit die Inszenierung insgesamt etwas vielfältiger gewesen wäre. So war sie stark gespielt, am Ende aber auch sehr textlastig.

Knapp 75 Minuten dauert die Inszenierung und die eigentlichen Themen werden ohne Umschweife zur Sprache gebracht. Die Entwicklung der Geschichte ist spannend und Lesley Higl spielt Paula stark und mitreißend. Auch wenn es an manchen Stellen sehr vulgär wird und die Inszenierung gelegentlich Längen aufweist finden wir den Besuch lohnenswert und wichtig und hoffen, dass das Publikum nach dem Publikum für die Thematik etwas mehr sensibilisiert ist, denn wie bereits eingangs erwähnt sind uns solche Themen manchmal näher, als uns allen lieb ist und gerade dann ist es wichtig die Zeichen zu erkennen.

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Das Theaterstück gastiert noch bis zum 09. Februar in Düsseldorf und wird auch an vielen verschiedenen Bühnen in ganz Deutschland aufgeführt. Wer sich interessiert, dem empfehlen wir dem Instagramaccount der Darstellerin (@lesleyjenniferhigl) zu folgen, dort gibt es regelmäßig Updates zu neuen Aufführungsterminen von Die Frau, die gegen Türen rannte.


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